VerfassungsaenderungKarls ew’ge Ruh: Schäuble und Merkel sehen sich als das Volk und zu Unrecht in Karlsruhe diskreditiert und auf die Matte gelegt, wollen sie doch nur das Beste für ihre Wählerschaft. Nun kommt so ein Theoretikerhaufen aus Karlsruhe daher und nimmt sich einfach mal eben Bedenkzeit um über Ereignisse der Weltgeschichte zu befinden die keinen Aufschub dulden. Anders als aus dem Parlament vertraut, wo man in der Krise nur durchwinkt, schlug ihm hier nun eine steife Brise entgegen. Dabei müssen die eingangs erwähnten Protagonisten noch eben die Welt retten, die Märkte beruhigen und die geballte Finanzindustrie, vertreten durch die Banken, von der Werthaltigkeit ihres Tuns überzeugen. Sozusagen die Herzen ihrer Gönner warm halten und dies im „Namen des Volkes“. Rund 80% der Menschen wollen den „totalen Euro“, eine Finanzdiktatur des Geldes und ein geeintes Europa in Zinsknechtschaft für eben diesen Industriezweig, darauf pocht Schäuble, denn die 80% kommen ja nicht von ungefähr, er hat das Mandat in der Tasche. Trotz seiner gellenden Appelle an die Purpur-Männchen war da nichts zu machen, sie wollen sich in Ruhe bedenken.

Aber der Wolle wäre nicht unser Daumen-Schräuble, hätte er nicht einen Plan B im Reservekoffer. Wie bekommt man, ganz zum Wohle des Volkes, diese Quacksalber in Karlsruhe an die Wand genagelt? Sicher, einmal mehr mit der Mehrheit des Volkes im Rücken, welches gnadenlos hinter Mutti und ihm steht. Rechts der „Plan B“, wie das Grundgesetz umzugestalten ist, sodass die Herren in Karlsruhe nichts mehr zu deuteln haben. Wenn man das Volk ist, dann sollte man schließlich in einer Demokratie handlungsfähig sein, so seine Maxime. Jetzt wird das Volk einmal mehr den Juroren in Karlsruhe zeigen was eine Harke ist. Wir fanden den Entwurf zwischen Tür und Angela, viel zu schade ihn einfach ungelesen nur in den Papierkorb zu befördern. Für die Großansicht, einfach drauf klicken.

Der Kasus-Knacktus, ein marktkonformes Grundgesetz

Schäubles Einsichten waren schon immer umwerfend. Erst kürzlich stelle er fest, dass Deutschland nach dem 8. Mai 1945 nie wieder souverän war (den Streifen kann man auf YouTube finden). Er ließ bei dieser Kundgabe allerdings offen wer denn hier der Souverän ist. Neuere Erkenntnisse lassen den Schluss zu; dass es der alte Geldadel sein muss der hier immer noch die Hosen an hat. Jetzt scheint es an der Zeit zu sein, jene korrekt zu ermächtigen die faktisch das Zepter in der Hand halten. Die kleinen Korrekturen am Grundgesetz liefern den richtigen Hinweis. Der Mark Dem Markt muss mehr Geltung verschafft werden und in einem anständigen Kapitalismus darf dies kein Tabu sein. Die Menschen darin sind ein komplexes Anlagegut, welches man im Fachterminus mit „Humankapital“ bezeichnet. Es geht darum, dessen Verwertung (Vermarktung) nicht weiter unnötig zu behindern.

Alle Staatsgewalt geht vom Geld aus

Dies dürfte der ehrlichste Schlüsselsatz in der neuen Grundgesetzfassung sein und damit eine Anpassung an die Erfordernisse des Marktes und um endlich das Gequäke im Land zum Verstummen zu bringen. Längst ist der Wohlfahrtsstaat und das bedingungslose (Zins)Grundeinkommen für die Banken Realität. Dies ist ja Schäubles ganzes Lebenswerk, welches er jetzt in höchster Gefahr sehen muss und nur weil da Acht Figuren in Ruhe bedenken möchten.

Schäubles Demütigung und seine Rache

Die Ignoranz in Karlsruhe ist da aus seiner Sicht geradezu mittelalterlich, als hätten sie die letzten (Über)Schüsse am Markt nicht gehört. Und wenn erst einmal grundgesetzlich die Würde des Kapitals festgeschrieben ist (neuer Artikel 1), dann wird Schäuble der Bagage in Karlsruhe ihren Frevel auf den Tisch knallen, schließlich ist die Freiheit des Geldes unantastbar (neuer Artikel 4). Er wird dann höchstselbst im Namen der Banken zum Widerstandskampf aufrufen (neuer Artikel 20) und gemeinsam mit den Banken ein Groß-Europa bauen (neuer Artikel 23). Niemand weist „Darth Wolle“ in die Schranken, das hat noch keiner überlebt. Und ja, jetzt ist es soweit … mit dem Deutschen Bankenverband (neuer Artikel 137) wird er sie zur Schalterhalle hinaustreiben, diese Karlsruher Banausen, demnächst Taxi fahrende Akademiker. Dann endlich will er sein „Viertes Reich“ errichtet sehen, zusammen mit den freien und unabhängigen Banken Deutschlands wird er diesem Landstrich eine ganz neue Verfassung verpassen (neuer Artikel 146): „Mein Reich komme und und mein Wille geschehe“. Dann hat er es geschafft und dieser Deutschland genannte Flecken geht in einem weltweiten UN-Rechtsstaat auf.

Neue Gesetzgebungsrekorde in Reichweite

Allein der jüngst geführte Beweis des Parlaments, die Daten von 83 Millionen Bürgern binnen 57 Sekunden über eine zweite und dritte Lesung nebst Abstimmung zu bringen, ist unserm Gesetzes-Junkie genügend Ansporn, so eine Kleinigkeit wie beispielsweise die erwähnte Miniatur-Grundgesetzänderung in noch kürzerer Zeit durch drei Lesungen und drei Abstimmungen zu bringen. Alles nebst Zustimmung des Bundesrates und Unterzeichnung des Gesetzes durch den Amts Gauck’ler. Das alles für die Demokratie und die Menschen im Lande, was für eine Opferbereitschaft. Und er hat die Purpur-Männchen gewarnt, er könne zum Wohle des Volkes noch ganz anders und eben auch noch schneller.

Wie funktioniert jetzt Schäubles Trick

Große Not erfordert extravagantes Handeln. Bei der bisherigen Volksverarschung war den Parteien kein Trick zu billig, das Fraktionsstimmvieh allzeit willig oder ansonsten von Ausgrenzung bedroht. So ist für diese doch recht eilige Sache ein Extratermin nebst Nacht- und Nebelsitzung anberaumt, exakt am 32. Juli für 00:00 Uhr. Es werden sich nur die Fraktionsführer nebst dem Bundestagspräsidenten versammeln. Keiner würde es wagen die Beschlussunfähigkeit des Parlamentes festzustellen. Die Linke hat Dank eines technischen Defekts die Einladung verpasst bekommen. Und selbst der Innenausschuss könnte das gezeigte Papier bis dahin noch ein wenig pimpen, fast 150 Artikel könnte man bequem ändern.

Dann geht alles in Rekordtempo. (Drei Lesungen) Erste Lesung – einmal die linke Hand heben, zweite Lesung – einmal die rechte Hand heben (aufstehen geht nicht weil Schäuble an der Abstimmung teilnimmt) und nach der dritten Lesung nochmals beidhändig zustimmen und sogleich die Pfoten zum Klatschen in Position behalten. Der Bundesrat sprüht sogleich seinen Segen drauf und Gauck sitzt bereits mit gezücktem Federhalter für die finale Signatur. Das wars, nun ist die grundgesetzliche Ordnung endlich perfekt, gerecht und marktkonform, jetzt geht man noch fix ein Bierchen heben, bevor man den zauberhaften Reichstags-Bahnsteig 9 ¾ wieder gen böser Realität verlässt. Aber von hieraus soll nie wieder ein Zug in Richtung Karlsruhe starten.

Schäubles Rache am BVerfG – Grundgesetzänderung im Schweinsgalopp
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