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Deutschland3. Oktober 2026

Wie ich mit rosa Fliesen und braunem Klobecken die Mauer zum Einsturz brachte

Mauerfall – KI-generiert

Gibt es eigentlich irgendetwas Tödlicheres als offizielle Jahrestage? Diese Durchhalte-Phrasen, bei denen der Bundesschuldenreferent mit ernster Miene in eine Kamera nickt, während der Rest der Nation versucht, beim Wort „Wiedervereinigung“ nicht gähnend vom Sofa zu rutschen?

Das Problem ist ja: Wenn man heute 70 Jahre alt ist, hat man diese Geschichte nicht einfach nur im Geschichtsbuch gelesen – man war mittendrin. Inklusive des Geruchs von verbranntem Zweitakter-Öl und Linoleumkleber.

Der Tag, an dem Elias erleuchtet wurde

Neulich brachte ich meinen Enkel Elias (8) ins Bett. Anstatt wie ein normales Kind nach einer Räubergeschichte zu verlangen, guckte er mich mit großen Augen an: „Opa, was war eigentlich der Mauerfall?“

Ich nahm all meinen pädagogischen Mut zusammen und erklärte ihm, dass die Republik früher in zwei Hälften geteilt war. Dass sein Papa im Reich der Plattenbauten das Licht der Welt erblickte und die Mama drüben im Karstadt-Paradies der alten Bundesrepublik.

„Elias“, sagte ich mit dramatischem Unterton, „wenn wir im Osten nicht mit Kerzen auf die Straßen gegangen wären, hätten wir die Grenze heute noch und es gäbe dich überhaupt nicht. Mama und Papa hätten sich nie auf ’ne Cola getroffen!“

Dem Lüttjen klappte die Kinnlade runter. Aus Kindersicht sind 36 Jahre bekanntlich so weit entfernt wie die Steinzeit und die Dinosaurier. Aber für mich war das kein Schulbuchtext. Ich war live dabei.

Das Fünfjahresplan-Debakel im Plattenbau

Rückblick: Herbst 1989. Wir zogen am Rand von Berlin in eine feudale Plattenbau-Residenz aus den 60er Jahren. Wohnkultur der Extraklasse! Die Bahnen vom Linoliumboden waren so geschrumpft, dass man die Güteklasse des Betons darunter anatomisch bestimmen konnte. Die Heizkörper glänzten in frierendem Trostpreis-Grau, die Badewanne sah aus wie eine Viehtränke, und die 8 Schichten Ölsockel an der Badezimmerwand hatten Löcher bekommen.

Im echten Sozialismus gab es bekanntlich zwei Dinge reichlich: Reden auf dem Parteitag und Mangel an allem anderen. Handwerker? Gab es nur gegen die legendäre, blau schimmernde D-Mark, die für mich so unerreichbar war wie eine Reise nach Hawaii. Also hieß es: „Do it yourself, Genosse!“

Nach Wochen akribischer Trüffelsuche im Nahbereich hatte ich tatsächlich neuen Fußbodenbelag und ein braunes Wasch- und Klobecken aufgetrieben. Braunes Keramik-Sanitär! Das war damals das Ost-Äquivalent zu einem goldenen Wasserhahn im Royale-Palast.

Für den Rest des Bades musste mein Schwiegervater aus Sachsen anrücken. Er schmuggelte die Beute heran: eine Badewanne und 15×15-Zentimeter-Fliesen in einem atemberaubenden, erblindungssicheren Schweinchenrosa. Es gab exakt diese eine Farbe. Wer im Sozialismus nein zu Rosa sagte, wusch sich eben die nächsten zehn Jahre im Bad mit Ölsockel-Charme.

Um das Desaster irgendwie nach Luxushotel aussehen zu lassen, bettelte ich beim lokalen Glaser um Spiegelfliesen der zweiten Wahl. Immer noch besser, als im zweiten Wahlgang zum Kanzler gewählt zu werden. Wenn man leicht schielte, sah das Bad danach fast aus wie eine glitzernde Großraum-Diskothek in Berlin.

Als Schabowski meine Spachtelmasse anrührte

Am Abend des 9. November 1989 stand ich also schweißgebadet in meinem rosa Fliesentempel, die Fugenkreuze fest im Griff. Im Hintergrund lief der RIAS – man wollte sich beim Fliesenlegen schließlich musikalisch vom Klassenfeind berieseln lassen.

Gegen 19:30 Uhr platzt die Zettel-Meldung von Günter Schabowski durch den Äther. Der Gute stammelte sich live vor der Weltpresse um Kopf und Kragen und erfand mal eben spontan die Grenzöffnung – „das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich.“

Bumm! Da saß ich. Die Fliese in der linken Hand, die Klebermasse in der rechten und konnte es kaum fassen. Ist das wahr? Ich habe in dieser Nacht die Spachtelmasse nicht trocknen lassen, das Radio auf höchster Lautstärke und geheult wie ein Schlosshund.

Drüben auf dem Ku’damm und an der Siegessäule tanzten die Menschen auf den Straßen und in den Kneipen, die Grenzposten glotzten entsetzt in die leeren Bierbecher, und ich saß in meinem rosa Spiegelfliesen-Traum und kriegte mich vor Emotionen nicht mehr ein. Nach 28 Jahren war das Loch in der Mauer da – und es war größer als der Mangel an Baustoffen!

Spechte, D-Mark und die moralische Brandmauer

Was folgte, war der wilde Ritt der Geschichte: Aus „Wir sind das Volk!“ wurde ruckzuck „Wir sind ein Volk!“ und „Wo gibt’s hier das Begrüßungsgeld?“.

Die Mauerspechte klopften den Beton in handliche Souvenirs für Touristen, Helmut Kohl schwitzte in Dresden vor Menschenmassen und versprach blühende Landschaften. Die Währungsunion spülte dann die echte D-Mark in unsere Geldbörsen, und schließlich besiegelten die Großen der Welt im Zwei-Plus-Vier-Vertrag das Aus für die Teilung unseres Landes.

Wenn ich heute zurückblicke, kann ich nur sagen: „Wir haben damals eine gewaltige Kiste gerockt. Ganz ohne Bauanleitung.“

Deshalb mein Wort zum Sonntag an alle Nachgeborenen und professionellen Bedenkenträger: „Fangt bloß nicht wieder an, neue Brandmauern aufzustellen oder mentale Stacheldrähte im Kopf hochzuziehen. Trennung und Einmauern waren damals schon eine Schnapsidee und sahen nicht mal in Rosa gut aus.“

Wie sagte schon der alte Georg Christoph Lichtenberg so schön?
„Ich kann nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

In diesem Sinne: Ärmel hochkrempeln, Spachtel raus und selber anpacken. Die Geschichte wartet nicht, bis jemand anderes den Schutt wegräumt!

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Stimmen aus dem Maschinenraum

2 Kommentare

  1. Wessi, hatte ich damals einen längeren Job-Gig im Harz, konnte daher gleich in den ersten Wochen nach dem Fall der Fälle flott über die Grenze ins hübsche Wernigerode und Umgebung rüber und dort Ossis ausfragen. Ausfragen war aber nicht nötig, die erzählten ungebremst, therapierten sich auf diesem Wege. Ging ganz schnell, der Osten war ja nicht kompliziert. Man hatte zwar die Klappe halten müssen, aber alle wußten bescheid: There’s no business like show business, auch als „Sozialismus“ bekannt. Da mußte der Westen vergleichsweise unheimlich erscheinen, die blöden Wessis schienen ja doch ganz fest zu glauben, was in ihren Zeitungen stand und in der Tagesschau kam — Tenor: „Wir hier sind die Guten, bei uns ist große Freiheit und Demokratie und so, bei uns im freien Westen ist nicht nur alles viel besser, sondern alles auch genau richtig!“ Aber 1989 war das für sehr viele Wessis nur noch ein fader Wachtraum gewesen. Man hatte sich praktisch-faktisch „angenähert“.

    Westler konnten von Anfang an umstandslos über die Grenze, für Ostler ging das die ersten Wochen noch nicht. Davor hatte ich die DDR nur von der B5 her gekannt, Transitstrecke Hamburg – Berlin, und dann rüber in den Ostteil.

    Die Mauer weg, Kinderüberraschung! Fühlte sich ziemlich unwirklich an, wie 1-2-3, Zauberei, wie: Der Herr hat’s genommen, der Herr hat’s gegeben! Daß Ost und West große Show war, wußte ich schon seit Anfang der 80er und aus allererster Hand. Ein in der BRD studierender befreundeter Asiat hatte landsmännischen Moskau-Kontakt und konnte an ein Visum kommen. Er berichtete von ganz unbehelligt in Saus und Braus in riesigen Moskauer Luxus-Appartements residierenden Drogendealern. Klar, money makes the world go round, besonders, wenn es viel und zudem Devisenmoney ist.

    Verdammte Scheiße, erzähle mir niemand was vom „Wettstreit der Systeme“ und so, war Kasperletheater von Anfang bis Ende, nix als Riesenverarsche, ist nur was für welche mit starkem Willen zu frommem Glauben, Märchengeschichte für dumme große Kinder. Die sind die wahren Mächtigen auf diesem Planeten. Den sie für sich regieren lassen von ebenfalls großen Kindern, aber von etwas schlaueren solchen, nämlich vom – wie es auf Amerikanisch heißt: – vom Mob, von der Organisierten Kriminalität. Siehe Frederick Tupper Saussy mit seinem Rulers of Evil. Demnach es nie anders gewesen sei seit dem alten Sumer. Klingt äußerst überzeugend, finde ich.

    C’est la vie, ça! Aus einem solchen Blickwinkel betrachtet, läuft der Laden doch erstaunlich gut. Nur Moralapostel kapier’n das nicht.

    Wenn bloß der blöde Produktivitätszuwachs nicht wär! Der ist die wirkliche Kinderüberraschung, die leider wahre. Eine ohne Gut und Böse, ohne „Freiheit oder Sozialismus“.

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