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WEGE AUS EINER KRANKEN GESELLSCHAFT

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WEGE AUS EINER KRANKEN GESELLSCHAFT

Die Hindernisse auf dem Weg von einer „kranken“ zu einer „gesunden“ Gesellschaft: Die Märchen von der Alternativlosigkeit und Systemrelevanz. Mein Kommentar vom 14. Oktober 2013 in Kritisches-Netzwerk zu Erich Fromms Publikation über die Wege aus einer kranken zu einer gesünderen Gesellschaft als Reaktion auf einen Beitrag von Thomas Rudek – ein zeitloses Thema:

  • „TRANSFORMATION IN EINE SOLIDARISCHE, REPRESSIONSFREIE UND ÖKOLOGISCHE GESELLSCHAFT“

Titelbild: Kranke Normalität

  • MEINE MEINUNG:

Heute poste ich ein Produkt vom mir aus dem Jahr 2013, das an Aktualität noch nichts verloren hat und an dem ich kaum etwas korrigieren mußte. Ich hoffe, daß ich euch wegen der Länge des Essays nicht überfordere. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß ich ein Fromm-Anhänger bin und mich schon länger mit der Sozialphilosohie und der Sichtweise Fromms über das Wesen des Menschen beschäftigt habe. Erich Fromm ist m. E. der erste Wissenschaftler, der Psychologie, Philosophie und Soziologie in einen untrennbaren Zusammenhang brachte und damit gegenüber Freud eine Schritt weiter war. Er war eine Persönlichkeit mit Vorbildfunktion, die auch noch in der heutigen Zeit Bedeutung besitzt. Ich frage mich oft, wie Erich Fromm in der heutigen Zeit reagieren, falls er noch lebte. Wahrscheinlich hätte man ihn längst als Antisemit und Rußland-Versteher gesteinigt. Denn weitsichtig kritisierte Fromm zudem die Entwicklung Israels zum militärischen Vorposten des westlichen Imperialismus, was seinen Analysen bis heute eine brennende Aktualität verleiht.

Erich Fromms These „Die Kranken sind die Gesunden“ (oft ausgeführt als „Die Kranken, das sind die Gesunden. Und die Gesunden, das sind in Wirklichkeit die Kranken“) besagt, daß sich neurotisch leidende Menschen oft gegen eine unmenschliche Gesellschaft wehren, während die „angepassten“ Normalen ihre Lebendigkeit für das Funktionieren geopfert haben. Diese zukunftsweisende Aussage Fromms hat sich heute bewahrheitet, wenn man sich den Zustand unserer politischen und medialen Eliten betrachtet. So viele Psychiater und Irrenhäuser, die zur Einweisung nötig wären, gibt es nicht …

  • HIER MEIN KOMMENTAR IM KRITISCHEN NETZWERK VOM 14. Oktober 2013

„Wenn es um Fragen der Problemlösung und Wege zu einer besseren Gesellschaft geht, werden die Menschen mit Pauschalitäten zugeschüttet und mit einer Vielzahl von Lösungsvorschlägen und Verhaltensempfehlungen konfrontiert, von denen der einzelne die Effektivität, die Nützlichkeit oder Schädlichkeit meist gar nicht abschätzen kann. Es herrscht heillose Verwirrung und Desinformation, weil keine schlüssigen interdisziplinäre Konzepte vorgelegt werden, die den Zusammenhang sowie Ursache und Wirkung aller Komponenten und Entscheidungen darstellen. Zudem wird die freiwillige individualistische Teilhabe an derartigem Verhalten zu sehr betont, so daß die gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung jedes Einzelnen zu kurz kommt. Die Botschaften, denen wir Glauben schenken sollen, enthalten stets fundamentalistische Thesen wie die Gebote der Alternativlosigkeit und Systemrelevanz, die uns bei den passenden Gelegenheiten aufgetischt werden. Es gilt nun, diesen Märchen zu Leibe zu rücken. Thomas Rudek drückt diesen Zustand in seinem klugen Artikel „Wege aus einer kranken Gesellschaft – Schritte zur Transformation in eine solidarische, repressionsfreie und ökologische Gesellschaft“ folgendermaßen aus:

  • Die appellative, psychologische Kanalisierung der Wahrnehmung auf individuelle Handlungsansätze ohne eine systemisch verpflichtende Verankerung für alle Gesellschaftsmitglieder wird die herrschende Dominanz neoliberaler Verwertung nicht gefährden!

Er bezieht sich dabei auf das gleichnamige Buch von Erich Fromm „Wege aus einer kranken Gesellschaft“. In dieser Buchveröffentlichung sowie „Pathologie der Normalität“ setzt sich Erich Fromm schon Mitte des letzten Jahrhunderts mit den pathologischen gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA auseinander, die dazu führen, daß die Menschen die ihnen servierten und medial aufbereiteten Informationen und Geschehnisse als alternativlos gegeben hinnahmen. Der alltägliche Irrsinn wurde auf diese Weise als ganz normaler Zustand akzeptiert.

  • Pathologie der Normalität

Im obigen Zitat von Thomas Rudek kommt über den fehlenden Bewußtseinszustand des Bürgers auch schon eine weitere gravierende Hemmschwelle bei der Überwindung unseres ungesunden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zur Sprache: Die unangefochtene und beherrschende Machtstellung der Kapitaleigner und ihrer Interessenvertreter in Politik, Wissenschaft und Medien sowie der von ihnen mit allen Mitteln verteidigten radikalen Marktwirtschaft. Ich will entsprechenden der Argumentierung und Gliederung von Rudeks Artikel meine eigenen Gedankengänge zum Thema einzubauen:

  • Die Normalität des herkömmlichen Denkens sowie praktizierter gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Gepflogenheiten als gefährlicher Irrweg

Der Religion des Neoliberalismus ist mittlerweile fast die gesamte Welt hörig – dem Konsum und Wohlstand opfern wir freiwillig unsere Seelen:

  • Die Religion des Neoliberalismus dominiert

Ein faustischer Handel, der uns teuer zu stehen kommt. Wir setzen nicht nur unsere psychische und physische Gesundheit aufs Spiel, nein, wir vernichten damit die Existenz von Millionen von Menschen, untergraben unsere eigene und beschädigen die einzige Welt, die wir haben. Besonders in den Zeiten des Kalten Krieges und auch heute noch wird der Kommunismus als das größte Übel der Menschheit dämonisiert. Zugegebenermaßen war der real existierende Kommunismus im Ostblock größtenteils wirklich eine Geißel der Menschheit, der es aber erfreulicherweise nicht gelungen ist, die ganze Welt zu erobern. Heute stehen wir vor einem viel größeren Dilemma, denn der Kapitalismus hat sich als Seuche global ausgebreitet – und die Infizierung schreitet rasend schnell voran: Keine Gesellschaft und kaum ein Individuum bleibt von ihm verschont. Das Tragische daran ist, daß bisher noch kein wirklich wirksamer Immunstoff gefunden wurde bzw. keine Bereitschaft zu einer weltumfassenden Behandlung vorhanden ist. Thomas Rudek formuliert eines der Hauptübel des Kapitalismus und Neoliberalismus in diesem Zitat:

  • Neoliberale Politik wird fest mit den Begriffen „Liberalisierung, Privatisierung, Deregulierung“ verbunden. Dieser neoliberale Dreiklang erweckt den Eindruck, dass die Propagandisten überwiegend ökonomische Ziele mit einem rationalen System verfolgen, von dem angeblich alle profitieren sollen, was sich sprachlich in der Erhard-Formel „Wohlstand für alle“ bis heute niederschlägt.

Das Liberalisierung, Privatisierung und Deregulierung gemäß dem alten Adam Smith und seiner moderneren Nachfolger wie Friedrich August Hayek oder Milton Friedman für die Massen nach wie vor die Erfolgsgarantien für allgemeinen Wohlstand bedeuten, ist auf die allgegenwärtige Manipulation und Indoktrination durch politische Propaganda, die Ideologisierung maßgebender Teile der Wirtschafts- und Volkswirtschaft sowie die unkritische Rolle der Mainstream-Medien zurückzuführen.

  • Die Ideologisierung der Eliten

Die politischen Eliten bauen dabei bei ihrer Beratung auf die lobbyistisch beeinflußte „Experten“, die ich Einflüsterer nenne. Das ist ein Hauptgrund dafür, daß die handelnden Politiker sich in ihren Entscheidungen von praxisfremden und bürgerfernen Prinzipien leiten lassen und nicht auf praktische Erfahrungen aufbauen, die die globalen Zusammenhänge und gegenseitigen Abhängigkeiten der Geschehnisse sowie Entscheidungen berücksichtigen. Die meisten einflußreichen Politiker haben sich auf diese Weise zu realitätsfeindlichen und lernunfähigen Wesen entwickelt. Und der Masse der Bevölkerung ergeht es analog dazu, denn auch diese vertraut eher der Gewohnheit als der Ratio. Unterbewußte Ängste führen zu übersteigertem Sicherheitsbedürfnis und verleiten dazu, Gewohnheiten beizubehalten, selbst wenn sie in den Abgrund führen. Krebsartiges Wachstum schreckt nicht einmal mehr ab, sondern es wird vom sedierten homo consumens als unvermeidbar, ungefährlich und notwendig angesehen. Der alltägliche Wahnsinn wird als Normalität hingenommen, aus Furcht vor dem Risiko von Verhaltensänderungen. Der Ausspruch von Jürgen Habermas, den Rudek zitiert hat, trifft den Kern des Problems, wenn er von einem „sozialdarwinistischen Potenzial des Marktfundamentalismus“ spricht.

  • Technologie und Fortschritt als neuer Götze mit Allmachtsgewalt sowie  zweckgebundene funktionale Bildung als Ersatz für soziale Kompetenz

Technologischer Fortschritt ist zu einem Begriff geworden, der tabuisiert wird und nicht in Zweifel gestellt werden darf. Wie in der Bibel der Messias zum Hoffnungsträger avanciert ist, so wird uns heutzutage der technische Fortschritt als Allheilmittel für sämtliche vom Kapitalismus verursachten Krankheiten angepriesen. In Verbindung mit einer Form von Pseudo-Ökologie hat sich ein fundamentalistisch anmutender naiver Glaube an das technisch Machbare herausgebildet. Dieser zu einer Sucht mutierte irrationale Glaube reduziert uns zu Konsumabhängigen, die meinen, daß sie ausgestattet mit dem Feigenblatt eines weiter gesteigerten Konsums von Techno-Öko-Produkten zum Retter des Planeten befördert empor steigen. Alte Konsumgewohnheiten können guten Gewissens beibehalten werden und lassen die Notwendigkeit von Reduzierung des Konsums und Einsparung von Energie- bzw. Rohstoffressourcen vergessen. Auf diese Weise entsteht die Illusion von einer heilen Welt, an der es nichts zu verbessern gibt!

  • Die Zweckentfremdung der Bildung

Die Bildung wird in diesem Kontext zu einem Vehikel umprogrammiert, das den Zugang zur heilen Welt und ungebremstem Wachstum und Wohlstand garantieren soll, doch die Bildung wird zweckentfremdet. Bildungsförderung wird in aller Munde geführt und steht in den Parteiprogrammen aller Parteien an oberster Stelle, wobei uns eingeredet wird, daß mit Bildung sämtliche Arbeitsplatzprobleme gelöst werden könnten. Solange jedoch Bildungsförderung nicht einher geht mit einer Sozialpolitik, die ihren Namen verdient, wirkt sie nur einseitig und individualistisch. Vor allem schafft Bildung alleine noch keine Arbeitsplätze – sie verschärft letztendlich nur noch die Konkurrenzsituation unter den verbliebenen lukrativen Jobs. Die Durchschnittlichen, die Unbegabteren und die Hauptschüler bleiben auf der Strecke. Es darf auch nicht übersehen werden, daß der Trend zur Zeit in die Richtung Elitenförderung abgeht und die Chancengerechtigkeit für sozial Schwächere sich ständig verschlechtern. Darüber hinaus haben sich die politischen Versprechungen hinsichtlich Bildungsförderung bisher als reine Enten erwiesen, denn geschehen ist nicht viel. Für Banken- und Eurorettung wurden die Geldschleusen jedoch bereitwillig und ohne jegliches Zögern geöffnet.

  • Die Umerziehung zum Homo Oeconomicus

Ein anderes Grundsatzproblem der Bildung ist ihre fortschreitende Verwarenförmigung und zweckentfremdete nutzenorientierte Ausrichtung auf ökonomische Verwertung. Ich habe einen schönen Aufsatz über die Thematik „Verwarenförmigung der Bildung“ von Prof. Dr. Armin Bernhard gefunden, den ich wärmstens zur Lektüre empfehle. Kinder, Schüler und Studenten werden getrimmt auf wirtschaftlichen Erfolg in der neoliberalen Leistungsgesellschaft, damit sie sich mit Ellbogenmentalität durchsetzen können. Dabei werden geisteswissenschaftliche Disziplinen, die mit denen kein Profit zu machen ist, vernachlässigt. Die humanistische und soziale Bildung sowie die charakterliche Formung kommen unter die Räder – Wilhelm von Humboldt dreht sich sicher bereits in seinem Grabe um. Wir erziehen uns Roboter, die nur noch als Mittel zum Zweck – eben zum homo oeconomicus – taugen. Wir erschaffen uns auf diese Weise auf reine Zweckausübung reduzierte formatierte Menschen.

  • Die Arbeit in einseitiger auf Gelderwerb ausgerichteter Interpretation als ein Angst- und Repressionsfaktor

Der traditionelle Arbeitsbegriff bedarf einer völlig neuen Interpretation. Statt der Einteilung in nützliche bezahlte Arbeit und ökonomisch wertlose „Freizeitbeschäftigung“ sollten wir Arbeit in sinnvolle und sinnlose Beschäftigung umdeuten. Außerdem gibt es bezahlte und unbezahlte Beschäftigungen, die den Ausübenden fordern und in denen  sie ihre Fähigkeiten beweisen können und Tätigkeiten, die anöden und den Betroffenen demotivieren.

  • Differenzierung von Beschäftigung

Unter den Arten der Beschäftigung existieren solche, die der Allgemeinheit keinen Nutzen bringen oder ihr sogar schaden und solche, die sinnvoll sind und dem Leben der Menschen zugutekommen. Besonders bei der bezahlten Arbeit (und hier wiederum bei der extrem gut besoldeten) fällt auf, daß sich nach näherem Hinschauen dahinter sehr viel überflüssige Produktion und Dienstleistung verbirgt, die die Menschheit wirklich nicht braucht und die als Krönung noch zur Umweltzerstörung beiträgt. Hingegen sind gerade schlecht oder gar nicht bezahlte Tätigkeiten wie ehrenamtliche Arbeit oder Kindererziehung äußerst nützlich für die Gesellschaft, die ohne sie zusammenbrechen würde. Hier muß politisch angesetzt werden, damit dieses sozial produktive Tun auch entsprechend finanziell gewürdigt wird und das ihm gebührende gesellschaftliche Ansehen erhält.

Den wesentlichen Sinn des Lebens im Arbeiten um seiner selbst zu suchen, ist ebenfalls nicht zielführend – jedenfalls nicht für eine dem Wesen des Menschen entsprechende Lebensgestaltung. Diese Denkweise eines Schmalspurlebens haben wir geschichtlich gesehen stark der protestantischen Ethik zu verdanken, die das Aufkommen des Kapitalismus begünstigt hat. Daß der Mensch sinnvolle Arbeit oder Tätigkeit benötigt, steht außer Frage. Aber damit ist nicht ausgesagt, daß es eine bezahlte nach der bisherigen Tradition sein muß. Freizeit und Muße gehört jedoch genauso zum natürlichen Bedürfnis des Menschen, der dieses heute größtenteils falsch versteht und diese wertvolle Zeit mit Oberflächlichkeiten oder sinnlosem Aktivismus verbringt oder sie zu destruktiver Berieselung mißbraucht.

  • Versklavung am Arbeitsmarkt

Die neue indoktrinierte Scheuklappen-Bildungselite aber hat die Zeichen der Zeit erkannt und tritt bereitwillig an, um ihre Haut auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. Der Arbeitnehmer wird durch diesen Vermarktungszwang, dem sich viele auch freiwillig unterwerfen, zum Handelsobjekt degradiert, so als ob er eine Kartoffel auf dem Wochenmarkt wäre. Der Mensch besitzt nur noch einen Warenwert in dem Sinne, wie er dem Unternehmer nützlich erscheint, um seinen Profit zu steigern. Da der Mensch nur seine Arbeitskraft anzubieten hat, befindet er sich auf dem Nachfrage-/Angebotsmarkt gegenüber dem Arbeitgeber am kürzeren Hebel, ist erpreßbar und leicht auszubeuten. Erich Fromm hat die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und individuellen Entwicklungen, die zu diesem Ergebnis geführt haben, am Trend in den USA schon sehr früh erkannt und hat dies in seiner Gesellschaftscharakter-Theorie ausgedrückt:

  • „Betrachten wir den Gesellschafts-Charakter im Hinblick auf seine Funktion im Gesellschaftsprozeß, so müssen wir von der Feststellung ausgehen, die wir hinsichtlich seiner Funktion für den einzelnen Menschen machten: daß nämlich der Mensch, indem er sich den gesellschaftlichen Bedingungen anpaßt, eben jene Charakterzüge entwickelt, auf Grund derer er so handeln möchte, wie er handeln muß. ..“ Die Energien des Menschen würden zu Produktivkräften, „die für das Funktionieren eben dieser Gesellschaft unentbehrlich ist“. .. „Kurz, der Gesellschafts-Charakter internalisiert äußere Notwendigkeiten und spannt auf diese Weise die menschliche Energie für die Aufgaben eines bestimmten ökonomischen und gesellschaftlichen Systems ein.“
  • Der Gesellschaftscharakter

Der Gesellschaftscharakter ist der Gegenpart des Individualcharakters, die sie wechselseitig bedingen. Es ist der Verdienst von Erich Fromm, daß er diese Zusammenhänge und Abhängigkeiten erforscht hat und die bis dahin bestehende Trennung der Wissenschaftsdisziplinen Soziologie und Psychologie aufgehoben hat. Teil und Ergebnis des Gesellschaftscharakters ist der von Erich Fromm bereits in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts herausgearbeitete Marketingcharakter, der genau das oben geschilderte widerspiegelt. Die Rolle des Protestantismus in der Entwicklung der Charakterstruktur des modernen Menschen sowie in der Ausbildung der Industrialisierung und des Kapitalismus hat Erich Fromm genau beobachtet. In seinem wegweisenden Buch schreibt er dazu folgendes:

  • „Der Protestantismus war die Reaktion auf die Bedürfnisse angsterfüllter, entwurzelter und isolierter Menschen, die sich in einer neuen Welt orientieren und eine Beziehung zu ihr finden mußten. Die neue Charakterstruktur, die sich aus den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen ergab und die durch die religiösen Doktrinen noch intensiviert wurde, spielte dann bei der weiteren gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung eine wichtige Rolle. Die in dieser Charakterstruktur begründeten Eigenschaften waren ein Zwang zur Arbeit, ein leidenschaftlicher Sparsinn, die Bereitschaft, sein ganzes Leben einer außerpersönlichen Macht zu weihen, Askese und ein zwanghaftes Pflichtgefühl – Charakterzüge, welche in der kapitalistischen Gesellschaft zu Produktivkräften wurden und ohne die die moderne wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung undenkbar wäre.
  • Es waren dies die spezifischen Formen, in welche die menschliche Energie gegossen wurde und in denen sie zu einer der Produktivkräfte im gesellschaftlichen Prozeß wurde. Wenn man sich diesen neuentstandenen Charakterzügen entsprechend verhielt, so war das von den wirtschaftlichen Notwendigkeiten aus gesehen von Vorteil. Außerdem war es psychologisch befriedigend, weil es den Bedürfnissen und den Ängsten dieser neuen Art von Persönlichkeit entsprach. Allgemeiner gesagt bedeutet das, daß der gesellschaftliche Prozeß, dadurch daß er die Lebensweise des einzelnen – das heißt seine Beziehung zu anderen und zur Arbeit – bestimmt, seine Charakterstruktur formt …“

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lev 19,18). Diese Forderung der Bibel hat der Protestantismus zumindest am Beginn seiner Geschichte nicht verstanden. Deshalb verurteilten sowohl Luther und insbesondere Calvin die Eigenliebe, die eine Grundvorausetzung für eine sinnvolle und zufriedene menschliche Existenz darstellt, als Sünde. Sie unterlagen dem grundlegenden Irrtum, sie mit Narzißmus zu verwechseln. In diesem Zusammenhang zitiere ich nun aus Erich Fromms Buch „Den Menschen verstehen – Psychoanalyse und Ethik“ eine Passage:

  • „Diese von Calvin und Luther vertretene Auffassung hatte einen ungeheuren Einfluß auf die Entwicklung der modernen westlichen Gesellschaft. Sie gaben damit die Grundlagen für eine Einstellung, die das Glück des Menschen nicht als Lebenszweck betrachtet. Der Mensch wird zum Mittel und zum Gehilfen von Zwecken, die jenseits seine selbst liegen: eines allmächtigen Gottes oder nicht weniger mächtiger verweltlichter Autoritäten und Normen, wie Staat, Wirtschaft, Erfolg.“

Der Mensch hat sich – ohne wesentliche Gegenwehr – zu einem Wirtschaftsobjekt verwursten lassen und seine Arbeitskraft zum Spielball der ökonomischen Interessen verkommen lassen. Diese Tendenz hat sich seitdem noch verstärkt und sich zur erdrückenden Normalität auf dem gesamten Globus ausgewachsen.

  • Bezahlte Arbeit als Repressionsfaktor

Bezahlte Arbeit ist abhängige Arbeit und kann als Repressionsfaktor ausgenutzt werden – da beißt die Maus keinen Faden ab! Daß dies nicht nur eine Möglichkeitsform ist, dürfte jeder schon aus eigener Erfahrung und am eigenen Leib erlebt haben. Ich persönlich bin froh, daß ich in meiner Situation als Rentner endlich frei und unabhängig bin und meinen Alltag kreativ entsprechend meinen Neigungen und Möglichkeiten gestalten kann. Der Mensch kann nur dann seine ihm innewohnenden Potentiale und Kräfte voll entfalten, wenn ihm Freiraum gewährt wird. Nun kann natürlich nicht jeder gleich in die Rente gehen und sich optimal verwirklichen. Um den Menschen die Existenzangst zu nehmen, braucht er Sicherheit und Zukunftsperspektiven. Wer aus welchen Gründen auch immer nicht erwerbsfähig sein kann oder will, muß trotzdem aus Gründen der Menschlichkeit mit dem Nötigsten versorgt werden. Wenn man Anspruch auf die Verwirklichung von christlichen oder humanistischen Grundprinzipien erhebt, dann muß man jedem eine durch die Geburt verliehene Existenzsicherung zugestehen. Menschen, die nicht körperlich krank sind oder psychisch deformiert sind (z. B. durch ihre soziale Lage und Repressionen) besitzen von Geburt an den ureigenen Trieb, tätig zu sein und etwas zu bewirken. Dies tun sie sogar, und dann sogar besonders gerne, wenn sie keine Belohnung dafür erhalten – man beobachte in diesem Zusammenhang einmal das Verhalten kleiner Kinder, die noch nicht durch Erwachsene und die Leistungsgesellschaft verdorben und verbogen sind. Trotzdem ist die Lüge von der angeborenen Faulheit der Menschen nicht auszumerzen. Sie paßt wohl besonders gut zu einem Stammtischniveau.

  • Mittel und Wege gegen Verarmungstendenzen

Deshalb plädiere ich für Regelungen wie angemessenen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, der seinen Namen verdient und/oder ein Grundeinkommen, von dem es viele voneinander abweichende Variationen und auch realistische Vorschläge gibt. Diese an dieser Stelle durchzudiskutieren, ist jedoch nicht meine Absicht. Mir ist klar, auf welche Widerstände derartige Vorhaben treffen. Das gleiche gilt für das Plädoyer von Thomas Rudek für mehr Teilhabe des Arbeitnehmers und Realisierung einer Sozialpartnerschaft, bei der Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe kommunizieren. Dies halte ich unter den gegebenen Voraussetzungen für reines Wunschdenken, denn die Spielregeln der brutalen Marktgesellschaft laufen dem entgegen. Solange diejenigen die Macht besitzen, die sie derzeit innehaben, und der von ihnen verteidigte Kapitalismus mit seinen Motoren Konsum, Wachstumszwang und Profitgier regiert, haben wir null Chance auf Verwirklichung dieser hehren Postulate.

  • Zunehmende Verteilungsungerechtigkeiten

Es ist eine Tatsache, daß die Verteilungsungerechtigkeiten weltweit aufgrund der verheerenden Wirkungen des Kapitalismus immer mehr zunehmen. Dies ist von den politischen und Geldeliten dieser Welt so geplant und gewollt. Diejenigen, die die sich übe  ausbreitende Armut beklagen und diese mit Schönheitspflästerchen behandeln wollen, sind entweder naiv oder zynisch. Extreme Armut und extremer Reichtum bedingen sich gegenseitig – das eine wäre ohne das andere nicht faktisch. Dabei haben wir es in diesem Kontext mit einem außerordentlichen Paradoxon zu tun: Wie ist die gewollte Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und das Abbröckeln des Mittelstandes mit dem damit zwangsläufig verbundenen Konsumrückgang zu vereinbaren? Denn der Kapitalismus lebt vom Konsum, nicht nur einfach vom Konsum, sondern vom expotenzial steigenden Konsum und dem Wachstumswahn. Wer soll denn zukünftig das System füttern, wenn breite Bevölkerungskreise ausfallen?

Wahrscheinlich hofft man auf die aufstrebenden Mittelschichten in Asien, aber auch dort ist das Ende der Fahnenstange bald in Sicht. Die Reichen können nicht noch mehr konsumieren – man kann sich nur einmal satt essen und gleichzeitig nur ein Auto fahren, auf einer Luxusjacht dösen oder einen Privatjet fliegen. Mit Milliarden zu spekulieren, bringt die Wirtschaft nicht in Schwung. Folglich scheint sich das System auf die Dauer selbst zu erledigen. Als Gegenmittel gegen die aktuellen Verarmungstendenzen empfiehlt uns Thomas Rudek eine „armutsindexierte Inflationsanpassung“. Jeder weiß, daß die Inflationsstatistiken geschönt sind, der zugrunde liegende Warenkorb bei weitem nicht den Realitäten von Normal- oder Geringverdienern entspricht. Trotzdem werden die Märchen von Preiserhöhungsraten von unter 2 % ständig von der Politik und den angepaßten Medien verbreitet, ohne daß eine öffentliche Gegenwehr erfolgt. Wer wie ich seit Jahrzehnten selbst einkauft, der weiß aus Erfahrung, daß Preiserhöhungen z. B. im Lebensmittelbereich jährlich mindestens bei 10 % angesiedelt sind – von anderen Faktoren wie Energie und Miete gar nicht zu reden.


Wenn diese Anpassung von Löhnen, Renten (zumindest die im Niedrigsektor), bei Hartz IV (heute „Bürgergeld“)und anderen Sozialleistungen tatsächlich einen Effekt haben sollte, dann müßten die Erhöhungen jährlich im zweistelligen Bereich angesiedelt sein. Eine solche Forderung wagt niemand auszusprechen. Es ist meiner Meinung nach müßig, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, daß man sich unter den herrschenden Verhältnissen mit solchen Maßnahmen durchsetzt. Geschweige denn, daß man glaubt, daß mit einem faulen Kompromiß in dieser Richtung eine Umkehr der Verarmungstrends zu realisieren sei. Wie eine Fata Morgana handelt es sich um ein reines Trugbild.

  • Die absurde Logik ideologischer Alternativlosigkeit und Systemrelevanz

Diesen Ansatzpunkt hat Thomas Rudek sehr gut erkannt. Ganz oben auf der Rangliste der neoliberalen Sprechblasen stehen die Begriffe „Alternativlosigkeit“ und „Systemrelevanz“. Unsere Superkanzlerin (und ihr Nachfolger Merz steht ihr nicht nach) operiert gerne mit diesen Zuschlaghämmern, um den Bürgern die klare Sicht auf sinnvoll Machbares zu versperren. Ich muß mich immer wieder über die Dreistigkeit der Politiker und die naive Gläubigkeit der Bevölkerung wundern,  die sich total verdummen läßt. Wer auf diese Lügen vertraut, der glaubt auch an den Osterhasen. Kein anderer Zusammenhang entlarvt die neoliberale Masche vom optimalen Funktionieren des Marktes zum Wohle aller wie das Beharren auf Systemrelevanz von bestimmten Unternehmen und Banken. Das gleiche gilt für die unverschämten Behauptungen, daß Entscheidungen, die das System zementieren, das wenigen nutzt, und die der Allgemeinheit Schaden zufügen, keine Alternativen zulassen. Ein solches Verhalten ist zutiefst antidemokratisch – mit anderen Worten diktatorisch ausgerichtet. Anscheinend hat das politische und parlamentarische Personal nur noch eine einzige Direktive: Das Festhalten der demokratischen Fassade, damit sie nicht umkippt!

Als Kompromiß könnte ich mich sogar mit einem Kapitalismus anfreunden, bei dem die Gesetze des freien Marktes ungehindert gelten. Das hieße aber im Klartext, daß es keine ausschließliche Sozialisierung von Kosten und eine Privatisierung von Gewinnen geben darf. Unternehmen oder Banken, die sich verkalkuliert oder verzockt haben, müssen dies auf eigenes Risiko tun und dürfen nicht aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden und darauf hoffen, als „systemrelevant“ eingestuft zu werden. Was die Konzerne und Banken fordern und was die Regierung gehorsam  praktiziert, ist das genaue Gegenteil von freier Marktwirtschaft. Es handelt sich dabei um nichts anderes als um die ansonsten verpönte sozialistische Planwirtschaft und praktizieren DDR-Sozialismus. Das ist auch kein Wunder bei dieser Bundeskanzlerin mit dunkler Vergangenheit und SED-Vorleben. Dieser politische Trend wurd unte <merz sogar noch verstärkt.

  • Eurokrise und globale Währungsreform

Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler und kein Experte auf dem Gebiet des Geldwesens, sondern nur ein einfacher Laie. Aber ich versuche, die großen Zusammenhänge zu erkennen, mir klar zu machen, was wem nutzt oder schadet und mache mir einen Reim darauf. Jeder einigermaßen interessierte und intelligente Mensch ist dazu ebenfalls in der Lage. Uns wird ständig vorgegaukelt, daß ein einfacher Bürger die komplexen politischen und wirtschaftlichen Korrelationen nicht begreifen könne und es dazu eines Fachwissens auf akademischer Basis bedarf. Mit dieser Strategie sollen wir vom Nachdenken abgehalten werden und uns ein blindes Vertrauen auf die Politik und ihre ehrenwerten Berater zulegen, was einer Entmündigung gleichkommt. Bei näherem Hinsehen erkennen wir jedoch, daß die meisten der sogenannten Experten entweder nur auf praxisfremder Grundlage argumentieren oder sie schon vorab von den Lobbyisten gekauft sind. Deshalb werden auch die nötigen Schritte zu zukunftsweisenden Reformen wie die Einführung einer Weltwirtschafts- und Finanzordnung, die sich vorrangig an den ökologischen Grenzen des Wachstums sowie den Bedürfnissen der Realwirtschaft und der breiten Mehrheit der Bevölkerung orientieren, nicht einmal diskutiert – geschweige denn in Angriff genommen.

Ich kann Thomas Rudek in seinem Vorschlag beipflichten, daß nur eine globale Währungsreform die Voraussetzung für eine gerechtere und ausgeglichene Weltwirtschaft sowie die Lösung der Eurokrise und anderer Währungsprobleme bietet. Er kritisiert zu Recht, daß die Diskussion über eine solche einschneidende, aber sinnvolle Maßnahme, als Tabu behandelt wird. Am Beispiel der Eurokrise kann jeder eindeutig erkennen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Aufgrund der wirtschaftlichen Übermacht und Exportstärke von Ländern wie Deutschland haben die strukturschwachen süd- und osteuropäischen EU-Nationen überhaupt keine Chance, auf die Beine zu kommen. Die einzige Möglichkeit, sich zu wehren und ihre Wirtschaft zu schützen, würde sich ergeben, wenn sie wieder eigene Entscheidungen über Auf- und Abwertung ihrer nationalen Währungen treffen könnten. Diese Maßnahmen verhindert jedoch die einheitliche Euro-Währung, die die potenten Staaten eindeutig begünstigt. Das ist auch der Grund dafür, weshalb bei den deutschen wirtschaftsnahen Parteien keine Sympathie für eine grundlegende Euroreform vorhanden ist. Eine globale Währungsreform hingegen ist totale Zukunftsmusik, ja geradezu eine Utopie, wenn auch eine vernünftige. Diese wäre  ein zweckmäßiger Ansatz, um Ungerechtigkeiten im Welthandel, in der produzierenden Wirtschaft sowie im Bank- und Kreditwesen abzubauen.

Allerdings verstehe ich nicht ganz, wie man es mit Hilfe dieser globalen Währungsreform erreichen will, daß die externen Kosten bei der Produktion von Waren und der Bereitstellung von Dienstleistungen in die Angebotspreise Eingang finden. Damit sind sämtlich ökologischen Kosten oder Schäden gemeint, die durch wirtschaftliche Tätigkeiten entstehen und die bisher meist der Allgemeinheit aufgebürdet oder einfach verantwortungslos der Nachwelt überlassen werden. Tatsächlich wäre dies eines der relevantesten Projekte zur Verhinderung künftiger maßloser Ausbeutung der Umwelt, weil man durch die Einbeziehung dieser externen Kosten in die Preiskalkulation einen unübertrefflichen Regulierungsmechanismus schaffen würde. Dieser ist mir bisher nur bekannt unter dem Begriff „ökologische Steuerreform“. Ich wüßte auch nicht, wie man dieses Unterfangen anders als durch die Änderung von Steuergesetzen in Verbindung mit rigorosen zielführenden Umweltauflagen bezwecken könnte. Wie dieses Vorhaben in Beziehung zu einer Währungsreform stehen soll, ist mir nicht ersichtlich.

  • Dezentralisierung und Regionalisierung als Modell zur Gesundung der Wirtschaftsstrukturen sowie unseres Lebens

Bereits 1973 hat Ernst Friedrich Schumacher in seinem Buch „Small Is Beautiful“ die Rückkehr zu einem überschaubaren und menschlichen Maß proklamiert. Aber seine Warnungen haben nicht gefruchtet. Stattdessen ist der Gigantismus ausgebrochen: Unter dem Vorwand von Synergiebestrebungen, Rationalisierung, Produktivitätsverbesserungen und Kostenminimierung wurde jahrzehntelang auf Biegen und Brechen konzentriert, zusammengelegt oder stillgelegt. Die Effektivität vieler dieser wahnwitzigen übers Knie gebrochenen Operationen ließ zu wünschen übrig. Ich gebe zu, daß es sicherlich auch für alle Beteiligten sinnvolle Kooperationen gab und gibt. Allerdings gingen die meisten zu Lasten der Beschäftigen und der Umwelt. Aus gewaltigen Produktivitätsfortschritten mit riesigen Kapazitätserweiterungen bei gleichzeitigem massivem Personalabbau resultierten enorme Gewinnsteigerungen und Dividendenausschüttungen, an denen die breite Bevölkerungsmehrheit keinen Anteil mehr hatte.

Es sind nicht nur die Arbeitsplatzverluste, die die  Bildung von Großkonzernen zur Folge hatte. Anfänglich in den Nachkriegsjahren in Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs profitierten die Arbeitnehmer noch relativ von den Zugewinnen der Unternehmer. Aber seit den 90er Jahren gerät der Arbeitsmarkt gewaltig unter Druck, so daß die Arbeitnehmerrechte, die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsentgelte unter Beschuß gerieten. Nicht minder schlimm ist die Zunahme des Stresses und die zunehmende Arbeitsteilung in immer größeren Produktionseinheiten, die den Arbeitnehmer in die Rolle eines kleinen Rädchens im Räderwerk reduziert, der keinen Überblick mehr über die Gesamtheit des Produktionsprozesses hat. Für eine Motivierung der Beschäftigten war diese Entwicklung abträglich – auch die traditionelle Identifikationsbildung mit dem Unternehmen ging in die Brüche. Neuerdings explodieren krankheitsbedingte Ausfälle von Arbeitnehmern aufgrund von Depressionen, Mobbing u. a. am Arbeitsplatz. Die dadurch verursachte verringerte Arbeitsmoral, Konzentration und Arbeitsqualität kann man gar nicht richtig in Form eines volkswirtschaftlichen Schadens quantifizieren.

  • Die Allmacht der Konzerne und das Kapitals

Die Macht der Großunternehmen, Konzerne und Banken wuchs in den letzten Jahrzehnten in ungeahnte Größenordnungen. Die multinationalen Konzerne sind in der Lage, Staaten zu erpressen und haben ihre Lobbyisten in die Schaltstellen der politischen Macht eingeschleust. Die ausufernde Globalisierung gibt den Multis ungeahnte Möglichkeiten in die Hand, ihre Profite zu maximieren und ihre Kreativität bei der Steuervermeidung ist schon legendär. Die Nationalstaaten werden um die ihnen zustehenden Steuereinnahmen betrogen, die sie zur Finanzierung ihrer öffentlichen Aufgaben benötigen. Aber daran sind sie zum großen Teil selbst schuld, weil sie sich nicht auf eine einheitliche Steuerregelung einigen können und versuchen, sich gegeneinander wegen Standortversprechungen der Konzerne ausspielen.

Auch die Rücksichtslosigkeit in Sachen Umwelt hat bei Großkonzernen eine lange Tradition. Zugunsten von Gewinnvorteilen sind sie zu jeder Schandtat bereit. Sie versprechen, Umweltauflagen einzuhalten und halten sich nicht daran, sie beuten die Umwelt, den Boden, die Bodenschätze, die Meere rigoros aus, bis nichts mehr geht und eine Wüste zurückbleibt. Sie vergiften die Umwelt mit oder ohne Einhaltung von Grenzwerten, betrügen die Verbraucher und schädigen ohne schlechtes Gewissen deren Gesundheit. Sie sind skrupellos, wenn es um die Erreichung ihrer Ziele geht: die Vergrößerung ihrer Marktanteile, die Beherrschung der Politik und als oberste Maxime die wunderbare Gewinnvermehrung. Zu diesem Zweck gehen sie buchstäblich über Leichen.

  • Ausweg Dezentralisierung und Regionalisierung der destruktiven Wirtschaftsstrukturen

Es gibt nur einen Weg, um diesem Teufelskreis zu entrinnen: der heißt Dezentralisierung und Regionalisierung der destruktiven Wirtschaftsstrukturen im Sinne von Schumachers Rückkehr zu einem überschaubaren und menschlichen Maß. Das bedeutet nicht, daß wir einen Rückfall in die Steinzeit unternehmen und den Industrialisierungsprozeß völlig umkehren müssen. Im Gegenteil – die Steinzeit steht uns bevor, wenn wir so weitermachen wie bisher. Das heißt auch nicht, daß wir auf jeden technischen Fortschritt verzichten müssen und jegliche Arbeitsteilung aufgeben. Nur unser waffentechnischer Aufwand könnte erheblich verringert werden – ich hätte in diesem Fall keine Bedenken, wenn wir wieder die Keule zur Hand nehmen, wenn es denn unbedingt sein muß. Aber diese Einsichten nutzen nicht viel gegen den unerbittlichen Widerstand der Besitzstandbewahrer, denen jedes Mittel recht ist, um den Status quo zu erhalten. Wichtig ist dabei vor allem, daß wir bei all unserem Tun und Denken wieder zu einem gesunden Maß finden, das uns physisch und psychisch ins Gleichgewicht bringt und uns befähigt, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren. Das Wesentliche ist unser Leben und das Gefühl, ihm einen Sinn zu verleihen. Dazu benötigen wir Zufriedenheit, Wohlbefinden und ein bißchen Glück. Zufriedenheit und Glück kann man gottseidank nicht kaufen – die gibt es umsonst bei entsprechender Einstellung. Lassen wir uns nicht von der überall gegenwärtigen Werbung in die Irre führen. Denn: Werbung führt auf dem direkten Weg zur Erschaffung von garantierter Unzufriedenheit! Das ist die Logik des ungehemmten Konsums, der niemals ein Ende kennt und das Unglücklichsein bezweckt.

  • Die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der vom Neoliberalismus infizierten Entscheidungsträger zu radikalen Lösungsansätzen

Eine Binsenweisheit mag zwar trivial sein, aber sie trifft meist den Kern einer Sache. So verhält es sich auch mit dem Sprichwort: „Die Frösche legen ihren Sumpf nicht selbst trocken.“ So ist es auch kein Wunder, daß unsere Eliten und Entscheidungsträger, die vom vorherrschenden System profitieren oder von ihm abhängig sind, unfähig und/oder nicht willens zu radikalen Lösungsansätzen sind, die die Situation der Allgemeinheit optimieren könnten. Es entspricht einfach nicht ihrer Interessenlage, das Gemeinwohl zu fördern.

  • Die Gefahren der Deregulierung und Privatisierung

Thomas Rudek hat folgerichtig eine der Schlüsselstrategien der neoliberalen Fundamentalisten erkannt. Es handelt sich um den Schlachtplan der Rückdrängung des Staates. Verharmlosende und euphemisierende Bezeichnungen für dieses Großprojekt sind „Staatsverschlankung“, „Deregulierung“ und „Privatisierung“. Damit soll alles optimaler gelingen, denn die neoliberalen Gutmenschen haben ja nur unser Wohl im Sinn. Sie sind der Ansicht, daß die Wirtschaft alles besser kann als der Staat, weshalb er auch entmachtet werden soll. Mächtige und finanzstarke Interessenverbände sind als Maulwürfe tätig, um dem Staat das Wasser abzugraben. Die gebetsmühlenartigen Forderungen der neoliberalen Parteien nach Steuerermäßigungen entsprechen genau dieser Absicht, denn ein Staat mit verringerten Steuereinnahmen wird  handlungs- und regulierungsunfähig und kann die im Grundgesetz verankerten Aufgaben nicht mehr erfüllen. Die Folge ist eine wachsende Staatsverdrossenheit der einfältigen Bürger, die den marktradikalen Rattenfängern danach erst recht ins Netz gehen. Wenn auch noch der Staat, sprich die ihn repräsentierenden Politiker, in die von der Wirtschaft gestellte Falle laufen, sich bei gleichzeitiger Steuereintreibungs-Zurückhaltung wiederholt als Retter von Banken oder großzügiger Rettungsschirm-Verteiler noch tiefer in die Schulden treiben zu lassen, dann ist die Stunde der Geier gekommen. An dieser Stelle ist der Zeitpunkt der totalen Machtübernahme des Staates durch die Wirtschaft angesagt – dann gibt es kein Zurück mehr. Rudek trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er fragt: „Der Staatsbankrott als Endziel neoliberaler Marktfundamentalisten?“ Sicherheitshalber hat er noch ein Fragezeichen gesetzt, das ich lieber durch ein Ausrufezeichen ersetzen möchte.

  • Durch Systemkontrolle und Indoktrination zum Diktat aller wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bereiche durch die Ökonomie

Dieser Aspekt behandelt ein weiteres Strategiekonzept im Hinblick auf die Machtübernahme durch die neoliberalen Marktkräfte. Diese Kräfte machen sich unser Modell der repräsentativen Demokratie und der Gewaltenteilung zunutze, indem sie es unterwandern, aushöhlen und deren Vertreter indoktrinieren. Sie können bei Verfolgung dieses Plans immer noch behaupten, daß sie auf einer demokratischen Basis operieren. So vertuschen sie die Unterwanderung geschickt und lassen den Bürger im Glauben, die demokratische Welt sei noch in Ordnung. Darauf aufbauend haben sie die Gelegenheit, das effektive Steuerungsinstrument, die Informationsverarbeitung und –Verbreitung in die Hand zu bekommen. Die Mainstream-Medien sind dabei äußerst hilfreiche Spießgesellen bei diesem Unterfangen der  feindlichen Machtübernahme. Die Lobbyismus-Krake ist ebenfalls erfolgreich installiert und kontrolliert im Vorfeld bereits sämtliche politischen Vorhaben und bringt sie auf neoliberale Linie. Organisationen wie die Bertelsmann-Stiftung oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die allerdings mit Sozialem nicht viel am Hut hat, leisten ebenfalls ihren zerstörerischen Beitrag. Dazu stoßen die einflußreichen Wirtschaftsberatungsgesellschaften wie

  • McKinsey & Company Inc.
  • Boston Consulting Group GmbH
  • Roland Berger Strategy Consultants GmbH
  • KPMG
  • PricewaterhouseCoopers,

die als Handlanger fungieren und dabei ordentlich Kohle einsacken. Die obige Auflistung der Komplizen ist  in der Reihenfolge ihrer Konzernumsätze aufgestellt. Den Rest erledigen die unzähligen von den Lobbyisten eingekauften Judas-Experten, die bei unseren Politikern ein und aus gehen dürfen. Sie alle arbeiten einem gemeinsamen Ziel: Der gesellschaftlichen Durchsetzung des Primats der Ökonomie gegenüber allen anderen gesellschaftlichen Teilbereichen, wie es Rudek ausdrückt.

  • Das Gefahrenpotenzial der KI

Im Jahr 2013 war KI noch kein Thema und wir hatten auch noch keinen Blackrock-Bundeskanzkler. Auf die existenziellen Gefahrenherde von KI habe ich schon in verschiedenen Posts und Kommentaren hingewiesen, weshalb ich an dieser Stelle nur bei Stichworten bleibe wie: Überwachung und Kontrolle, Bevormundung, Desinformation, Manipulation, Arbeitsplatzverluste oder ökologische Schäden wie Strom- und Wasserbrauch.

  • Praktisch umsetzbare direktdemokratische Verfahren zur Verhinderung des Ausverkaufs des Staates

Um den Totalausverkauf des Staates noch zu verhindern, setzt Thomas Rudek auf das Pferd von direktdemokratischen Strukturen. Es ist sicher richtig, daß das Prozedere von Volksentscheiden in Deutschland aufwändig und langwierig ist – es sind z. B. Stolpersteine wie z. B. Quoren eingebaut. Im Grundgesetz ist für zwei Fälle ein obligatorischer Volksentscheid vorgesehen. Erstens bei einer Neugliederung des Bundesgebietes nach Art. 29 GG und zweitens bei der Ablösung des Grundgesetzes durch eine Verfassung (Art. 146 GG). In den Ländern existieren unterschiedliche Regelungen, wobei die Vorgehensweisen dort Volksinitiative oder Volksbegehren genannt werden. Jedenfalls wäre es zu begrüßen, wenn Optionen aus der Palette der Direktdemokratie auf allen subsidiären Ebenen ausgebaut und die Durchführung erleichtert würde. Erschwerend kommt in der Praxis stets hinzu, daß die Maschinerie der propagandistischen Manipulation der Bürger gut organisiert ist und hervorragend funktioniert, was dazu führt, daß der Wähler bei der Abstimmung doch wieder die Meinung der Obrigkeit zum Ausdruck und zur Wirkung bringt (siehe Stuttgart 21). Eine andere Variante, um Wahlen eine volksnähere Durchschlagskraft zu beschaffen, wäre die Einführung einer zwingenden Wahlpflicht. Diese ist jedoch sehr umstritten und hat auch ihre Tücken. Ich zitiere nochmals Thomas Rudek mit seiner logischen Schlußfolgerung:

  • „Wie bereits angedeutet, legt die gegenwärtige Regierungspraxis wie die Einbindung der Individuen in eine apolitische Konsumkultur, die massenmedial durch ein entsprechendes Berieselungsangebot an seichter Unterhaltungskost die kognitiv- intellektuelle Regression bzw. Gleichschaltung erst ermöglicht, die Vermutung nahe, dass Politikverdrossenheit und sinkende Wahlbeteiligung politisch gewollt sind und nicht als zufälliges Begleitprodukt billigend in Kauf genommen werden.“

Wer eins und eins zusammenzählen kann, dem kann nicht entgehen, daß die Entpolitisierung, Ohnmachtshaltung und Gleichgültigkeit der Menschen auf einer bewußt herbeigeführten Abschreckung beruht. Umso mehr sich die Bürger aus ihrer Verantwortung und Mitwirkung zurückziehen, umso leichteres Spiel haben „die da oben“, ihren Marsch in eine wirtschaftsfeudale Postdemokratie fortzusetzen.

  • Wege in eine wirtschaftsfeudale Postdemokratie

Sämtliche gesellschaftspolitischen, innen- und auch außenpolitischen Informationen, die direkt durch Vertreter der Politik oder mittels der Medien an die Öffentlichkeit gelangen, sind gesteuert, gefiltert oder zensiert. Die Bevölkerung wird desinformiert und gezielt an der Nase herumgeführt. Die Wirkung bleibt nicht aus, denn nur selbstbewußte Menschen mit der Bereitschaft zum Hinterfragen und der nötigen Zivilcourage sind überhaupt dazu fähig, die verbreiteten Unwahrheiten und Widersprüchlichkeiten zu erkennen und Widerstand zu leisten. Es ist erschreckend, mit welcher Chuzpe, Hemmungslosigkeit und Leichtfertigkeit die herrschende Politik immer wieder Privatisierungs- und Deregulierungsmaßnahmen ohne demokratische Rückendeckung durchboxt. Eine Art und Weise in die Tat umzusetzen, die dieser Willkür Schranken setzt, benennt Rudek elegant „widerständige Partizipation“. Dies ist allerdings zunächst nur ein schönes Wort, das erst einmal durch eine verfassungsrechtliche Regelung wie ein „Anti-Privatisierungs-Referendum“ durchgesetzt werden müßte. Doch so weit, daß die Mehrheiten in den Parlamenten eine solche rechtstaatlich angemessene Prozedur genehmigen, sind wir noch lange nicht.

  • Solidarität als übergeordnetes Wahrnehmungs- und Verhaltensprinzip

Das Prinzip der Solidarität spielt in vielen Beiträgen des Kritischen Netzwerks eine herausragende Rolle. Die Solidarität ist ein wertvolles Gut – in der christlichen Schreibweise kann man sie getrost mit Nächstenliebe übersetzen -, das in einer Welt des Narzißmus, der Egoismen, des Rechtes des Stärkeren, des Konsums und der Bereicherung auf Kosten anderer keinen Platz mehr hat. Wenn es uns nicht gelingt, dieses Bewußtsein als Wahrnehmungs- und Verhaltensprinzip wieder zu reaktivieren, dann haben wir nicht die geringste Chance, eine Wende herbei zu führen. Ich beziehe mich wieder einmal auf Thomas Rudek, der vorschlägt, in der Bildungspolitik anzusetzen und die Schulen wieder verstärkt als prägende Sozialisierungsinstanzen aufzuwerten. Nichts gegen Internet und die damit verbundenen technischen und informativen Gelegenheiten, die bei positiv-selektiver Nutzung sogar einen Segen darstellen. In der Praxis jedoch spielt die Technokratie und ein naiver technologischer Glaube die tragende Rolle, der sich die wenigsten, gerade der Jüngeren, entziehen können.

Dem muß entgegengewirkt werden, indem den Versuchen vehement entgegen gesteuert wird, in Schulen und Bildungseinrichtungen ideologisch untermauerte Lerninhalte zu installieren und die Heranwachsenden bereits zu ökonomisch funktionierenden Robotern zu deformieren. Stattdessen sollte das Schulfach Solidarität als Hauptfach installiert werden, ohne dessen erfolgreicher Absolvierung niemand einen Abschluß erhalten kann. Solidarität hat viele Facetten, die sich z. B. auf den rücksichtsvollen Umgang mit den Mitmenschen – nicht nur in der direkten Umgebung – auf Konsumverhalten, auf kollegiales Verhalten am Arbeitsplatz, auf bewußtes Freizeitverhalten, auf schonende Behandlung und Auswahl der Ressourcen usw. bezieht. Nur wenn diese Werte wieder Eingang in den persönlichen Alltag finden und anstelle der üblichen Perversionen zur Normalität werden, hat die (Menschen-)Welt eine Zukunft. Bis dahin haben wir noch einen langen Weg vor uns, aber um dies überhaupt zu erreichen, muß der Hebel in der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen so früh wie möglich angesetzt werden.

  • Individuelle Persönlichkeitsentwicklung und aktive Interaktion als Voraussetzung zur Überwindung der herrschenden Ideologie

Das letzte Kapitel „Solidarität“ geht nahtlos in dieses über, so daß die beiden eigentlich nicht zu trennen sind. In diesem Zusammenhang kann ich Euch nur raten, sich einmal in unseren äußerst gehaltvollen Beitrag von Franz Witsch mit dem Titel „Behaviorismus und strukturelle Gewalt“ zu vertiefen. Er bietet eine hervorragende Ergänzung zum Text von Thomas Rudek und meinen Kommentaren. Ein weiterer Autor soll in dieser Kohärenz erwähnt werden: Dr. Rainer Funk mit seiner Buchveröffentlichung „Der entgrenzte Mensch“. Zitat aus dem Klappentext:

  • „Wir leben in einer Welt der Entgrenzung: Entfernungen, die vor wenigen Jahrzehnten noch Tagesreisen bedeuteten, legen wir heute in Stunden zurück. Informationen, die früher mühsam zu erlangen waren, sind heute auf Knopfdruck zugänglich. Regeln und Konventionen, die für unsere Eltern noch Gesetz waren, sind jetzt Gegenstand freier Vereinbarung. Was bisher angesichts der Begrenzbarkeit der Wirklichkeit unmöglich schien, wird durch Simulation und Virtualisierung Realität. Warum also nicht auch die Grenzen unserer Persönlichkeit, die Begrenztheit unseres Denkens, Wollens und Fühlens beseitigen? Das gegenwärtige Entgrenzungsstreben zielt auf ein Leben ohne jede Vorgabe, Maßgabe und Berücksichtigung von Grenzen.“

Wir glauben in einer Welt der grenzenlosen Freiheit zu leben, in der wir alles bewerkstelligen können, was wir wollen und uns vorstellen. Aber man hat uns quasi unter Drogen gesetzt, so daß wir meinen, wir hätten sämtliche Wahlfreiheiten, obwohl uns die Alternativen bereits im Unterbewußtsein als fremdbestimmte Doktrinen implantiert wurden. Daher leben wir in einer ständigen Illusion und merken nicht, daß wir unsere Pseudofreiheit durch gefährliche Abhängigkeiten eingehandelt haben. Entgrenzungen, die die Grenzen der menschlichen Wesensart und der ureigenen Identität beseitigen, haben für die Persönlichkeitsentwicklung destruktive Folgen. Letztendlich stehen wir vor der Sisyphos-Aufgabe, die uns die seit den Kindertagen in Dauerberieselung eingepflanzten Konditionieren vom Unterbewußtsein ins rationale Bewußtsein zu verschieben und sie dann mit konsequenter Überzeugungskraft zu überwinden. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan und ein Generationenprozeß, bei dem wir nicht sicher sein können, ob er gelingt.

  • Veränderung ist nur durch Solidarität möglich

Genau wie ich kann auch Thomas Rudek kein Ei des Kolumbus anbieten. Im Fazit einer Abhandlung über die Möglichkeiten einer Umkehr der gesellschaftlichen Verhältnisse und des individuellen Denkens kommen wir alle an den gleichen Punkt, an dem man eigentlich resignierend aufgeben müßte. Die realen Machtgegebenheiten in dieser Welt verfestigen den menschenfeindlichen Radikalkapitalismus und fördern sozialdarwinistisches Gedankengut. Eigentlich ist dagegen nur mit einer gewaltsamen Revolution anzukommen, denn freiwillig werden die privilegierten politischen und wirtschaftlichen Eliten ihre Bastionen niemals räumen. Welche Alternativen bieten sich uns denn dann noch an? Die Egoismen überwinden und sich von Einzelkämpfern zu vernetzten Einheiten als Gegenmacht zu positionieren? Aber auf welche Weise – und sind wir eigentlich nicht zu wenige, um ein wirksames Gegengewicht zu bilden? Dann bleibt nur noch die Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt und der unbeugsame Wille zum Weitermachen und nicht Aufgeben. Ganz zum Schluß haben wir ja noch den rationalen Trost, daß das herrschende System nach der Logik der Mathematik, Physik und Ökonomie von selbst wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Das ist nur eine Frage der Zeit – aber der Vorgang des Zusammenfalls läuft eher in Zeitlupe ab und nicht plötzlich. Vielleicht bietet die Erkenntnis, daß wir uns auf dem „rechten Weg“ befinden und  ethische und moralische Prinzipien auf unserer Seite sind, eine weitere Unterstützung.

  • FAZIT:

Wenn wir kurz vor der Verzweiflung stehen und unsere Bemühungen nichts fruchten, die Welt auch nur ein kleines bißchen zum Guten zu verändern, dann sollten wir uns daran erinnern, daß wir doch etwas bewirken können: nämlich bei uns vor und vor unserer eigenen Haustür. Vor kurzem sah ich einen Spielfilm, aus dem ich mich an einen Dialog entsinnen kann, der lautete: „Wir haben versucht, die Welt zu verändern, aber wir haben nur uns selbst verändert.“ Das ist allerdings schon gewaltig viel und viel mehr als gar nichts, so daß man darauf stolz sein könnte. Überlegen wir doch einmal, was wir in uns an Potenzial verspüren: Kreativität, Fähigkeit zur Selbstreflexion und Kritik, Selbstbewußtsein, Selbstbehauptungswillen, Kommunikationsfähigkeit, Liebesfähigkeit, Freiheitsliebe und Mut zum Leben, der uns in die Lage versetzt, Widerständen zu begegnen. Bei jedem von uns ist sicher die eine oder andere Eigenschaft mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden. Wir haben den freien Willen, daran zu arbeiten, diese in uns wohnenden Fähigkeiten und Möglichkeiten weiter zu entwickeln und freizusetzen. Packen wir’s an!“

https://kritisches-netzwerk.de/forum/wege-aus-einer-kranken-gesellschaft-schritte-zur-transformation-eine-solidarische-repressionsfreie-und-oekologische-gesel

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Stimmen aus dem Maschinenraum

7 Kommentare

  1. Pingback: mypindou
  2. Ließe sich alles auch ganz simpel sagen. Kann jeder Blöde verstehen: Wettbewerb erzwingt Produktivitätszuwachs, welcher die durchschnittliche Kapitalrendite schwächt und zu abnehmenden Investitionsmöglichkeiten führt, was dann mittels ausufernder Staatsverschuldung kompensiert wird. Kann nicht ewig gutgehen.

    Noch simpler: Wer nicht Monopolist ist und so denn im Wettbewerb steht, muß billiger herstellen. Muß dann aber auch billiger verkaufen. Was den Gewinn bzw. die Rendite schwächt.

    So simpel das alles, daß es den Verstand brutal schmerzt. Weil der sich brutal unterfordert sieht! Die Frage muß darum sein, wieso die große Mehrheit diese simplen Gegebenheiten nicht erkennt. Die Antwort ist ebenfalls simpel: WILLE ZUM NICHTVERSTEHEN. Es übersetzt dieser Wille sich zum Willen zu Mangel, Not, Elend, Krankheit, Leid und Tod. WOHER DIESER WILLE?

    Ich kenne die Antwort. Es wäre aber sinnlos, sie zu geben. Wer verstehen WILL, findet die Antwort mit großer Leichtigkeit selbst heraus. Wer dies nicht will, der will es nicht, und ganz gleich, wie lieb und nett es ihm erklärt würde. Und dies, eben weil er Mangel, Not, Elend, Krankheit, Leid und Tod WILL.

    OFFENSICHTLICH GEHT ES HIER UM RELIGION. Da müßte man doch mal einen Jesuiten fragen… . Waren Calvin, Luther und all die anderen christlichen Strömungen doch deren Ziehkinder. (Die Jesuiten führten Krieg gegen die Reformatoren; das Pentagon führt Krieg gegen islamistische Terroristen. Kapiert jetzt, oder soll ich es noch genauer erklären!?)

    1. Werter #Unbedarft, in einem Punkt muss ich unbedingt widersprechen.
      Was billig hergestellt wird, kann auch teuer verkauft werden.
      UND, sie haben noch nicht erwähnt, das, zum grössten Teil, die Nachfrage den Markt beherrscht. Scheinbar sind sie kein gelernter Kaufmann (LOL), sonst wüssten sie DAS. Gruß Karl

      1. #Karl — Jeder denkt sich das, wie er will. Der Kaufmann so, die Fertigungsorganisation so, der Lagermann so, das Marketing so. Am Ende aber ist ein von der Sonne des Wettbewerbs beschienener Markt allemal fanatisch bestrebt, die Warenpreise nach unten zu drücken. Was dem Produktivitätszuwachs Anreiz bietet.

          1. #Karl — Selbst wenn Wettbewerb fehlen würde, würde allein Gewinnsteigerung schon mehr als genug Anreiz bieten für Produktivitätszuwachs.

            Da braucht es kein Fachwissen, da muß man nur gucken.

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