Dienstag, 13. Oktober 2026
NewsletterKaffeekasse
Absurdes aus der RealitätRealität. Ungefiltert.Satire ohne SicherheitsabstandNachrichten mit NebenwirkungenBetreutes Denken war gesternUnabhängig. Unbequem. Unüberhörbar.Garantiert nicht regierungskonform
QPRESSstabil seit 2010
Dystopie2. Oktober 2026

Londons Millionenfrau: Blau, teuer, typisch?

Satirische Karikatur einer monumentalen blauen lady Frauenstatue auf dem vierten Sockel des Trafalgar Square

London | Auf dem vierten Sockel des Trafalgar Square steht neuerdings eine mehr als fünf Meter hohe, blau gekleidete Frauenfigur. Die amerikanische Künstlerin Tschabalala Self versteht ihre „Lady in Blue“ als zeitgenössische Londonerin, mit der sich viele Frauen identifizieren könnten. Londons Kulturverwaltung spricht sogar von einer modernen „Everywoman“. Für das Kunstprogramm wurde ein siebenstelliges Budget bewilligt. Endlich weiß die britische Hauptstadt also, wie die gewöhnliche Frau aussieht – entschieden hat das eine Kulturkommission.

von Torben Botterberg

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Deshalb beschäftigt die öffentliche Hand Gremien, Kuratoren und Kulturbeauftragte, die den Bürgern erklären, welchen Geschmack sie künftig haben sollen.

Das neueste Ergebnis dieser behördlich begleiteten Geschmacksfindung steht auf dem berühmten vierten Sockel am Trafalgar Square. Die „Lady in Blue“ der New Yorker Künstlerin Tschabalala Self ist eine monumentale Frauenfigur aus Bronze, Stahl, Farbe und Glas. Sie trägt ein leuchtend blaues Kleid, schreitet selbstbewusst voran und blickt auf die Passanten hinab wie eine Kundin, die soeben erfahren hat, dass an der Museumskasse keine Barzahlung mehr möglich ist.

Die Figur ist schwarz, sehr dick, und stark stilisiert. Das darf sie selbstverständlich sein. Kunst muss weder einem Schönheitsideal noch dem Londoner Einwohnermeldeamt entsprechen.

Bemerkenswert wird die Sache erst dort, wo das offizielle Begleitvokabular beginnt.

Eine Frau für alle – ausgewählt von wenigen

Das Londoner Rathaus beschreibt die Skulptur als Hommage an eine junge, urbane Frau, die typische Londonerinnen widerspiegele. Die Künstlerin wollte eine zeitgenössische „Everywoman“ auf den Trafalgar Square bringen.

„Everywoman“ bedeutet sinngemäß eine Frau, in der sich jede oder wenigstens sehr viele Frauen wiederfinden können.

Das ist ein beachtlicher Auftrag für eine einzelne Bronzefigur.

London hatte 2021 rund 4,5 Millionen weibliche Einwohner. Sie waren jung und alt, klein und groß, dick und dünn, schwarz, weiß, asiatisch und alles dazwischen. Einige trugen blaue Kleider. Andere vermutlich sogar Hosen.

Nun steht eine einzige stark stilisierte Figur auf einem Sockel und soll den Geist der modernen Londonerin verkörpern.

Damit ist die Repräsentationsfrage endlich geklärt. Millionen unterschiedlicher Frauen wurden erfolgreich auf fünf Meter Bronze und ein blaues Kleid verdichtet. Vielfalt funktioniert offenbar am besten, wenn eine Kommission sie auf ein einziges Bild reduziert.

Früher nannte man so etwas Stereotypisierung. Heute heißt es Sichtbarkeit.

London war schon immer genau so – ungefähr seit September

Natürlich behauptet niemand ernsthaft, Londoner Frauen seien „schon immer“ schwarz und dick gewesen. 

London ist heute tatsächlich eine, nennen wirs mal vorsichtig, kulturell außerordentlich vielfältige Stadt. Eine schwarze Frau auf einem öffentlichen Sockel ist daher weder historisch unvorstellbar noch gesellschaftlich abwegig.

Die berechtigte Frage lautet nicht, ob eine schwarze oder dicke Frau Kunst sein darf.

Die interessantere Frage lautet, warum eine Verwaltung ausgerechnet eine extrem überzeichnete Figur zur „Everywoman“ erklärt und damit aus Vielfalt eine Schablone macht.

Wer Gleichberechtigung ernst nehmen würde müsste sagen: Diese Statue stellt eine bestimmte imaginäre Frau dar. Nicht mehr und nicht weniger.

Stattdessen wird sie mit Begriffen wie „gemeinsame Gegenwart“, „kollektive Zukunft“, „Ambition“, „Würde“, „Repräsentation“ und „Gerechtigkeit“ beladen. Die Frau darf nicht einfach spazieren gehen. Sie muss im Vorbeigehen noch die gesamte westliche Gesellschaft moralisch erneuern.

Das ist für eine Bronzefigur ein ziemlich voller Terminkalender.

Das Millionenmärchen braucht eine Fußnote

In sozialen Netzwerken und Berichten heißt es, die „Lady in Blue“ habe eine Million Pfund gekostet. 

Nach einem Bericht von Artnet bewilligte der Londoner Bürgermeister etwas mehr als eine Million Pfund für beide Fourth-Plinth-Projekte der Jahre 2026 und 2028. Hinzu kommen demnach Fördermittel des Arts Council England sowie private Unterstützung. 

Die Million ist somit nicht der eindeutig belegte Einzelpreis der blauen Dame. 

Das macht die Kulturpolitik zwar genauer, aber nicht automatisch preiswerter.

Schließlich bezahlt der Steuerzahler nicht nur Material und Herstellung. Er finanziert ein komplettes Ökosystem aus Auswahlverfahren, Gremien, Kommunikation, Installation, Kulturverwaltung und feierlicher Erklärung, warum das Resultat eine international bedeutende Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum darstellt.

Ein gewöhnlicher Bürger hätte möglicherweise einfach gesagt: „Da steht jetzt eine große blaue Frau.“

Deshalb sitzt er auch nicht in der Kommission.

Demokratie mit künstlerischem Sicherheitsabstand

Nach Angaben der Stadt wurden die Entwürfe öffentlich vorgestellt und mehr als 10.000 Stimmen abgegeben. Die endgültige Auswahl traf jedoch die unabhängige Fourth Plinth Commissioning Group; der Bürgermeister genehmigte die Empfehlung.

Das ist moderne kulturelle Bürgerbeteiligung: Die Öffentlichkeit darf ihre Meinung äußern, bevor ein Gremium die richtige Entscheidung trifft.

Das Verfahren ähnelt damit zunehmend der Politik. Der Bürger darf ankreuzen, kommentieren und diskutieren. Anschließend erklären Fachleute, was das Ergebnis zu bedeuten hat.

Sollte jemand die Statue hässlich finden, hat er das Werk möglicherweise nicht ausreichend kontextualisiert. Sollte er es schön finden, hat die kulturelle Bildungsarbeit funktioniert. Und sollte er fragen, was die Sache gekostet hat, lenkt er vermutlich mit populistischer Buchhaltung vom gesellschaftlichen Diskurs ab.

Dabei darf Kunst teuer, verstörend, merkwürdig und sogar hässlich sein. Gerade öffentliche Kunst muss sich aber auch öffentliche Kritik gefallen lassen – besonders dann, wenn sie mit Steuergeld finanziert und mit politischen Begriffen aufgeladen wird.

Wer ein Werk auf einen der prominentesten Plätze der Welt stellt, kann nicht gleichzeitig verlangen, dass die Bevölkerung davor nur ehrfürchtig nickt.

Der Sockel ersetzt das Argument

Die eigentliche Leistung der „Lady in Blue“ besteht womöglich gar nicht in ihrer Form. Sie zeigt, wie der westliche Kulturbetrieb inzwischen funktioniert.

Zuerst entsteht ein Werk. Danach bekommt es einen Katalog politisch wertvoller Bedeutungen: Diversität, Teilhabe, Zukunft, Gerechtigkeit, Sichtbarkeit und Selbstermächtigung. Wer nun lediglich über Proportionen, Ästhetik oder Kosten sprechen möchte, hat das gesellschaftliche Gesamtwerk angeblich nicht verstanden.

Auf diese Weise wird Kunst gegen Kritik immunisiert.

Nicht jedes Bild muss schön sein. Nicht jede Skulptur muss allen gefallen. Aber ebenso wenig wird jedes grotesk proportionierte Objekt automatisch tiefgründig, nur weil eine Pressemitteilung die Wörter „kollektive Zukunft“ und „Repräsentation“ darumwickelt.

Wir hatten diese Kunst der künstlichen Bedeutungsaufladung bereits beim deutschen Bühnenereignis „Wal ans Kreuz, Hirn durch den Fleischwolf“ untersucht. Auch dort reichte es nicht, etwas schlicht darzustellen. Das Objekt musste gleichzeitig Erlösung, Gesellschaftskritik, Medienanalyse und moralische Selbstbefragung übernehmen.

Die moderne Kunst darf offenbar alles – außer einfach Kunst zu sein.

Für zwei Jahre typisch

Die „Lady in Blue“ soll zwei Jahre auf dem Trafalgar Square bleiben. Danach wird sie dauerhaft nach Fornebu in Norwegen gebracht. Ab 2028 folgt auf dem Sockel eine neue Arbeit: ein verhülltes Reiterstandbild aus blassgrünem, durchscheinendem Kunstharz.

Die typische Londonerin wird also nach Norwegen exportiert und durch ein grünes Geisterpferd ersetzt.

Man könnte darin beinahe einen unbeabsichtigt ehrlichen Kommentar zur Haltbarkeit moderner Identitätspolitik erkennen: Heute repräsentiert eine Figur die gemeinsame Gegenwart und Zukunft von Millionen Menschen. Zwei Jahre später wird sie abgebaut, verladen und durch die nächste kuratorisch genehmigte Wahrheit ersetzt.

So betrachtet passt die „Lady in Blue“ tatsächlich hervorragend zu London.

Nicht weil jede Londonerin aussieht wie sie.

Sondern weil in der modernen Metropole selbst das angeblich Typische nur eine befristete Installation ist.


Ø Bewertung = / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

f340e5967e1f42c2a2fea5d94afdc10f
Stimmen aus dem Maschinenraum

8 Kommentare

  1. Dampfwalze regelrecht. Weder elegant, noch daß sie gelassen und souverän oder selbstbewußt wirken würde. Und god-like black beauty schon garnicht! Eher wie von Hektik und Eile getrieben, absolut unladylikes Trampeltier in Blaumann und Sauseschritt. Wie eine, die etwas spät dran ist und schnell zu ihrer Arbeitsstelle muß, vielleicht Dienstpersonal — Hausmädchen, Köchin oder so. Nein, britische Hauptstadtdamen sehen anders aus!

    Stell‘ dir vor, jene blaue Dampfwalze auf Speed stünde in Beijing auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Oder wäre weiß und auf dem für Nigerias Hauptstadt bedeutendsten Platz aufgestellt! Da würde man sich doch wohl am Kopf kratzen, isn’t it!? Aber wir sind hier ja in Europa, da wundern wir uns schon lange nicht mehr. Vor allem nicht über uns.

    Denn noch viel seltsamer, befindet sich auf dem Trafalgar Square lang‘ schon auch eine Statue von GEORGE WASHINGTON. Der den Briten ihre amerikanische Kolonie geklaut hat. Naja, Churchills Mama war Amerikanerin, eine Vanderbilt. Toyota, nichts ist unmöglich, jedenfalls nicht für supranationale Elite.

    Kommissar Alles Klar hat einen ganz konkreten Verdacht: Die spinnen, die Europäer! Und die Briten am meisten, echte Exzentriker.

  2. Also, da gibt es doch wohl kein Vertun? Die auf dieser Seite dargebotene „Blaue“ schlägt doch wohl das Original in London um Längen…(oder Breiten…) 🙂
    Das ganze politisch-ideologisch-gesellschaftskritische Geschwurbel drumherum kann man doch mal vergessen. Alle weiblichen Attribute sind doch dargestellt. Also erfreuen wir uns daran. Einfach so.

Senf dazugeben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert.