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Analyse29. September 2026

Projektionsformen (II): Probleme der Subjektbildung bei Kant

2026 09 25 kant

Und doch spielen Gefühle bei Kant eine wichtige Rolle

Der Begriff der Subjektbildung ist unmittelbar mit dem Gefühl und der Gefühlsbildung verknüpft, über die wir uns als menschliche Wesen wahrnehmen; gegenstandsbezogen, weil das Gefühl im Moment seines Entstehens nicht umhin kommt, auf etwas extern – außerhalb seiner selbst – zu verweisen; auf einen Gegenstand, in den wir schöne und nicht so schöne Gefühle, ausgelöst durch Erlebnisse (Gegenstände) der Vergangenheit, projizieren, mehr oder weniger intensiv, Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindend, die Verbindung unentwegt analysierend im Hinblick darauf, was werden soll (Zukunft); wobei die Externalisierung des Gefühls scheitern kann, wenn der Gefühlsbezug dem Innenleben nachhaltig nicht entrinnt, fast als wolle er ihm nicht entrinnen, weil das Gefühl sich auf einen allzu schönen Gegenstand der (inneren) Verheißung ergießt, um zugleich reale Gegenstände des alltäglichen Nahbereichs zu diskriminieren; sodass dieser sich am Ende gefühlsmäßig austrocknet sieht.

Dennoch ist richtig, dass die Vergangenheit die Einbeziehung des Innenlebens, der Gefühle, in den gegenwartsbezogenen analytischen Kontext unausweichlich macht, mit oder ohne begrenzende Wirkung im Hinblick darauf, dass die Externalisierung des Gefühls scheitert, in Kants Worten: Gefühle den sozialen Kontext (negativ) restringieren; sie vermögen den sozialen Kontext aber auch, nunmehr kontradiktorisch zu Kant, aktiv und positiv zu entwickeln – umso eher, je größer die Wahrscheinlichkeit von Projektionsarbeit in einem machtfreien Raum ohne Leistungsprinzip und damit sozialverträglich gegeben ist, wenn die Externalisierung des Gefühls nicht scheitert. Wie das zu verstehen, dazu gleich mehr.

Mit oder ohne Kant ist schon mal richtig, dass mit dem Gefühl nicht nur alles anfängt in dem Sinne, dass uns Gegenstände, im wesentlichen Menschen, zustoßen. Wir setzen uns mit ihnen auch auseinander, freilich nicht mit dem Gefühl an sich, sondern mit Menschen und verhandelbaren (äußeren) Gegenständen; sie lösen in uns Gefühle aus, die ihrerseits wiederum, anders herum gesehen, im Projektionsmodus auf einen Gegenstand, mithin Menschen, und das, was wir mit ihnen verbinden oder erzeugen: Fantasien und Vorstellungen, verweisen. Wir kommen halt um die innere Erfahrung, bloße Bilder oder Fantasien, nicht herum.

Die Frage ist indes, ob sie mit der sozialen Realität in Berührung kommen (wollen). Kurz, Vorstellung und Realität: das Wechselspiel von Innen und Außen, macht zusammengenommen unsere Erkenntnis- und Entwicklungsfähigkeit aus, mithin das, was Kant Erfahrung nennt. Das ist ein Prozess, der in Bewegung bleiben muss; denn Erkenntnis und Erfahrung sind nicht etwas, was man ein für alle Mal besitzt, zumal wenn sie sich im Innenleben von der sozialen Praxis isolieren, sondern bedürfen immer wieder der Erneuerung oder Belebung in einem interaktiven Kontext, in dem die Externalisierung des Gefühls nicht nachhaltig, einer sozialverträglichen Entwicklung abträglich, scheitert; andernfalls droht Verblödung. Bei Kant hört sich das gleich zu Anfang in der Einleitung zur Kritik der reinen Vernunft – etwas schematisch und ziemlich entwicklungsabstinent – wie folgt an:

»Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher, und mit dieser fängt alle an« (Kant 1887, S. 45).

Dass wir uns mit Gefühlen nicht nur auseinandersetzen, nachdem diese in uns durch einen Gegenstand ausgelöst worden sind, sondern überdies durch sie hindurch Beziehungen im Projektionsmodus aktiv, zumal offen und nicht vorhersehbar, gestalten, bringt Kants Philosophie allerdings nicht und schon gar nicht explizit zum Ausdruck; wiewohl er, wie in (Witsch 2013, Kap. 1.0, Kap. 1.1) dargestellt, hellsichtig den Leib-Seele-Antagonismus in einen gleichsam vorhersehbaren, sozusagen ordnungsgemäßen wie auf Versöhnung zielenden, Innen-Außen-Mechanismus transformierte und damit den Projektionsbegriff technisch vorbereitete.

Allerdings ohne diesen explizit zu verwenden. Noch einmal: Gefühle lösen Erfahrung und Denken aus, mehr sollen sie Kant zufolge nicht. Hernach haben sie sich keinesfalls einzumischen in die Ordnung einer eindeutig definierbaren und zu definierenden Innen-Außen-Beziehung: es gibt einen richtigen, gleichsam ordnungsgemäßen Weg von innen nach außen; dieser Weg, die (innere) Erkenntnis der (äußeren) physischen wie sozialen Welt, könne korrekt (vor-) gezeichnet werden; und am Ende dieses Weges seien die äußeren Gegenstände korrekt identifizierbar, nicht als solche, sondern apriori erkennbar im Hinblick darauf, was sie zusammensetzt: im Sinne von eindeutig wahr oder nicht wahr verobjektivierbar. Kurzum: einer beweglichen Deutung nicht zugänglich.

Wahre Erkenntnis sei ferner nicht in den Gegenständen selbst, sondern in den Verstandesbegriffen wie in der empirischen Erfahrung enthalten, ohne etwas über Gegenstände, das Ding an sich, auszusagen. Die Dinge erscheinen uns nur in ihrer zusammengesetzten Form; als Vorstellung (in uns); als Erscheinung, erfahren sie (in uns) eine Verwandlung, verhüllt durch das, was sie zusammensetzt. Das, was an Wahrheit in den Verstandesbegriffen einerseits und der empirischen zusammengesetzten Erfahrung andrerseits enthalten ist, korrespondiere miteinander, und zwar in der Weise, dass der Weg vom (zusammensetzenden) Verstand hin zur zusammensetzenden Wahrheit in der empirischen Welt beschrieben werden kann und am Ende beschritten werden muss, damit wirkliche Erkenntnis des Zusammensetzenden in Bezug auf Erfahrungsdinge möglich sei.

Nicht nur im Hinblick auf die spekulative Vernunft, die auf die physische Welt verweist, sondern auch auf die praktische Vernunft, die auf die soziale Welt verweist, ist die Erkenntnis des Wahren möglich, mithin sozialverträglich herstellbar, in der sozialen Welt freilich auf andere Weise als es in der physischen Welt geschieht, in der alles von vornherein so ist wie es ist und nur erkannt werden kann, allerdings ebenso über den Verstand herstellbar als eigentliches, Wahrheit ermöglichendes Substrat des Innenlebens, bzw. der Vernunft.

In diesem Zusammenhang denunziert Kant das Gefühl als Substrat zur Steuerung der äußeren sozialen Welt ausdrücklich: der Mensch hat sich letztendlich, wenn er denn einen Weg zu einer glückseligen sozialen Welt beschreiten und sie dadurch schaffen wolle, der Wahrheit: dem Kategorischen Imperativ (KI), dem inneren Gesetzgeber, der eine solche glückselige Welt möglich mache, ohne Wenn und Aber unterzuordnen; das hieß für Kant: debattiert über wahr und falsch, den richtigen Weg zur Erkenntnis, so viel ihr wollt, über Gott und die Welt, aber gehorcht (der Obrigkeit als Emanation des KIs), auch wenn eure Neigungen oder eure Gefühle etwas anderes sagen; vielleicht sogar zurecht. Denn entscheidend ist, dass das Verhältnis der glückseligen Verheißung zur Wahrheit oder umgekehrt: der Wahrheit zu dem, was werden soll, gleichsam schon im Innenleben (vollständig) enthalten ist, ein Vorgang des Innenlebens im Sinne eines glasklaren (inneren Vor-) Bildes für das, was werden soll, welches das Gefühl als etwas, das aktiv und gestaltend auf ein Außen verweist, nicht braucht. Im Gegenteil: das Gefühl ist viel zu oft kein guter Ratgeber; Gefühlsaktivitäten würden aller Wahrscheinlichkeit nach alles Gute und Richtige: eine zukünftige glückselige Welt, schon im Ansatz verunmöglichen.

Mit anderen Worten: es ist purer Zufall, wenn ein Handeln aus dem Gefühl heraus gegen alle Wahrscheinlichkeit doch mal richtig liege. Also weg mit dem Gefühl; wegdrücken, abspalten. Das war Kants Devise; für meine Begriffe zutiefst inhuman, zumal deutsche Eigenschaft; sie ist geeignet, den Faschismus auszubrüten: Gefühle so lange wegdrücken und abspalten, bis sie buchstäblich über uns herfallen.

Und doch spielen Gefühle bei Kant eine wichtige Rolle; das lassen schon Worte und Redewendungen im obigen Zitat wie »zur Ausübung erweckt werden« oder »unsere Sinne rühren erahnen«, die freilich unmittelbar in gleichsam gefühlsfreie Worte oder Redewendungen, die sich auf die Verstandestätigkeit beziehen, eingelassen sind, als da u.a. im selbigen Zitat sind: »zu verknüpfen oder zu trennen«. Der Rohstoff des Gegenstandes, durch das Gefühl freigelegt, oder umgekehrt: das Gefühl, durch einen uns zustoßenden Gegenstand freigelegt, wird sogleich im Verstandesbegriff glattgebügelt; dieser braucht das Gefühl nicht, um zu gestalten; es würde nur stören; eher alles falsch machen; ich möchte es so ausdrücken: der Verstand: das Ich denke, spaltet das Gefühl und damit die Vergangenheit des Menschen ab und gerinnt zum Rationalisierungswahn, der der Vergangenheit und den Gefühlen, obschon er sie abspaltet, durchaus nicht entrinnt, wie die Individual- und Sozialpsychologie heute weiß, eine Abspaltung, die deshalb heute im Sinne einer notwendigen und richtigen Sicht auf die Dinge kaum mehr zu begründen ist, noch dazu merkwürdig anmutet; denn Kant lässt mit der Erfahrung, die er mit dem durch selbige Erfahrung erzeugten Gefühl unmittelbar verknüpft sieht, ja auch alles beginnen, freilich wie um der Form halber, um im selben Atemzug zu relativieren:

»Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat« (ebd).

Die Dinge sind nicht als solche, sondern nur in ihrer zusammengesetzten oder sie zuammensetzenden Form erkennbar

Schon die sogenannten reinen Anschauungsformen Raum und Zeit integrieren, bzw. setzen die Eindrücke zu einem Ganzen oder einer Einheit zusammen. Jene Eindrücke sind im Inneren des Menschen über jene Anschauungsformen präsent, indes diese unabhängig von den Eindrücken und den Gegenständen, die sie hervorrufen, existieren und erkannt werden, notwendig erkannt werden, denn der Eindruck ist nur in Raum und Zeit präsent, während diese, eigentlich und streng genommen, gegenständlich nicht erkennbar sind, da die apriorische Erkenntnis ihren Gegenstand in der Erfahrung: ihren verobjektivierbaren Gegenstand, nicht nur braucht, sondern gleichsam (innerlich) in unserer Vorstellung erschafft im Sinne apriorischer Erkenntnis in der Erfahrung: was wir apriori erkennen, ist, dass Raum und Zeit den Gegenständen notwendig, also apriori etwas hinzufügen, wenn sie die durch Gegenstände veranlassten Eindrücke zusammensetzen, sodass sie: Gegenstände und Eindrücke, mit Raum und Zeit gleichsam verschmelzen.

So mag es nur scheinen, als seien Raum und Zeit zusammen mit den Gegenständen empirisch erfahrbar; Raum und Zeit sind aber nicht Gegenstand empirischer Erkenntnis, sondern transzendentale Begriffe deshalb, weil sie eben als das, was zusammensetzt, notwendig und zugleich unabhängig von der Erfahrung (apriori) und den in ihr zusammengesetzten Gegenständen erkennbar sind; das ist der Fall, wiewohl Raum und Zeit als transzendentale Entitäten nicht-gegenständlich sind, und analog dazu, wie wir später sehen werden, ein Begriff als solcher nicht-gegenständlich ist, der Gegenstand also abzusondern ist von Raum und Zeit, durch die er zusammengesetzt, mithin zur Vorstellung gebracht wird; und, last not least, ist das Raum-Zeit-Erkenntnisvermögen ebenso abzusondern vom durch Gegenstände veranlassten Gefühl, das durch Gegenstände aufgerührt werde.

Es gilt indes nicht nur, das Gefühl zusammen mit den von diesem veranlassten Gegenständen von den reinen Anschauungsformen Raum und Zeit, die jene gleichsam gefühligen Gegenstände zu Eindrücken integrieren, zu isolieren; sondern jene durch die reinen Anschauungsformen gegebenen und zu Eindrücken integrierten Gegenstände, mithin die Eindrücke selbst, sind außerdem von den (reinen) Verstandesbegriffen: von dem, was begriffstechnisch zusammensetzt, zu isolieren, bzw. die Verstandesbegriffe existieren wie die Anschauungsformen Raum und Zeit jeweils als eigenständige Entitäten des Erkenntnisvermögens; mit anderen Worten: Verstandesbegriffe und Anschauungsformen sind rein und unmittelbar apriori im Menschen als transzendentales, mithin ungegenständliches Erkenntnisvermögen im Menschen präsent; als Kategorien oder reine Verstandesbegriffe bürgen sie für Verobjektivierung in der Erfahrung: der empirischen Gegenstände, die gegeben sind durch reine Anschauungsformen; wobei der korrekte Gebrauch der (reinen) Verstandesbegriffe nur durch sehr viel Übung (in der Erfahrung) sichergestellt werden kann, sodass objektive Erkenntnis in der Erfahrung möglich ist.

Analog verhält es sich mit den Anschauungsformen (Raum und Zeit); nur dass wir uns, anders als beim Gebrauch der Verstandesbegriffe, nicht dagegen wehren können, mithin nicht darin üben müssen, die wahrnehmbaren Dinge räumlich und in den Kategorien der Zeit zu sehen; die Dinge sind uns durch und in Raum und Zeit gleichsam auf natürliche Weise: notwendig, gegeben, sodass hier die Begriffe falsch und richtig (denken) fehl am Platz sind.

Wesentlich ist allerdings, dass die apriorischen Anschauungsformen, aber vor allem auch die apriorischen Verstandesbegriffe auf Gegenstände der Erfahrung verweisen müssen, um diese aus unserem Erkenntnisvermögen, dem Zusammensetzenden, zu einem Zusammengesetzten zu integrieren und dadurch zu einer Erfahrung werden zu lassen, die dann nicht nur in unserer Vorstellung, sondern objektiv existiert, gleichsam notwendig ist im Sinne einer Erkenntniserfahrung, wobei in der Erfahrung der Gegenstand der Erfahrung durch das Zusammensetzende verhüllt, mithin zum berühmten Kantischen Ding an sich wird, das nicht erkannt werden könne, sondern nur so existiert, wie es in unserer Vorstellung (als Phantasie), bzw. als Erscheinung, aber eben nicht nur als Einbildung existiert. Die Dinge sind nicht das, was sie für uns sind, auch wenn sie, für sich genommen, sein mögen, was sie sind. Letzteres ist allerdings belanglos, weil nicht erkennbar.

Wichtig ist nicht, was die Dinge sind, sondern wie sie uns erscheinen: was sie für uns sind, letzteres aber vorhersehbar, resp. objektiv: Vorstellungen sind eindeutig als richtig oder falsch identifizierbar, eben weil ihnen Apriorisches inhärent ist, das sie zusammensetzt oder ordnet. Hier liegt der Akzent nicht auf dem Was, sondern auf dem Wie, gleichsam auf der Beziehungsebene, ohne dass Dinge in sich erkennbar, Gegenstände wie Menschen, getrennt von dem, was sie ordnet oder sozialisiert. Kurzum: für sich genommen entziehen sie sich dem Erkenntnisvermögen.

In Bezug auf die praktische Vernunft (Moral) war Kant überzeugt, dass es einen gegenstandsbezogenen: auf Kommunikation gründenden und damit indirekt-externen, aber vom Gefühl dominierten projektionsgestützten Zugang zum apriorischen Kern des Innenlebens nicht gibt, sodass dessen Geltungsanspruch aufgrund des Projektionsmodus (Gefühlsverschiebungen) einer immer wiederkehrenden Überprüfung auch nicht bedarf. Wie auch ohne gegenständlichen Zugang.

Das ist heute nicht mehr vermittelbar. Indes bürgt erst die ständige Überprüfung des Innenlebens (auf der Grundlage der Beziehungsebene) für sozialverträgliche, nicht krankmachende Projektionsarbeit, die, bleibt sie aus, auch schon mal Vergewaltiger wie Fritzl von Amstätten erzeugt (vgl. Witsch 2013, Kap. 1.2) oder eher harmlos: hochdekorierte Angeber aus dem Wissenschaftsbetrieb, die von oben herab alles besser wissen, noch bevor sie auf etwas gestoßen sind.

Kant würde gar nicht verstanden haben, was es bedeutet, krankhaft und krankmachend zu projizieren: dass es passieren kann, dass uns das Gefühl einen direkten oder notwendigen, gleichsam apriorischen Zugang zum Innenleben im Kurzschlussverfahren suggerieren kann: im Bestreben, soziale Felder mit eigenen Gefühlen zu synchronisieren (aaO, Kap. 2.4).

Jenen Zugang zum Innenleben, dem eigenen wie dem anderer Menschen, gibt es nur indirekt, über die Externalisierung des Gefühls: den Objektbezug des Gefühls (Witsch 2009, S. 17f), in diesem Sinne über einen konkreten Gegenstand; für Kant war das Innenleben allerdings apriori: nicht-gegenständlich, unabhängig von der Erfahrung, bestimmbar, in Bezug auf die praktische Vernunft ebenso unmittelbar und direkt wie in Bezug auf die spekulative Vernunft, nämlich zentral über das Faktum der Vernunft des KIs, der, wie das Erkenntnisvermögen in Bezug auf die physische Welt, notwendig und daher apriori (also in Wirklichkeit gar nicht als Faktum) in jedem Menschen präsent sei.

Was wir von Kant lernen können, ist, dass der Blick auf die Welt verstellt ist durch das, was sie integriert, so wenn wir die Welt universalistisch durch das Auge Gottes betrachten oder einfacher durch das Auge anerkannter Autoritäten, denen wir vertrauen, sodass wir meinen, unsere eigenen Augen nicht mehr zu benötigen; wir sind aber gehalten, die Welt eigenständig durch unsere eigenen Augen zusammen mit unserem Verstand zu betrachten und zwar in dem Maße, wie uns die Augen der Autoritäten abhandenkommen oder deren Autorität erodiert, weil sie die soziale Welt ganz offensichtlich immer verzerrter: im Modus krankhafter und krankmachender Projektion, wahrnehmen und verarbeiten und dadurch immer offensichtlicher nicht in der Lage sind, die Menschen, mithin das zusammenzuhalten, was zusammengehört. Davon zeugt der exzessive Sozialabbau durch die politische Elite.

Dass universale Strukturen oder allgemein anerkannte Autoritäten zu erodieren vermögen bis hin zu ihrer vollständigen Auflösung, hat sich Kant noch nicht vorstellen können.[1] Er verehrte seinen König und war zutiefst gottesfürchtig (für meine Begriffe heute unvereinbar mit selbstständigem Denken). Doch das ist, bezogen auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse und unseren Blick auf das Soziale, eine vielleicht allzu weitreichende, viele würden sagen: gewagte Interpretation der Kantischen Philosophie.

Im Sinne eines Fazits können wir ohne Gefahr, uns allzu sehr zu verrennen, die Kantische Philosophie vielleicht vorläufig wie folgt zusammenfassen: Von wirklicher Erkenntnis können wir sprechen, wenn die apriorischen Begriffe – (reine) Verstandesbegriffe, Anschauungsformen Raum und Zeit – auf Gegenstände der Erfahrung angewandt werden, immer vorausgesetzt, sie zeigen auf Gegenstände, was sie nicht immer tun, etwa, was die Verstandesbegriffe betrifft, im Pathos »leerer Begriffe« wie Freiheit und Demokratie zur Rechtfertigung von Kriegseinsätzen (Witsch 2013, Kap. 2.5.2).

Gleich werden wir noch ergänzen, dass die Allgemeinbegriffe, sollen sie nicht leer im Kreise sich drehen, auf Gegenstände in den Grenzen möglicher Erfahrung zeigen müssen, um wirkliche und objektive Erkenntnis zu ermöglichen, wobei es einen Unterschied gibt zwischen »objektiv« im Sinne wirklicher Erkenntnis (bezogen auf einen Gegenstand) und »verobjektivierend« im Sinne eines ungegenständlichen transzendentalen (notwendigen) Vermögens von Verstand und Anschauung als Bedingung zur Verobjektivierung.

Mit Gefühl gefühlsfrei gestalten (Begriffsschematismus)

Man kann auch von einer ordnenden Hand sprechen, die bei Kant durch Kategorien: reine Verstandesbegriffe und Schematismen derselben, realisiert werden. Wie darf man das verstehen? Nun, im apriorischen Begriffs-Schematismus werden die Erfahrungsdinge zusammengesetzt und zwar durch das innere Vermögen des Verstandes, die Dinge, wie Kant sich ausdrückt, zu »apprehendieren« (Kant 1887, S. 154) – verstandesbegrifflich. Dies im Sinne eines Aktes, der schematisch auf Empirisches verweist, um seine Teile zu einem Ganzen zu schmieden. Das ist als bewusster, ausdrücklich nicht-hypostasierender, aktiver Akt zu verstehen, ein wie durch den Instinkt veranlasstes Bestreben der im Inneren angesiedelten Vernunft, welche die Verstandestätigkeit in Bewegung setzt und begründet.

Jener nicht näher beschreibbare und daher transzendentale Vernunftinstinkt, das, was für Schopenhauer später, in seinem Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« (Schopenhauer 1819), der unberechenbare Wille sein wird, bewirkt, dass alle Wahrnehmungsgegenstände vorauseilend, noch bevor der Verstand auf sie gestoßen ist (Witsch 2009, S. 47), als Einheit apperzepiert werden; noch bevor man etwas wirklich verstanden (bewusst apprehendiert) hat, alles gleichsam automatisch (notwendig), wie durch den Instinkt geleitet, ohne dass wir so recht bemerken, was wir tun, nämlich zunächst (unbewusst) apperzepieren, um hernach aber bewusst, sprich: schematisch, zu apprehendieren.

Das Empirische oder, wie Kant sagt: das Mannigfaltige der Anschauung (in Raum und Zeit), habe zunächst, gleichsam automatisch wie vom Instinkt geleitet, eine

»notwendige Beziehung auf das: Ich denke, (…) darin dieses Mannigfaltige angetroffen wird. Diese Vorstellung [der Einheit des Mannigfaltigen, F.W.] aber ist ein Actus der Spontaneität, (…) reine Apperzeption, um sie von der empirischen zu unterscheiden, oder auch die ursprüngliche Apperzeption, weil sie dasjenige Selbstbewußtsein ist, was, indem es die Vorstellung Ich denke hervorbringt, (…) von keiner weiter begleitet werden kann. Ich nenne auch die Einheit derselben die transzendentale Einheit des Selbstbewußtseins, um die Möglichkeit der Erkenntnis a priori aus ihr zu bezeichnen« (aaO, S. 136).

Somit löst sich das Gefühlsträchtige des Mannigfaltigen gleichsam im Verstand auf, in der Erkenntnis apriori, die im Verstandes- bzw. Allgemeinbegriff zum Ausdruck kommt, den es aber auf konkrete Dinge, die außerhalb jener im Inneren angesiedelten Erkenntnis (‑fähigkeit) liegen, anzuwenden gelte, andernfalls der Allgemeinbegriff, nur mit sich selbst beschäftigt, im Leeren kreiste, mithin ohne Belang wäre. Für sich genommen ist er zu einer wirklichen Erkenntnis nicht fähig, sondern nur in den Grenzen unserer möglichen Erfahrung.

Das heißt, der Weg vom inneren Verstand (esbegriff) zu einem äußeren Gegenstand ist entscheidend, der überdies durch die im Inneren angesiedelten Anschauungsformen Raum und Zeit gegeben ist, damit der Begriff eine praktische Bedeutung für einen konkreten Menschen erlangt.

Kant hätte vielleicht mit seinem damaligen Wissen heute erkannt, dass Theophils Argumente für Kriegseinsätze in Libyen im Leeren kreisen, da sie mit Leerbegriffen wie Freiheit und Demokratie arbeiten, ohne dass diese auf etwas verweisen, was für einen konkreten Menschen von praktischer Bedeutung wäre (vgl. Witsch 2013, Kap. 2.5.2).

Wesentlich ist, die Vernunft: das »Ich denke«, nimmt für Kant ihren Anfang nicht mehr von einem Außen: von Gott und dem heiligen Geist, der auf uns hernieder und in uns hinein fließt, sondern kommt unmittelbar aus dem Innenleben des Menschen, um im gleichen Atemzug auf ein Außen: empirische Gegenstände, zu verweisen. Damit konstituiert Kant die Innen-Außen-Beziehung, bzw. bereitet den Projektionsbegriff vor.(aaO, Kap. 1.0, Kap. 1.1) Dieser besagt, dass wir unsere Gefühle, sprich: unser Innenleben, auf äußere Gegenstände, in andere Menschen hinein projizieren, aber auch in uns selbst projizieren auf Gegenstände innerer Verheißung, die ihren äußeren (realen) Gegenstand nicht findet oder nicht nachdrücklich oder bewusst sucht, um dann von der äußeren sozialen Realität dennoch heimgesucht zu werden, etwa in Form des Ersten Weltkrieges, in den die meisten Menschen hoch emotionalisiert involviert waren – über einen auslösenden Anlass spontan sich konstituierenden Innen-Außen- oder Objektbezugs, der von der politischen Elite allerdings über Jahre vorbereitet wurde.

Hier zeigt sich: Die Externalisierung des Gefühls ist zwingend und unvermeidlich; suchen wir sie nicht bewusst und nachdrücklich, fällt sie irgendwann über uns her.

Nicht weniger spontan baut sich Kant zufolge die Innen-Außen-Beziehung durch die im Innen angesiedelten Vernunft auf – mithilfe der Verstandesbegriffe: dem Substrat der Vernunft, das zusammensetzt, bzw. apprehendiert; das heißt, ganz wichtig, die Apprehension erfolgt nicht-hypostasierend aus dem Gefühlsimpuls (Auslöser) heraus, obwohl andererseits Kant zufolge die Vernunft mit Gefühlsprojektionen, die die Innen-Außen-Beziehung vergangenheitsinduziert und in der Gefühlsverschiebung beweglich machen, nichts zu schaffen hat.

Aus der Perspektive von Kant zurecht, da ihm zufolge die Gefühlsprojektion: der Weg von Innen nach Außen, festgefügt und vorhersehbar objektivierbar, mithin wahr sei auf eine bestimmte und apriori zu bestimmenden Weise; diese eine Weise zu erkennen müsse das Subjekt in der Lage sein; es müsse durch viel Übung seinen Verstand korrekt zu gebrauchen wissen im Hinblick auf eine äußere Welt, die richtig nur in einer Weise: vorhersehbar wie ein großes Uhrwerk, funktioniert und verwendbar ist: was können wir wissen?, und, was die soziale Welt betrifft, gestaltbar ist: was sollen wir tun? Also sind wir es, unabhängig von der äußeren empirischen Welt, die Kant zufolge das, was uns zustößt, durch äußere sinnliche Eindrücke oder Gegenstände veranlasst, in uns erzeugen, gleichsam dem großen Welt-Uhrwerk nachempfunden, aus einem (Gefühls-) Impuls heraus, impulsiv: wir apperzepieren die Realität, nämlich das, was sie im Innersten zusammenhält und zur Einheit schmiedet, ob nun richtig oder falsch, sei dahin gestellt, zumindest aber als Bedingung richtiger (objektiver) Erkenntnis, sozusagen, und das mutet merkwürdig an: gefühlsfrei mit Gefühl.

Dabei fängt alles gar nicht so merkwürdig, eher harmlos an: Zunächst sagt Kant,

»Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was [mit] einer Empfindung überhaupt korrespondiert« (Kant 1887, S. 191)

Indes spielt sich alles, die äußere Realität wie im vorauseilendem Gehorsam vorwegnehmend, im Inneren ab: Kant postuliert mit der Korrespondenz zwischen Gefühl und Verstand indes ein Drittes im Inneren des Menschen, das zwischen Gefühl und Verstand vermittelt; ohne dieses vermittelnde Dritte wäre objektive Erkenntnis der äußeren Gegenstände nicht möglich, wobei nicht die Erkenntnis des »Dings an sich« gemeint ist, die Kant zufolge nicht möglich ist, sondern nur die Erkenntnis dessen, was die Dinge zusammensetzt, bzw. zusammenführt: die ordnende Hand. Objektive Erkenntnis sei deshalb möglich, weil das, was die (äußere) empirische Welt gefühlsfrei zusammensetzt, gleichsam (noch einmal) in den reinen Verstandesbegriffen (im Inneren) enthalten sei:

»Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des Mannigfaltigen überhaupt” (aaO, S. 188),

rein deshalb, weil von sinnlichen Gefühlen frei; als könne das etwas sein, und das mutet merkwürdig an, das von Gefühlen nicht besetzt ist: eine gefühlsfreie Leerstelle im Inneren des Menschen.

Dummes Zeug. Kant postuliert einfach ein Drittes, eine vermittelnde Verbindung zu den Gefühlen, und zwar im Schematismus der Verstandesbegriffe, der als Drittes für die Vermittlung zwischen Verstand und den sinnlichen empirischen Gegenständen verantwortlich zeichnet, was vermutlich einer hypostasierenden Argumentation vorbeugen soll; man könnte nämlich auf den Gedanken kommen, der Begriff selbst sei mit Gefühlen begabt und veranlasse etwas und nicht der Mensch, zunächst impulsiv (apperzeptiv) und dann mithilfe des Begriffs (apprehensiv).

Dieses Nacheinander wusste Höffe in seiner Kant-Rezeption übrigens nicht recht zu würdigen; wie auch; ohne Projektionsbegriff, was ja bedeutet: von sich auf den Gegenstand oder andere Menschen schließen, bleibt ihm wenig anderes übrig als Kant nachzuplappern; ihm zufolge haben wir es beim Schematismus mit einem bewusst ordnenden Akt zu tun, mit, und das sieht er entscheidend nicht, Projektionsarbeit in der sogenannten Apprehension (Zusammensetzung), die, wie Höffe nunmehr richtig, wiewohl ziemlich einfallslos rezipiert, auf Empirisches, ein Außen, verweist; indes ohne dass er in diesem Zusammenhang den Apprehensions-Begriff explizit verwendet (Höffe 1983, S. 109 – 115), der zudem erst im Zusammenhang mit dem Apperzeptions-Begriff Sinn ergibt.

Es geht etwas genauer darum, apperzeptiv-apprehensiv (Kant 1887, S. 191) einen Weg vom Innen hin zum Empirischen, einem Außen, (innerlich vor) zu zeichnen (zu denken), immer wieder, um jenen Weg (ziel- und sach-) gerecht beschreiten zu können. Kurz, es geht um Übung, Übung und nochmals Übung. Das sieht Höffe ganz richtig. Obwohl Übung, wie bei ihm zu sehen, nicht alles ist.

Ich möchte den Schematismus an zwei Beispielen illustrieren: Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, nämlich eine gerade Linie apriori zu denken, setzt voraus, dass wir jene Linie innerlich nicht weniger apriori realisieren (Begriffsbildung), sprich: im Geiste zeichnen und anschauen (Schema des Begriffs »Gerade«); mit dem Schematismus der Kausalität verhält es sich analog:

»Das Schema der Ursache und der Kausalität eines Dinges überhaupt ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas anderes folgt. Es besteht also in der Sukzession des Mannigfaltigen, in so fern sie einer Regel unterworfen ist« (aaO, S. 192).

Wobei die Ursache-Wirkungs-Regel in den Dingen jedes Mal aufgefunden werden muss. So kann B auf A folgen, ohne dass A die Ursache von B ist; dass A die Ursache für B ist, muss erst gezeigt, bzw. bewiesen werden; dass sowohl A als auch B eine Ursache haben, ist allerdings unstrittig, denn von Nichts kommt nichts.

Wir denken uns also eine Regel (innerlich apriori), nur sind wir zuweilen überfordert, die Regel in der Praxis anzuwenden. Ich würde sagen: wir projizieren krankhaft, wenn wir uns dessen nicht ständig bewusst sind, sondern glauben, immer alles ganz genau zu wissen, was es mit Menschen und Dingen auf sich hat. Noch einmal: bei Kant sind, ganz generell,

»die Schemate der reinen Verstandesbegriffe die wahren und einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte, mithin Bedeutung zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von keinem andern, als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie bloß dazu dienen, durch Gründe einer a priori notwendigen Einheit (wegen der notwendigen Vereinigung alles Bewußtseins in einer ursprünglichen Apperzeption) Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen, und sie dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer Erfahrung schicklich zu machen«. Und so ist »das Schema eigentlich (…) der sinnliche Begriff eines Gegenstandes, in Übereinstimmung mit der Kategorie« (z.B. der Geraden als kürzestem Weg zwischen zwei Punkten), was bedeutet, dass »die Schemate der Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisieren, sie doch selbige gleichwohl auch restringieren, d.i. auf Bedingungen einschränken, die außer dem Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit)« (aaO, S. 193f). Die Verstandesbegriffe bezögen sich unmittelbar auf das Schema der Einbildungskraft, freilich im Sinne einer Regel zur Bestimmung unserer sinnlichen Anschauung (aaO, S. 189f)

Im Schematismus der reinen Verstandesbegriffe oder Kategorien, den Weg der Erkenntnis apriori (so und nicht anders) vorzeichnend, spielt die Sinnlichkeit also eine nicht unwesentliche, die Kategorien auf die sinnlich-empirische Erfahrung restringierende Rolle, wobei der Verstandesbegriff als Entität der Erkenntnis zugleich unabhängig vom Gefühl existieren soll, ja muss, womit Kants Philosophie steht und fällt.

Kant war nicht so weit, die zwei wesentlichen Erkenntnisebenen oder -quellen: die logisch-verstandesmäßige und die Erkenntnis aus dem Gespür heraus, zu analytischen Zwecken zu trennen, ohne zu gewahren, dass und wie sie in der Praxis, sprich: im Projektionsmodus, real verknüpft, das heißt untrennbar zusammen gehören, als wären sie sozusagen aus ein und dem selben Holz geschnitzt. Das, was analytisch auseinander zu halten sei, müsse es auch als real getrennte Entitäten der Erkenntnis geben. Und so spielte die Sinnlichkeit für Kant nur eine negative, die Erkenntnis auf den Bereich möglicher Erfahrung eingrenzende Rolle, mithin auf keinen Fall eine aktive und unmittelbar die Erkenntnis erweiternde Rolle, und zwar – ganz wichtig – im (sprachgestützten) intersubjektiven Kontext. Dagegen spricht auch nicht Kants Überzeugung, wonach der Schematismus unseres Verstandes

»eine in den Tiefen der menschlichen Seele« verborgene Kunst sei (aaO, 190),

welche die ordnende Hand, für Kant das schlechthin Objektive, notwendig, allgemeingültig, mit der sinnlichen Anschauung in Raum und Zeit verbinde, eine Kunst, die in jedem Menschen zumindest in Spurenelementen vorhanden und auch wirksam sei, wie die Verstandesbegriffe und Kategorien apriori bestimmbar, als Vorbedingung aller wirklichen (empirischen) Erkenntnis, aber nur in den Grenzen möglicher Erfahrung, auf die der Schematismus der Verstandesbegriffe und Kategorien (nicht die Verstandesbegriffe und Kategorien selbst) verweist.

Wobei ich an dieser Stelle an die Eingangsfrage, die Kant hauptsächlich umtreibt, erinnern möchte, die da lautet: wie die Subsumtion der Gegenstände der (empirischen) sinnlichen Anschauung unter die reinen Verstandesbegriffe: die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen, möglich sei:

»Diese so natürliche und erhebliche Frage ist nun eigentlich die Ursache, welche eine transzendentale Doktrin der Urteilskraft notwendig macht, um nämlich die Möglichkeit zu zeigen, wie reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt angewandt werden können« (aaO, S. 187).

Nun, und dieser Weg, wie das möglich ist, ist im – den Weg absteckenden – Schematismus: methodologisch vorgezeichnet und wird in der menschlichen Verstandestätigkeit dennoch immer wieder verfehlt, weil die Menschen nicht geübt sind in der Anwendung ihres Verstandesvermögens.

So ist zu verstehen, dass wir Kant zufolge fälschlicherweise glauben, dass das, wodurch wir innerlich wie durch den Instinkt geleitet (dennoch aber wesentlich unsinnlich) ordnen (apperzepieren), nicht apriori erkannt werden könne, sondern aposteriori begründet, also eine Angelegenheit der Erfahrung sei, mithin nicht unabhängig von den (sinnlich-empirischen) Dingen – allgemeingültig, über den Dingen, transzendental – existiere.

Mit anderen Worten: wir sehen nicht, dass die Dinge (an sich) uns darüber, wie diese zu ordnen seien, keine Auskunft geben können. Auskunft sei aber möglich und auch notwendig, nämlich zu erkennen, was zwischen oder über den Dingen existiere, um sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Diese Etwas ist transzendental, bzw. notwendig und allgemeingültig in den Verstandesbegriffen und Kategorien enthalten und das heißt, ohne die (empirischen) Dinge erfahrbar, ohne freilich für sich selbst, das heißt ohne auf einen Gegenstand zu verweisen, schon eine empirische Erkenntnis zu sein, die für uns von praktischer Bedeutung wäre; brauchen die (Allgemein-) Begriffe doch ihren empirischen Gegenstand, um zu Erkenntnissen in den Grenzen möglicher Erfahrung zu gelangen; die Begriffe dürfen erst in ihrer Anwendung auf die Erfahrung empirische Gültigkeit beanspruchen.

Außerhalb der (Grenzen möglicher) Erfahrung haben wir es nicht mit wirklichen, mithin wahren Erkenntnissen, sondern gemeinhin mit sogenannten Trugschlüssen (Paralogismen) der Vernunft in Bezug auf die wirkliche Welt um uns herum zu tun, beispielsweise wenn wir sagen: Gott existiert, weil die Welt einen Schöpfer, einen Anfangsgrund, braucht, um zu existieren. Wiewohl es vernünftig und richtig sein mag, einen allgemeingültigen Schöpfungsakt für die Welt anzunehmen, mithin transzendental zu deduzieren, also an Gott zu glauben; dennoch ist eine empirisch wahre Aussage über die Existenz Gottes oder über die Unsterblichkeit der Seele nicht möglich, gleichwohl die Annahme eines Anfangsgrundes richtig und apriori als Erkenntnis in uns enthalten ist; das sind freilich Erkenntnisse, die transzendent außerhalb der Grenzen möglicher Erfahrung angesiedelt sind, die auf etwas Richtiges zeigen, das wir freilich zuweilen so verwenden, als seien sie, wie ein sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand (der Tisch ist rund), in den Grenzen möglicher Erfahrung angesiedelt.

Kurzum, über den Anfangsgrund der Welt lassen sich keine empirischen Aussagen machen wie beispielsweise über einen Tisch, auch wenn es für den Anfangsgrund einen Namen gibt, auf den sich Menschen verständigt haben, zum Beispiel Gott. Das heißt nicht, dass dieser einen weißen Bart hat oder ihm ein Geschlecht zukommt.

Nun ist vielleicht besser verstehbar, dass es für Kant etwas geben muss, das wir nicht aus der Erfahrung schöpfen, ein apriorisches Etwas, das in den empirischen Dingen – gleichsam im Sinne eines Über den Dingen – enthalten ist, um sie zu einem Ganzen zu schmieden, freilich mit der Konsequenz, dass uns die empirischen Dinge auch nur so, in ihrer Zusammensetzung, erscheinen und zugänglich sind, und nicht so, wie sie für sich und an sich selbst sind; kurzum: nur so, wie wir sie uns vorstellen, bzw. wie sie uns erscheinen. Das Ding an sich ist nicht erkennbar. Das Wesen der Dinge ist das für uns Wesentliche der Dinge und liegt außerhalb ihrer Existenz, aber ebenso gewiss und erkennbar für uns in uns selbst, den Verstandesbegriffen inhärent.

Kaum zu begreifen. Kant versuchte das Unmögliche nicht nur zu begreifen, nicht nur zu zeigen, dass das Unmögliche möglich, sondern auch wirklich, sogar notwendig ist, beispielsweise die Existenz Gottes im Sinne eines universellen Anfangsgrundes für die Welt; daneben war es für Kant wichtig, die Notwendigkeit apriorischer Erkenntnisse in den Grenzen möglicher Erfahrung darzulegen, zu beweisen und, ganz zentral, im Schematismus den (methodischen) Weg von den (in uns präsenten) Allgemeinbegriffen zur (äußeren) empirischen Wirklichkeit weltlicher Gegenstände zu zeigen, der apriori bestimmbar sei wiewohl trug- und kurzschlüssig immer wieder verfehlt werde, v.a. weil die (ungeübte) menschliche Erkenntnis in den sogenannten Paralogismen (Trugschlüssen) der Vernunft gefangen bleibt (die Existenz Gottes ist bewiesen, weil notwendig).

Kantsche Philosophie zusammenfassend verbinden mit der Problematik einer krankhaften und krankmachenden Projektion

Man könnte aus dem bisher Gesagten Kant vielleicht wie folgt zusammenfassen und mit der Problematik einer krankhaften und krankmachenden Projektion verbinden: Sein objektiver oder objektivierender Idealismus gründet auf der Gewissheit, dass ohne die ordnende Hand in uns (Innen) die Realität der Dinge um uns herum (Außen) objektiv nicht erkannt werden könne, um sie sozialverträglich zu gestalten, wobei der Idealismus sich dadurch zeigt, dass die ordnende Hand – eine Abstraktion (in uns) – gleichsam gegenstandslos, mithin unabhängig von den äußeren Dingen existiert und erkannt werden könne, ohne allerdings für sich und an sich selbst schon eine Erkenntnis – vielleicht besser: gegenstandsbezogene Erfahrung – zu sein. Wobei wiederum die Gefühle, wiewohl gegenstandsbezogen angerührt, den Erkenntnisprozess zwar anstoßen, aber zur objektiven Erkenntnis, resp. zur Verobjektivierung der Welt, nichts beitragen.

Und was das Ding an sich betrifft, was, wenn man so will: den Wesenskern des Menschen einschließt, so ist hier, und das sieht Kant durchaus richtig, in keiner Weise eine Erkenntnis möglich; ich würde genauer sagen: keine letztgültige – gleichsam nur ephemere – Erkenntnis. Kant ging es nicht um Kerne, sondern wesentlich um die Verknüpfung und Zusammenschau der Dinge, und dass sie uns nur so, in ihrer Zusammenschau, in unserer Vorstellung erscheinen. Wesentlich ist, dass die Notwendigkeit der Verknüpfung erkennbar, indes nur mit den empirischen Dingen erfahrbar ist, das heißt, wie die Verknüpfung sich in der empirischen Realität notwendig – so und nicht anders – realisiere.

Die Verknüpfungen korrespondierten schließlich und endlich mit unseren Verstandesbegriffen; jene sind in diesen enthalten und würden zwar auf Erfahrungsdinge verweisen, wären also in der Empirie selbst auffindbar, aber dennoch unabhängig von den empirischen Dingen, die sie verknüpfen, existent – und! – in uns erkennbar, wenn denn objektive Erkenntnis in der Anwendung der Allgemeinbegriffe auf die Erfahrung möglich sein soll.

Damit ist der Menschen (sein Innenleben) wesentlich durch den Verstand bestimmt – in Kontradiktion zum Gefühl, im Sinne einer bewussten, nachhaltigen und ungebührlichen Abspaltung, v.a. massiven Diskriminierung der Gefühle; diese sollen und dürfen nicht als verhandelbare Ressourcen zur Gestaltung menschlicher Beziehungen begriffen werden (Witsch 2013a, Klappentext). Das müsse nach Kant, soll die Welt nicht im (Gefühls-)Chaos enden, dem Verstand und seinen Verstandesbegriffen vorbehalten sein. Richtig ist, dass genau das bis heute schwer auf Gemüt und Fähigkeit der Menschen lastet und in wachsendem Maße unfähig macht, ihre sozialen, vor allem aber ökonomischen Probleme zu verhandeln.

Hinweis

Mit diesem Text klingt der Dritte Teil der »Politisierung des Bürgers (Vom Gefühl zur Moral)« aus (Witsch 2013, S. 184 – 191).

Anmerkungen

[1] Ohne an dieser Stelle Namen zu nennen, belehrt uns heute der »Offene Verteiler« (OV), ein Diskussionsforum, der, als dieser Text entstand, noch nicht existierte, dass dem in der Tat so ist: hochdekorierte Wissenschaftler entblöden sich nicht, Diskussionsteilnehmer vollkommen argumentationsfrei herabzuwürdigen.

Quellen

Höffe, Otfried (1983). Immanuel Kant. München. Verlag: C.H. Beck. (zitiert nach der Ausgabe von 2000).
Kant, I. (1775). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Frankfurt/Main. Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. In Werkausgabe Bd. 7. (zitiert nach der Ausgabe von 1982).
Kant, I. (1787). Kritik der reinen Vernunft. Frankfurt/Main. Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Werkausgabe Bd. 3 u. 4 (zitiert nach der Ausgabe von 1982).
Kant, I. (1888). Kritik der praktischen Vernunft. Frankfurt/Main. Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Werkausgabe Bd.7 (zitiert nach der Ausgabe von 1982).
Kant, I. (1890). Kritik der Urteilskraft. Frankfurt/Main. Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Werkausgabe Bd.10 (zitiert nach der Ausgabe von 1982).
Schopenhauer, Arthur (1819). Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.1. In Werke in zehn Bänden. Zürich. Verlag: Diogenes (zitiert nach Zürcher Ausgabe 1977).
Witsch, Franz (2009). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Erster Teil: Begriff der Teilhabe. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2012). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013a). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Vierter Teil: Theorie der Gefühle. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2015). Materialien zur Politisierung des Bürgers. Band 1: Ökonomische und moralische Voraussetzungen einer sozialverträglichen Gesellschaft. Norderstedt. Verlag: BoD.
Witsch, Franz (2015a). Materialien zur Politisierung des Bürgers. Band 2: Kommunikation unter Verdacht. Norderstedt. Verlag: BoD.
Witsch, Franz (2026/09/26). Projektionsformen (I): Kant im Projektionsmodus.

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Stimmen aus dem Maschinenraum

5 Kommentare

  1. Süß, das Ding, oder sauer? Wie es „an sich“ ist, will niemand wirklich wissen. Es sei denn, es würde dieses Wissen helfen, was Schönes draus zu basteln: Was noch Süßeres am besten. Und am allerbesten Macht, gibt nix Süßeres! Es sei denn Allmacht.

    Soll der Untertan sich da doch besser mit der Frage nach dem An-sich-sein irgendwelcher Dinge beschäftigen! Dann kommt er nicht auf dumme Gedanken.

    Hierzu zweimal Nietzsche: „Nichts Öderes, als denken im System.“ „NICHT: Ich denke, also bin ich. SONDERN: Ich lebe, also denke ich.“

    Kants moralischer KI wird sich letztlich wohl als die algorithmische KI von Lawrence Fink entpuppen, als ALLADIN. Das Gerät weiß wenigstens, wann, was und wieviel davon zu kaufen, oder zu verkaufen ist.

    Um dem Urteilsgrund Süß oder Sauer entkommen und so, erstmalig klar bzw. losgelöst von der Anmutung der Dinge, diese selben denkerisch erfassen (und sich dann dienlich machen) zu können, sei der Geist-Materie-Dualismus in die Welt gekommen. So schreibt Erich Neumann irgendwo in seinem «Ursprungsgeschichte des Bewußtseins». Tenor jenes Dualismus‘: „Ist ja bloß schnöde Materie. Kümmert mich nicht, wie es schmeckt, denn ist ein allemal böses, weil ein allemal gottloses Ding!“

    Offenbar unterliegen Denk- und Erkenntnisfähigkeit menschheitsgeschichtlichen Konjunkturen. Siehe das mosaische Gesetz, ein absolutes Novum: Nicht Opferrituale bringen Heil, sondern zehn Gebote, wie sie logischer und rationaler nicht sein könnten. Davor mußte allemal Blut fließen, mindestens tierisches, gern auch das von – ach, welch‘ Zufall auch: – das von Jünglingen. Siehe den bei Erich Neumann abgehandelten archaischen Blut-und-Boden-Kult, historischer Wachstums- und Fruchtbarkeitszauber menschheitsfrüher Ackerbauern. Welche eine «Große Mutter» verehrten nach Art der «Venus von Willendorf». Deren Gestalt – siehe Neumanns reich bebilderte Monographie «Die Große Mutter» – ähnelte übrigens der eines ganz bestimmten „Mädchens“. Dessen Wahlkampfslogan einmal war: „Wachstum! Wachstum! Wachstum!“ —

    Genau, welch ein Zufall… . Blubb! — „Neumann lernt dich was,“ würde die Hl. Verona da jetzt sagen, die Schutzgöttin der Schönheit der Freiheit und des Spinats.

    Kant, der große Held des Sozialdemokraten Schmidt sowie des „Anstands“ bzw. der sklavisch-masochistischen Opfermoral der Wählerschaft seiner Partei war ein Riesenlangweiler. Denn wisse: Moral ist, wenn man’s trotzdem macht. Nämlich unbetreut denkt, fühlt und handelt.

    Wenn das der Kant gewußt hätte: Fühlen, denken, wollen zeichnet, wenn in dieser Reihenfolge, den Sklaven und Untertanen aus! Bei Unarchaischen geht das Denken dem Fühlen voraus und mündet zuletzt in Wille und Tun.

    Dann ist das Geschrei bei den Anständigen bzw. Blutb(l)ödigen natürlich groß…

      1. Ja, La Strada, Anthony Quinn! Ich glücklicher Narziß ich — „ich bin der große Zampano und biege jedes Eisen!“ Vielleicht benenne ich mich um in Großer Zampano. Aber ohne eine Gésumina, zu traurige Geschichte.

        Und sowieso: Hat jemand eine schwierige Frage zu lösen, wie z.B. das große Sinn- und Moralrätsel, dann frage er keine Akademiker! Aber jede Dorfhexe bekommt es hin, und mit einem bezaubernden Lächeln.

Senf dazugeben

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