MAGDEBURG – Das Jahr 1966 markierte den endgültigen Niedergang meiner persönlichen Anarchie. Ich war im Januar zehn geworden und hatte mich im Magdeburger Schulwesen eigentlich fantastisch eingerichtet: Meine rhetorischen Spitzen wurden als spontane Kleinkunst toleriert, und mein Ruf als gepflegter Gentleman stand felsenfest.
Doch dann schlug das Schicksal in Gestalt der sozialistischen Pädagogik gnadenlos zu.
Der Feind in den eigenen Reihen
Mutti hatte inzwischen ihr Fernstudium beendet und war nun wieder öfter für mich da. Was im Kreise der Verwandtschaft als Triumph der weiblichen Bildungsoffensive gefeiert wurde, entpuppte sich für mich allerdings als strategische Katastrophe ersten Ranges. Denn Mutti trat ihren Dienst als frischgebackene Lehrerin an – ausgerechnet an meiner Schule. In diesem imposanten roten Backsteingebäude, das bisher mein persönliches Revier gewesen war.
Von einer Sekunde auf die andere war es vorbei mit den kleinen Freiheiten der Kindheit.
Früher gab es eine klare Gewaltenteilung: Auf der einen Seite das Kollegium, auf der anderen Seite der aufgeweckte Schüler Bernd. Dienstweg? Über das Mitteilungsheft, das man zur Not bei der Heimkehr geschickt im Ranzen verschwinden lassen konnte. Doch ab 1966 war die chinesische Mauer zwischen Schule und Elternhaus ersatzlos eingerissen.
Das Netzwerk des Lehrerzimmers
Jede, aber auch wirklich jede Kleinigkeit erfuhr meine Mutter ab sofort brühwarm. Das Lehrerzimmer mutierte für mich zu einer nachrichtendienstlichen Zentrale, deren einziges Ziel darin bestand, mein Verhalten lückenlos zu überwachen.
- 10:00 Uhr große Pause: Ich erlaube mir auf dem Schulhof eine scharfzüngige, aber absolut gerechtfertigte Bemerkung über die Konsistenz meines Milchbrötchens.
- 10:05 Uhr: Kollegin Schulze steckt Mutti auf dem Flur steckbrieflich zu: „Ihr Bernd war eben wieder äußerst vorlaut.“
- 13:30 Uhr: Ich betrete die heimische Altbauwohnung in der „Alten Neustadt“, bereit für das Mittagessen – und blicke in das unerbittliche Gesicht des Gesetzes.
Das Prinzip der zeitlichen Verzögerung war aufgehoben. Wo andere Schüler Tage oder Wochen Zeit hatten, um Zensuren oder Tadel psychologisch vorzubereiten, schlug der pädagogische Blitz bei mir in Echtzeit ein. Mutti wusste bereits, dass ich in der dritten Stunde gekippelt hatte, bevor ich überhaupt die Schultasche in die Ecke pfeffern konnte.
Überleben im Überwachungsstaat
Selbst mein feiner brauner Anzug, meine stets tadellose Frisur und mein diplomatisches Verhandlungsgeschick stießen an ihre Grenzen. Wie soll man charmant den Stand-up-Comedian geben, wenn die Intendantin der Vorstellung gleichzeitig am Esstisch sitzt und jeden meiner Schritte überwacht?
Ich passte meine Taktik an. Wenn man das System nicht bekämpfen kann, muss man es durch manövriertechnische Brillanz unterlaufen. Ich verlegte meine kreativen Ausbrüche auf das Fach Deutsch – wo man mir die geschliffene Formulierung schwer als Disziplinlosigkeit ankreiden konnte – und hielt im Unterricht zu Muttis Fachbereichen stoisch die Stellung.
Ein Trost blieb mir in diesen Jahren der totalen Überwachung:
Immerhin war Vati noch an der Technischen Hochschule. Solange er nicht auch noch als Gastdozent in meiner Klasse auftauchte, war das akademische Gleichgewicht wenigstens halbwegs gewahrt. Und ich blieb – trotz des familiären Kontrolldrucks – wie immer das am besten gekleidete und meistbeobachtete Kind der Schule.
Anmerkung: Die Geschichte ist autobiographisch. Sie ist ein Zeugnis aus einer anderen Zeit. Jetzt jeden Samstag eine Geschichte aus meiner Kindheit.
Hier findet Ihr alle Geschichten: Goldene-Zeiten


Die Freiheit, als wir Kinder waren
Vergangen sind seit vielen Jahren
die Zeiten, als wir Kinder waren.
Gingen mit einem Buch zu Bett,
statt Videospiel und Internet,
und morgens nach dem Frühaufstehen
gab es als erstes nicht Fernsehen,
denn so ein Ding war damals selten,
wir lebten in ganz andren Welten.
Die waren nicht von dem geprägt,
was Gemüter heute bewegt.
Weib war Weib und Mann war Mann,
waren die rechten Teile dran.
Schwule und Lesben gab es auch,
doch war es nicht wie heute Brauch,
das als Verdienst hervorzuheben,
die hat es einfach so gegeben.
In Schulen gab es echtes Wissen,
statt wie heut‘ falsche Prämissen.
Selbst, dort wo die Roten regierten,
wie jetzt Kinder indoktrinierten,
man Rechnen, Lesen, Schreiben lehrte
und nicht ins Gegenteil verkehrte
der Worte Sinn soweit wie möglich,
wie es zurzeit ist unerträglich.
Die Welt war noch Realität
und nicht wie jetzt von früh bis spät
geprägt von woken Heilsverkündern,
die wie im Mittellalter Sündern
lehren, wie wir zu leben haben,
und uns nicht etwa daran laben,
was dereinst war deutsche Kultur.
Wir hatten auch ganz viel Natur,
nicht Handy und nicht Video
vielleicht sogar noch auf dem Klo,
das wir eher ganz schnell verließen,
um unsre Freiheit zu genießen.
Die war im Osten etwas schmal,
sieht man das territorial.
Sozialistischer Gesinnungsbrei
ging uns doch am Gesäß vorbei.
Erst als Erwachs’ne hatten wir
wie jetzt des Niedergangs Gespür.
Nicht ‚mal im kleinen Reich der Roten
war Heimat wie jetzt fast verboten.
Förderten sogar das Kinderkriegen,
der Sozialismus sollte siegen
und sich nicht zerstören lassen
von fremden Handaufhaltermassen.
Geht die Entwicklung immer weiter,
sind Volk und Staat nicht bald gescheiter,
werden heut‘ Kinder nie erfahren
die Freiheit, als wir Kinder waren.
Gedanken im Alter über die Jugendzeit…
Nur noch ein paar Jahre, mein Büblein klein, dann füllt dir die Freiheit den Becher mit Wein.
Nur noch ein paar Monde, gemach, gemach. Bald bringt dir das Leben den großen Tag.
Dann noch ein paar Tage, die Hoffnung zerbricht; die Freiheit wird fade, befriedigt dich nicht.
Und nach ein paar Stunden beim dämmernden Licht, erkennst du das Leben, sein wahres Gesicht.
Dann sind’s noch Minuten, die geizig man zählt, wie einzelne Groschen, wenn`s an Markstücken fehlt.
– Gedicht von meinem Onkel Otto Wendorff, geb. 1910 in Ostpreußen