MAGDEBURG / FERIENLAGER – Das Jahr 1965 brach an. Ich zählte mittlerweile stolze neun Jahre und hatte meine Position in der Magdeburger Bildungselite gefestigt. Meine Lehrerin schien sich damit abgefunden zu haben, dass mein „vorlautes Stören“ in Wahrheit ein hochkarätiger Bildungsauftrag in Sachen Humor war. Doch nun stand das System vor einer ganz neuen Herausforderung: Meinem Gehirn.
Die Tragödie des verkannten Genies
Man erkannte mein mathematisches Potenzial und bot mir die einmalige Chance zur besonderen Förderung in einer Spezialklasse für Mathe-Genies. Ein Meilenstein!
Die Realität eines Neunjährigen sah allerdings anders aus als die kühle Logik von Formeln. Am Tag des Aufnahmetests in völlig fremder Umgebung meldete sich ein Phänomen, das der junge Bernd so noch nicht erlebt hatte: nackte Panik. Die Prüfungsangst schlug mit übermächtiger Härte zu. Der Kopf glühte, die Hände schwitzten – doch mein stoischer Intellekt rettete mich durch die Aufgaben. Den Aufnahmetest bewältigte ich für mein Verständnis recht gut!
Doch dann die kalte Dusche der sozialistischen Kaderauswahl: Ich wurde nicht ausgewählt. Egal, ich habe anerkannt, dass es auch bessere als mich geben konnte.
Im Nachhinein betrachtet eine weise Fügung des Schicksals. In diesem zarten Alter birgt eine radikale Spezialisierung schließlich erhebliche Risiken für die Persönlichkeitsentwicklung. Man läuft Gefahr, zum Fachidioten zu verkümmern.
Zumal mir das Fach Deutsch – wie die Nachwelt an diesem Epos zweifellos ablesen kann – mindestens genauso brillant lag wie die Arithmetik. Wer braucht schon Matrizenrechnung, wenn er die Welt in geschliffene Metaphern kleiden kann?
Die Befreiung: Sommerferien 1965
Um den Frust über das Bildungssystem zu verarbeiten, schickte meine Eltern mich in den Sommerferien regelmäßig ins Ferienlager, so auch in diesem Jahr. Endlich raus aus der grauen Altbau-Tristesse der Magdeburger „Alten Neustadt“, weg von den muffigen Lederdämpfen des Schusters Ruckhaberle und der verbitterten Frau Grabs! Hinein ins uneingeschränkte, fröhliche Kinderleben!
Das Ferienlager war das Paradies auf Erden. Es roch nach Freiheit, Schweiß, Chlor und Sonne. Der Tagesablauf war ein Rausch aus grenzenlosem Spielen, wilden Wasserschlachten im Freibad und taktisch anspruchsvollen Schnitzeljagden im Unterholz.
Jeden Nachmittag gab es einen Gruß aus der Küche, ein großes Tablet voller Pflaumenmusbrötchen. Wenn ich Glück hatte, erwischte ich noch ein zweites Brötchen. Nicht jeder hatte den Appetit so kurz nach dem Mittagessen.
Noch heute denke ich an diese Zeit, wenn ich mir morgens mein Pflaumenmusbrötchen schmiere. Es ist natürlich kein Aachener Pflümli, sondern Mühlhäuser Pflaumenmus.
Lichterketten, Musik und der anatomische Altvertrag
Der absolute Höhepunkt der Sommerwochen waren jedoch die Tanzabende. Unter dem Flackern bunter Glühbirnen geschah das Unfassbare: erste vorsichtige Kontakte zum anderen Geschlecht.
Im Lager herschte ansonsten strikte Geschlechtertrennung, zumindest was das Schlafen betraf.
Beim Tanzen knüpfte ich nun gekonnt diplomatische Beziehungen. Nach meinen frühkindlichen Forschungen an Freundin Inge im Jahr 1960 war ich inzwischen theoretisch bestens vorbereitet.
Beim langsamen Paartanz – der geschmacklich stark an meinen legendären Pony-Foxtrott von 1962 erinnerte – konnte ich durch exzellente Deutschkenntnisse und geschliffene Konversation glänzen.
Und das Beste an den Ferien 1965?
Ich trat auf wie gewohnt: tadellos gekleidet, perfekt frisiert, gepflegt, mit ganz viel Charme und als unangefochtener Gentleman des Ferienlagers. Das Leben als Allround-Genie ohne Mathe-Spezialklasse hatte definitiv seine Vorzüge.
Anmerkung: Die Geschichte ist autobiographisch. Sie ist ein Zeugnis aus einer anderen Zeit. Jetzt jeden Samstag eine Geschichte aus meiner Kindheit.
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Riecht nach nem ganz normalen deutschen Bengel der Pandora: Gut in Rechnen; Mathe bißken zu hoch; aber glänzt um so mehr in seiner Muttersprache! Bei mir nicht anders, nur Deutsch klappte nich: Watt’n Scheiß, ey, Kohlenpott! Insbesondere Schalketown Gelsenkirchen war meinerzeit wildester Melting pot, Schmelztigel — ganz Europa in einen Pott tun! Ein Spielkamerad war sogar aus Sidney: Bumerangs, Kängurus und so, aber ordentliche Syntax Fehlanzeige! Kohlenpottisch war nicht Dialekt, sondern kerzengerades schlechtes Deutsch.
Die kopfsteingepflasterte und mit riesigen Platanen bestandene Hohenzollernstr., meine Meldeadresse zwischen 1955 und 66, bildete die Grenze zwischen Mittelschicht und Arbeiterklasse. Letztere war meine Seite. Jedenfalls trieb ich mich, obschon Mittelschichtskid, allezeit auf dem großen Spielplatz zwischen Olgastr. und Emmastr. herum, direkt hinter der Hausnummer 115, wo wir unbetreut und glücklich wohnten — Vater dealte mit Rauschmitteln, mit legalen zwar nur, aber brachte gut was ein, gesoffen wird immer und überall.
In Gelsenkirchen, Stadt der 1000 Feuer und „größtes Dorf der Welt“, war ordentliches Deutsch Fremdsprache! Habe ich erst gelernt 1998, da war ich 43 und fing an, Nietzsche zu lesen. War mein Deutschlehrer.
Und mit Mathe – uff! – ging es ganz spät dann doch noch. Sagte bei Übungsaufgaben im Unterricht nur kurz und trocken „falsch“ und ging dann ungerührt weiter durch die Reihen. Absolut nichts, keine irgendwie geartete Opferbetreuung, keinerlei Mitleid mit mathematischen Hohlbirnen und Weicheiern dieser Mathepauker — nicht ein Gramm sozialpädagogisches Mitgefühl!!!
Richtig cooler Gangster, Respekt! Also auf den Hosenboden gesetzt und bis der Arzt kommt Mathe pauken. Dat woll’n wir doch ma seh’n, verdammt!
Im Alter von neun Jahren wurden ich und ein Mitschüler in ein Winterferienlager vesandt, weil wir zu mager waren. Dass unser scheinbares Untergewicht vielleicht durch häufige Ausgelassenheit außerhalb der Schulzeit verursacht wurde, war kein Thema. Das Ferienlager wurde in einem im Winter ungenutzten altehrwürdigen Hotel am Ostseestrand angesiedelt und mit ca. sechs Kindern pro Zimmer natürlich geschlechtlich geteilt belegt. Der Kontakt zum anderen Geschlecht war ziemlich einseitig. Es gab zum benachbarten Mädchenzimmer eine Zwischentür mit Schlüsselloch, an dem zur abendlichen Umkleidezeit auf unserer Seite dichtes Gedränge herrschte. Die Mädchen hätten das Schlüsselloch verstopfen oder sich außerhalb seines Sichtwinkels umziehen können. Warum sie das nicht taten, ist mir nicht nicht erklärlich. Die Geschlechtsspezifität des kindlichen Voyeurismus bzw. Exhibitionismus war ganz bestimmt nicht das Ergebnis erzieherischer Bemühungen. Mit der Gewichtszunahme hatte es soweit gklappt, dass die Differenz zwischen vorher und nachher durch unser Wachstum leicht erklärlich war.
Das mit dem Mühlhäuser Pflaumenmus kann ich bestätigen: echt lecker…