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Satire15. September 2026

Schweden-Wahl: Regenbogen weg, Stimmen her!

schweden

Stockholm zählt Stimmen, linke Wahlkampfstrategen zählen Möglichkeiten – und die Regenbogenflagge bekommt vorsorglich einen Sichtschutz. Nach der Schweden-Wahl zeichnet sich ein äußerst knappes Rennen zwischen den politischen Lagern ab. Besonders hübsch wirkt dabei eine Wahlkampfidee, die offenbar selbst tiefste weltanschauliche Gräben überbrücken soll: Ihr überseht unsere Gesellschaftspolitik, wir freuen uns über eure Kreuze. Zusammen nennen wir das Fortschritt.

Drei Sitze zwischen Weltrettung und Weltuntergang

Nach dem am Montag gemeldeten vorläufigen Auszählungsstand lag das schwedische Oppositionslager bei 176 Mandaten, das bisherige Regierungslager bei 173. Noch ausstehende Stimmen konnten die Verhältnisse verändern. Ein endgültiger Wahlsieg stand damit zunächst nicht fest. (Vorläufiger Auszählungsstand bei AP)

In unserer fiktiven Stockholmer Wahlkampfzentrale ist die Lage trotzdem eindeutig: Jede Stimme zählt. Bei manchen Stimmen zählt sogar vorübergehend etwas weniger, wofür man sonst angeblich steht.

Ein Mitarbeiter bringt Kaffee. Ein anderer bringt die aktuellen Zahlen. Der dritte trägt die unteilbaren Grundwerte herein und fragt, ob sie noch gebraucht werden oder schon ins Zwischenlager können.

„Bitte griffbereit lassen“, entscheidet der Kampagnenleiter. „Nach der letzten Auszählung sind wir möglicherweise wieder kompromisslos.“

Muslimische Wähler: plötzlich heiß begehrte Kundschaft

Im Zentrum der Debatte steht die Mobilisierung muslimischer Wähler. Apollo News berichtete unter Berufung auf eine Recherche, dass in arabischsprachigen Diskussionsgruppen zur geschlossenen Unterstützung der schwedischen Linkspartei Vänsterpartiet geworben wurde. Dabei sollten angesprochene Wähler über deren Unterstützung homosexueller Menschen hinwegsehen und andere politische Anliegen höher gewichten. Der beschriebene Aufruf stammt demnach aus diesen Gruppen; eine offizielle Parteianweisung ist damit nicht belegt. (Bericht über die Wahlwerbung in Schweden)

„Mehrheit um jeden Preis“ klingt das nach einer bahnbrechenden Innovation.

Jahrzehntelang mühte man sich mit gemeinsamen Überzeugungen ab. Jetzt genügt offenbar ein gemeinsamer Termin an der Wahlurne.

„Wir müssen dieselbe Zukunft gar nicht wollen“, erklärt der Chefstratege  „Es reicht völlig, wenn wir am Sonntag denselben Zettel benutzen.“

Die anschließende Zukunft werde dann von einer Arbeitsgruppe geklärt.

Fortschritt zum Zusammenstecken

Schweden hat damit zumindest in unserer Wahlkampfsatire ein neues Exportprodukt: die politische Koalition als Möbelbausatz.

Das Modell heißt „MAJÖRITET“ und besteht aus einer roten Grundplatte, mehreren grünen Verbindungselementen, einer Regenbogenblende und einer großzügigen Schublade für ungelöste Widersprüche.

Die Montageanleitung enthält einen wichtigen Hinweis:

„Bei weltanschaulichen Spannungen bitte die Grundsatzschrauben lockern.“

Leider fehlt im Paket das Bauteil „gemeinsames Menschenbild“. Die Hotline versichert jedoch, das sei für die erste Sitzprobe entbehrlich.

Sobald alle auf den Ministersesseln Platz genommen hätten, könne man prüfen, ob die Konstruktion auch Belastungen aushalte.

Für Schäden durch plötzlich ernst genommene Wahlversprechen übernimmt der Hersteller keine Haftung.

Der Regenbogen bekommt einen Rollladen

Besonders praktisch ist die neue Flaggenhalterung.

Beim Pride-Auftritt zeigt sie sämtliche Farben. Beim Besuch eines gesellschaftspolitisch konservativen Unterstützerkreises fährt sie geräuschlos in ein neutrales Gehäuse.

„Unsere Solidarität ist jederzeit vorhanden“, erklärt eine Sprecherin. „Gelegentlich arbeitet sie im Hintergrund.“

Eine junge Parteimitgliedsfrau erkundigt sich, ob homosexuelle Menschen ihre Rechte künftig ebenfalls im Hintergrund ausüben sollen.

Der Raum wird still.

Dann bekommt sie die verantwortungsvolle Aufgabe, draußen weitere Luftballons aufzublasen.

Der Vorgang zeigt exemplarisch, wie politische Prioritäten entstehen: Ganz oben steht die Würde des Menschen. Direkt darüber hängt die aktuelle Sitzverteilung.

Vielfalt, bitte geschlossen antreten

Die schönste Pointe dieses Denkens trifft allerdings die umworbenen Bürger selbst.

Muslimische Schweden besitzen unterschiedliche Berufe, Lebensentwürfe und politische Ansichten. Manche sind religiös konservativ, andere liberal oder säkular. Sie können bezahlbare Wohnungen wichtig finden, über Steuern streiten, bessere Schulen verlangen oder über staatliche Bevormundung schimpfen.

Für einen Strategen mit einer Tabelle ist das eine Zumutung.

Er hätte lieber eine einzige Spalte mit der Überschrift „Muslime“ und darunter eine verlässlich abrufbare Stimmenzahl.

„Wir respektieren eure Vielfalt“, erklärt Stimmenström deshalb beim Bürgergespräch. „Könntet ihr sie bitte gesammelt bei uns abgeben?“

Ein Zuhörer fragt nach Wirtschaftspolitik. Eine Frau möchte wissen, wie ihre Tochter vor religiösem Druck geschützt werden soll. Ein Selbstständiger verlangt weniger Bürokratie.

Stimmenström blickt verzweifelt auf seine Unterlagen.

Dort steht nur: „Zielgruppe wertschätzen.“

Die Wahlurne ist keine Paketstation

Wer Bürger vor allem als religiösen Stimmenblock betrachtet, zeigt eine bemerkenswert begrenzte Vorstellung von ihrer Selbstständigkeit.

Die vermeintlich fürsorgliche Botschaft lautet dann: Wir wissen bereits, welche Partei zu euch passt. Eure Aufgabe besteht darin, das am Wahltag zu bestätigen.

Das funktioniert wunderbar – bis jemand selbst nachdenkt.

Ein muslimischer Wähler, der konservativ abstimmt, bringt den ganzen Mechanismus durcheinander. Ein linker Wähler mit muslimischem Hintergrund, der gleichzeitig kompromisslos gleiche Rechte verteidigt, stört wiederum die Vorstellung vom zwangsläufigen religiösen Kulturkampf.

Menschen sind für Wahlkampfmodelle häufig zu kompliziert.

Deshalb werden sie auf Plakaten gern groß dargestellt und in Strategiepapiere möglichst klein hineingerechnet.

Grundrechte mit Mengenrabatt

Die politische Versuchung reicht über Schweden hinaus: Bei potenziellen Bündnispartnern werden Widersprüche plötzlich als Gesprächsbedarf behandelt, während beim Gegner schon ein schiefer Halbsatz den moralischen Großalarm auslöst.

Den Konflikt zwischen demonstrativer Emanzipation und Rücksichtnahme auf religiöse Machtansprüche hat qpress bereits in seiner Satire über Frauenrechte und politische Selbstaufgabe aufgegriffen.

In unserer Stockholmer Agentur wird daraus jetzt ein Tarifsystem.

Zehn zusätzliche Stimmen bringen ein freundliches Gespräch. Hundert bringen einen Fototermin. Ab tausend lässt sich über die Tagesordnung reden.

Grundrechte bleiben selbstverständlich unverkäuflich.

Ihre öffentliche Erwähnung unterliegt allerdings saisonalen Schwankungen.

Nach der Wahl beginnt die eigentliche Zumutung

Während die Stimmen noch ausgezählt werden, plant die Strategieabteilung bereits den nächsten Schritt: Alle Beteiligten sollen möglichst lange glauben, exakt dasselbe gewonnen zu haben.

Die einen erwarten konsequente Gleichberechtigung. Andere wünschen mehr Rücksicht auf konservative religiöse Vorstellungen. Wieder andere wollen schlicht eine funktionierende Schule und einen Bus, der pünktlich fährt.

Spätestens beim Regieren muss aus der gemeinsamen Abneigung gegen den politischen Gegner ein tragfähiges Programm werden.

Dann reicht es kaum, jeden Konflikt mit „Vielfalt“ zu beschriften.

Dann müsste man sagen, dass dieselben Freiheiten für alle gelten. Dass religiöse Überzeugungen Kritik aushalten müssen. Dass muslimische Bürger gleichberechtigte politische Individuen sind, deren Stimmen niemand besitzt.

Für diese Sätze gibt es im Wahlkampfbudget leider noch keine Druckfreigabe.

Die schwedische Spezialität: Haltung nach Sitzverteilung

Ob das Oppositionslager seine knappe vorläufige Führung behauptet, entscheidet die weitere Auszählung. Die satirische Lehre des Wahlkampfs steht schon vorher: Wer Menschen als berechenbare Stimmenlieferanten einplant, könnte an ihrer Freiheit scheitern.

Und wer Grundsätze je nach Publikum leiser stellt, sollte sich später über Verständigungsprobleme kaum wundern.

In der Stockholmer Wahlkampfzentrale hängt deshalb bereits ein neues Schild:

„Bitte die Regenbogenflagge aufbewahren. Wir entscheiden nach der Regierungsbildung, wie bunt unsere Werte bleiben.“


 

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Stimmen aus dem Maschinenraum

6 Kommentare

  1. Wunderschön geschrieben!!! Aber leider so wahr, daß es schon garnicht mehr schön ist. Kannste die wählen oder die wählen, am Ende wählste immer den – wie die Amis sagen: – den „Mob“. Zu deutsch: OK, Organisierte Kriminalität. O-Ton OK: „Yes, we can!“ Zu deutsch: Wir schaffen das!

    Obama ist Muslim, sein „We“ war der Mob. Auch Muslime können, Mob kann immer, und mit jedem.

    Money makes the world go round, and the bullets fly. OK ist okay, kennt nicht Rasse, Religion oder sonstige Tierchenpläsierchen. Fast schon humanistisch sympathisch. Wenn da nicht diese Wähler wären.

    1. #Publicviewer — Auch diese zweie hier sind ganz dicht dran, der Flavio von Witzleben und sein Gast, ein vormaliger Elitesoldat. Der beachtlich denkstark, und deshalb kein Soldat mehr ist:

      https://youtu.be/kUO9LOPNJ6Y

      Aber eines verstehen auch diese zweie überhaupt nicht. Wie überhaupt die in den sozialen und asozialen Medien alle nicht. Und falls sie es doch verstehen sollten, sagen sie es nicht. Weil sie nicht gelyncht werden möchten vom Mob, seinen Wählern, Fans und überhaupt allen sonstigen irgendwie attestamentarisch Gläubigen. Die alle vom selben Stamme sind, mit Nietzsche gesagt: von dem der „letzten Menschen“.

      Was nur ÜBERMENSCHEN verstehen können, also nur ich und ein paar andere vielleicht noch: Oben und Unten, Mob und Masse, sind kein Gegeneinander, sind nicht die Bösen gegen die Guten. Und umgekehrt selbstverständlich auch nicht. (Obwohl sich natürlich sagen ließe, die Mobster würden ja wenigstens ihre Familien schützen. Doch bei näherem Hinsehen… .)

      Nein, ist allemal Blöde gegen Blöde, glauben alle fest ans Geldheil, an „Geld heil!“ = „Sieg heil!“ Das mit dem Produktivitätszuwachs und der Geldschrumpfung aber, also daß es überhaupt nicht um Gut und Böse geht, verstehen Heilis nicht. Nicht, weil sie blöde wären, nein, ist wegen ihrer religiösen Grundsätze, also das mit Adam, Eva, Angesichtsschweiß und Gebärschmerzen. Sowas macht nun einmal blöde. Aber so richtig! Besonders, wenn einer gar nicht weiß, daß er glaubt und was er glaubt. Die sind am blödesten, sind doch wirklich die Allerletzten.

      So nun: Dreimal hoch der Übermensch! (War bei Nietzsche ja bloß die Kurzform von Überwindermensch, aber klingt einfach richtig gut. Und Blöde verstehen’s ja so oder so nicht.)

      1. Ich habe genau die gleichen Informationen wie dieser Andrè Schmitt.
        So gar teilweise bessere Quellen, weil ich selbst von der Herkunft, also zumindest genetisch zu den Profiteuren zähle.
        Dieser Typ gehört zur Funktionselite, hatte früher selbst so jemandem im Freundeskreis, aber mein damaliger Mäzen gehörte definitiv zur herrschenden Klasse.
        Deswegen weiß ich ja auch so viel, denn die eingeschränkte Sichtweise auch dieser Leute beruht immer noch auf der Auffassung, das der kapitalistische Verwertungsprozess, respektive Wachstum und Profit unbedingt beibehalten werden muss.
        Es lässt sich ja auch schön reden wenn man genug Knete hat um dem Gröbsten aus dem weg zu gehen und dabei auch noch daran verdient.

        1. #Publicviewer — Ließe sich auch so sehen: Hemd näher als Rock. Was der Schmitt selbst wirklich denkt, also sein wirkliches Wissen, ist das Hemd. Was er öffentlich sagt, sein Rock. Öffentlich bzw. politisch gibt er sich als alttestamentarisch Gläubiger, zumindestens enthält er sich einer Kritik des Glaubens an Angesichtsschweiß und Gebärschmerzen. Was nicht bedeuten muß, daß er privat nicht wüßte, daß das mit dem Profit nicht funktionieren kann.

          Produktivitätszuwachs macht aus Renditetraum Pleiteschaum. Oder wie beim Pils: Halbwertszeit des Traumschaums liegt im Minutenbereich. Aber wollen seine Kunden selbstverständlich nicht wissen, die haben dringendere Fragen zu lösen: Wie rette ich meinen Allerwertesten.

          Marx irgendwo im Kapital: „Esoterik ist, was die Wissenden untereinander reden, Exoterik das, was sie den Unwissenden erzählen.“ Wunderschön auf den Punkt gebracht!

          Auch Rudolf Steiner beschrieb in seiner Kritik am Renditetraumschaum lediglich, was sich da politisch-ökonomisch abspielt, sprach aber nie offen aus, daß das alles ganz rechnerisch logisch immer nur ins Höschen gehen kann. Wäre ja auch wie kleine Kinder erschrecken. Da muß einer schon selbst drauf kommen. (Vielleicht deshalb manchmal dieser wunderschöne Reichinnek-Blick. Der rücksichtsvoll mitteilt: Ich bin genauso blöd wie alle anderen. Sicherheitshalber, denn anderenfalls könnte sie Ärger mit dem Mob bekommen — mit beiden Mobs, mit dem oben, und mit dem unten, also RICHTIGEN Ärger.)

          Das Fazit nun mit Nietzsche gesagt: Menschliches und Allzumenschliches.

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