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Aktuell12. September 2026

Goldene Zeiten (Teil 6) –1964: Raus aus dem Bahnhofsmilieu: Der Drei-Käse-Hoch-Umzugsservice

Rolands Umzug - KI-generiert

GARDELEGEN / MAGDEBURG – Das Jahr 1964 brach an. Ich war inzwischen acht Jahre alt, innerlich natürlich längst reif für den akademischen Dienst an Vatis Hochschule, während Cousin Roland in Gardelegen immer noch versuchte, die Relativitätstheorie des Sandkastens zu begreifen. Doch plötzlich holte mein von Güllekrusten und Blechschippen-Traumata gezeichneter Cousin zum ganz großen Schlag aus.

Beim Familienbesuch in Magdeburg, zum obligatorischen Sonntagskaffee – der Hefeteig von Oma Frieda war erwartungsgemäß dick wie der Buchrücken vom Lexikon – ließ Roland die Bombe platzen. Mit dem architektonischen Selbstbewusstsein eines Walter Ulbrichts verriet mir mein Cousin: „Ich habe für Mutti und Vati eine neue Wohnung ergattert. In einem Vier-Familienhaus. Und der Umzug? Ein absoluter Klacks!“

Die sozialistische Transit-Expedition

Da man den kühnen Behauptungen eines Achtjährigen, der seine Freizeit vorzugsweise in Schweineställen verbrachte, nicht blind vertrauen konnte, wurde umgehend eine Kontrollkommission gebildet. Zur offiziellen Wohnungsbesichtigung reisten wir standesgemäß aus Magdeburg an.

Die Anreise war bereits ein verkehrstechnisches Abenteuer der Sonderklasse: Wir bestiegen einen jener legendären Omnibusse, die einen wackeligen Busanhänger hinter sich herzogen. Ich thronte wie ein Staatsgast in der Hauptkabine, während der Anhänger bei jeder Bodenwelle der Landstraße ein wildes Eigenleben entwickelte. Es fühlte sich an wie eine intergalaktische Expedition in die Gardelegener Provinz, um die imperialen Baupläne meines Cousins zu begutachten.

Als wir schließlich vor dem besagten Vier-Familienhaus ankamen, stand Roland schon bereit – stolz wie ein Bauleiter, den Holzkipper unter den Arm geklemmt. Die Wohnung war tatsächlich real, auch wenn der Weg durch das Treppenhaus bewies, dass Rolands Speditionspläne reines Wunschdenken waren.

Die Spielzeug-Flotte des Proletariats

Der gesamte Familienrat hatte schon beim Sonntagskaffee kollektiv den Atem angehalten. Onkel Herbert, der gerade im Begriff war, sich zu seinem unaufschiebbaren Sonntagsdienst am Tresen abzumelden, erstarrte mit der Kippe im Mundwinkel. Woher nahm dieser Junge die logistische Hybris?

Die Antwort lag im weihnachtlichen Gabentisch des Vorjahres. Roland war nun stolzer Besitzer eines kleinen Spielzeug-Kippers aus VEB-Holzproduktion. Ein Fahrzeug von geschätzten 30 Zentimetern Länge, perfekt geeignet, um drei kleine Steine und eine halbe Portion Sand von A nach B zu karren.

Für Rolands vom DDR-Alltag beflügelte Fantasie war dieser Kipper jedoch nichts Geringeres als die Speerspitze einer regionalen Spedition. Vatis schwere Eichenschränke, Muttis Porzellansammlung, die Aussteuerbetten und das handkolorierte Familienbild aus dem Wohnzimmer – für Roland alles „ein Kinderspiel“. Wer braucht schon ein Umzugsunternehmen oder einen echten Bus samt Anhänger, wenn man ein Holzauto mit manueller Kippfunktion besitzt?

Zwei Welten prallen aufeinander

Ich beobachtete das Spektakel aus der Distanz meiner intellektuellen Überlegenheit. Während Roland in Gedanken bereits die Möbelkisten auf seiner 1:24-Ladefläche verzurrte, überschlug ich im Geiste die physikalischen Unmöglichkeiten.

Wenn man Tante Lottis flachen Zuckerkuchen als Dämmmaterial nutzte, passte vielleicht ein Kissen auf den Kipper. Für den Kleiderschrank hätte Roland schätzungsweise 42.000 Fahrten zwischen Bahnhofstraße und dem neuen Domizil in Gardelegen benötigt.

Onkel Herbert als Möbelpacker schied kategorisch aus. Ein Mann, der sonntags nicht einmal den Weg zum Kaffeetisch ohne fremde Hilfe fand, war für das Tragen von Vertikos im Treppenhaus gänzlich ungeeignet.

Ein Umzug unter Rolands Regie barg das akute Risiko der totalen Kontamination. Ich sah es bildlich vor mir: Mein Cousin, wie er beim Versuch, eine Matratze zu balancieren, im nächsten Schlammloch landete und als wandelnder Gülle-Mops den Neubau einweihte.

Sauberkeit bleibt oberstes Gebot

Ich hielt mich weiter diskret zurück. Als angehender Großstadt-Intellektueller aus der Magdeburger „Alten Neustadt“ wusste ich, dass echte Wohnungen durch sozialistische Zuweisung und nicht durch die Visionen eines achtjährigen Kipper-Kapitäns den Besitzer wechselten.

Immerhin hatte Rolands logistischer Masterplan einen unschätzbaren Vorteil: Da der Umzug vorerst nur in seinem Kopf stattfand und wir komfortabel mit dem Linienbus abgereist waren, blieb meine Sonntagskleidung wie durch ein Wunder absolut picobello sauber. Kein Staubkorn, kein Fleck.

Roland hingegen hatte sich beim Demonstrieren der Kippfunktion seines Spielzeugs im neuen Hausflur bereits wieder den Latz mit den verbliebenen Krümeln des Zuckerkuchens vollgeschmiert.

Manche Dinge ändern sich eben nie – selbst wenn der Umzug des Jahrhunderts ansteht.

Anmerkung: Die Geschichte ist autobiographisch. Sie ist ein Zeugnis aus einer anderen Zeit. Jetzt jeden Samstag eine Geschichte aus meiner Kindheit. 

Hier findet Ihr alle Geschichten: Goldene-Zeiten

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