MAGDEBURG – Ende 1962 schrammte die Welt haarscharf an der atomaren Vernichtung vorbei. Während Kennedy und Chruschtschow in der Kuba-Krise die Muskeln spielen ließen und die Menschheit den Atem anhielt, war ich mit den wirklich existenziellen Krisen des Lebens beschäftigt: dem Schulsystem der DDR.
Im Januar des neuen Jahres 1963 feierte ich meinen siebten Geburtstag – ein erfahrener Veteran der ersten Klasse. Das Lernen machte mir prinzipiell großen Spaß, vorausgesetzt natürlich, man ließ mich gewähren und pfuschte mir nicht ins Handwerk.
Das verkannte Genie der ersten Klasse
Das Halbjahreszeugnis spiegelte meinen Intellekt folgerichtig in glänzenden Zensuren wider. Nur in der Rubrik „Betragen“ prangte dort eine fette, unübersehbare „Drei“. Meine Klassenlehrerin, deren pädagogischer Horizont offenbar an der Tafelkreide endete, notierte in der Beurteilung messerscharf: „Bernd ist vorlaut und stört den Unterricht.“
Aus heutiger Sicht eine bodenlose Frechheit und eine klassische Fehlinterpretation. Ich war nicht vorlaut – ich habe lediglich das Zeitgeschehen zeitnah und fundiert kommentiert! Was man mir damals als Disziplinlosigkeit ankreidete, war in Wahrheit die Geburtsstunde eines genialen Stand-up-Comedians. Meine Lehrerin besaß schlichtweg nicht die intellektuelle Kapazität, meine beeindruckende Kreativität und meinen messerscharfen Witz zu würdigen.
Ohnehin war mein Geist bereits mit der großen Weltpolitik beschäftigt. In der Schule lernten wir die unumstößliche Wahrheit: Wir, in der Deutschen Demokratischen Republik, waren das einzig wahre, bessere Deutschland. Die bösen alten Nazis saßen alle drüben in der Bundesrepublik. Wir wiederum waren von den edlen Sowjets befreit worden und standen somit automatisch auf der Seite der ruhmreichen Sieger. Ein perfekt sortiertes Weltbild. Bis zu jenem Abendbrot mit dem Vater von Michael Schotteck.
Die Ruinen der Vergangenheit und die historische Erschütterung
Michael war mein Banknachbar, und wir beschlossen, uns zum konspirativen Spielen zu verabreden. Es wurde ein epischer Nachmittag. Wir krochen stundenlang durch die geheimnisvollen, alten Kellergänge von Kriegsruinen, die praktischerweise direkt neben dem Kaffeewerk des VEB Röstfein lagen. Während uns der Duft von edlem Muckefuck in die Nase stieg, erkundeten wir die Magdeburger Unterwelt.
Zufrieden und staubig kehrten wir zur Prime-Time des Abendbrots in Michaels Elternhaus zurück. Doch zwischen Blutwurst und Graubrot geschah das Unfassbare. Michaels Vater blickte vom Tisch auf und sagte in tiefstem Ernst: „Wir haben den Krieg verloren.“
Ich erstarrte. Was für ein hanebüchener Unsinn! Wir hatten den Krieg verloren? Das waren doch die Faschisten drüben im Westen! Wir hier waren Antifaschisten und somit geborene Gewinner! Aber als wohlerzogener Junge aus gutem Hause hielt ich im Angesicht des fremden Abendbrot-Tisches erst einmal die Klappe. Man widerspricht verwirrten Erwachsenen schließlich nicht mit vollem Mund.
Das Fort-Knox im Kinderzimmer: Bruder Uwe zieht ein
Schon hielt der April 1963 das nächste Großereignis parat. Muttis Bauch hatte in den Monaten zuvor eine auffällig runde Form angenommen, was mir als geschultem Beobachter nicht entgangen war. Die Diagnose: Ein Geschwisterchen war im Anmarsch.
Umgehend wurden logistische Maßnahmen ergriffen. In mein persönliches Kinderzimmer wurde ein Gitterbett hineinmanövriert. Ich betrachtete das Möbelstück mit psychologischer Skepsis: Kleine Babys wurden im Sozialismus also vorsorglich erst einmal in einen absolut ausbruchssicheren Knast gesteckt. Zwar schrumpfte dadurch meine strategische Fläche für die Spielzeug-Logistik drastisch, aber ich freute mich dennoch auf den Einzug des neuen Spielgefährten.
Am 17. April war es so weit. Mutti bezog das Krankenhaus, und Vati verkündete stolz die Geburt meines Bruders: Uwe. Ein hervorragender Name. Kurz, prägnant, leicht zu merken – selbst für jemanden mit einer Drei in Betragen.
Der anfängliche Segen entpuppte sich jedoch rasch als nächtliche Belastungsprobe. Uwe residierte in den ersten Wochen in einem Körbchen im elterlichen Schlafzimmer. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, jede Nacht ein akustisches Inferno zu veranstalten, das ungehindert durch die Altbauwände bis in mein Gemach vordrang.
Die Lehre des Sozialismus
Da dämmerte es mir schlagartig: Ein Brüderchen ist wie die sozialistische Planwirtschaft – irgendwie ist er da, aber im Alltag stört er des öfteren mit viel Lärm und verursacht (Schlaf)mangel.
So saß ich nun im Frühjahr 1963 in meinem geschrumpften Territorium, zutiefst erschüttert von zwei historischen Erkenntnissen: Wir hatten den Krieg verloren – und mein neuer Zimmergenosse war trotz ständiger Fünfjahrespläne beim Windelwechseln absolut unproduktiv.
Ich beschloss daher, mir vorerst das Recht auf den sozialistischen Selbstschutz vorzubehalten, die Bettdecke über die Ohren zu ziehen und die Große Politik den Erwachsenen zu überlassen. Wenn man schon die Welt nicht an einem Tag revolutionieren konnte, dann wollte ich wenigstens die nächste Unterrichtsstunde rhetorisch glanzvoll kommentieren.
Anmerkung: Die Geschichte ist autobiographisch. Sie ist ein Zeugnis aus einer anderen Zeit. Jetzt jeden Samstag eine Geschichte aus meiner Kindheit.
Hier findet Ihr alle Geschichten: Goldene-Zeiten


Herrlich geschrieben, wunderbar zu lesen, so wie es einst war – nicht nur in der sozialistischen Planwirtschaft!
Schöne Ablenkung und inzwischen kontrolliert der Iran den Iran-Krieg/Benzinpreis/Inflation, siehe:
https://www.breitbart.com/clips/2026/09/05/dem-rep-dean-on-iran-using-midterms-to-advantage-need-to-end-war-because-people-care-about-costs/
Soviel zur Ursache warum Trump immernoch im Amt ist, weil er wegen Epstein erpressbar ist und deshalb den Iran-/Ukraine-Krieg im Interesse von Israel/Netanyahu fortsetzen muss! Pfui Teufel! Wer Trump=AfD wählt, wählt den Krieg/Kriegsverschuldung/Wohlstandsverlust ——ihr AfD-Wähler seid schuldig an dem Benzinpreis! Abartigen niederträchtigen Vaterlandshochverräter!
Alter, verpiss dich doch einfach zu den Omas gegen rääächtz!
Breitbart wieder in Action,nur Stuss, der Wähler hat jetzt seinen Spritpreis bestimmt !!!!! Holldriho We are the Champion
Aus den dunklen Tiefen meiner Erinnerung steigt der Sommer 1963 übel auf, kalt, eiskalt! Das hochsommerliche Thermometer in my town Gelsenkirchen, jenerzeit Wirtschafts-Metropole des erz-und-kohle-kapitalistischen Ruhrgebiets, flirtete mit Werten, die um die 18 Grad herum lagen. Die Frage, ob nicht endlich der Seppelfricke-Küchenofen anzuwerfen sei, verdrängte das große weltpolitische Ereignis in der Karibik völlig. Im Spätherbst dann, am 22.11., Kennedy-Ermordung. Riesen-Schock, something was wrong in the (western) world. Wenn selbst ein US-Präsident abgeschossen werden kann auf offener Straße… . Und das dann auch noch ganz nah vor der eigenen Nase, im Fernsehen… ! Dort nur Tage später auch zu sehen, wie der mutmaßliche Schütze ruft, er sei bloß der Sündenbock. Und dann totgeschossen wird mitten in einer Polizeiwache! Hieß nichts Gutes, Mann-oh-Mann, Ämerrika!
Was uns und Ämerrika trennt, was uns verbindet. Einen nationalen Sozialismus hatten die Ämerrikens auch gehabt in den 1930ern, New Deal! Aber statt Arbeitslager gab’s den Hoover-Staudamm, also richtige Arbeit. Und nicht wie bei uns in jedem größeren Dorf arbeits-und sozialpolitische Zwangsmaßnahmen, damals sogenannte „Arbeitserziehungslager“ — so hatten die bei den Nazen ganz offiziell geheißen. „Hinter dem Horizont geht es weiter,“ würde gut drei Jahrzehnte später der Udo singen.
Erziehung und Bildung kennen Zeithorizonte, der schulischen Zwangsbildung für Kinder und Jugendliche war bei Don Adolfo eine arbeitliche für Erwachsene gefolgt. Folgen, volkte, gevolkt — Kühe werden gemolken, Menschen gevolken. Jedenfalls ist Kohlenpott sprachkreativ, kommt von der starken Rassenvermischung: Alle in einen Pott tun. Und arbeiten lassen, aber freiwillig, nur da kommt was bei raus. Nämlich nicht bloß anerzogener Anstand, sondern was anständig Gezogenes bzw. was Hochprozentiges bzw. Kapitalrendite. Genau: Rendite „ziehen“, so heißt es. Wie bei er- oder heran- oder umerziehen.
Westlich umerzogen ist, wenn alle anständig sind bzw. alle arbeiten WOLLEN, lägerlos — sprich: eben nicht einen Staat hochziehen, der eine einzige große arbeits- und sozialpolitische Zwangsmaßnahme ist, ein einziges großes Arbeitslager. Genau, DDR.
Und in den USA heißt der New Deal heute nicht mehr Hooverdamm, sondern Digital Control Grid. Genau: Android, Big brother is watching you — das kleine grüne Köpfchen von dem oben über die Mauer lugenden kleinen grünen Männchen — KI-Datencenter aufziehen! Sind mittlerweile 40000 km hoch.
Ecco, fascisme! Capisce?
Pandora, großartig geschrieben, das wird ein Bestseller!
Zehn Episoden stehen erstmal. Ich werde aber weiter schreiben.