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Aktuell29. August 2026

Goldene Zeiten (Teil 4) – 1961/1962: Die Vertreibung aus dem Paradies

Tag des braunen Zwirns – KI-generiert

MAGDEBURG – Das Jahr 1961 ging in die Geschichtsbücher ein. Juri Gagarin flog als erster Mensch ins Weltall und in Berlin zimmerten sie eine Mauer hoch, doch das eigentliche geopolitische Beben fand in meinem Leben statt: Vati wurde an die Technische Hochschule Magdeburg berufen.

Die Konsequenz? Mutti und ich wurden aus dem feudalen Otto-Reutter-Idyll der Waldschnibbe exiliert und in die urbane Realität der Magdeburger „Alten Neustadt“ geworfen. Hinzu kam Oma Frieda, die ab da auch ein bedeutender Teil meiner Erziehung wurde. Mutti und Vati hatten nämlich großes vor: Ein Fernstudium.

Der Duft der weiten Welt und der Gestank der Werkstatt

Für mich war der Umzug von gleich auf jetzt ein Kulturwechsel. Statt Rhododendron-Paradies und hölzernem Pavillon gab es nun die klassische Nachkriegs-Hinterhof-Idylle mit gepflegtem Straßenlärm vor der Haustür.

Doch mit knirschenden Zähnen und ein wenig Uneinsichtigkeit arrangierte ich mich schließlich mit der Diaspora. Was blieb mir auch anderes übrig.

Mein neuer Logenplatz war der Platz unter unserem Erkerfenster. Dort lag die Werkstatt von Schuster Ruckhaberle – von mir liebevoll „Onkel Ruck“ getauft. Ich verbrachte Stunden damit, dort zu hocken und die olfaktorische Dreifaltigkeit des ehrlichen Handwerks aufzusaugen: den süßlichen Duft von Leder, die stechende Note von Schuhcreme und den betörenden Gestank von zähflüssigem Leim.

Damals nannte man das noch „Luft schnappen“, heute stünde die Werkstatt wahrscheinlich unter strenger Beobachtung des Immissionsschutzgesetzes.

Die Eiserne Lady des Wäscheplatzes

Natürlich blieb ein Charmeur meines Kalibers nicht lange allein. Auf dem Hinterhof des Nachbarhauses rekrutierte ich prompt eine neue Freundin. Der Wäscheplatz auf meiner Seite wurde zu unserem persönlichen Kolosseum. Er bot alles, was das kindliche Herz begehrte, um sich die Knie aufzuschürfen – wäre da nicht der Endgegner Frau Grabs gewesen.

Sie war eine verbitterte ältere Dame, die rein biologisch wohl direkt als Erwachsene auf die Welt gekommen war und zum Lachen grundsätzlich den Keller aufsuchte, vermutlich, um dort die Hefe für den Zuckerkuchen vor den Kindern zu verstecken.

Da Diplomatie mit Frau Grabs zwecklos war, verlagerte ich mein Hauptquartier kurzerhand in den nahegelegenen Nordpark. Hier hingen die coolen Jugendlichen ab – und ich, als angehender Sechsjähriger, mischte mich als tonangebendes Maskottchen mitten unter sie.

Überhaupt war es hier ein bisschen wie im alten Rhododendron-Paradies der Reutter-Villa in der Waldschnibbe, nur viel größer und mit mehr Publikum.

Der Tag des braunen Zwirns: Einschulung 1962

1962 brach die Ära des bitteren Ernstes an: Meine Einschulung. Ich war bewaffnet mit einer Schultüte von geradezu strategischem Ausmaß. Vati flankierte mich an diesem historischen Tag, während Mutti einen „wichtigen Termin“ hatte. Damals zeigte man noch Einsatz und schluckte die „Kröte“. Der sozialistische Aufbau musste ja schließlich weitergehen.

Die Schule war ein altes erhabenes Gebäude aus rotem Backstein, ein gigantischer Alptraum, der den Mief des letzten Jahrhunderts atmete. Aber wie es sich gehörte gab es Schulhof, Sportplatz, Turnhalle und auch einen Hausmeister, der damals noch eine Respektperson war.

Mein Outfit an diesem sonnigen Ehrentag war ein modischer Geniestreich der frühen Sechziger: ein kurzer brauner Anzug. Kurze Hose, geschlossenes Oberteil mit strammem Hemdkragen. Ich sah aus wie eine Mischung aus adeligem Internatsschüler und Miniatur-Professor.

Der wilde Ritt im langsamen Foxtrott

Nach dem offiziellen Teil hatte Vati die Spendierhosen an. Es ging zum Ponyreiten. Ich schwang mich auf das Tier, saß im Sattel wie ein edler Ritter auf dem Weg zum Kreuzzug, während Vati die Szenerie für die Nachwelt fotografisch dokumentierte.

Der versprochene „wilde Ritt“ entpuppte sich allerdings als herbe Enttäuschung. Das Pony bewegte sich im gemächlichen Tempo eines eingeschlafenen Foxtrotts vorwärts.

Doch im Nachhinein betrachtet war diese zoologische Entschleunigung ein Segen. Denn das oberste Familiengesetz wurde eisern eingehalten: Ich blieb wie immer absolut picobello sauber. Kein Fleck auf dem braunen Zwirn, kein Staubkorn am Kragen.

Nicht auszudenken, wenn mein Cousin Roland dabei gewesen wäre. Der Knabe hätte es geschafft, das Pony im Magdeburger Stadtpark Rotehorn, im Adolf-Mittag-See zu versenken, sich den Latz mit den Süßigkeiten der Schultüte zu beschmieren und die Schüttel-Lähmung vom Takt des Foxtrott zu bekommen.

Gott schütze die neue sozialistische Ordnung!

Anmerkung: Die Geschichte ist autobiographisch. Sie ist ein Zeugnis aus einer anderen Zeit. Jetzt jeden Samstag eine Geschichte aus meiner Kindheit.

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Stimmen aus dem Maschinenraum

12 Kommentare

  1. Ich schwelge bereits in Erinnerungen, sobald ich die Überschrift zu lesen bekomme und dann sitze ich da und genieße nur noch.
    Vielen Dank und alles Gute.

  2. Danke für das Feedback. Anfangs dachte ich, ob das wohl angenommen wird, wenn ich autobiographische Kindergeschichten erzähle, statt aktuelles Zeitgeschehen zu kommentieren. Jetzt freue ich mich über den Zuspruch.
    Zwei Geschichten folgen noch. Vielleicht schreibe ich aber auch noch weiter.

    1. @Pandora
      „Zwei Geschichten folgen noch. Vielleicht schreibe ich aber auch noch weiter.“

      Na, ich hoffe doch. Schon weil Deine Geschichten Gedanken zur eigenen Vergangenheit anregen.
      Auch ich finde hier einige Parallelen und die Erkenntnis, daß gerade die schönen Seiten der Erinnerungen wiedererlebt werden können. 😉

      Hier noch ein OT Hinweis zu einer besonderen Dokumentation:
      DER HYPE – 2020 REVISITED (1:55h)
      https://www.youtube.com/watch?v=7MVga4H7yK0&t=378s

  3. Ich hatte mehr Glück. Mein Vater hatte einen Büroposten beim Spezialbau Magdeburg angeboten bekommen, schlug das Angebot Gott oder meinem Vater selbst sei gedankt aus, weil so etwas für einen Praktiker, der er war, gar nicht gegangen wäre und außerdem die idyllische Kleinstadt Buckow/Märkische Schweiz zu verlassen, wäre für ihn und für mich ein Trauerspiel geworden. So konnte ich weiter in der Idylle aufwachsen und mit meinen Brüdern an den Bandenkriegen, die unter den Jungs der Stadtteile herrschten, teilnehmen. Es war unsere ständige Umgebung, so dass ich erst später das Geschenk begriffen hatte, in einem Städchen meine Kinderzeit zu verbringen, das im Sommer tausende Urlauber und an den Wochenenden hunderte Berliner anzog. Von der einstigen Atmosphäre, die vor allem von sieben Gartenrestaurants ausging, ist fast nichts mehr übrig.

    1. Ich kenne Buckow auch. Was für ein schönes Städtchen mit einem großen See in mitten der märkischen Schweiz. In den 90igern nach der Wende, ging leider viel den Bach runter.

  4. … und Anfang der „60er“ – also mit „Fünf“ oder „Sechs“ – wurde Ich sogar regelrecht „e r l e u c h t e t“ !?! – heißt ganz profan – meine Mutter und Ich waren zu Besuch bei einer „entfernten“ Nachbarin (knapp 50 Meter) – die beiden „Alten Mädels“ quatschten in der Küche – so mittags rum – und Ich entdeckte zufällig, nebenan im Wohnzimmer, hinter dem beige-braunen Holz-RADIO (damals auch als HEIZ-Geräte zu gebrauchen – dank der RÖHREN-Technik) eine „gelb-silbrig – irre glänzende“, kreisrunde Draht-SPULE !?! – richtig fasziniert starrte Ich darauf und fragte mich – WAS ist das DA ?!? – war ja direkt auf meiner Augenhöhe – und wollte „es“ vorsichtig mit einem Finger antippen – „gschschsch !!!“ machte es „arm-aufwärts“ und Ich flog mit Ultra-Speed ein-zwei Meter zurück !?! – hat in der Küche keine(r) mitgekriegt – war ja völlig geräuschlos – hatte selbst wohl keinen Mucks getan !?!

    Dann, nach etlichen Jahrzehnten, fiel mir dieser Vor-„eher Rück“-FALL wieder ein – fragte also meinen 10-Jahre älteren Bruder („Inschenör an einer FH / Mitten in NRW), w i e s o Ich an dieser ANTENNEN-Draht-SPULE dermaßen einen „gewischschscht“ bekommen habe und wieviele > VOLTEN < da wohl hintersteckten !?! – tja, so schnell kann's gehen – und a n g e b l i c h "packen" polnische Schwarz-Arbeiter – die ja für ihre "24/7"-Schichten bekannt sind – ganz kurz an "o f f e n e" Steck-Dosen (230 Volt) – um sich weiter "fit und munter" zu h a l t e n !?! 😉

  5. Nichts ist schlimmer als glückliche stalinistische Sklaven, denn die zerstören mit ihrem Selbst-optimierungs-/ausbeutungswahn die Freiheit aller Erdenwürmer, siehe Putinland/Ukraine-Krieg, pfuiTeufel!——soviel zum stalinistischen Kadaver-Gehorsamen der sogar heute noch tief in den Knochen der AfD-Wähler sitzt und regiert——schön dumm! We shall overcome trumpschen stalinistischen Kadavergehorsam! Wählt die humanityparty.com! Viel Erfolg!

    1. @Cource
      Wenn Sie keine Erinnerungen haben und im Selbstmitleid dahinsiechen müssen, tun Sie mir leid. Komischerweise sind es eben oft die „stalinistischen Sklaven“, welche besonders schöne Erinnerungen besitzen und sogar teilen können. Jede Sommerferien in zwei (stalinistischen) Ferien(lagern!) in wunderschönen Umgebungen so viele herrliche Tage verbracht. Wir Kinder wurden dort nicht nur bestens verköstigt, sondern mit allerlei Spielen und Angeboten bespaßt. Ach … und meine erste Liebe …
      Besonders schlimm: Das Internationales Kinderzentrum Artek auf der Krim. Dort werden seit 1925 Kinder der ganzen Welt stalinistisch mit Freizeitangeboten indoktriniert. Besonders perfide; dort geht es um Völkerverständigung, Zusammenarbeit und Freundschaft. Im Wertewesten garnicht vorstellbar. 😉

  6. Was beschweren sie sich?! Sie sind in richtig guten Verhältnissen aufgewachsen.
    Meine Kindheit war zwar glücklich, was wussten wir damals, 1956, schon von Konsum und Luxus – als Kinder – aber wir, meine Mutter und ich, waren arm. Wir lebten noch in einem Barackenlager – aus Holz. Die Mutter, geschieden, dauernd krank, lebte von Sozialhilfe. DAS war damals wenig.
    Im Winter war der Schnee schwarz. Im Sommer ‚durfte‘ ich täglich in die Wanne. Ich war schwarz vom Hüttendreck.
    Es gab aber auch, für mich, schöne Momente. Ich hatte eine grenzenlose Freiheit. Schon im Vorschulalter konnte ich mich auf dem Hüttengelände, bewegen, wie ich wollte. In Bombentrichtern, ja, wir wussten das es solche waren, haben wir Molche gefangen. Das ganze Gelände, mit Bunkern, über der Erde, und darunter, war unser Spielplatz.
    Kriminalität gab es im Lager nie. Polizei kannten wir nicht.
    Obwohl arm, hatte meine Mutter immer 20 Pfennige für Heftchen, die ich verschlungen habe. Da waren Tarzan, Akim, Sigurd, Bodo, etc., im Format etwa DinA5, aber länglicher. Möglicherweise ein US Format. Tatsächlich habe ich damals, um die Geschichten zu verstehen, lesen gelernt.
    Meine Kindheit bewegte sich zwischen Lager 9, Lager 6, und dem Hüttengelände.

    Aber ich möchte keinen Tag meiner Kindheit missen. Gruß Karl

  7. Weil die Stalinisten so wie die Christen nur die Fortpflanzung, siehe DDR-Abkinder-Kredit, gefördert und dabei viel unnötiges Leid erzeugt haben, a la hitlers Gebärmuttermaschinen, pfui Teufel! Aber unsere Zukunft unter Trump/AfD We shall overcome trumpschen Rassismus=Ehe-/Nachzucht-Zwang nur um die Rasse zu erhalten, selbst dann wenn die Eltern offensichtlich nicht geeignet sind/nicht mal für sich selbst sorgen können! Wählt die humanityparty.com! Viel Erfolg!

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