GARDELEGEN – An besonders epischen Sonntagen – wenn die heimatliche Idylle der Waldschnibbe zu friedlich zu werden drohte – packte uns das Fernweh.
Es folgte der diplomatische Gegenbesuch bei Tante Lotti, Cousin Roland und dem chronisch durstigen Onkel Herbert. Zwei Kilometer Fußmarsch bis zur Bahnhofstraße in Gardelegen. Für mich Dreirad-Veteranen ein Klacks.
Das achte Weltwunder: Onkel Herbert in Farbe
Über eine kleine Treppe betrat man das Epizentrum des proletarischen Luxus: die Parterrewohnung.
Direkt im Wohnzimmer, gleich hinter der Tür hing es: das handcolorierte Familienbild. Im Jahr 1960 ein technologisches Äquivalent zu einem IMAX-Kino. Die Fotowelt war damals eigentlich streng schwarz-weiß. Gerüchten zufolge wurde die Farbfotografie erst 1968 erfunden, aber Lottis Bild glänzte im künstlich drübergepinselten Farbrausch.
Das Bild war ein historisches Dokument von unschätzbarem Wert, denn: Onkel Herbert war mit drauf! Das bewies zweifelsfrei, dass das Foto an einem Wochentag aufgenommen worden sein musste. Sonntags war Herbert schließlich qua Amt am Tresen unabkömmlich.
Nach dem obligatorischen Kaffeetrinken setzte bei uns Kindern die nackte Existenzangst ein: Langeweile. Vor der Tür gab es nichts als graue Straße und lebensgefährlichen Verkehr.
Kulturschock: Kopfsteinpflaster vs. Reutter-Idyll
Für mich, den blaublütigen Thronfolger der Waldschnibbe, ein absoluter Kulturschock. Zuhause residierte ich in einem weitläufigen Park voller Rhododendronbüsche, gekrönt von einer majestätischen Holzhütte (Pavillon) auf einer Anhöhe.
Das Anwesen gehörte einst keinem Geringeren als Otto Reutter, dem legendären Couplet-Sänger. Ich war quasi der Lord der Letzlinger Heide! „Im Wald und auf der Heide, da hat ich meine Freude“ war mein persönlicher Soundtrack. Und nun? Strassenstaub, Bahnhofsmilieu, Tristesse.
Immerhin gab es Tante Lottis legendären Zuckerkuchen. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er so dünn war wie eine Schallplatte, weil der Hefeteig mal wieder den Dienst quittiert hatte. Kein Vergleich zu Oma Friedas Hefekuchen, der unter das Sprengstoffgesetz fiel, so mächtig war er.
Doch Rettung nahte. Die Wohnzimmertür flog auf. Herein schwebte Onkel Herbert, eine brennende Kippe lässig zwischen den Lippen festgeklebt und mit einer verdächtig euphorischen Fröhlichkeit gesegnet. Der Frühschoppen zeigte offenbar Nachwirkungen.
Der Auftritt des Meisters und das Damwild von Fort-Knox
Das Kommando des Tages: „Jetzt geht es auf den Wall, Schwäne gucken und zu Otto Hirsch!“
Mein persönliches Highlight! Das lokale Tiergehege lockte mit diversen Käfigen voller Federvieh, Meerschweinchen und Kaninchen. Das Kronjuwel der Anlage war jedoch ein Gehege mit Damwild, angeführt von einem kapitalen Zwölfender namens „Otto“.
Roland – der alte Grenzgänger, der schon bei den Schweinen seine Affinität zum Zaunüberqueren bewiesen hatte – wollte natürlich sofort zu Otto ins Gehege klettern.
Doch diesmal hatten die Gardelegener Behörden mitgedacht: Die Umzäunung war so absolut ausbruchssicher wie Fort Knox. Otto der Hirsch blieb vom „Eber von der Heide“ verschont.
Walter Ulbricht und das ewige Gesetz der Sauberkeit
Zum krönenden Abschluss ging es in die Gaststätte. Für uns Kinder gab es Fassbrause, für Vati und Onkel Herbert ein Überlebens-Bier.
Während Herbert mit der immer noch im Mundwinkel festgeklebten Zigarette irgendetwas Unverständliches zu Vati, von einem gewissen „Walter Ulbricht“ faselte, hatten wir keine Ahnung, wer dieser Herr mit Spitzbart sein sollte, vermutlich der neue Betriebsleiter der kürzlich verstaatlichten Brauerei: VEB Garley-Bräu.
Doch dann nahm das Schicksal seinen gewohnten Lauf. Roland quengelte. Warum? Weil er die physikalischen Gesetze der Flüssigkeitsdynamik nicht beherrschte und sich die gesamte rote Brause über den Latz gekippt hatte.
Das astrophysikalische Endergebnis des Sonntagsausflugs war somit wieder vollkommen deckungsgleich mit der Weltordnung: Berndchen – Picobello sauber, wie frisch aus der Reinigung, bereit für den Hofstaat von Otto Reutter. Roland – vollgesaut, klebrig, nach Bierdunst, Tabak und Hirschgehege riechend.
Manche Dinge ändern sich eben nie. Egal, ob Ulbricht regiert oder die Hefe nicht aufgeht.
Anmerkung: Die Geschichte ist autobiographisch. Sie ist ein Zeugnis aus einer anderen Zeit. Jetzt jeden Samstag eine Geschichte aus meiner Kindheit.


Pandora, herrlich Deine Kindheitserinnerungen! Sie gehen mir ganz nahe. Ich habe „Ossi-Migrationshintergrund“ und verstehe deshalb Deine Erinnerungen besonders gut. Die damalige Verstaatlichungsorgie riss meine Familie auseinander. Als ich zum ersten Mal 1990 meinen Geburtsort in Sachsen-Anhalt kennenlernen durfte, war ich fasziniert vom kulturellen Erbe.
Klasse, das sollte jeder von uns „Alten“ mal zum Besten geben. Mir fällt da auch so einiges ein.
Im Vergleich zu Heute war es sehr besinnlich und auch schön.
Nur wer die stalinistische Politik der Sowjetunion vertrat konnte solange die DDR regieren wie Walter Ulbricht, pfui Teufel! We shall overcome trumpschen=stalinistischen Kadavergehorsam! wählt die humanityparty.com Viel Erfolg!