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Gesetzesmythos – über »Jane Eyre«, ein Film nach dem Roman von Charlotte Brontë

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Zum Begriff eines Subjekts, das sich dem Regulativ entzieht (im Kontext einer Verschiebung des Gefühls im Objektbezug)

In der sozialen Praxis, also auch im sozialwissenschaftlichen Diskurs, kommt dem Subjekt ein Status als Einzelwesen nicht zu, von dem sich sagen ließe, es verfüge und entscheide autonom über sein Leben, und sei es nur aus dem Gefühl heraus. Wäre das gegeben, könnte man von einer Autonomie der Gefühle sprechen, wiewohl diese ihren außersubjektiven Gegenstandsbezug brauchen und haben, von dem sich Gefühle nicht leicht zu lösen vermögen, um sich einem anderen Gegenstand zu öffnen. Den Gegenstandsbezug zu ändern wäre mit Schuld beladen. Der Grund dafür ist, dass Denken und Handeln im Projektionsmodus: der Verschiebung des Gefühls im Objektbezug[1], problematisch ist.

Das heißt nur, dass es schwierig ist, wenn Gefühle den sozialen Prozess immerzu begleiten, zumal wenn Gefühle unverhandelbar sind: nichts entscheiden dürfen im Hinblick darauf, ob und wie sich das Subjekt sozial integrieren oder teilhaben möchte in sozialen Prozessen. Das Subjekt hat buchstäblich das zu fressen, was auf den Tisch kommt, oder zu sterben.

Diesen Zusammenhang kennen wir als Eifersucht. Entzieht sich eine geliebte Person, wünscht man, sie möge vom Schicksal bestraft werden. Hier liegt der Akzent auf dem Gesetz, dem Regulativ, dem (verinnerlichten) Symbol, das ein Regulativ repräsentiert, dem sich das Subjekt zu unterwerfen hat, und das letztendlich auf Bestandsregungen auch der sich unterwerfenden Person verweist, wenn man bedenkt, dass Unterwürfigkeit mit Lust verbunden sein kann. Das muss nicht repressiv sein, wenn’s menschlich zugeht, so Detel in (Detel 2011).

Tatsächlich ist das Gesetz, seine lustbesetzte Entstehung, seine Stilisierung und Verheiligung zum überfamiliären Mythos, ganz und gar mit Herrschaft, Macht und Unterdrückung verbunden und natürlich verbunden mit Bestandsregungen eines Menschen, der herrscht und Macht ausübt, indem er eigene Bestandsregungen mit dem überfamiliären Kontext kurzschließt oder identifiziert, das heißt, den gesellschaftlichen Kontext auf Gefühle reduziert.[2]

Das Gesetz selbst erzählt uns andere Geschichten, zum Beispiel dass es im überfamiliären Kontext die menschliche Seite freilege, das Kreative im Menschen ermöglicht habe – über das hinaus, was das Regulativ im familiären Handlungskontext, in dem Menschen unmittelbar miteinander verkehren, ermögliche.

Ein Irrtum oder Allerweltsatz. Wenn man so will ist alles irgendwie menschlich, selbst Mord, warum also nicht die Entstehung, Geltung und Befolgung von Regeln? Ja, warum nicht auch das Marschieren im Gleichschritt? Im Sinne einer »Philosophie des Augenscheinlichen«, beschrieben in (Witsch 2013a, S. 136 – 177) sagt man einfach, dass alles, was wir tun, unabhängig davon, in welcher Gesellschaft wir leben, identifizierbaren Regeln, ausformuliert in Gesetzestexten, unterliegt, noch bevor es Hochkulturen gab.

Problematisch wurde es, als in den Hochkulturen sich das Gesetz oder das Regulativ aus dem (familiären) Handlungskontext herauslöste, um zum Gegenstand der Anbetung zu werden und sich unverhandelbar über den Kontext des familiären Nahbereichs zu legen. Das Gesetz wurde identifiziert mit einem abstrakten Symbol und begründete den Bund (des Volkes Israel) auf der Grundlage des selbigen Symbols, das für einen einzigen unverhandelbaren Gott stand (Alter Bund), den es anzubeten, aber nicht zu kritisieren galt, der an irdischen Dingen nicht mehr gemessen werden durfte. Nur dann war das Symbol Gott für die Menschen da. Mit ihrem Gott, auf den sich alle Gefühle zu ergießen hatten, wenn er denn für die Menschen da sein sollte, glaubten die Juden, sich in der Welt gegen andere Völker behaupten zu können.

Über den Film »Auf Wiedersehen« in Abgrenzung zum Film »Jane Eyre« 

Noch heute verinnerlichen gerade Unterprivilegierte und Unterdrückte den Gesetzes-Mythos gnadenlos und mit Lust; sie glauben, dass sie sich nur mit und nicht gegen das Gesetz behaupten können, während die herrschende Elite den Gesetzes-Mythos zu Herrschaftszwecken predigt, ohne an ihn zu glauben.

Die konventionelle Machart von Filmen wie Jane Eyre (Regie: Cary Joji Fukunaga) besteht darin, dass ihre Filmemacher an die Konvention glauben; sie glauben mit ihren Zuschauern an die Regel, an das Gesetz unnachsichtiger als es die privilegierte Elite tut, die unentwegt predigt, dass man Gesetze einhalten müsse, aus durchsichtigen Gründen, eben weil sie Herrschaft und Macht absichern. Regelwidrigkeiten werden nicht geduldet, um sie freilich zugleich in Maßen zu tolerieren, aber nur um zu bedeuten: wer nach der Übertretung des Gesetzes die Strafe, die das Gesetz vorsieht, unnachsichtig an sich selbst exekutiert, erweist sich als zuverlässig und darf als Tugendhafter, der das Böse in sich erfolgreich besiegen kann, in höhere Schichten aufsteigen. Das ist die lustbesetzte Geisteshaltung der unteren Schichten zum Leidwesen der unteren Schichten. Das zelebriert Jane Eyre, das Gefühl instrumentalisierend, tränennass, wiewohl es viel spannender und anregender wäre, das Gesetz und seine repressive Funktion weniger rührselig zu reflektieren.

Vergeblich. Bis zum Schluss des Films fließen Tränen, in denen jeder Gedanke buchstäblich ertrinkt. Wie auch nicht? Der Filmemacher verheiligt die Konvention; er verbeugt sich vor ihr zusammen mit seiner Heldin; er nimmt sie schließlich in die höhere Gesellschaft auf; sie verdient es, nachdem sie bis dahin ihr beschwerliches Leben vorbildlich ertragen hat; als Erwachsene wird sie zwar nicht mehr geschlagen; doch sie übt Verzicht, entsagt der Liebe, wie es sich für eine Tugendhafte gehört. Das bringt ihr die Achtung der Gesellschaft ein; vor allem die Achtung vor sich selbst, wie sie wörtlich sagt. Nunmehr darf sie vorbildlich und federführend in die Gesellschaft hineinwirken, vielleicht durch Romane, die das Herz berühren, ohne die Konvention zu berühren, was nicht dadurch geschieht, indem man wie Jane Austen (†1817) eine bestimmte Konvention kritisiert oder mit besonderem Feinsinn kritisiert, wie wenig in den höheren Kreisen Tugend und Sittenstrenge zählen.

Es ist nicht einfach zu verstehen, dass das Gesetz – die Anbetung der Konvention, der Regel – das Problem sein soll, wo doch Jane Eyre tatsächlich zu berühren vermag. Man versteht vielleicht besser, wenn man andere Filme dagegenstellt; weniger aufwendige Filme, wie zum Beispiel den iranischen Film Auf Wiedersehen (Regie: Mohammad Rasoulof); solche Filme führen die Aufklärung wirklich weiter, schon unter formal-ästhetischen Gesichtspunkten; er arbeitet konsequent ohne (musikalische) Gefühlsverstärker, sodass er gezwungen ist, so nah als möglich an der Realität zu erzählen; der Gedanke sucht – frei nach Marx – die Realität, anstatt dass der Gedanke erwartet, die Realität werde ihn schon finden. Dadurch berührt der Film substanziell, ohne große Gefühlsschwankungen zu erzeugen, in denen jeder eigenständige Gedanke zerfließt; er erzeugt beim Zuschauer eher eine Stimmungslage, ein feeling (Döring, S. 11), die den Gedanken belebt; vor allem hebt das Gefühl nicht ab in den siebten Himmel, sondern ist und bleibt der sozialen Praxis zugeneigt: der Filmemacher lässt seine ausreisewillige Heldin an der iranischen Bürokratie scheitern, so wie hierzulande Menschen an Hartz-IV, ohne, wie in Jane Eyre, das Gesetz zu fetischisieren.

Im Gegenteil: die Heldin scheitert am Gesetz umso nachdrücklicher, je genauer und gehorsamer sie, gar im vorauseilenden Gehorsam, Gesetze, Regeln und Konventionen der iranischen Gesellschaft exekutiert. Ja, sie begegnet Situationen misstrauisch, in denen Menschen das Gesetz nicht so genau nehmen, ein Auge zudrücken, um zu helfen, wie wir es in Jane Eyre immer nur rührselig erleben[3], dagegen Hilfen auf der Basis von Regelwidrigkeiten in Auf Wiedersehen unter Spannung setzen, könnte doch die kleinste Regelwidrigkeit von der Bürokratie gegen die bedürftige Heldin ausgelegt werden, um ihr noch mehr Schwierigkeiten zu bereiten, sich frei zu bewegen, in diesem Fall: den Iran zu verlassen.

Die dosierte Regelwidrigkeit braucht das Gesetz, um sich der menschlichen Regung zu versichern 

Man muss sogar sagen, Menschen, die gesetzestreu ihre Pflicht tun, die Einhaltung der Gesetze peinlich genau beachten, handeln grausam selbst dort, wo sie auch mal ein Auge zudrücken und gegen das Gesetz handeln könnten. So etwas, die dosierte Regelwidrigkeit im Namen der Humanität, braucht das Gesetz, um sich der menschlichen Regung zu versichern; nur mit ihr vermag das Gesetz sein grausames Werk zu verrichten.

Die dosierte Regelwidrigkeit berührt den repressiv-grausamen Charakter des Gesetzes nicht die Spur, beruhigt aber das schlechte Gewissen gutmenschiger Bürokraten; auch Menschen, die sich für gut halten, wollen vom Gesetz ernährt werden, bis zum bitteren Ende, wenn’s sein muss. Wie kommentierte Hannah Arendt den Eichmann-Prozess noch gleich? Ach ja: Das Böse ist banal; also alles andere als abgründig, sondern normal. Schon gar nicht zeugt es von abgründiger großer Schuldfähigkeit, wie Heidegger – Nietzsche nachempfunden – noch vor der Machtergreifung in seinem Hauptwerk Sein und Zeit glauben machen möchte.[4]

(Hinweis: der Text ist ein Auszug aus Witsch 2013a, S. 69 – 72)

Anmerkungen

[1] Zum Begriff einer »Verschiebung des Gefühls im Objektbezug« vgl. Witsch 2012, S. 21f: »Sozialpsychologische Implikationen der Wirtschaftskrise«; ferner Witsch 2009, S. 145.
[2] Ausführlicher illustriert in Witsch 2013, S. 138 – 146: »Der Fall Baring: Helden braucht das Land«.
[3] Über die mentale Disposition »Rührseligkeit« vgl. Witsch 2009, Kap. 6, S. 147 – 157: »Zur Politik des alltäglichen Nahbereichs«.
[4] Witsch 2013a, S. 134: »Kritik an Heideggers Sein und Zeit« (S. 126 – 136)

Quellen

Detel, Wolfgang (2011). Geist und Verstehen. Frankfurt/Main. Vittorio Klostermann-Verlag.
Döring, Sabine (Hsg). Philosophie der Gefühle, Frankfurt/Main 2009.
Witsch, Franz (2009). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Erster Teil: Begriff der Teilhabe. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2012). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013a). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Vierter Teil: Theorie der Gefühle. Norderstedt. BoD-Verlag (zitiert nach der Ausgabe von 2015).

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13 Kommentare

  1. Deshalb ist es so ungeheuerlich, dass Trump die französische Revolution der Aufklärung/Humanismus rückgängig macht ohne jeglichen Widerstand, nur die Russen Mißtrauen ihrem Führer und holen das Geld von ihren Konten/“bunkrun“ We shall overcome trumpschen Kadavergehorsam! Wählt die humanityparty.com! Viel Erfolg!

    1. Wenn wir mit dem Streichen einmal anfangen, dann verselbständigt sich dieser Vorgang je nach Gemütslage und wir können die Kommentarfunktion ganz streichen. Ein bisschen weniger empfindlich wäre gut. Es gibt Leute, die schenken mir grundsätzlich nur einen Bewertungsstern – ihr gutes Recht. Und im sog. Offenen Verteiler setzen mich zwei drei Leute regelmäßig und vollkommen arguemtaionsfrei herab. Einer empfand mich – einen Text von mir (https://film-und-politik.de/K14.pdf, S. 84 – 99) – gar als „abstoßend“. Idioten gibt es überall – schichtübergreifend. Nicht gerade schön. Deshalb geh ich nicht gleich in Sack und Asche.

  2. Eichmanns Verteidigungsstrategie im Jerusalemer Prozeß gegen ihn war es, sich als Schwachkopf darzustellen, als einen gehorsam Befehle befolgt habenden Idioten, und sich so den Vorteil verminderter Schuldfähigkeit zu verschaffen. Tatsächlich aber war er ein gut gebildeter Zeitgenosse, der zudem ganz ausgezeichnet klassische Musik spielte auf seiner Violine. Und seine Vernichtungstätigkeit weltanschaulich zielgerichtet und bewußt ausgeführt hat, er WOLLTE Juden vernichten. Um so erstaunlicher, daß Hannah Arendt auf Eichmanns plumpe Verteidigungsstrategie hereingefallen ist. Das Jerusalemer Gericht bekanntlich nicht. Übrigens: Ohne die Eichmänner kein Staat Israel; siehe „Exodus“, Hollywoods starbesetzten Superschinken (mit Charles Heston als Moses)!

    Das Böse von Eichmann war mitnichten banal, es war von ihm erwogen und für moralisch gut und richtig befunden. Was auch für aktuelles Geschehen bzw. für aktuelle Eichmänner vollauf zutreffend erscheint. Was sollte Machtelite anderes tun, wenn sie einem geistig-moralisch tumben Plebs gegenübersteht, der nicht verstehen WILL, daß Produktivitätszuwachs und Kapitalrendite inkompatibel sind. Und der auf diesem Wege also eine Willenserklärung durch schlüssiges Handel abgibt auf Fortbestand seines Sklaventums. Von der faktisch bereits verstorbenen Lohn- und Renditesklaverei geht es darum nun zurück zur klassischen Sklaverei von Befehl und Gehorsam in Form einer technokratischen Klimadiktatur. Doch immer sieht der Plebs sich als Opfer irgendwelcher Unholde — Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, Eichmann, und nun Clinton, Klaus Schwab, Larry Fink, Epstein usw, you name it. Verdammt, all diese Burschen haben lediglich dem Plebs das gegeben, ohne das er nicht kann, und haben auf diese Weise den Eintritt von totalem Chaos und totaler Barbarei VERHINDERT. (Und retten so nun unzählige Menschenleben!!! Und dies alles ganz ohne Ironie gesagt, sind alles pure Fakten!) Und ganz genau so wird es nun auch mit der Klimadiktatur kommen. Die neuen Eichmänner ziehen nicht mehr gegen böse Juden zu Felde, sondern gegen böse Klimasünder. Und nicht mehr wollen sie die Erbanlagen von „Untermenschen“ ausmerzen, sondern die ganz genauso herbeiphantasierten Klimagase.

    In Wahrheit ist die große Weltverschwörung nicht die einer bösen globalen Machtelite gegen die guten kleinen Leute. Sondern eine globale Verschwörung der übergroßen Mehrheit dieser guten kleinen Leute miteinander gegen sich selbst. Könnte nicht grotesker sein. Die Sklaven wollen den Fortbestand ihrer Versklavung, den Fortbestand von Mangel, Not, Elend, Krankheit, Leid und Tod. Existenzkampf gibt diesen Schwachmaten Lebenssinn, hilft ihnen morgens aus dem Bett. Ist zu akzeptieren. Ich applaudiere, aber ich protestiere auch nicht, beides wäre zwecklos. Des Menschen Wille sein Himmelreich, bzw. des Sklaven Wille sein Sklavenreich.

    1. Du quatschst auch immer den selben Scheiß um letztlich das herrschende System zu legitimieren um uns zu erzählen dass das alles ganz natürlich sei und alles so kommen mußte und wir uns damit abzufinden hätten…

      1. #Publicviewer — „System“, ein abstrakter Begriff, ein nichtssagender Platzhalter für sachleere Wünsche, Gefühle und Phantasmen. Kann einer schön sein Gemüt mit kühlen, aber nicht zu Erkenntnissen kommen. Freiheit und Liebe, die Freiheit zur Liebe wie auch die Liebe zur Freiheit, lassen sich nicht ärztlich oder politisch verordnen. Nicht von Kirchen, Religionen, Wissenschaftlern, Theoretikern, Ideologen oder Politbüros. Kann nur aus jedem einzelnen selbst kommen IN FREIER ENTSCHEIDUNG. Neinsagen zum Leben ist erlaubt.

        „System“ — wie wäre es stattdessen mit „Gelüst“? Zum Beispiel mit Gelüst an Befehl und Gehorsam, mit Gelüst des Herren am Sklaven, und vice versa. Oder mit Leidensgelüst. Gibt sicherlich noch ein paar mehr Verlustierungen, die sich hier anführen ließen.

      2. Ich würde Ihnen vorschlagen zu zeigen, dass Sie besser schreiben können. Man könnte z.B. diskutieren, ob die Denkfigur von der Banalität des Bösen Eichmanns mentale Disposition angemessen beschreibt.

        1. #Franz Witsch — Ich bin zwar nicht angesprochen, sondern der Publicviewer, möchte aber gern erwidern, bitte. Ja, das Böse kann auch banal sein. Z.B. wenn jemand von purer Dummheit oder von niederen Beweggründen getrieben ist wie verletzte Eitelkeit oder
          Rachegelüst, meist dann weil er einen schon mit seiner Geburt gegebenen ganz miesen menschenverachtenden Charakter sein Eigen nennt; oder einer empfindet psychopathische Lust am Quälen und Töten (Snuff-Videos). Oder Verdeckung einer Straftat durch Tötung eines Zeugen oder Mitwissers. Oder einem Serienkiller fehlen seit Geburt die Amygdalas (Mandelkerne) ganz, oder jemand ist brutal, weil seine Mandelkerne infolge langanhaltenden starken Stresses deutlich geschrumpft sind; oder stark eingeschränktes Sozialverhalten durch überstrenge Erziehung und dann fanatisches Untertanentum, welches die Beanspruchung von Freiheitsrechten als bösartigen
          Angriff auf den Sozialkörper wahrnimmt; ganz zuletzt das Thema der Sexualdelikte.

          Bei Eichmann vorliegend war nichts von alledem. Er hatte die ganz normale Macke aller ganz normalen jüdisch-christlich-abendländisch sozialisierten bzw. staatsschulische Bildung durchlaufen habenden modernen Menschen. Selbstverständlich unbewußt, empfand Eichmann die Tatsache, einen Körper zu haben, als Makel, als Ausweis einer konstitutionellen Schlechtigkeit, seines allgemein menschlichen Nichtgenügenkönnens. Will so jemand dann ein guter Mensch sein vor sich selbst, bleibt ihm allein die Projektion des von ihm empfundenen eigenen Makels auf andere — und was fällt uns hier sofort und ohne weiteres ein, wenn nicht der berühmte Terminus der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Da stehen zur Auswahl vor allem Arbeitsscheue bzw. „Sozialversager“, und in dieser Reihenfolge dann: Juden, Zigeuner, Kriminelle jeglicher Art, Nichtweiße, Ausländer und überhaupt Kulturfremde.

          Was Eichmann widerfahren ist, kann einem jeden „ganz normalen“ modernen Menschen geschehen, wenn die Umstände entsprechend einladend sind, z.B. durch Statusgewinn, oder durch Gewinnung eines bloß sicheren Einkommens schon. Oder viel simpler noch durch Ansteckung an einem sich in der Kultur breitgemacht habenden Wahn (siehe hierzu Erich Neumann, „Rekollektivierung“ = Reaktivierung zivilisatorisch lange bereits überlebt gewesener archetypischer opferkultiger Settings wie das von Blut und Boden bzw. Kult der „Großen Mutter“).

          All dies auch heute wieder virulent, und dies völlig unabhängig von politischen oder ideologischen Präferenzen. Exzellentes Beispiel die frei umherstreifenden Wölfe in durchaus dichtbesiedelten Landen. Auch wenn noch kein Kind gerissen worden ist… . Aber allein, Kinder in solche Angst zu versetzen. Wenn das keine Eichmänner sind, wer denn dann!

          Nein, Eichmanns Böses war mitnichten banal, es war normal. Es war das ganz normale Böse des aus jüdisch-christlich-abendländischer Kultur hervorgewachsenen ganz normalen modernen Menschen. Der steht mit einem Fuß immer ganz nah an einem Abgrund. An dem der Barbarei. Wünschen wir ihm alles Gute. Mit Nietzsche gesagt: Daß er Überwindermensch werde.

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