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Amerika15. Juli 2026

Russland und China: Keine Engel, aber das Ende des westlichen Größenwahns

Russland

Der Westen hat ein bemerkenswert einfaches Ordnungssystem entwickelt: Wenn Washington Militärstützpunkte errichtet, Regierungen sanktioniert, Währungen als Waffe einsetzt und seine Flotten vor fremden Küsten parkt, nennt man das „regelbasierte Weltordnung“. Wenn Russland oder China eigene Interessen formulieren, spricht dieselbe politische Priesterschaft von Imperialismus, Aggression und einer Bedrohung für die freie Welt.

Die freie Welt ist dabei ungefähr so frei wie ein Hotelgast, dessen Zimmer, Kreditkarte und Tagesablauf vom Portier kontrolliert werden. Er darf sich frei bewegen, solange er das Gebäude nicht verlässt und die Rechnung aus Washington bezahlt.

Russland und China präsentieren sich dagegen als Vertreter einer multipolaren Ordnung, in der souveräne Staaten miteinander handeln, ohne sich einem einzigen Weltaufseher unterwerfen zu müssen. Sind Moskau und Peking deshalb reine Friedensengel ohne Machtinteressen? Wohl kaum. Doch verglichen mit dem westlichen Anspruch, den gesamten Planeten politisch, militärisch, finanziell und kulturell zu beaufsichtigen, verfolgen sie tatsächlich ein anderes Modell.

Der Westen hält seinen Spiegel für ein Fenster

Das Grundproblem westlicher Außenpolitik besteht darin, dass sie ihre eigenen Motive auf sämtliche Konkurrenten überträgt. Weil Washington seit Jahrzehnten globale Vorherrschaft als selbstverständliches nationales Interesse betrachtet, müssen Russland und China angeblich zwangsläufig dasselbe Ziel verfolgen.

Wer selbst überall Hegemonie sieht, erkennt irgendwann sogar im chinesischen Güterzug einen Flugzeugträger.

Dem westlichen Denken in Kategorien von Herrschaft, Konkurrenz und Unterwerfung stehen andere zivilisatorische Vorstellungen von Harmonie, Gemeinschaft und staatlicher Kontinuität gegenüber. Sie erklären zumindest teilweise, warum Moskau und Peking die internationale Ordnung anders betrachten als Washington und seine europäischen Außenstellen.

Aus einem anderen Selbstverständnis folgt allerdings noch keine außenpolitische Unschuld. Auch China und Russland sind Großmächte. Sie besitzen Sicherheitsinteressen, wirtschaftliche Ziele, Einflusszonen und rote Linien. Wer ihnen all das abspricht, betreibt keine Analyse, sondern Ikonenmalerei.

Das Imperium trägt heute eine PowerPoint-Krawatte

Imperialismus erscheint heute nur selten mit Tropenhelm und Kanonenboot. Die moderne Version kommt mit Beratungsgesellschaft, Kreditrating, Menschenrechtsbericht und einem Sonderbeauftragten für demokratische Werte.

Zunächst wird ein Land wirtschaftlich abhängig gemacht. Dann erklärt man ihm, welche Regierung vertrauenswürdig ist, welche Rohstoffe „verantwortungsvoll“ exportiert werden dürfen und welche Beziehungen zu China oder Russland leider gegen die regelbasierte Ordnung verstoßen. Sollte die Regierung nicht gehorchen, folgen Sanktionen. Bleibt sie weiterhin widerspenstig, entdeckt ein westlicher Nachrichtensender plötzlich eine besonders dringende humanitäre Katastrophe.

Das Verfahren ist effizienter als die klassische Kolonialverwaltung. Die Einheimischen dürfen ihre Fahne behalten, ihre Hymne singen und alle paar Jahre wählen. Die wirklich wichtigen Entscheidungen fallen anschließend dort, wo Kreditlinien, Zahlungssysteme, Versicherungen, Technologien und Militärbündnisse kontrolliert werden.

Der Kolonialbeamte wurde abgeschafft. Seine Tabellenkalkulation lebt.

128 Stützpunkte sind natürlich keine Hegemonie

Besonders unterhaltsam wird die westliche Empörung, sobald von chinesischen oder russischen Sicherheitsinteressen die Rede ist. Ein Bericht des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses nennt mindestens 128 vom Pentagon genutzte oder verwaltete Militärstützpunkte in mindestens 51 fremden Staaten. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine konservative Erfassung anhand öffentlich zugänglicher Informationen.

Das ist aber selbstverständlich kein Imperium. Das ist lediglich eine sehr weiträumige Nachbarschaftshilfe mit Kampfjets, Flugzeugträgern, Raketenabwehr und gelegentlichen Drohnenbesuchen.

China besitzt im Vergleich dazu nur ein kleines Netz ausländischer Militärstandorte. Russland unterhält zwar Stützpunkte außerhalb seines Staatsgebiets, vor allem im postsowjetischen Raum und in Syrien, doch auch dieses Netz erreicht nicht annähernd die globale Ausdehnung der Vereinigten Staaten.

Die Machtmodelle sind also nicht identisch. Washington beansprucht militärische Präsenz auf nahezu allen strategisch wichtigen Schauplätzen. China baut vor allem wirtschaftliche, technologische und infrastrukturelle Verbindungen auf. Russland konzentriert sich stärker auf sein unmittelbares sicherheitspolitisches Umfeld und ausgewählte Partner.

Man kann alle drei Modelle kritisieren. Man sollte sie nur nicht vorsätzlich gleichsetzen, weil der Nachrichtensprecher sonst seine vorbereitete Moderationskarte nicht mehr verwenden kann.

China erobert Häfen, ohne sie bombardieren zu müssen

Chinas Aufstieg beruht vor allem auf Handel, Industrie, Infrastruktur und langfristiger Planung. Während Europa darüber diskutiert, ob ein Verbrennungsmotor eine rechtsextreme Gesinnung besitzt, baut China Häfen, Bahnstrecken, Kraftwerke, Lieferketten und digitale Netze.

Das ist nicht selbstlose Entwicklungshilfe. Peking verfolgt wirtschaftliche und strategische Interessen. Kredite schaffen Einfluss, technische Standards erzeugen Abhängigkeiten und Infrastruktur kann politische Bindungen festigen.

Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass zahlreiche Staaten diese Zusammenarbeit als Alternative zu westlicher Bevormundung betrachten. China fordert normalerweise keine feministische Außenpolitik, keine Regenbogenbeflaggung des Finanzministeriums und keine Übernahme des neuesten Brüsseler Moralhandbuchs. Peking möchte Zugang zu Märkten, Rohstoffen und Verkehrswegen.

Das mag nüchtern, eigennützig und gelegentlich knallhart sein. Aber für viele Staaten des Globalen Südens ist ein Geschäftspartner, der eine Eisenbahn bauen möchte, offenbar attraktiver als ein Oberlehrer, der nach zwanzig Jahren Demokratieberatung einen rauchenden Trümmerhaufen hinterlässt.

Russland: Friedensengel mit schweren Sicherheitsinteressen?

Bei Russland fällt die Behauptung völliger imperialer Anspruchslosigkeit noch schwerer. Der Krieg in der Ukraine lässt sich nicht einfach mit Dostojewski, orthodoxer Spiritualität und sibirischer Weite aus dem Bild meditieren. Russland setzt militärische Gewalt ein und beansprucht entscheidenden Einfluss auf die Sicherheitsordnung in seinem Umfeld.

Das ist eine Tatsache.

Ebenso Tatsache ist jedoch, dass die NATO über Jahrzehnte erweitert wurde, westliche Politiker einen möglichen ukrainischen Beitritt offenhielten und Moskaus Einwände regelmäßig wie das bedeutungslose Grummeln einer regionalen Tankstelle behandelten. Man musste kein Freund Putins sein, um zu erkennen, dass eine fortgesetzte militärische Verschiebung bis an Russlands Grenzen irgendwann eine Reaktion hervorrufen würde.

Der Westen verwechselte Russlands Schwäche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit einer dauerhaften Einverständniserklärung. Nun ist er empört, weil der vorübergehend ohnmächtige Staat wieder eigene Interessen anmeldet.

Die entstehende Weltordnung wird bereits vom Konflikt zwischen westlicher Unipolarität und neuen Machtzentren geprägt. Es geht längst nicht mehr darum, ob die alte Ordnung endet. Gestritten wird nur noch darüber, wie laut ihr Zusammenbruch ausfällt.

Multipolarität ist keine Heiligsprechung

Eine multipolare Welt ist nicht automatisch friedlich. Mehrere Machtzentren können miteinander kooperieren, sie können aber auch konkurrieren, drohen und Kriege führen. Wer Multipolarität mit einem globalen Streichelzoo verwechselt, hat vermutlich auch geglaubt, die Europäische Union werde ein Friedensprojekt bleiben, sobald sie über ausreichend Waffen und ein eigenes Zensurministerium verfügt.

Der Vorteil der Multipolarität liegt nicht darin, dass ihre Akteure moralisch vollkommener wären. Ihr Vorteil besteht darin, dass kein einzelnes Zentrum allen anderen seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen diktieren kann.

Russland und China müssen deshalb nicht ohne Machtansprüche sein, um eine Alternative zur westlichen Hegemonie darzustellen. Es reicht bereits, dass sie keine globale Kommandogewalt nach amerikanischem Vorbild besitzen und anderen Staaten zusätzliche Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

Ein afrikanischer, asiatischer oder lateinamerikanischer Staat kann dann zwischen mehreren Partnern wählen. Genau diese Wahlmöglichkeit ist es, die westliche Strategen besonders beunruhigt. Denn „Souveränität“ klingt in Sonntagsreden großartig – bis ein Staat sie benutzt, um chinesische Technik zu kaufen, russische Energie zu importieren oder amerikanische Sanktionen zu ignorieren.

Die regelbasierte Ordnung verliert ihre Regeln

Der Westen beruft sich gern auf das Völkerrecht, meint aber häufig eine wechselnde Sammlung eigener Regeln. Die territoriale Unversehrtheit gilt unbedingt – außer im Kosovo. Angriffskriege sind verboten – außer man verfügt über eine hübsche Präsentation angeblicher Massenvernichtungswaffen. Die Souveränität anderer Staaten ist unantastbar – außer ihre Regierung gefällt Washington nicht.

Russland und China erkennen diese Doppelmoral und verkaufen ihre multipolare Ordnung als Gegenentwurf. Dabei erhalten sie Unterstützung, weil der Westen seine Glaubwürdigkeit selbst zerlegt hat. Moskau und Peking mussten die westliche Ordnung nicht propagandistisch ruinieren. Bagdad, Tripolis, Kabul und zahlreiche Sanktionslisten erledigten das wesentlich gründlicher.

Die politische Klasse Europas darf währenddessen die Speisekarte halten, während Washington bestellt und der europäische Steuerzahler anschließend das Lokal finanziert. Das wird in Brüssel als strategische Autonomie bezeichnet, weil „betreutes Mitregieren“ auf Gipfelfotos nicht besonders staatsmännisch klingt.

Keine Engel – aber auch keine Weltpolizei

Die vernünftige Schlussfolgerung lautet daher nicht, Russland und China seien vollkommen frei von imperialen oder hegemonialen Ambitionen. Eine solche Aussage ist zu bequem und politisch ebenso einfältig wie das westliche Märchen vom ewigen Kampf der Demokratien gegen die Autokratien.

Russland und China sind Großmächte mit eigenen Interessen. Aber sie verkörpern kein dem amerikanischen System vergleichbares globales Imperium. Sie verfügen weder über ein ähnlich ausgedehntes Militärnetz noch über dieselbe Kontrolle internationaler Finanz-, Medien- und Bündnisstrukturen.

Der eigentliche Skandal besteht deshalb nicht darin, dass Moskau und Peking eine multipolare Welt anstreben. Der Skandal besteht darin, dass westliche Regierungen jede Begrenzung ihrer eigenen Vorherrschaft als Angriff auf Freiheit und Demokratie verkaufen.

Vielleicht beginnt eine gerechtere Welt nicht mit der Ankunft makelloser Friedensmächte. Vielleicht beginnt sie einfach damit, dass der selbsternannte Weltpolizist seinen Generalschlüssel abgeben muss.

Und genau davor fürchtet sich der Westen mehr als vor jeder russischen Rakete und jedem chinesischen Containerzug.

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Stimmen aus dem Maschinenraum

3 Kommentare

  1. Nöö, falsch. Die als Multipolarität fehlinterpretierte Trennung von Wirtschaftsräumen ist Deglobalisierung in einem Zwischenschritt. Nachdem die Zentralbanken dieser Wirtschaftsräume dort erst auf CO2-Bilanzierung gestützte technokratisch-faschistische (digitale) Plan-, Zwangs- und Kommandowirtschaften errichtet haben, wird reglobalisiert werden. Die Zentralbanken jener Räume werden sich unter den global koordinierenden Schirm der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, Basel) stellen – ganz freiwillig, denn so ist es längst geplant und abgemacht – und von dort aus gesteuert werden.

    Mehr Unipolarität geht nicht: eine schöne neue große weite Welt von Sklaven mit digitalen Halseisen, befehligt von einigen wenigen Herren in der BIZ. Bei welcher groß in CO2-Senken (NAC, Natural Asset Companies, seit ca. 2020 neu an der Wallstreet eingerichtete Assetklasse zur Erwirtschaftung von CO2-Zertifikaten) investierte superreiche Oligarchen, Mafiosi, Kriegsverbrecher und Massenmörder ihre Warenbestellungen aufgeben und diese mit CO2-Zertifikaten bezahlen werden.

    Ja, das wird noch richtig lustig werden.

  2. Westliche Werte

    Wieder werden Werte verteidigt,
    unsere Werte soll’n es sein.
    Fühl‘ mich dabei richtig beleidigt,
    denn diese Werte sind nicht mein.

    Von Wert für mich sind nicht die Lügen,
    die jetzt wie fast noch nie gedeihen,
    auch Korruption nicht mein Vergnügen,
    will mich der Gier nach Geld nicht weihen.

    Fühle mich keinesfalls verpflichtet,
    westlicher Machtgeilheit zu dienen,
    mein Sinn ist nicht darauf gerichtet,
    die Welt zu füllen mit Ruinen.

    Die reden von Demokratie,
    sind doch mehr ein wahrer Hort,
    wo man es sieht als Blasphemie,
    gebraucht jemand das freie Wort.

    Wertlose sind für die stattdessen
    Menschen, die täglich dafür streiten,
    dass es mangelt nicht am Essen,
    nicht woke Phantasien verbreiten.

    Im Westen hat multipler Wahn
    Werte ins Gegenteil verkehrt,
    so dass man durchaus sagen kann:
    Der Westen hat nichts mehr von Wert.

  3. Wenn man weiß, für was die APEK in den USA steht, der versteht auch die Geopolitik von USrael.
    Syrien, Irak, Lybien, Libanon und Jordanien wurden schon in die Steinzeit demokratisiert. Israel kann bald seinen Messias empfangen. Laut Knessetabgeordnete fehlt nur noch der Iran und Europa.
    Vor den Russen braucht es da weniger Furcht…

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