Die Vereinigten Staaten sind 250 Jahre alt geworden. Für einen Staat ist das ein überschaubares Alter, für einen pubertierenden Weltpolizisten dagegen eine erstaunlich lange Zeit ohne abgeschlossene Therapie. Gefeiert wird selbstverständlich trotzdem: mit Fahnen, Feuerwerk, Flugzeugträgern und jener einzigartigen Mischung aus nationalem Größenwahn und religiöser Selbstbeglaubigung, die in Washington gern als „regelbasierte internationale Ordnung“ verkauft wird.
Der Beitrag „USA: Das missratene Kind Europas – weiter ein Vorbild?“ stellt eine Frage, die in deutschen Regierungskreisen bereits als beantwortet gilt: Natürlich sind die USA unser Vorbild. Wer sonst könnte Europa zeigen, wie man Freiheit predigt, Interessen durchsetzt und hinterher Rechnungen an die Verbündeten verschickt?
Amerika ist schließlich nicht irgendein Land. Es ist eine Marke. Freiheit™, Demokratie™ und Menschenrechte™ gehören zum Sortiment. Die Lieferung erfolgt je nach Empfänger per Hollywoodfilm, Kreditvertrag, Sanktion oder Marschflugkörper.
250 Jahre und kein bisschen leise
Die Vereinigten Staaten begannen als Aufstand gegen eine ferne Obrigkeit, die Steuern verlangte und politische Entscheidungen ohne angemessene Beteiligung traf. Ausgerechnet dieses Land brachte es später zur Weltmeisterschaft darin, anderen Staaten Vorschriften zu machen, Regierungen zu erziehen und wirtschaftlichen Gehorsam einzufordern.
Das ist keine Doppelmoral. Das ist außenpolitische Tradition.
Das Land, das sich vom europäischen Kolonialismus befreite, entwickelte rasch eigene koloniale Neigungen. Indigene Völker wurden vertrieben oder vernichtet, Sklaverei wurde zum Wirtschaftsmotor und territoriale Erweiterung zur nationalen Charakterübung. Später musste nicht mehr jedes Land erobert werden. Oft genügte es, ihm einen strategisch geeigneten Präsidenten, einen Internationalen Währungsfonds und einige Militärberater vorbeizuschicken.
Amerika hat dabei zweifellos Großartiges hervorgebracht: wissenschaftliche Durchbrüche, technische Innovationen, Literatur, Musik und eine wirtschaftliche Dynamik, von der das bürokratisch sedierte Europa heute nur träumen kann. Doch aus Leistungen entsteht keine moralische Generalvollmacht. Die Erfindung des Mikroprozessors berechtigt nicht automatisch zur Verwaltung des Planeten.
Der Weltpolizist mit eingebauter Amnesie
Washington hält seine Kriege grundsätzlich für bedauerliche Betriebsunfälle bei der Auslieferung von Demokratie. Wenn andere Staaten Grenzen überschreiten, handelt es sich um völkerrechtswidrige Aggression. Überschreiten die USA Grenzen, spricht man von einer Koalition der Willigen, einer humanitären Intervention oder einem robusten Beitrag zur Stabilisierung.
Vietnam wurde stabilisiert, bis kaum noch etwas stabil stand. Im Irak suchte man Massenvernichtungswaffen und fand Erdöl. Afghanistan sollte demokratisiert werden, bis man nach zwei Jahrzehnten überstürzt abreiste und den Taliban nicht nur das Land, sondern auch eine hübsche Auswahl militärischer Gastgeschenke überließ.
Selbst das amerikanische Government Accountability Office stellte fest, dass das US-Verteidigungsministerium seit 2001 mehr als 1,8 Billionen Dollar für kriegsbezogene Aktivitäten erhalten hatte. Das war der Stand von 2019 und betraf noch nicht sämtliche langfristigen Folgekosten.
Andere Länder leisten sich ein Sozialministerium. Amerika unterhält ein weltweites Programm für betreutes Regimewechseln.
Natürlich geschieht alles im Namen der Freiheit. Das unterscheidet eine gute Bombe von einer schlechten Bombe. Die gute Bombe trägt eine westliche Seriennummer und wird von einem Pressesprecher begleitet.
Europa: souverän bis zum nächsten Anruf aus Washington
Europa könnte aus dieser Geschichte Konsequenzen ziehen. Es könnte eigene Interessen definieren, eine selbstständige Außenpolitik entwickeln und Handelsbeziehungen danach beurteilen, ob sie europäischen Bürgern nutzen. Stattdessen sitzt die EU politisch auf dem Rücksitz, darf gelegentlich die Route kommentieren und bezahlt an der nächsten Tankstelle.
Besonders Deutschland hat die transatlantische Unterordnung zur moralischen Weltanschauung veredelt. Souveränität gilt als verdächtiger Nationalismus, solange sie nicht von Washington ausgeübt wird. Amerikanische Interessen heißen „gemeinsame Werte“, europäische Interessen dagegen schnell „gefährlicher Alleingang“.
Wer diese Beziehung Partnerschaft nennt, bezeichnet vermutlich auch eine Hundeleine als Sicherheitskooperation.
Die NATO selbst räumte im März 2026 ein, dass Europa und Kanada zu lange von amerikanischer Militärmacht abhängig gewesen seien. Zwar hätten die europäischen Verbündeten ihre Verteidigungsausgaben inzwischen kräftig erhöht, doch die Grundkonstruktion bleibt bestehen: Washington liefert strategische Führung, Europa liefert Gefolgschaft, Geld und im Ernstfall das geografisch günstig gelegene Schlachtfeld.
Nord Stream: Partnerschaft mit Sprengkraft
Wie eigenständig Deutschland tatsächlich ist, zeigte der Umgang mit der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines. Eine zentrale Energieinfrastruktur wird gesprengt, die deutsche Wirtschaft trägt den Schaden – und Berlin reagiert mit jener entschlossenen Diskretion, die man sonst nur von Angestellten kennt, die den Chef beim Griff in die Kasse beobachtet haben.
Man stelle sich vor, eine vergleichbare amerikanische Pipeline wäre zerstört worden. Washington hätte noch vor dem Frühstück Satellitenbilder präsentiert, Sanktionen verhängt und drei Flugzeugträger in Bewegung gesetzt. Deutschland dagegen gründet Arbeitskreise, verweist auf Geheimhaltungsinteressen und hofft, dass die Bevölkerung irgendwann wieder über Heizungsverbote spricht.
So sieht die viel beschworene transatlantische Freundschaft aus: Einer darf alles wissen, der andere darf nichts fragen.
Die amerikanische Gesellschaft als Exportmodell
Auch gesellschaftlich galt Amerika lange als Zukunftslabor. Menschen unterschiedlichster Herkunft sollten sich in einem gemeinsamen politischen Projekt zusammenfinden. Dieses Ideal war groß, ehrgeizig und durchaus bewundernswert.
Die Realität sieht inzwischen weniger nach Schmelztiegel als nach überhitztem Schnellkochtopf aus. Politische Lager betrachten einander nicht mehr als Gegner, sondern als existenzielle Bedrohung. Wahlen werden zu Endkämpfen, Universitäten zu ideologischen Schützengräben und soziale Medien zu digitalen Bürgerkriegsübungsplätzen.
Die soziale Ungleichheit wächst, ganze Regionen verarmen, Innenstädte verfallen, Obdachlosigkeit und Drogenelend gehören zum Straßenbild. Gleichzeitig werden astronomische Summen für militärische Präsenz rund um den Globus bereitgestellt. Das Imperium bewacht die Welt, während zu Hause das Dach undicht wird.
Europa betrachtet dieses Modell und entscheidet: Davon hätten wir gern mehr.
Also übernehmen wir amerikanische Kulturkämpfe, politische Sprachregelungen, identitäre Schablonen und die Vorstellung, jede gesellschaftliche Frage müsse in zwei unversöhnliche Lager zerlegt werden. Sogar unsere Protestformen werden importiert. Europa amerikanisiert sich und nennt das anschließend Vielfalt.
Europas neue Hoffnung kommt wieder aus Amerika
Besonders kurios wird es, wenn europäische Kritiker der amerikanischen Vorherrschaft ausgerechnet auf amerikanische Politiker als Retter hoffen. Mal soll ein Präsident Europa vor Russland schützen, mal vor China, mal vor Migration und mal vor der eigenen EU-Kommission.
Der Wechsel im Weißen Haus verändert den Ton, nicht das Grundprinzip. Demokraten verkaufen amerikanische Interessen mit Regenbogenfahne und Menschenrechtsbroschüre. Republikaner liefern dieselben Interessen mit Adler, Bibel und Zolltarif. Europa darf wählen, von welcher Marketingabteilung es verwaltet werden möchte.
Auch qpress hat diese Verehrung des amerikanischen Demokratiebetriebs bereits unter dem Titel „USA, so funktioniert eine lebhafte Demokratie“ seziert. Das Muster bleibt aktuell: Je offensichtlicher die inneren Widersprüche der Vereinigten Staaten werden, desto lauter versichern europäische Funktionäre, man verteidige gemeinsam „unsere Werte“.
Vielleicht sollten diese Werte gelegentlich inventarisiert werden. Es könnte auffallen, dass Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Selbstbestimmung auf der Liste stehen, politische Eigenständigkeit Europas aber offenbar als ausverkauft markiert wurde.
Vom Vorbild zum Partner – das wäre schon ein Fortschritt
Europa muss Amerika weder hassen noch kopieren. Die Vereinigten Staaten sind kein Erbfeind, aber auch kein Erziehungsberechtigter. Sie sind eine Großmacht mit eigenen Interessen. Genau so sollten sie behandelt werden: als Partner, wo Interessen übereinstimmen, als Konkurrent, wo sie auseinanderlaufen, und als Gegenstand deutlicher Kritik, wo Krieg, Einmischung oder wirtschaftlicher Druck als Wertepolitik kostümiert werden.
Dafür bräuchte Europa allerdings politische Führungspersönlichkeiten, die nicht bei jedem transatlantischen Stirnrunzeln nervös ihre Atlantik-Brücke-Mitgliedskarte polieren. Es bräuchte Regierungen, die Verantwortung für den eigenen Kontinent übernehmen, statt amerikanische Strategiepapiere ins Deutsche zu übersetzen und sie anschließend als alternativlose europäische Position vorzutragen.
Die USA sind das historische Kind Europas. Sie haben dessen Unternehmergeist, Wissenschaft, Gewalt, Missionseifer und Größenwahn übernommen und auf industrielle Maßstäbe gebracht. Inzwischen ist das Kind erwachsen, schwer bewaffnet und daran gewöhnt, beim Familientreffen die Sitzordnung festzulegen.
Europa wiederum sitzt am Kindertisch und schwärmt von der gemeinsamen Wertegemeinschaft.
Nach 250 Jahren wäre es an der Zeit, das Verhältnis neu zu ordnen. Nicht aus Antiamerikanismus, sondern aus politischer Selbstachtung. Ein souveränes Europa müsste Washington nicht die Freundschaft kündigen. Es müsste lediglich aufhören, Gehorsam mit Freundschaft zu verwechseln.
Das wäre ein kleiner Schritt für die Menschheit – aber ein gewaltiger Sprung für Brüssel.


Das wird sicher nicht passieren weil die USA in ihrem Untergang alles mitreißen wird.
Weil genau das der eigentliche Plan ist.
Ohne Apokalypse keine Wiedergeburt des Heiland für die ist der bevorstehende Niedergang quasi die Erlösung.
Der Untergang wird kommen ganz ohne Plan. Auf jeden Fall ein guter Artikel, der es verdient, dass ich ihn im nächsten Beitrag unter der Überschrift („Schleichende Täter-Opfer-Umkehr oder wie das Opfer zum Täter werden kann) wie folgt erwähne:
„Die Täter-Opfer-Umkehr ist allgegenwärtig, zumal über sehr lange Zeiträume hinweg, fast möchte man sagen, ganz unvermeidlich. Das beschreibt Torben Botterberg in seinem jüngsten Artikel anhand der USA. Dort heißt es: »Die Vereinigten Staaten begannen als Aufstand gegen eine ferne Obrigkeit, die Steuern verlangte und politische Entscheidungen ohne angemessene Beteiligung traf. Ausgerechnet dieses Land brachte es später zur Weltmeisterschaft darin, anderen Staaten Vorschriften zu machen, Regierungen zu erziehen und wirtschaftlichen Gehorsam einzufordern. Das ist keine Doppelmoral. Das ist außenpolitische Tradition«“.
Man kann die in den USA noch vorhandenen Abwehrraketen aber nur einmal verteilen entweder Israel oder Ukraine/EU!?
Folgt man den wohlbegründeten Ausführungen von Frederick Tupper Saussy in seinem Rulers of Evil, waren die USA von Beginn an ein Weltherrschaftsprojekt, welches von den Jesuiten (Softpower) gemeinsam mit großen Handelskompanien (Hardpower) angeführt wurde. Dies zu sagen, soll nicht die von Thorben Botterberg angeführten großen Verdienste der USA schmälern, Respekt!
Dschörmanie war da aber auch nicht von Pappe: Zwischen 1870 und 1914 gingen 90 Prozent der Nobelpreise an Deutschsprachige (aufgeschnappt bei Salim Samatou) und die Mehrzahl aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf dem Erdenrund erschien in Deutsch.
Mit Nietzsche gesehen, steht die Menschheit vor einer neuen Epoche, der des „Über(winder)menschen“. Welcher die bisherige kosmologisch/ideologische Grundlage aller abendländischen Kultur hinter sich läßt, den gut/böse-konnotierten Geist-Materie-Dualismus. Vergleichbar argumentiert der Tiefenpsychologe Erich Neumann oder auch Rudolf Steiner mit seiner „Dreigliederung des sozialen Organismus'“ (kurz: Soziale Dreigliederung); mehr dazu bei Axel Burkart.
Nietzsche, Neumann, Steiner, waren alle dreie wieder einmal Deutschsprachige. Was die Amis an Durchsetzungsstärke zuviel haben, an Willen, haben sie wohl zu wenig an Gefühl. Da sind die Mitteleuropäer stärker, Und mit dem philosophischen Denken haben sie es auch nicht so, die Amis, da liegt wohl der Osten vorn. Wobei natürlich klar ist, daß wir Dschörmännekens, weil wir ja in der geographischen Mitte liegen zwischen Ost und West, von allem Dreien etwas haben. Neben Gefühl eben auch Willenskraft und Denkstärke. Ach, was ich eigentlich nur sagen wollte: WE ARE THE CHAMPIONS !!!