Deutschland fliegt heute raus – und alle bekommen eine Trophäe

Deutschland

Die Nationalmannschaft scheitert heute im Sechzehntelfinale an Paraguay und wird zu Hause gefeiert wie eine Olympiasiegerin

Es ist 22:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit, als in Foxborough bei Boston der Anpfiff ertönt. Deutschland gegen Paraguay. Sechzehntelfinale. Ein Format, das die FIFA eigens für diese WM erfunden hat, damit auch Mannschaften, die in der Gruppenphase 1:2 gegen Ecuador verlieren, noch eine Runde weiterspielen dürfen. Teilhabe am Turnier. Inklusion im Knockout. Ganz im Geiste der Zeit.

Der Abend in Boston

Deutschland tritt an als Gruppensieger der Gruppe E. Zehn Tore geschossen, vier kassiert. Klingt solide, bis man die Aufschlüsselung kennt: Sieben davon fielen gegen Curaçao, einen Inselstaat mit 150.000 Einwohnern, der ungefähr so viele Profifußballer hat wie Wolfsburg Dönerläden. Gegen Ecuador setzte es eine 1:2-Niederlage. Gegen die anderen Gegner mühte man sich zu einem 1:0 und einem 0:0. Das ist die Leistungskurve einer Mannschaft, die gegen Hobbykicker glänzt und gegen jeden ernst zu nehmenden Gegner ins Schwimmen gerät.

Paraguay bringt zwei Tore in drei Spielen mit und eine Defensive, die so betoniert ist wie ein Allgäuer Kuhstall im Winter. Mats Hummels warnt bei MagentaTV: Paraguay werde eine ganz ähnliche Herangehensweise wählen wie Ecuador. Dasselbe Ecuador, das Deutschland gerade geschlagen hat. Man könnte das als Warnsignal lesen. Man könnte es aber auch als Nagelsmann-typischen Optimismus interpretieren, nach dem Motto: Beim nächsten Mal machen wir denselben Fehler einfach besser.

Das vorhersehbare Scheitern

Es wird ein zähes Spiel. Paraguay steht tief, lässt Deutschland kommen und setzt auf Konter. Deutschland kombiniert sich durch das Mittelfeld, findet aber kein Durchkommen. Wirtz dribbelt, Musiala dribbelt, Havertz steht irgendwo zwischen den Strafräumen und sucht seine Position. Kimmich spielt Diagonalbälle, die bei den Paraguayern landen. Neuer muss zweimal retten, was er als persönlichen Erfolg verbucht.

In der 73. Minute fällt das 0:1 für Paraguay. Ein simpler Konter über rechts, eine Flanke, ein Kopfball, den die deutsche Dreierkette aus unerfindlichen Gründen mit vier Mann verpasst. Nagelsmann wechselt. Dann wechselt er noch mal. Dann wechselt er ein drittes Mal. Aus dem Spielsystem wird ein Wechselsystem. In der 88. Minute schießt Füllkrug aus 20 Metern drüber. Das war die beste deutsche Chance der zweiten Halbzeit.

Endstand: 0:1. Deutschland ist raus. Im Sechzehntelfinale. Gegen Paraguay. Gegen eine Mannschaft, die in drei Gruppenspielen zwei Tore geschossen hat.

Der Empfang

Zwei Tage später landen die Spieler in Frankfurt. Man erwartet betretene Gesichter, gesenkten Blick, vielleicht eine nüchterne Erklärung am Flughafen-Mikrofon und einen stillen Abgang in die Sommerpause. Stattdessen: Konfetti.

Bundesinnenministerin Alexander Dobrindt empfängt die Mannschaft persönlich und überreicht jedem Spieler eine „Trophäe für vorbildliche Turnierteilnahme“. Die Pokale sind aus recyceltem Aluminium gefertigt und tragen die Aufschrift: „Dabei sein ist alles – WM 2026″. Vizekanzler Klingbeil hält eine kurze Ansprache und betont, das Ergebnis sei zwar „nicht optimal“, aber die Mannschaft habe „wichtige Zeichen für Vielfalt und Zusammenhalt“ gesetzt. Außerdem sei der CO₂-Fußabdruck der Mannschaft dank Direktflug vorbildlich gewesen.

Deutschland

Jeder bekommt einen Pokal

Die Idee der Teilnahmetrophäe stammt aus dem Familienministerium, das bereits im Vorfeld der WM ein Konzeptpapier mit dem Titel „Wettbewerb neu denken – Sportliche Leistung im Kontext sozialer Gerechtigkeit“ vorgelegt hatte. Kernthese: Leistungsorientierter Sport reproduziere „koloniale Überlegenheitsnarrative“ und müsse durch „ergebnisneutrale Anerkennungsformate“ ergänzt werden. Die Teilnahmetrophäe sei ein erster Schritt.

Der DFB übernimmt die Idee dankbar. Präsident Bernd Neuendorf erklärt auf einer Pressekonferenz, man sei „stolz auf die Mannschaft“ und werde die WM intern als Erfolg werten. Die Gruppenphase sei „ordentlich“ gewesen, das Ausscheiden gegen Paraguay „unglücklich“. Auf die Frage eines Reporters, ob es personelle Konsequenzen geben werde, antwortet Neuendorf: „Wir evaluieren nicht nach Ergebnissen, sondern nach Prozessen. Und der Prozess war gut.“

Julian Nagelsmann verlängert seinen Vertrag bis 2030. Das 0:1 gegen Paraguay wird im offiziellen DFB-Jahrbuch als „chancenreiches Spiel mit suboptimalem Ausgang“ verzeichnet.

Die Analyse der Analyse

In den Tagen nach dem Ausscheiden folgt die übliche Aufarbeitungssimulation. Lothar Matthäus erklärt bei RTL, dass die Mannschaft „keine Mentalität“ gehabt habe. Bastian Schweinsteiger sagt bei der ARD, die Mannschaft habe „nicht das abgerufen, was sie kann“. Oliver Kahn sagt bei wem auch immer, die Mannschaft habe „nicht an sich geglaubt“. Originalton seit 2018. Seit 2006, wenn man ehrlich ist.

Niemand erwähnt, dass ein Golf 31.960 Euro kostet und halb Wolfsburg in der Transfergesellschaft sitzt. Niemand fragt, ob eine Nationalmannschaft, die ein Land repräsentieren soll, das sich selbst nicht mehr kennt, vielleicht genau deshalb so spielt, wie sie spielt. Ohne Identität, ohne Plan, ohne Überzeugung. Mit viel Talent und keiner Richtung. Wie das Land selbst.

Die wahre Tabelle

Deutschland ist Gruppensieger der WM-Gruppe E und Verlierer des Sechzehntelfinales. Deutschland ist Exportweltmeister der Teilnahmetrophäen und Importweltmeister der Ausreden. Deutschland hat den buntesten Kader aller Zeiten und die blasseste Spielidee seit Berti Vogts. Deutschland hat eine Mannschaft, die niemand mehr hassen kann, weil man zum Hassen erstmal etwas erwarten müsste.

Paraguay fliegt nach Asunción und wird als Held gefeiert, weil es Deutschland geschlagen hat. Deutschland fliegt nach Frankfurt und wird als Held gefeiert, weil es teilgenommen hat.

So gewinnen alle. Und keiner merkt, dass niemand gewonnen hat.

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Über Torben Botterberg 3378 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz. Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

24 Kommentare

  1. Habe mal für einen Zuliefere von VW gearbeitet. Der wurde gnadenlos in den Konkurs getrieben. Die haben ihre Marktmacht voll ausgespielt. Mein Mitgefühl für VW hält sich also in Grenzen. Schon der Käfer war geklaut.

    • Immerhin hat VW den GTI erfunden und das war ja wohl die wichtigste Errungenschaft des 20. -Jahrhunderts…. ;-)))
      Ich bin aber auch sehr froh, dass das Fußball jetzt auch vorbei ist,

      • Lange vor dem GTI gab es den BMW 2002 tii, ca. 1000 kg., 130 PS. Mit dem tii turbo kamen noch 30 PS dazu: die allein mehr als die stärkste Ente! War richtig heißer Scheiß.

          • Passendes Gefährt für Jagdflieger. Verdammt kurvenreiche Vita der Graf, durch so manchen Sumpf gestapft und doch am Ende sauber rausgekommen!

          • #Publicviewer — Bitte schau einmal für mich, ob 1 oder 2 Kommentare von mir unter dem Beitrag „War Putins Angriff auf die Ukraine Notwehr?“ stehen? Müßten 2 sein.

              • #Publicviewer — Antwort auf deine (neugierige) Nachfrage von 21:59 nun hier an dieser Stelle:

                Nach Abschicken des 1. Kommentars fehlte der allübliche Button fürs nachträgliche Kommentieren. Ein bißchen seltsam fand ich das schon. Hätte ja sein können, daß jemand reinpfuscht von drinnen oder von draußen, eventuell sogar dienstlich.

                Dienste machen nur ihren Job. Irgendjemand muß das Untertanen-Irrenhaus ja doch retten vor den Folgen des historisch finalen Endes der Lohn- und Renditesklaverei bzw. vor globalem Überschuldungschaos und einem baldigen Stillstand der Warenproduktion, kurz: vor der totalen Barbarei! Und da es mit in Sklaverei verliebten Untertanen nicht anders geht, dann heißt Rettung eben Aufrichtung einer neuen Sklaverei — ist die alte kaputt, gibt’s ne neue, logisch! Jetzt eine mit CO2-Bilanzierung und CBDC. Superservice der Elite für die Untertanen.

                Ja, weiß ich doch, ist genau so verrückt, wie es sich anhört. Um so mehr bitte nicht die Botschaft mit ihrem Überbringer gleichsetzen! Ich Armer kann nix dafür, es gilt das eherne Gesetz: What you want is what you get! Gegen echte Liebessehnsucht ist nicht anzukommen.

                Danke nochmal fürs Nachschauen!

  2. Beste Aussage…
    Mit dem für alle Sehenden Verramschen der Wirtschaftszone an Black Rock ist auch der letzte Funken an Heimatliebe erloschen.

    • #ulf — Die Chinesen lassen sich profitabler ausbeuten als der Rest der Welt. US-Agent bzw. Yale-Alumni Mao Zedong hat seine Landsleute seinerzeit so fertiggemacht mit seinem „Großen Sprung nach vorn“ (in Hungersnot und Elend) sowie mit der verdammten „Kulturrevolution“ (stell dir vor, Cource prüft dich regelmäßig intensiv auf ideologische Korrektheit), daß die ganz brav geworden sind: „Massa-Massa, nix schlagen armes Tscheinamann, armes Tscheinamann vieeel lieb, armes Tscheinamann gaaanz viel arbeiten für gaaanz-ganz wenig!“ Concentration camp is waiting.

      Die zahlen auch keine Sozialleistungen. Die haben einen dauernd beschäftigbaren Stamm von Festen, und was sie bei Bedarf mehr brauchen sollten, holen sie sich für Elendslohn auf Zeit vom Land in die Städte, wo die Produktion ist — siehe den Houkou-Paß oder so ähnlich. Sind die Houkou-Leute schließlich dann ganz abgearbeitet und fertig, geht’s wieder zurück aufs Land, wo sie am Daumen lutschen und sich erholen können für ihren nächstfolgenden Stunt.

      Ist Zukunftsmodell für die ganze Welt, NWO ist die mit programmierbarer CBDC und CO2-Bilanzierung ankommende globale Plan-, Zwangs- und Kommandowirtschaft NACH CHINESISCHEM VORBILD. Im Vergleich waren Sklaverei und Leibeigenschaft bzw. die ehedem „indented servants“ in den USA richtig gemütlich.

      Aber nein, verdammt, das hier ist doch keine anti-chinesische Hetze, das ist eine ganz nüchterne Zustandsbeschreibung! Und beweist, wie exzellent die chinesische Propaganda ist. Denn von der Wirklichkeit in China ist außerhalb nicht das geringste bekannt.

  3. Dafür können die Chinesen nicht am Marathon teilnehmen, weil sie alle mit dem Klammersack gepudert wurden und deshalb nicht richtig/normal gehen geschweige denn laufen können, so hat jeder seinen Schwachpunkt/nobody is perfekt——-soviel zur bescheuerten weltweiten systemimmanenten Überproduktion/exorbitanten Marktsättigung des perversen Profitsystems! We shall overcome Kapitalismus! Hoch die internationale Solidarität!

  4. Keine Ahnung, aber wie schlagen sich eigentlich die zwei anderen ganz großen wirtschaftlichen Verlierer, unsere Nachbarn England und Frankreich?

    1996 wurde La France Weltmeister, am Endspieltag war ich gerade im Norden unterwegs, in Bar-le-Duc. Verdammt, les Fran¢ais, die können feiern!

    Was übrigens deren Ausländerfeindlichkeit betrifft, ist das sehr lustig bei denen. Es bekriegen sich vor allem die Süd- und die Nordfranzosen miteinander. Alte Geschichte, geht zurück bis auf den Ketzer-Kreuzzug der vatikan- und kaisertreuen Nordfranzosen gegen die im romhassenden und stolz unabhängigen Südfrankreich (vor allem um Toulouse herum) gesessen habenden Katharer. Die aber auch einen an der Waffel hatten, waren extremistische Geist-Materie-Dualisten. Was die Vatikanistas im Grunde auch waren, haben es bloß nicht raushängen lassen.

    War im 12. und 13. Jhdt., macht sich bis heute in der Sprache bemerkbar. Südfranzosen weigern sich vielfach, das elegante Pariser Französisch zu sprechen. Die klingen ganz wie radebrechende Deutsche, insbesondere den supersanft-schick-eleganten Nasallaut am Wortende lassen die höchst genüßlich knallhart und brutal ausklingen. Ist wie ein Pistolenschuß, tut richtig weh im Ohr.

    Der Krieg zwischen Süd und Nord, Toulouse und Paris, ist wie der zwischen Linken und Rechten. Haben beide einen an der Waffel. Schwer. Bei Fanatikern immer so. Aber es gibt auch nette Franzosen.

  5. Nun ja, für eine Firmenmannschaft waren die doch ganz passabel. Welche Firma, ausser der BRD (Bund,GG), hat schon eine Mannschaft zu einer Weltmeisterschaft geschickt – seit 1949?!

    Nein, es mag eine deutsche Mannschaft sein, aber nicht aus Deutschland – denn:
    Shaef-Gesetz-Nr. 52 Artikel VII Ziff. 9 Buchstabe e:
    Deutschland bedeutet das Gebiet des Deutschen Reiches, wie es am 31. Dezember 1937 bestanden hat.  Zitat ende.

    Nicht das Gebiet des Großdeutschen Reich, oder der ‚Weimarer Republik‘, sondern das Deutsche Reich von 1871!
    Die Sieger/ Besatzer können/ konnten da sehr gut unterscheiden.
    https://odysee.com/@Dokumentationen:d/Here-is-germany:a

    Es steht auf dem Perso des Personals immer noch Bundesrepublik Deutschland/ federal republic OF germany/ – D´Allmagne, sowie auf dem EU Pass, aber mit wem haben die Besatzer damals, 1990, die exDDR vereinigt?
    Im 2+4 Vertrag/ Anordnung steht nicht einmal BRD!? Sondern das gesamte Deutschland, oder Vereinte Deutschland- was so auch nicht stimmt. Gruß Karl

    • Fein, das bringt uns aber auch nicht weiter, wenn wir wissen das Tante Adele aus Oberschlesien einen deutschen Schäferhund hatte.

        • #Karl — Vielleicht hat es Deutschland sowieso nie gegeben. Okay, vielleicht doch, vielleicht doch keine Lügengeschichte das mit Bismarck und dem Preußenwilli. War gerade einer beim Flavio von Witzleben (nomen est omen!), hieß Gerd Reuther oder so, zu 100 Prozent illustrer Mensch, ein mit einer Historikerin verheirateter Arzt. Der absolute Wahnsinn, seine (wohlbegründbare) These: Geschichtsschreibung ist Fantasy, Geschichtenschreibung.

          Wenn Sie das gesehen haben, fahren Sie, da wette ich, erstmal für längere Zeit in Urlaub. Und kommen vielleicht nie wieder zurück. Um den Schreck zu vergessen.

          • #Unbetreut, das haben andere auch schon behauptet – fehlende 300 Jahre in der Geschichtsschreibung.
            Da haben sie recht ‚Geschichtsschreibung‘ IST Fantasy!
            Sie müssen nur die ‚richtigen‘ Beschreibungen lesen.LOL. Gruß Karl

  6. Jubel! Endlich mal eine gute Nachricht! Bleibt den Menschen in Deutschland die Selbstbeweihräucherung inclusive dem Ausleben niederere Instinkte wie Saufexzessen, dümmlichen Blechwannencorsos nebst Gegröle wieder mal erspart. Der sog. Profi(t)sport hat seinen verdienten Dämpfer bekommen. Schon weil er mit Sport wenig am Hut hat, sofern Glotzen, Grölen und Saufen nicht in Zukunft als sportliche Bewegung anerkannt werden.

    „… man sei „stolz auf die Mannschaft“ und werde die WM intern als Erfolg werten.“
    Typisch für eine Fassadendemokratie. Im Hintergrud dürften so einige Fetzen fliegen.
    Ich hoffe die dummen Kleinanleger haben richtig viel Kohle verloren. 😉

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