Deutschland AG & DFB: Die Kunst des Scheiterns im Weltmeister-Modus

Deutschland AG & DFB – KI-generiert
Deutschland AG & DFB – KI-generiert

BRDigung – Es gibt eine faszinierende Synergie in diesem Land, eine Art nationales Betriebssystem, das gleichermaßen auf grünen Rasenflächen wie in den Vorstandsetagen von DAX-Konzernen läuft. Wir nennen es liebevoll die „German Efficiency Illusion“. Das Prinzip ist simpel: Wir sind die heimlichen Weltmeister – und wer das anders sieht, hat einfach keine Ahnung.

Wenn die deutsche Wirtschaft ins Stottern gerät oder die Nationalmannschaft nach 90 Minuten planlosem Quergeschiebe das Stadion verlässt, gibt es eine bewährte Maxime. Das Management, egal ob im Traineramt oder im Aufsichtsrat, ist per Definition unfehlbar. Fehler passieren bei uns nicht. Was wir erleben, sind „externe Herausforderungen“.

In der Wirtschaft ist das der Russe, der uns zu Sanktionen zwingt, die uns dann treffen oder der böse Chinese, die globalen Lieferketten, die US-Zölle etc. Im Fußball ist es der Schiedsrichter, der Rasen, die Luftfeuchtigkeit oder der mangelnde Wille des Gegners, sich an unser geniales taktisches Konzept zu halten. Es ist eine Heldenreise: Wir sind die Besten, die von einer feindseligen Welt an der Erfüllung unseres Schicksals gehindert werden.

2014 – Der Fluch der ewigen Erinnerung

Man muss es uns lassen: Wir haben das Jahr 2014 zur einzigen relevanten Zeitrechnung erhoben: Fußball-Weltmeister! Platz 1 in der FIFA-Weltrangliste! Auch wirtschaftlich gesehen war das der letzte Moment, in dem wir uns wie die unbesiegten Giganten fühlten: Exportweltmeister, zum wiederholten mal Spitzenreiter! Fußballerisch und wirtschaftlich war es der Zenit, von dem aus wir seit einem Jahrzehnt in Zeitlupe abrutschen.

Doch anstatt sich neu zu erfinden, haben wir uns im Glanz von gestern eingerichtet. Deutschland, wir waren doch wer und leben schließlich heute im besten Deutschland aller Zeiten. So wird es uns jedenfalls gesagt. In der Realität geben wir aber Platz um Platz in der Weltrangliste der Wirtschaftskraft – und im FIFA-Ranking ab.

Bei den Exporten liegen wir jetzt auf Rang 3, hinter China und den USA und in der FIFA-Weltrangliste sind wir Zehnter, noch hinter Marokko und Belgien. Aber wir sind wie der ehemalige Klassensprecher, der auch mit 40 noch in seinem alten schäbigen Abi-Hoodie beim Ehemaligentreffen auftaucht und jedem ungefragt erklärt, wie gut er doch immer war.

Unser liebstes Hobby ist die Selbstberuhigung durch Statistik-Interpretation. Wenn wir gegen Curacao 7:1 gewinnen, feiern wir das als Beweis, dass unser System funktioniert und erklären uns selbst zum Mitfavoriten. Dass wir gegen Ecuador sang- und klanglos untergehen? Nur ein „Ausrutscher“, eine „Aufarbeitung der Automatismen“, schließlich waren wir ja qualifiziert.

Das Orakel und der Kampf gegen die Realität

Christoph Kramer, TV-Experte beim ZDF, hat sich nun in die Debatte eingeschaltet und zum Rundumschlag gegen die Kritiker ausgeholt. Es ist eine beeindruckende rhetorische Leistung: Wir definieren den Status quo einfach neu. “Das sind Weltklasse-Spieler, die spielen bei den absoluten Top-Vereinen. Das ist ja nicht so, dass die aus der Bahn geworfen werden, nur weil die mal ein Spiel verloren haben.“

Wir sind auch wirtschaftlich noch stolz darauf „mitzureden“, während die Konkurrenz längst über unsere Strategien lacht. Hinter den Kulissen gibt es Arbeitsplatzabbau, Insolvenzen und Abwanderung.

Und nun haben wir die Gruppenphase bewältigt. Die Stimmung ist wie immer. Wir rüsten uns für den „Kampf Mann gegen Mann“. Wir ziehen noch rein symbolisch die Nationalflagge hoch. Hier dürfen wir es noch. Es ist nur ein Spiel, das Sechzehntel Finale gegen Paraguay. Das Gute: Deutschland ist noch nie in einem Sechzehntel Finale ausgeschieden. ​

In der gesamten Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft gab es zuvor nämlich kein solches Szenario, da das Teilnehmerfeld bis 2022 kleiner war. Die Bilanz in der Endabrechnung, lässt sich nicht belügen. Wir mögen glauben, dass der alte Glanz uns noch irgendwie rettet, während dessen irgendwo auf der Welt ein neuer Stern aufgeht, nicht bei uns, denn ein Undav macht noch kein Sommermärchen.

Polieren hilft nicht mehr

Hand aufs Herz: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir 2026 den goldenen Pokal in die Höhe stemmen, ist in etwa so hoch wie die Chance, dass Deutschland noch einmal Exportweltmeister wird.

Doch keine Sorge. Selbst wenn wir in einem der nächsten Spiele ausscheiden, wird man uns erklären, dass wir „spielerisch überzeugt“ haben, dass „die Philosophie stimmt“ und dass „die anderen Nationen uns beneiden“.

Wir sind Weltmeister im Erklären, warum wir nicht gewonnen haben. Und das, seien wir ehrlich, ist doch eigentlich der wahre deutsche Titel, den uns keiner nehmen kann.

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Über Pandora 146 Artikel
Ich bin ein lebendes Fossil mit Einschusslöchern. Ich bin das, wovor Ihre Enkel Sie in der Uni-Mensa gewarnt haben: Ein alter weißer Mann – und zwar mit scharfem-S, denn ich bin nicht nur ethnisch hellhäutig, sondern bilde mir auf meine Lebenserfahrung auch noch was ein. Baujahr 1956: Mein Betriebssystem ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber die CPU läuft auf Hochtouren, während der Rest der Hardware langsam nach Ersatzteilen schreit. Meine Biografie ist eine große Rechtskurve. Links angefangen, nur um heute festzustellen, dass ich direkt zum bürgerlichen Abendbrot gewandert bin, ohne unterwegs nach dem Weg zu fragen. Während andere in meinem Alter die Fernbedienung suchen, analysiere ich noch die Weltlage – meistens mit einem satirischen Kommentar, der so trocken ist, dass ich dazu ein Glas Wein trinken muss. Ich sorge dafür, dass das Böse die Büchse der Pandora verlässt und nur das Gute in ihr bleibt. Vorsicht: Kann Spuren von Lebenserfahrung und autoritärem Humor enthalten.

3 Kommentare

  1. Bei den Spielern der Mannschaften von Equador, Elfenbeinküste und Curacao hatte ich den Eindruck, dass es sich um Nationalmannschaften handelte.

  2. Natürlich sind Einzelkritiken bisher unangebracht. Über alle 3 Spiele hat wohl niemand vollends überzeugt, am ehesten noch Undav.
    Aber all die, die Kritik an der Entscheidung: Neuer statt Baumann geübt haben, sehen sich bestätigt. Es war wohl die falsche Entscheidung, sportlich und menschlich.

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