Fußball-WM und Deutschlandfahne: Die Doppelmoral beim Patriotismus

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Deutschland und die Angst vor Deutschland

Deutschland hat ein kompliziertes Verhältnis zu Deutschland. Wer an einem gewöhnlichen Dienstag eine schwarz-rot-goldene Fahne aus dem Fenster hängt, steht schneller unter Verdacht als ein Mann mit Sonnenbrille vor der Bundesdruckerei. Da wird gemurmelt, getuschelt, diagnostiziert: Patriotismus. Vielleicht sogar Populismus. Im schlimmsten Fall: Heimatgefühl ohne behördlich genehmigten Anlass.

Doch dann kommt die Fußball-WM. Und plötzlich geschieht ein Wunder: Dieselbe Fahne, die gestern noch nach Gesinnungskontrolle roch, flattert heute völlig unproblematisch aus Autofenstern, an Balkonen, auf Wangen, Bierdosen, Hüten und schlecht sitzenden Polyestertrikots. Schwarz-Rot-Gold wird über Nacht vom Verdachtsfall zum Partyartikel.

Die Fahne braucht ein sportliches Alibi

Man muss Deutschland einfach lieben: Hier darf man sein Land mögen, solange der Ball rollt und man dabei nicht zu nüchtern wirkt.

Die Regeln sind fein austariert. Eine Deutschlandfahne am Gartenzaun im März: schwierig. Eine Deutschlandfahne als Cape beim Gruppenspiel gegen irgendwen: weltoffen. Die Hymne mitsingen im Alltag: suspekt. Die Hymne grölen mit Schaumkrone am Kinn: gelebte Demokratie. “Ich bin stolz auf mein Land” im Gespräch: problematisch. “Schland!” in der Fanzone: sympathisch, integrativ, wahrscheinlich sogar klimaneutral, wenn der Becher Pfand hat.

Gesellschaftlicher TÜV für Schwarz-Rot-Gold

Diese Doppelmoral ist nicht etwa ein Betriebsunfall, sie ist deutsches Kulturerbe. Wir haben die Fähigkeit entwickelt, nationale Symbole nach Verwendungszweck zu sortieren. Fahne am Rathaus: Verwaltung. Fahne am Balkon: Beobachtungsfall. Fahne auf der Motorhaube: Fußballfreude. Fahne im Kinderzimmer: Erklärungsbedarf. Fahne auf der Bierflasche: Marketing.

Die politische Klasse macht es vor. Normalerweise wird jeder Anflug von Heimatliebe mit der Pinzette angefasst, als könnte er bei falscher Lagerung explodieren. Begriffe wie Nation, Volk oder Identität werden in Talkshows behandelt wie alte Munition: bloß nicht berühren, Experten rufen, Sicherheitsabstand einhalten. Aber während der WM stehen dieselben Leute plötzlich vor Leinwänden, lächeln in Kameras und entdecken die “verbindende Kraft des Sports”.

Patriotismus mit Ablaufdatum

Besonders schön ist die moralische Gymnastik derjenigen, die sonst bei jeder Fahne Schnappatmung bekommen. Während der WM tragen sie Trikots, bemalen sich die Backen und erklären, das habe natürlich nichts mit Nationalgefühl zu tun. Nein, nein. Das sei nur Fußball. Gemeinschaft. Stimmung. Ein kollektives Erlebnis.

Man feuere ja nicht Deutschland als Nation an, sondern elf zufällig in deutschen Farben gekleidete Angestellte eines internationalen Unterhaltungsbetriebs. Sehr wichtig, diese Unterscheidung. Sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen, dass Menschen sich manchmal mit ihrem Land verbunden fühlen, ohne sofort das Abendland in Brand setzen zu wollen.

Ohne Spielplan wird es verdächtig

Die Fahne ist also nicht das Problem. Das Problem ist der Kontext. In Deutschland entscheidet nicht das Symbol, sondern der gesellschaftliche TÜV darüber, ob es zulässig ist. Hat es ein sportliches Alibi? Gibt es Bratwurst? Läuft irgendwo ein Spiel? Dann bitte sehr. Aber wehe, die Fahne weht an einem Tag ohne Spielplan. Dann wird aus Schwarz-Rot-Gold schnell wieder Dunkelbraun in der Fantasie der beruflich Besorgten.

Dabei wäre ein entspannter Umgang so einfach. Man könnte akzeptieren, dass ein Land nicht automatisch gefährlich wird, nur weil seine Bürger es nicht permanent verachten. Man könnte verstehen, dass Liebe zur Heimat nicht gleich Hass auf andere bedeutet. Man könnte sogar, ganz verwegen, annehmen, dass normale Menschen eine Fahne hissen können, ohne vorher ein Manifest geschrieben zu haben.

Scham im Elfmonatsabo

Aber das wäre vermutlich zu unkompliziert. Deutschland braucht seine Rituale. Elf Monate im Jahr schämt man sich korrekt, im zwölften Monat jubelt man kontrolliert. Danach werden die Fähnchen wieder eingerollt, die Autospiegel entflaggt und die Balkone politisch gereinigt. Bis zur nächsten WM. Dann darf das Land wieder für ein paar Wochen so tun, als hätte es keine Angst vor sich selbst.

Und genau darin liegt die eigentliche Satire: Nicht die Fahne ist peinlich. Peinlich ist ein Land, das sie nur dann erträgt, wenn ein Ball danebenliegt.

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Über Torben Botterberg 3378 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz. Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

12 Kommentare

  1. Ich war schon immer gegen alle Fähnchen und Fahnenträger.
    Von solchen Leuten habe ich mich immer schön ferngehalten.
    Weil sowas immer nationalistisch konnotiert wird und das ist schlecht, denn diese Leute waren schon damals nicht die Guten.
    Und, falls ihr es immer noch nicht kapiert habt, ist Fußball schon immer Teil des Problems gewesen.

    • Fahnen zeigen für jedermann erkenntlich die Gesinnung! Das allein sollte kein Problem in einem Rechtsstaat sein. Leider gibt es heutzutage viele Menschen, die meinen, dass es besser ist, wenn sie ihre Gesinnung nicht zeigen. Das sollte einen nachdenklich machen. Fußball ist ein Spiel, das überall in der Welt gespielt wird, und sicherlich kein Problem. Das Problem sitzt im Stadium und vor den Bildschirmen und lässt sich von den Medien aufheizen!

  2. DEUTSCHLAND !? Heimat!?
    Shaef-Gesetz-Nr. 52 Artikel VII Ziff. 9 Buchstabe e:
    Deutschland bedeutet das Gebiet des Deutschen Reiches, wie es am 31. Dezember 1937 bestanden hat.  Zitat ende.

    Maximal die Sachsen, Thüringer, Bayern, vielleicht noch die Hamburger, haben eine Heimat – obwohl….
    ALLE anderen leben in Wirtschaftsgebieten (GG) vom Bund verwaltet (GG) der Besatzer (GG).
    Obwohl … die Freistaaten (LOL) ebenfalls Wirtschaftsgebiete der Besatzer(GG) sind.
    Die schwarz- rot- goldene, allgemein ‚der Adenauer‘ genannt, ist weiter nichts wie ein Zeichen der Verwaltung/ verwaltet zu sein.

    Im Jahr 1924 formulierte Oswald Spengler zutreffend:
    „Aus der Angst um den Beuteanteil entstand auf den großherzoglichen Samtsesseln und in den Kneipen von Weimar die deutsche Republik, keine Staatsform, sondern eine FIRMA. In ihren Satzungen ist nicht vom VOLK die Rede, sondern von PARTEIEN; nicht von Macht, von Ehre und Größe, sondern von PARTEIEN. Wir haben kein Vaterland mehr, sondern PARTEIEN; keine Rechte, sondern PARTEIEN; kein Ziel, keine Zukunft mehr, sondern Interessen von PARTEIEN. Und diese Parteien – noch einmal: keine Volksteile, sondern Erwerbsgesellschaften mit einem bezahlten Beamtenapparat, die sich zu amerikanischen Parteien verhielten wie ein Trödelgeschäft zu einem Warenhaus – entschlossen sich, dem FEINDE alles was er wünsche auszuliefern, jede Forderung zu unterschreiben, den Mut zu immer weitergehenden Ansprüchen in ihm aufzuwecken, nur um im Innern ihren eigenen Zielen nachgehen zu können.“ Zitat Ende.

    Daran hat sich bis dato nichts, gar nichts, geändert. Gruß Karl

  3. Diese rein hypothetischen Rechtsaufassungen werden uns auch nicht weiterbringen, allein schon, weil Staaten und Nationalitäten es auch nicht tun.

  4. Achtung-Achtung, OFF TOPIC eine dringende Frage an Pandora. Oder: Wohin steuert qpress? Oder: Wer oder was steuert qpress?

    Sehr geehrter Pandora! Ich darf mir die Frage erlauben, bitte, ob es zutreffend sei, daß er sein Berufsleben bei der Bundeswehr verbracht habe?

    Falls dem so sein sollte, wäre es den Lesern gegenüber nur fair, den Soldatenberuf in der Autorenselbstvorstellung anzugeben. Denn ist nicht ein Handwerk wie jedes andere jenes Heldentum des Menschenbeschützens durch Menschentöten. Er könnte das schön sarkastisch formulieren: Hochschule des Untertanentums.

    Nein-nein-nein-nein-nein, ich will ihn keineswegs drängen, die Motive für seine Berufswahl öffentlich zu diskutieren — vielleicht sehr strenger und vielleicht sogar gewalttätiger Papa oder so… . Also, es den Bösewichtern dieser Welt heimzahlen zu dürfen, aber mit Autorität im Rücken. Was ja doch alles sehr verständlich und keineswegs anrüchig wäre.

    Was mich betrifft, habe ich – mit Erfolg – alles nur Erdenkliche getan, keinen Dienst fürs Vaterland leisten zu müssen. Da war mir kein fauler Trick zu schäbig zu.

  5. Wird die WM etwa als Deckung genutzt, um heimlich die Impfpflicht einzuführen durch die gesetzliche Hintertüre???Sieht so aus, Kriminelle sind einfallsreich:

    https://youtu.be/yCJ83QhCoP8

    Dschörmanskis schnallen sowas natürlich nicht, schließlich haben sie den Pakt mit dem Gehörnten geschlossen, auf Teufel-komm-raus blöde sein zu wollen.

    Sie zahlen sogar dafür, daß jede Menge studierter Schwachköpfe ihnen jede Menge albernen Unsinn erzählt. Und glauben fest, bei denen handele es sich um die Bildungselite ihrer Gesellschaft — was ja im Grunde wahr ist: Wie der Herr, so’s Gescherr‘.

    Der darum unausweichliche Untergang dieser ihrer Gesellschaft wird sie zuletzt aber retten! Denn mit diesem Untergang wird auch ihre Schwachköpfeheranzüchteanstalt untergehen, ihr Erziehungs- und Bildungswesen. Still und heimlich, ohne dies auszusprechen, wird den Kindern und Jugendlichen dort mit dem simplen Mittel des Herumsitzzwanges suggeriert, mit ihnen stimme etwas nicht: Weil sie einen Körper haben, seien sie dumm! Weswegen sie, anstatt sich an ihrem götterfunkelnden Verstande zu erfreuen, lieber stumpf und dumpf gehorchen.

    Bei Lichte besehen aber, ist Dschörmanies Untergang Dschörmanies Rettung, indem auch die Schwachköpfeheranzüchteanstalt untergehet.

    Ist bei behaviouristisch zu Eseln konditionierten Menschen ganz wie bei sonstigen genveränderten Organismen. Nach ein paar Generationen ist alles wieder so, wie es sich von Natur aus richtig gehört. Die Natur mag es nun einmal nicht, wenn Menschen ohne Verstand sind. Denn um süß und niedlich oder bestialisch zu sein, sind schon die Tiere da.

    • #Cource — Guter Hinweis. 2024 hat WiKa 4 Beiträge von mir publiziert. Seltsam genug, ist jetzt nur noch einer aufgeführt unter meinem Autoreneintrag. Auch sind etliche putin-, china- und multipolaritätskritische Seiten stark gestört oder garnicht mehr aufrufbar im Web, so Edward Slavsquat (Riley Waggaman), Naomi Wolf, Tom-Oliver Regenauer, Joshua Stylman u.a.

      Was mir ansonsten einfällt: Guten Morgen Neue Weltordnung, guten Morgen technokratischer Weltfaschismus! Ja, es wird langsam wohl gefährlich für Seitenbetreiber. Vielleicht hat auch qpress schon unmißverständliche Signale erhalten — sicherlich keine offenen Drohungen, aber Signale eben. Die von einem Seitenbetreiber dann besser ernstgenommen und beschwiegen werden. Damit keine offenen Drohungen hinterherkommen. Vielleicht deshalb jetzt diese AfDinität — ähh, Affenität — ähh, Affinität wollte ich doch sagen.

      Tolles Teaching für unsere Multipolaristas bzw. Diktatorenfreunde dieser nun flügge werdende schöne neue digitale Weltfaschismus. Geht nicht unipolarer!

    • #Cource — Ergänzend. Zwar nicht unter meinem Autoreneintrag, aber zum Glücke andernorts noch auffindbar ist meine Widerlegung des physikfernen Unsinns von einem „Klimagas“. Siehe «Der Physik-Trick mit dem menschengemachten Klimawandel»

      https://qpress.de/2024/02/21/physik-trick-menschengemachten-klimawandel/

      Es ist jener Beitrag jedoch der Such-Kategorie «Fäuleton» zugeordnet und nicht der Kategorie «Physik“, wo er unzweifelhaft hingehört. Was kaum aus Versehen geschehen sein kann. Denn zur grenzenlosen Beschämung der allerglamourösesten Physikstars auf diesem Planeten ist diese meine Widerlegung nicht nur die allersimpelste, sondern auch die physiklich allerüberzeugendste überhaupt, also die weltweit allerbeste! Was zudem meine große allgemeine Hauptthese belegt, daß das staatsgeführte Bildungswesen zwar manchen großartigen Klugscheißer hervorbringt, zuweilen ganz virtuose Auftragsdenker, aber nicht unbetreut denkende Menschen!!! Die Stichworte hier lauten daher wohl Zensur oder Ruhmesneid. (Falls nicht allerschwerste Trunkenheit an der Tastatur vorgelegen haben sollte.)

      Ach, ich vergaß. Für einen klimagrünen Linken wie Sie, Cource, ein übrigens ganz niederschmetternder Beitrag, ruiniert er doch alle klimakatastrophenerotischen Phantasien des „Weltklimarates“ der UN mittels allersimpelster Oberstufen-Physik, nämlich mit der herrlich überschaubaren Abstrahlgleichung von Stefan/Boltzmann. (Zugegeben, wurde jene Gleichung allerdings mit ein wenig Witz angewendet.)

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