Donnerstag, 8. Oktober 2026
NewsletterKaffeekasse
Absurdes aus der RealitätRealität. Ungefiltert.Satire ohne SicherheitsabstandNachrichten mit NebenwirkungenBetreutes Denken war gesternUnabhängig. Unbequem. Unüberhörbar.Garantiert nicht regierungskonform
QPRESSstabil seit 2010
Musik25. Mai 2026

Musik der Woche – KW22

musik

 

Hier gehts zur gesamten Musik der Woche Playlist auf Youtube —> Playlist <—

 

Eine deutsche Runde diese Woche. Oder fast. Steirisch, Wienerisch, Bayerisch, Hamburgerisch. Alles was zwischen Alpen und Elbe Rang und Namen hat. Sieben Lieder, sieben Mal das Beste was der deutschsprachige Raum zu bieten hat – von der Gotteslästerung als Liebeserklärung bis zum ehrlichsten Dankeschön das je auf Bayerisch gesungen wurde. Einfach laut aufdrehen.

Christian Steiffen – Sexualverkehr

Den Künstlernamen Christian Steiffen zu wählen ist ambitioniert. Es gibt Radiomoderatoren die sofort ihren Job verlieren würden wenn sie ansagen müssten: Hier ist Sexualverkehr von Christian Steiffen.

Hinter dem Namen steckt Hardy Schwetter, Musiker und Schauspieler aus Osnabrück. Der Song erschien 2013 auf dem Album Arbeiter der Liebe. Country-Pop mit schwurbelnder Orgel, Westerngitarre und halbnasal vorgetragenem Gesang. Der Text ist von entwaffnender Ehrlichkeit: Meine Freundin hat mit mir Schluss gemacht. Es ist schon ein paar Wochen her. Und jetzt sehn ich mich so sehr nach Sexualverkehr.

Von Liebe will ich nichts mehr wissen. Auch nichts von romantischen Küssen. Ich will nur immer mehr Sexualverkehr.

Charakterficken fand ich noch nie schön.

Der Song lief in den Filmen Ich fühl mich Disco und Winterkartoffelknödel. Letzterer ein Provinzkrimi aus Bayern der mit dem Soundtrack perfekt harmoniert.

Das Genie liegt in der Kombination: ein todernster Country-Vortrag über ein Anliegen das jeder versteht aber kaum jemand so direkt ausspricht. Keine Metaphern. Kein Drumherum. Nur der Kern der Sache.

Westernhagen – Willenlos

  1. Affentheater. Westernhagens 14. Studioalbum. Über 1,75 Millionen verkaufte Exemplare in Deutschland. Eines der meistverkauften deutschen Alben überhaupt.

Willenlos erschien als zweite Single. Der Liedtext handelt von einem Mann der seinen Sexualtrieb nicht unter Kontrolle hat. Im Laufe des Liedes erzählt er vom Koitus mit sechs verschiedenen Frauen: Carmelita, Fräulein Meyer, Erika, Barbara, Marie und Natascha aus Nowosibirsk. Jede Strophe endet mit: Mama, was ist mit mir los? Frauen gegenüber bin ich willenlos.

Das Musikvideo zeigt Westernhagen mit schwarzem Hut und Gitarre auf einer Theaterbühne. Ein Frauenfuß hängt von oben herab. Mehr braucht es nicht.

Eine Musikzeitschrift schrieb damals leicht süffisant der Song sei etwas poppiger als seine anderen Stücke und hätte auch von Wolfgang Petry stammen können. Was als leichte Kritik gemeint war ist im Rückblick eher ein Kompliment: er zündet trotzdem.

Und 2013 coverte ausgerechnet Heino den Song auf seinem Album Mit freundlichen Grüßen. Heino. Willenlos. Das ist Deutschland.

Hubert von Goisern – Juchitzer

Hubert von Goisern, bürgerlich Hubert Achleitner, geboren 1952 in Bad Goisern im Salzkammergut. Der Künstlername ist sein Heimatort. Er gilt als Begründer des Alpenrock, einer Mischung aus Rockmusik und traditioneller Volksmusik die vor ihm so niemand gemacht hatte.

Ein Juchitzer ist im österreichisch-bayerischen Alpenraum ein kehltöniger Jubelruf, oft mehrstimmig, ohne Text, rein phonetisch. Ein Schrei der aus dem Bauch kommt bevor der Kopf irgendwas dazu sagen kann. Goisern macht daraus einen Rocksong. Elektrische Gitarre, treibender Rhythmus, und mittendrin dieser archaische Laut der aus einer anderen Zeit zu kommen scheint.

Der Durchbruch kam 1992 mit Aufgeigen statt niederschiassen und der Single Hiatamadl. Steirische Harmonika trifft E-Gitarre. Volksmusik trifft Rockenergie. Das war damals radikal. Es klingt heute noch so.

Es gibt eine ältere Version aus der Alpinkatzen-Ära und eine neuere Studioversion von 2014. Beide kreisen ums gleiche Thema. Beide empfehlenswert.

EAV – S’Muaterl

Die EAV, Erste Allgemeine Verunsicherung, sind seit 1977 die schrägste Kapelle Österreichs. Klaus Eberhartinger und Thomas Spitzer als Kern, immer mit einem Augenzwinkern und einer Messerschärfe darunter die man erst beim zweiten Hören merkt.

S’Muaterl erschien 1990. Ungewöhnlich ruhig und orchestral für EAV-Verhältnisse. Keine Albernheit, keine Klamauk-Gitarren. Eine stille Ballade.

Der Text ist das Meisterwerk. Ein altes Mütterlein mit silbergrauen Haaren. Vom Schicksal geprüft. Söhne im Krieg verloren. Der Franzl in Auschwitz gestorben weil er ein Roter war und nicht besonders arisch. Der Kanari von der Nachbarskatze gefressen. Die Kirche fleißig bezahlt, und trotzdem alles quer.

Und dann der Refrain: Herrgott, es gescheh Dein Wille. Nur manchmal glaub ich, du brauchst eine Brille. Und auch ein Hörgerät, weil du siehst und hörst mi net, wenn’s mir da herunten dreckig geht.

Das ist österreichischer Humor auf seinem Gipfel. Gotteslästerung als Liebeserklärung. Kritik als Gebet. Die alte Frau zweifelt nicht an Gott. Sie zweifelt daran dass er gut sieht.

Der Nachbar raucht hundert Zigaretten am Tag, säuft zwei Liter Wein und ist pumperl gesund. Das arme Muaterl hat eine hinnige Leber und ein Raucherbein. So geht das.

Hans Söllner – Loben und Preisen

Hans Söllner aus Bad Reichenhall. Bajuwarischer Reggae-Rebell, Cannabis-Aktivist, Querdenker im besten Sinne des Wortes. Staatsfeind Nummer Eins der bayerischen Justiz in den 90ern.

Loben und Preisen ist sein ungewöhnlichster Song. Kein politisches Rumpeln, kein Aufbegehren gegen den Freistaat. Einfach ein Dankeschön. Auf Bayerisch. An Gott.

He liaba Gott, i mecht di heid amal a bissal loben. I mecht di preisen, mecht Dankschön sagn zu dir.

Was folgt ist eine Aufzählung der Dinge für die er dankbar ist. Für seine Arme, Hände und Finger. Für seinen geilen Arsch. Für seine Augen und gesunden Füße. Für die Gefühle wenn er verliebt ist. Für die schönen blauen Augen seiner Frau und seiner Kinder. Für das Gewölbe über ihm das wir Himmel nennen. Für Blitz und Donner, Regen und Schnee, Berge und Täler. Für Oben und Unten, für Gute und Böse, für schwarze Haut und blonde Haare.

Und ganz am Schluss: für mi. Für MI bedank i mi heut bei dir.

Das ist Söllner in einem Satz. Kein frommer Gottesdienstbesucher, kein Kirchgänger, kein Theologe. Ein Bayer der einfach mal Danke sagen wollte. Auf seine Art.

Bemerkenswert: dieser Song teilt die gleiche Grundidee mit dem EAV-S’Muaterl von vorhin. Beide sprechen direkt mit Gott. Beide ohne Ehrfurcht im klassischen Sinne. Beide mit einer Ehrlichkeit die keiner Kirche bedarf.

1985, Album Grenzenlos. Platz drei der österreichischen Hitparade. Gert Steinbäcker hat Text und Musik geschrieben.

Das Aussteigerlied schlechthin. Der letzte Sommer war sehr schön. Eine griechische Bucht. Die Sonne wie Feuer auf der Haut. Das Wasser riecht man. Nichts ist laut. Und nach zwei, drei Wochen merkt man: was zu Hause wichtig war ist jetzt ganz dumm.

Und irgendwann bleib i dann dort. Lass alles liegn und stehn. Geh von daheim für immer fort.

Die zweite Strophe ist der gesellschaftskritische Teil. In unserer Hektomatikwelt dreht sich alles nur um Macht und Geld. Finanz und Banken. Die Rechnung geht sowieso nie auf. Und irgendwann fragst du dich: warum quäl ich mich da so schrecklich ab?

Das Wort Hektomatikwelt ist 1985 erfunden worden. Es ist 2026 noch präziser als damals.

Der Song wurde im Wiener Tatort verwendet und hat damit eine neue Generation erreicht. Wer ihn dort zum ersten Mal hörte war sofort verloren.

Fettes Brot – Sekt oder Selters

Fettes Brot sind drei Hamburger. Doktor Renz, König Boris und Björn Beton. Seit 1992 zusammen, eine der langlebigsten und einflussreichsten deutschen HipHop-Gruppen überhaupt.

Sekt oder Selters erschien 1997 als Single. Aber nicht unter dem Namen Fettes Brot. Das Trio veröffentlichte die Single unter dem Pseudonym Originoo Fun Rappaz weil sie zu dem Zeitpunkt noch einen Plattenvertrag hatten der Nebenprojekte einschränkte. Also schnell einen anderen Namen her und die Single raus.

Der Titel ist eine alte deutsche Redewendung. Sekt oder Selters bedeutet alles oder nichts. Volles Risiko oder totale Entbehrung. Champagner oder stilles Wasser. Keine Mitte.

Musikalisch ist es klassischer 90er Hamburger HipHop. Tiefer Bass, ironische Texte, die Zeilen werden abwechselnd von den Rappern übernommen – das typische Fettes-Brot-Schema das man von Nordisch By Nature kennt.

Ein Kommentator brachte es auf den Punkt: Der Teufel hat den Sekt gemacht, die Selters kommt von Gott. Besser kann man den Song nicht zusammenfassen.

Hier gehts zur gesamten Musik der Woche Playlist auf Youtube —> Playlist <—

Ø Bewertung = / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

ded26ab0afdb4171a091963dce46ce34
Stimmen aus dem Maschinenraum

Ein Kommentar