Musik der Woche – KW21

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Sieben Tage, sieben Lieder. Diese Woche reisen wir von der französischen Romantik über Wiener Schmäh und argentinischen Jazz bis zu kanadischem Prog-Rock, norwegischer Elektronik und Hamburger HipHop. Einfach laut aufdrehen.

Debussy – Suite Bergamasque, Op. III: Clair de Lune

Debussy komponierte Clair de Lune um 1890. Veröffentlichte es aber erst 1905. Fünfzehn Jahre in der Schublade. Er war mit dem Stück lange unzufrieden.

Der Name stammt aus einem Gedicht von Paul Verlaine. Mondlicht. Verlaine beschreibt darin Seelen die wie Commedia-dell’arte-Figuren durch den Mondschein tanzen, fröhlich aber mit einem Hauch Melancholie darunter. Debussy hat das in Musik übersetzt. Dieses Gefühl von Schönheit die gleichzeitig ein bisschen traurig ist.

Technisch ist es ein Meisterwerk des Impressionismus. Debussy löst sich von der klassischen Harmonik, Akkorde schweben ineinander ohne harte Auflösung, das Klavier klingt plötzlich wie Licht auf Wasser. Er hat damit einen neuen Weg gezeigt wie Musik Stimmungen malen kann statt Geschichten zu erzählen.

Das Stück wurde im 20. Jahrhundert zum meistgespielten Klavierstück der Welt. Es taucht in unzähligen Filmen auf. Zum ersten Mal gehört in Ocean’s Eleven. Sofort verliebt in die Melodie. Und wie das mit guter Filmmusik ist gleich wieder vergessen. Beim nächsten Ansehen den Film gestoppt, recherchiert, und seither fest im Alltag integriert.

Manchmal braucht es einen zweiten Anlauf um zu hören was schon beim ersten Mal da war.

Rainhard Fendrich – Strada del Sole

Sommer 1981. Nummer Eins in Österreich. Erster großer Hit. Und bis heute einer der bekanntesten Sommersongs im deutschsprachigen Raum.

Die Geschichte dahinter ist autobiografisch. Fendrich fährt mit seiner Freundin nach Italien. Ein Italiener mit Alfa Romeo, dolce far niente und molto potente taucht auf. Die Freundin verschwindet mit ihm. Das Geld ist auch weg. Fendrich steht in der Hitze, neue Sandalen drücken, keine Lire, keine Papiere.

Ende des Liedes: I steh aufs Gänsehäuferl, auf Italien pfeif i. Das Gänsehäuferl ist das bekannteste Freibad Wiens. Die ultimative Absage an die große weite Welt zugunsten des vertrauten Heimatbades.

Der Text ist Wienerisch gespickt mit Italianismen. Papagallo, bella ragazza, dolce far niente. Das klingt lustig aber der Schmerz darunter ist echt. Verlassen, bestohlen, allein in der Hitze. Und trotzdem klingt der Song leicht. Fast beschwingt. Als wäre das alles halb so schlimm.

Das ist das Genie daran. Die Melodie widerspricht dem Text. Und genau diese Spannung macht den Song unsterblich.

So unsterblich dass es Videos gibt von Stauopfern die auf der Autobahn aus dem Auto aussteigen, die Gitarre auspacken und Strada del Sole spielen weil sich seit zwanzig Kilometern nichts bewegt.

Ich kenne das Gefühl. Sommer, offene Fenster, Ampel, Song voll aufgedreht, laut mitgegröhlt. Irgendwann realisiert dass auf der Nebenspur ein Lieferwagen mit Bauarbeitern steht die sich königlich über mich amüsieren. War mir weder peinlich noch unangenehm. Wenns nach Mitsingen ist wird mitgesungen. Und irgendwo hat es mir gefallen dass ich den Jungs damit ein Lachen ins Gesicht gezaubert habe.

Das ist volkstümlich im besten Sinne. Nicht weil der Song volkstümlich klingt. Sondern weil er die Menschen versteht.

Karen Souza – Can’t Help Falling in Love

Einen Taxifahrer habe ich zu diesem Song zu verdanken.

Nachts, Bahnhof Passau, Fahrt zur Rehaklinik. Bei ihm im Auto lief dieses Lied. Die Stimme hat mich direkt verhaftet. Ich musste ihn fragen wer da singt.

Karen Souza. Argentinierin aus La Pampa, lebt in Los Angeles, bekannt für ihre samtigen Jazz-Lounge-Versionen von Pop- und Rockhits. Can’t Help Falling in Love erschien 2014 auf Essentials II.

Das Original ist Elvis Presley, 1961. Er sang es als letzten Song jedes seiner Konzerte. Sein Abschlusslied. Immer. Die Melodie basiert auf einem französischen Barockstück aus dem 18. Jahrhundert.

Karen Souzas Version nimmt den Song aus dem Rock’n’Roll Gewand und legt ihn in Seide. Langsamer, intimer, jazziger. Ihre Stimme ist dunkel und warm. Das Ergebnis klingt weniger nach Las Vegas und mehr nach einem leeren Jazzclub um Mitternacht.

Diese leichte Verjazzung die Karen mit Liedern macht ist genial. Und manchmal braucht es einen Taxifahrer um das zu entdecken.

Goo Goo Dolls – Iris

  1. John Rzeznik steckt in der Krise. Schreibblockade. Rechtstreit mit dem Label. Frau hat ihn verlassen. Er lebt in einem Hotelzimmer in Buffalo. Ein komplettes Wrack.

Dann kommt der Anruf. Ob er einen Song für den Film City of Angels schreiben will, mit Nicolas Cage und Meg Ryan. Rzeznik sagt ja, hauptsächlich weil U2 und Peter Gabriel auch auf dem Soundtrack sind und er nicht das schwächste Glied sein will.

Er denkt sich in die Figur des Engels Seth hinein. Ein Unsterblicher der seine Unsterblichkeit aufgibt nur um etwas zu fühlen. Um einen Menschen zu lieben. Was für ein Gedanke. Jemanden so sehr zu lieben dass man alles dafür aufgibt.

Den Song schrieb er in ein bis zwei Stunden. In einer ungewöhnlichen Gitarrenstimmung, alle sechs Saiten auf nur zwei Töne gestimmt. Er spielte es dem Soundtrack-Koordinator akustisch vor. Die Entscheidung fiel sofort. Noch bevor eine Studioversion existierte.

Die Band nahm es dann groß auf, mit Orchester. Zu groß sagten die Filmemacher. Im Film läuft nur Rzeznik allein mit der Akustikgitarre.

Über drei Milliarden Streams auf Spotify. Das meistgestreamte Rocklied der UK-Geschichte 2017. Rzeznik sagt bis heute: der Song wirft einen Schatten über alles andere was wir je gemacht haben.

Gehört, für gut befunden, in der Playlist gespeichert. Manchmal reicht das vollkommen.

Röyksopp – Eple

Eple bedeutet Apfel. Auf Norwegisch.

Der Name ist eine Verbeugung vor dem Jazzpianisten Bob James, dessen Album von 1975 eine goldene Hand mit einem Apfel auf dem Cover zeigt. Denn das Herzstück von Eple, dieses kreisende Klaviermotiv das einen sofort packt, ist ein Sample aus genau diesem Album. Bob James hörte Jahre später ein Video über den Song und war begeistert. Er sagte sinngemäß er könne sich vielleicht ein wenig damit rühmen dass seine Klaviermelodien damals herausstachen. Aber was Röyksopp daraus gemacht haben sei etwas völlig Eigenständiges. Und er liebe den Groove den sie daraus gebaut haben.

Röyksopp sind zwei Norweger aus Tromsø, Svein Berge und Torbjørn Brundtland. Kindheitsfreunde, dann jahrelang getrennte Wege, dann wiedergefunden und gemeinsam Musik gemacht. Eple erschien 2001 auf ihrem Debütalbum Melody A.M., einem der wichtigsten Chill-Out-Alben der Elektronikgeschichte.

Apple lizenzierte den Song als Installationssound für Mac OS X Panther. Wer damals seinen Mac neu eingerichtet hat hat Eple gehört ohne zu wissen was es war.

Der Song ist ein Instrumentalstück. Kein Text, keine Stimme, keine Ablenkung. Und trotzdem ist viel los darin. Schichten die sich aufbauen, ein Rhythmus der zieht ohne zu drängen, und ein Bass der in der richtigen Anlage nicht nur zu hören sondern zu spüren ist.

Im Auto mit Subwoofer massiert er einem bei diesem Song den Rücken. Das ist keine Übertreibung. Das ist Physik.

Rush – The Spirit of Radio

Neil Peart fährt spät nachts nach Hause. Irgendwo in Ontario. Er überquert eine Anhöhe und sieht unten die Lichter von Hamilton. Im Radio läuft CFNY-FM, ein Sender der noch Musik spielte die er wirklich mochte. Frei, unkompliziert, ohne Formatregeln.

In diesem Moment entstand die Idee.

Peart wollte eine Hymne auf alles schreiben was Radio sein konnte. Was dabei herauskam war gleichzeitig eine Abrechnung mit allem was Radio geworden war. Formuliert, kommerziell, seelenlos. Die Ironie die er später selbst beschrieb: genau dieser Song über den Verrat des Radios wurde ein Radiohit. Manche DJs spielten ihn stolz und dachten der Song handele von ihnen. Peart sagte das sei ein Lackmustest gewesen. Wer es verstand hörte eine Kritik. Wer es nicht verstand applaudierte sich selbst.

Der Gitarrenriff am Anfang ist Alex Lifesons bewusster Versuch Radiostatik klingen zu lassen. Wellen die durch den Äther hüpfen. Es klingt elektrisch, unruhig, lebendig.

Und dann kommt der Rest des Songs. Genauso stark. Ohne Pause, ohne Mittelmaß.

Das ist das Entscheidende. Starke Intros gibt es viele. Songs die nach dem Intro auf diesem Niveau bleiben sind selten. The Spirit of Radio ist so einer. Er macht das Versprechen des Einstiegs wahr und hält es bis zur letzten Note.

Am Ende steckt noch ein Wortspiel drin das man leicht überhört. Simon & Garfunkel singen in The Sound of Silence: the words of the prophets are written on the subway walls. Peart schreibt: the words of the profits are written on the studio wall. Prophets gegen Profits. Propheten gegen Gewinnstreben. Ein Buchstabe Unterschied. Der ganze Unterschied der Welt.

Neil Peart starb im Januar 2020 an Hirnkrebs. Geddy Lee und Alex Lifeson veröffentlichten zum 40. Jubiläum von Permanent Waves ein animiertes Video für The Spirit of Radio als Hommage an ihren Freund. Es endet mit einem Bild seines Schlagzeugs und den Worten: In memory of our brother Neil Peart.

Boberg der Echte – Dreamchaser

Es gibt eine Hamburger Szene die ich seit Jahren verfolge. Nicht im Fernsehen. Auf YouTube. Hagen, Maximiliano, Eicke Performance, Boberg und natürlich Philigran. Autoschrauber, Petrolheads, Leute die Autos lieben und darüber reden wie andere über Fußball. Unterhaltsamer als jedes Abendprogramm. Ehrlicher auch.

Boberg der Echte war in dieser Szene bereits bekannt bevor er Musik veröffentlichte. Er machte Intros für einige dieser Kanäle. Wer ihn kannte wusste schon dass da jemand sitzt der ein Gespür für Atmosphäre hat.

Dreamchaser erschien 2022, zusammen mit Ciyo51 und Hagen Amstep. Kickdown, gebe Gas Gas Gas. Felgen aus Chrom und der Lack schwarz matt. Dreamchaser werden Stars über Nacht.

Der dritte Part von Hagen Amstep hat eine Zeile die sitzt: Rollte schon zur Uni in nem 560 SEC, 20 Euro tanken und McDonalds essen gehn. Vom alten Benz mit leerem Tank bis zum Ferrari Spyder. Der Aufstieg als Selbstironie verpackt. Das ist kein Angeben. Das ist Storytelling.

Solider deutscher HipHop der gefällt weil er echt ist. Nicht weil er versucht zu klingen wie jemand anderes. Wer die Hamburger Autoszene kennt hört das raus. Wer sie nicht kennt spürt es trotzdem.

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Über Torben Botterberg 3355 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

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