Zweiter Text zum 2. Abschnitt des 14. Teils einer »Kritik der Psychoanalyse«

sigmund freud by max halberstadtAllgemeiner Hinweis: Der folgendeText steht unter der Überschrift »Modalitäten der Subjekt- und Begriffsbildung«. Er gehört zum 14. Teil einer »Kritik in die Psychoanalyse im Kontext des alltäglichen Nahbereichs«, deren einzelne Teile (1 bis 13) unten im Quellverzeichnis aufgeführt sind. Der Text zuvor steht unter der Überschrift »Kierkegaard oder vom Wagnis, ein Einzelner zu sein«. Der 14. Teil soll unter dem Titel »Probleme der Subjektbildung« stehen.

Modalitäten der Subjekt- und Begriffsbildung

Eine nicht nur affirmative Systemkritik schließt ein, eine Verbindung herzustellen zwischen Begriffsbildung zur Analyse mentaler, sozialer und ökonomischer Strukturen einerseits (begreifen, was ist) und individuierender Subjektbildung andererseits. Beide Seiten bedingen sich wechselseitig. Das setzt voraus, dass das Subjekt sich seines defizitären Innenlebens bewusst ist aufgrund dessen, dass Sprache grundsätzlich im Gegenstandsbezug und damit defizitär eingelassen ist ins Innenleben. Das heißt: Zeichen in Gestalt von Buchstaben, Worten, Begriffen, Kunstgegenständen aber auch »regulärer Ausdrücke« können als verinnerlichte Objekte (Introjekte) des Innenlebens betrachtet werden[1], die über etwas in der äußeren Welt aussagen sollen, freilich defizitär, ohne dass sie in der Lage wären, jene äußeren Objekte, wie sie »tatsächlich« auch in ihren Beziehungen zueinander sind, in einem Eins-zu-Eins-Verhältnis abzubilden , eben weil es grundsätzlich eine Differenz gibt zwischen der Vorstellung über ein Etwas in der äußeren Welt und dem vorgestellten Etwas in der äußeren Welt.

Das wiederum setzt schlussendlich voraus, dass das Subjekt in der Lage ist, Innen-Außen-Differenzen und mit ihnen den »Verlierer in sich « zu akzeptieren (vgl. Witsch 2013, S. 92). Es ist die Krankheit der Zeit, wenn man so will »zum Tode« (E14 Erster Abschnitt Witsch 2026/04/14), dass wir nicht oder nur sehr begrenzt in der Lage sind, das Defizitäre in uns zu gewahren, geschweige denn zu akzeptieren, wiewohl zuweilen genau jene Krankheit im Kino transportiert wird, vom Zuschauer im Kino aber nur imaginär angenommen wird, als wäre das Kino eine Welt für sich, während er selbst außerhalb des Kinos sich real kaum angesprochen fühlen möchte[2], mithin über sich selbst zu sprechen nur begrenzt in der Lage ist, vor allem wenn dabei der Verlierer in ihm wachgerufen werden würde.

Als gäbe es eine allgemeine Neigung, das Innenleben von allem Unrat sauber auszuschaben, den Verlierer in sich gleichsam abzutreiben, geradezu zwanghaft zu verdrängen, wie als würde jener Unrat posttrauma­tische (Belastungs-) Störungen auslösen müssen, die zu verarbeiten das Subjekt überfordert wäre, überfordert, sich selbst, seine Identität, sowie seine sozialen Strukturen um sich herum zusammenzuhalten; also muss es darum gehen, den Verlierer im Anderen, dem Sündenbock, zu entsorgen, um ihn traumatisierend in sich nicht gewahren zu müssen, was ganz unvermeidlich Vorgänge der Zerstörung und Chaotisierung sozialer Strukturen heraufbeschwört, wie gesagt, nicht tiefergehend, sondern lediglich auf der Oberfläche des Sichtbaren, resp. im Gegenstandsbezug verursacht unter Verdrängung der Beziehungsebene, die zwar immerzu bemüht ist, sich dem Subjekt aufzudrängen, um allerdings gleichursprünglich mit allen Mitteln – gewissermaßen uneingestanden verzweifelt – abgewehrt zu werden, wie wir es in der Sozialtheorie, etwa bei Wolfgang Detel, Jürgen Habermas, aber auch bei Klaus-Jürgen Bruder tagtäglich erleben, wenn wir in ihre Werke, Vorträge, E-Mail-Äußerungen, Gespräche nur gewissenhafter hineinhören würden, um ihre Subtexte, das Ungesagte, vielleicht auch nicht Sagbare, zu erahnen, um sie dann – natürlich – in eine Diskussion zu tragen, die allerdings für gewöhnlich nicht erwünscht ist, insbesondere dann, wenn dabei guter Ruf und Ehre in Mitleidenschaft gezogen würden.

Es zeigt sich einmal mehr: wir bekommen es hier mit einer anderen Art von Psychoanalyse zu tun, als sie von Freud betrieben wurde, und wie sie die heutige Psychoanalyse »realitätsphobisch« immer noch betreibt.[3] In dieser anderen Art existiert das Innenleben analysierbar nur im Kontext seiner sozialen Umgebung und damit das Subjekt zwangsläufig im Widerspruch zu sich selbst wie zu seiner sozialen Umgebung, dem alltäglichen Nahbereich, in dem es ohne den geringsten therapeutischen Anspruch (auf psychische Heilung) die zentrale Rolle spielt im Hinblick auf die Kritik mentaler, sozialer und ökonomischer Strukturen, die, soll sie nicht belanglos affirmativ verfahren, nur von außerhalb derselben, indem man sich ihnen verweigert, erfolgen kann, begriffsbildend nur dann überhaupt von einer (individuierenden) Subjektbildung die Rede sein kann, andernfalls – wie schon im Klappentext zu (Witsch 2009) angedeutet – das Subjekt, sein Innenleben, real gar nicht existent wäre.

Ist es heute tatsächlich nicht, unbenommen davon, dass es den Subjektbegriff gibt, verwendet freilich nur als Wort im Gegenstandsbezug: Das da ist ein Subjekt. Eine Begriffsbildung mit dem Ziel, sich selbst und seine soziale Umgebung zu begreifen, ist daher eng verbunden mit der eben postulierten Subjektbildung, die ich in Zukunft der Kürze halber im Sinne einer Individuierung oder Autonomisierung des Subjekts begreifen möchte.

Anmerkungen

[1] Vgl. Kap. 7.1, S. 126 – 130 über »Intrapsychische Projektionen«.
[2] Vgl. dazu Kap. 14.g, S. 63 – 66: »Verbegrifflichung vs. Institutionalisierung mentaler Dispositionen«, insbesondere Kap. 14.g.1, S. 64: »Verbegrifflichung mentaler Dispositionen mit Hilfe der Kunst« sowie Kap. 14.g.2, S. 65: »Über den Film ’Eine fantastische Frau‘«.
[3] Vgl. Witsch E1 2025/07/13: »Leerbegriffs-Psychoanalyse ohne Realitätsbezug«, Witsch E2 2025/07/29: »Zirkelschluss-Analyse oder wie es die Psychoanalyse (Freud) schafft, den Realitätsbezug aufzulösen«, Witsch E3 2025/08/10: »Realitätsphobien, eingelassen in die Psychoanalyse sowie Sozialtheorien (Detel, Habermas, Bruder, etc.) generell«, Witsch E4 2025/08/24: »Konfliktpositionen regressiv (realitätsphobisch) verarbeiten«.

Quellen

Witsch, Franz (2009). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Erster Teil: Begriff der Teilhabe. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2012). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013a). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Vierter Teil: Theorie der Gefühle. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2025/07/13). E1 Leerbegriffs-Psychoanalyse ohne Realitätsbezug. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/07/29). E2 Zirkelschluss-Analyse oder wie es die Psychoanalyse (Freud) schafft, den Realitätsbezug aufzulösen. QPress.de.
Witsch, Franz (2025/08/10). E3 Realitätsphobien, eingelassen in die Psychoanalyse sowie Sozialtheorien (Detel, Habermas, Bruder, etc.) generell. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/08/24). E4 Konfliktpositionen regressiv (realitätsphobisch) verarbeiten. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/09/11). E5 Mit Abreaktionen Zugehörigkeitsbedürfnisse ausleben. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/09/27). E6 Zum Begriff der Empathie in scharfer Abgrenzung zum Begriff des Mitleidens. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/10/06). E7 »Skotomisation« (Freud 1926, S. 86) oder wie Menschen ihre Existenz dystopisch verdunkeln. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/10/20). E8 Sozialtheorien als Totengräber des Sozialen. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/11/07). E9 Neigung zum strukturellen Desinteresse im Kontext einer »Institutionalisierung des menschlichen Gemüts«. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/12/01). E10 Menschen erzeugen in sich eine Verbindung zur Gesellschaft, die gestört ist. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2026/01/22). E11 Bürger transportieren in sich einen Gesellschaftsbegriff, durch den hindurch sie ihr eigenes Grab schaufeln.
Witsch, Franz (2026/02/16). E12 Zerstörung und Chaotisierung sozialer Strukturen.
Witsch, Franz (2026/03/19). E13 Über Bösartigkeiten auf der Beziehungsebene und wie sie sich im Innenleben erst ausbilden und dann ausleben.
Witsch, Franz (2026/03/29). E14 Vorrede zu »Problemen der Subjektbildung«: Schutz suchen im eigenen Grab.
Witsch, Franz (2026/04/14). E14 Probleme der Subjektbildung. Erster Abschnitt: »Die Krankheit zum Tode« (Kierkegaard).
Witsch, Franz (2026/05/02). E14 Kierkegaard oder vom Wagnis, ein Einzelner zu sein, dabei Ruf und Ehre zu verlieren sowie den Verlierer in sich zu spüren.
Witsch, Franz; Kahrs, Wilfried (2022/04/30). Erstes Gespräch vor der Kamera.
Witsch, Franz; Kahrs, Wilfried (2022/04/30). Zweites Gespräch vor der Kamera.

 

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Über Franz Witsch 55 Artikel
Franz Witsch, geb. 1952, lebt in Hamburg und ist Lehrer für Politik, Geografie und Philosophie. Zwischen 1984 bis 2003 arbeitete er in allen Bereichen der freien Wirtschaft als Informatiker und Unternehmensberater. Heute schreibt er sozialphilosophische Texte und Bücher.

13 Kommentare

  1. Als Jude hatte Freud ja nicht das Problem des subjektbildenden gewöhnlichen Kirchenchristen, einen bösen Körper zu haben. Freud war bloß manchmal etwas verschwitzt im Angesicht, es gab da aber nichts wirklich Anrüchiges, das hätte wegprojeziert werden müssen. Also machte er sich ’nen Schlitz ins Ohr und fühlte sich ganz wunderbar.

  2. Es ist zum verzweifeln, wo sind Peter A. Weber und Max Erdinger, die Qpress so lesenswert und informativ gestaltet haben.
    Jetzt wird uns dieser Psycho-Schamane S. Freud um die Ohren gehauen. Das erbärmliche Gestammel konkurriert direkt mit dem dummen Geschwätz in den wertewestlichen Parlamenten.
    Ruhe in Frieden QPress und nochmals vielen Dank an jene, die diese Webseite zu einem der besten deutschsprachigen Blogs gemacht hatten.

    • Mit Verlaub, lieber KlausRudolf, es geht nicht nur darum, zu meckern, sondern mehr noch darum, sich um bessere soziale oder gesellschaftliche Verhältnisse zu bemühen, als sie bislang existieren, dass heißt unter anderem auch, Menschen dazu zu bringen, dass sie dazulernen wollen, um sich in die Lage zu versetzen, diese besseren Verhältnisse (im Kleinen wie im Großen) gestalten zu können. So wie sie sich äußern, weitgehend argumentationsfrei, traue ich Ihnen diesbezüglich nur wenig zu. Ich würde mich freuen, von Ihren Vorstellungen zu hören, zum Beispiel indem sie schreiben, wie es in der Gesellschaft sozialverträglicher laufen könnte.

      • @ Franz Witsch
        Wenn man Etwas mit Etwas zu verbessern versucht, was von einem stammt, der selbst auf die Kautsch gehört, dann kann man sich gleich daneben legen.

        • Wer Texte kritisiert, muss Argumente beibringen, vor allem einen Text auf seinen Inhalt überprüfen, vorurteilslos, das heißt, den Text als solchen zu beurteilen und nicht danach, woher und von wem er stammt, bzw. wer ihn wie auch immer mental disponiert geschrieben hat. Selbst psychisch gestörte Menschen, z.B. mit einem Ödipuskomplex, können richtig liegen oder gute Texte schreiben.

  3. Den Freud einmal ganz sachlich angeschaut, ist seine die Sexualität in den Mittelpunkt allen seelischen Geschehens rückende Psychologie nichts weniger als urtümlich jüdisch. Schließlich hängt die Existenz des Judentums ab vom Erhalt der auf die biblische Figur des Abraham zurückgehenden Vererbungslinie. Traditionell jedenfalls galt im Judentum immer, Jude zu sein bedinge, in dieser Vererbungslinie zu stehen. In der weiblichen Seite dieser Linie übrigens, in der von Abrahams Gattin — sicher ist sicher.

    Ein ausgeprägter Sexualtrieb ist wesentlich arterhaltend und darum erfreulich. (Siehe den Untergang Spartas eben wegen ausbleibenden Nachwuchses!) Einerseits erfreulich, andererseits aber auch wieder nicht wegen der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendigen Einhaltung der Sittengesetze. Weswegen Einsicht in die von der Abwehr der Sexualgelüste ausgelösten seelischen Dynamiken so wichtig ist. Kann diese Abwehr doch die seelische Gesundheit beeinträchtigen, und diese den gesellschaftlichen Zusammenhalt und so zugleich die Arterhaltung! Was genau ja zu vermeiden ist.

    Da haben Christen oder Muslime es leichter. Sexualität braucht man nicht zum Ausweis von Zugehörigkeit, dafür gibt es Ritual, Taufe oder Bekenntnisspruch.

    Hat man sich aus religiösen Gründen aber ganz angelegentlich mit Sexualität zu befassen, lenkt einen das nicht zuletzt auch ganz angelegentlich ab von der Botschaft des Christus, daß ein jeder, der dies wolle, dem Volk Gottes angehören könne.

    • Man kann Weber und Erdinger nicht vorhalten, Fanboys zu sein von Trump. Ob sie den früher unterstützt haben, weiß ich nicht, ist aber auch ganz gleich: gestern war gestern. Und Erdinger selbst hat hier neulich geschrieben, daß ihm die Lust am Schreiben vergangen sei mit Blick gerade auf Trump und die AfD. Sollte ich da falsch liegen, bitte ich um Berichtigung.

      (Aber, bitteschön, wer bezahlt denn, um ins spirituelle Mitteilungsblatt für hirngewaschene Untertanen schauen zu dürfen!)

  4. Die MAGA-Gang reizt alle Teufel- Instrumente/perverse sexualisierte Machtphantasien aus um sich selbst zu bereichern und generiert damit auch enttäuschte Gang-Mitglieder, siehe:

    https://www.breitbart.com/tech/2026/01/06/ashley-st-clair-mother-of-elon-musks-son-says-his-grok-ai-is-posting-revenge-porn-of-her-on-x/

    Soviel zu den angeblich christlichen Werten der Trump-Regierung/MAGA-Gang/AfD usw, pfui Teufel! We shall overcome Kriegs-Religionen! Hoch die internationale Solidarität!

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