
Sieben Tage, sieben Lieder. Diese Woche ist die Auswahl bunt geworden. Rock aus den 70ern, norwegische Komik-Genies, Münchner Synth-Pop, ein bayerisches Mini-Musical, Xavier Naidoo, The Who – und zum Abschluss ein Song von Levitenleser Records dessen Entstehungsgeschichte ich euch nicht vorenthalten mag.
Einfach laut aufdrehen.
Emerson, Lake & Palmer – Lucky Man
Ein Zwölfjähriger bekommt von seiner Mutter eine Gitarre. Er lernt vier Akkorde. D, G, a-Moll, e-Moll. Und schreibt damit einen der zeitlosesten Rocksongs der Geschichte.
Greg Lake hat Lucky Man mit zwölf geschrieben und die Lyrics nie verändert. Kein Wort. Jahrzehntelang nicht. Weil es nichts zu verbessern gab.
Die Entstehungsgeschichte des Songs ist fast so gut wie der Song selbst. Am letzten Tag der Albumaufnahmen 1970 fehlten ELP noch Material. Lake spielte Lucky Man vor. Niemand mochte ihn. Keith Emerson sagte sinngemäß: Nimm ihn alleine auf, ich geh in den Pub. Lake und Carl Palmer nahmen Gitarre und Schlagzeug auf. Emerson kam zurück, setzte sich an den Moog-Synthesizer und improvisierte das Solo in einem einzigen Take. Eines der ersten Synthesizer-Solos der Rockgeschichte. In einem Take. Nach einem Pub-Besuch.
Wer am Ende des Songs genau hinhört hört wie Palmers Schlagzeug den flatternden Herzschlag eines sterbenden Soldaten nachahmt. Das hat niemand besprochen. Palmer hat es einfach gemacht.
Aber der eigentliche Kern ist der Text. Ein Mann der alles hat. Land, Reichtum, Pferde, goldenes Haar, schöne Frauen. Ein glücklicher Mann. Er zieht in den Krieg. Er stirbt.
Da liegt die Ironie die diesen Song so zeitlos macht. Die simpel gestrickte Musik passt dazu wie Arsch auf Eimer. Keine Verschnörkelung, kein Prog-Rock-Bombast, kein orchestrales Aufblasen. Vier Akkorde, eine akustische Gitarre, ein Moog-Solo das niemand geplant hatte. Und ein Text der die Sinnlosigkeit von Kriegen in vier Minuten sagt was Politiker in tausend Reden nicht hinbekommen.
Ein Zwölfjähriger hat das geschrieben. Vielleicht weil Zwölfjährige noch nicht gelernt haben es komplizierter zu machen als es ist.
Ylvis – Stonehenge
Die Frage die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Archäologen grübeln lässt. Die Historiker spekulieren lässt. Die Touristen nach Wiltshire treibt.
Warum zum Teufel hat jemand Stonehenge gebaut?
Ylvis haben daraus eine epische Ballade gemacht. Mit vollem Orchester, dramatischen Gitarren, einem Chor der klingt als wäre er für Wagners Ring des Nibelungen gebucht worden – und einem Text der im Grunde nur diese eine Frage wiederholt. Immer verzweifelter. Immer pathetischer. Immer epischer.
Das ist das Genie von Ylvis. Die norwegischen Comedian-Brüder Bård und Vegard Ylvisåker verstehen es Musik und Komik so zu verweben dass beides gleichzeitig funktioniert. Wer nicht genau hinhört könnte Stonehenge für normalen Epic-Rock halten. Die Produktion ist makellos. Der Sound ist ernst. Das Orchester meint es vollständig ernst.
Nur der Text nicht. Und genau das macht es so gut.
Dasselbe Prinzip zieht sich durch ihr gesamtes Werk. Mr. Toot klingt wie ein aufwendiger Eurodance-Track. Language of Love ist eine perfekte Lounge-Ballade über einen Mann der kein Japanisch spricht und es trotzdem versucht. What Does the Fox Say ging viral weil es so bescheuert ist dass man es nicht ignorieren kann – und weil die Produktion so gut ist dass man es trotzdem mithört.
Das ist die hohe Schule der musikalischen Komik. Nicht ein schlechter Song über ein lustiges Thema. Sondern ein perfekter Song über ein absurdes Thema. Der Witz funktioniert nur weil die Musik ihn trägt.
Wer Ylvis noch nicht kennt fängt mit Stonehenge an. Dann Mr. Toot. Dann Language of Love. Dann What Does the Fox Say.
Danach fragt man sich warum das nicht in jeder Musikstunde gelehrt wird.
Lukas Habermann & Franziska Kuropka – Systemrelevant
März 2020. Die Theater sind zu. Die Bühnen dunkel. Die Kulturschaffenden sitzen zu Hause und warten darauf dass jemand erklärt wann und ob es weitergeht.
Lukas Habermann, Sänger am Schmidts Tivoli in Hamburg, und seine Mitbewohnerin und Kollegin Franziska Kuropka warten nicht. Sie schreiben in zwei Tagen ein Mini-Musical. Nehmen es auf. Filmen es. 40 Kollegen singen aus ihren jeweiligen Wohnungen im Finale mit.
Das Ergebnis ist Systemrelevant. Und der Refrain sitzt wie ein Nagel.
Wir sind nicht systemrelevant. Denn wir können nur tanzen und singen. Mama hatte recht, wären wir doch nur Bäcker geworden.
Das ist kein bitterer Song. Das ist ein kluger. Er sagt mit einem Augenzwinkern was viele damals dachten aber nicht aussprachen: dass eine Gesellschaft die Kultur für überflüssig hält in dem Moment wo es eng wird etwas Grundlegendes über sich selbst verrät.
Die Corona-Festspiele der Bundesregierung sind vorbei. Die Erinnerung daran nicht. Und Systemrelevant läuft auch noch. Weil es über den Moment hinausgewachsen ist in dem er entstand. Weil die Frage was eine Gesellschaft wirklich braucht um Gesellschaft zu sein keine Corona-Frage ist. Sie war vorher da und sie ist nachher noch da.
Musik, Theater, Tanz, Gesang. Nicht systemrelevant laut Bundesregierung. Aber der einzige Grund warum Menschen in schwierigen Zeiten nicht vollständig durchdrehen.
Das wissen Bäcker auch.
Xavier Naidoo – Sie sieht mich einfach nicht
Wer hätte gedacht dass ein Asterix-Film eines der schönsten deutschen Liebeslieder hervorbringt.
Das Original ist französisch, geschrieben von Jean-Jacques Goldman für den Kinofilm Asterix und Obelix gegen Caesar mit Gérard Depardieu. Moses Pelham hat den deutschen Text geschrieben. Xavier Naidoo hat ihn gesungen. Und 1999 lief er überall.
Der Text ist so simpel wie präzise. Ein Mann sieht eine Frau. Er nähert sich ihr. Und je näher er kommt desto ungeschickter wird er. Desto größer die Distanz. Es gibt Grenzen die man trotz Millionen von Soldaten nicht wegwischt. Und diese hier überwindet man nicht.
Jeder der jemals so jemanden gesehen hat weiß genau wovon der Song spricht.
Mich lässt er in Erinnerungen schwelgen. An vergangenes. An Menschen die da waren und nicht mehr da sind. Und er macht mir auf eine merkwürdig angenehme Art deutlich wie schön es wäre wieder jemanden an der Seite zu haben den man lieben kann. Nicht als Schmerz. Eher als Sehnsucht die man gerne hat.
Manchmal reichen vier Minuten um zu wissen was einem fehlt.
Umme Block – Shut Up
Manchmal findet man Musik. Manchmal findet Musik einen.
Zweiter Benz geschrottet. Nachts zu Hause, ans Haus gefesselt, frustriert, ohne Auto. Der Fernseher läuft, BR, irgendeine Musiksendung namens Startrampe. Und dann stehen da zwei Münchnerinnen und spielen State of Limbo.
Fertig. Unlöschbar eingebrannt.
Klara Rebers und Leoni Klinger sind Umme Block. Synth-Pop mit 80er DNA, produziert in München, mit einer Philosophie die so einfach wie konsequent ist: höchste Priorität hat die Dramaturgie, der Wechsel zwischen Spannung und Erlösung. Schwere Kost in elegantem Gewand. Inhalt der reinigt, Sound der trägt.
Shut Up ist ein Song über eine toxische Beziehung und den Moment wo man genug hat. „You crave control, want to occupy me.“ Die Antwort ist im Titel. Musikalisch klingt es nach Tanzen. Emotional klingt es nach Befreiung. Beides gleichzeitig ist das Schwierigste was man in einem Song hinbekommen kann.
Das hier ist mein Lieblingsbild zu diesem Song. Ich sitze im Zug, auf dem Weg meinen jetzigen Benz anzuschauen. Draußen noch finster. Im Fenster sehe ich mich selbst mehr als die Welt die an mir vorbeizieht. Auf den Kopfhörern läuft Umme Block. Und der Bass hämmert sich ins Gehirn.
Manche Momente bleiben. Dieser ist einer davon.
Und für alle die sich jetzt fragen was das für ein Benz war: ich bin kein Bonze der sich teure Mercedese leisten kann und das will ich auch nicht. Ich fahre alte Exemplare bis maximal 5000 Euro. Und auch das muss man erstmal haben – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an meine Eltern die mir das damals vorgestreckt haben.
Die neuen Modelle interessieren mich nicht. Zu viel Computer, zu viel Einheitsbrei, zu wenig Qualität. Mein Herz schlägt für die Baureihe W210. Aktuell fahre ich einen E230 von 1996, gekauft mit 170.000 Kilometern, mittlerweile fast 300.000 auf der Uhr. Und ich liebe ihn. Jeden meiner 210er habe ich geliebt. In meinen Augen die letzte echte E-Klasse.
Begonnen hat diese chronische Mercedes-Krankheit vor vielen Jahren mit der Baureihe W123. Seitdem gibt es kein Heilmittel und ich suche auch keines. Das kann wahrscheinlich nur verstehen wer selbst schon in so einem Auto gesessen hat. Wer es kennt braucht keine Erklärung. Wer es nicht kennt dem kann man es nicht erklären.
The Who – Baba O’Riley
Die meisten Menschen kennen diesen Song unter dem falschen Namen.
Teenage Wasteland rufen sie. Weil das die Zeile ist die sich wiederholt. Weil Baba O’Riley kein einziges Mal im Text vorkommt. Der echte Titel ist eine Hommage an zwei Männer die Pete Townshend prägten: Meher Baba, sein spiritueller Guru, und Terry Riley, ein minimalistischer Komponist dessen Arbeit mit Tape Loops und Wiederholungen das ikonische Keyboard-Intro inspirierte.
Das Intro. Darüber muss man reden.
Townshend wollte ursprünglich die Lebensdaten von Meher Baba in einen Synthesizer eingeben und daraus automatisch Musik generieren lassen. KI, 50 Jahre bevor das jemand so nannte. Als das technisch nicht funktionierte setzte er sich wochenlang in sein Heimstudio und baute das Äquivalent auf einer Lowrey-Orgel nach. Das Ergebnis sind diese sich schichtenden kreisenden Töne die einen in den ersten Sekunden sofort nehmen und nicht mehr loslassen.
Es ist eines der epochalen Intros der Rockgeschichte. Die Liste ist kurz. Dieses gehört dazu.
Aber hier liegt der Unterschied zu vielen anderen Songs mit großem Intro. Bei Gimme Shelter von den Stones zum Beispiel kommt nach diesem atemberaubenden Einstieg ein Lied das sich im Mittelmaß einrichtet. Der Intro verspricht mehr als der Rest hält.
Bei Baba O’Riley passiert das nicht. Nach dem Intro geht es genauso energiegeladen weiter. Daltrey singt, Townshend spielt, Moon trommelt als hätte er nichts anderes zu tun als diesen einen Song für den Rest seines Lebens zu spielen. Und am Ende kommt Dave Arbus mit einem Violin-Solo das Keith Moon sich ausgedacht hatte und das den ganzen Song nochmal hochreißt bevor er ausklingt.
Der Song war ursprünglich 30 Minuten lang. Auf fünf Minuten runtergeschnitten. Man muss sich das vorstellen. 25 Minuten Musik die gut genug war für eine der besten Rockbands der Welt, weggeworfen damit das Beste übrig bleibt.
Pete Townshend nennt ihn einen der fünf besten Songs die er je geschrieben hat. Beim Abschluss der Olympischen Spiele 2012 in London spielten The Who ihn als letzten Song der Zeremonie.
Manche Songs enden. Dieser hallt nach.
The Billy Boys – My Beautiful Friend
Manchmal entsteht Kunst aus den unwahrscheinlichsten Momenten.
Ein Kumpel wollte eine Frau beeindrucken. Er überlegte lange. Und schrieb ihr dann: Ich habe einen wunderschönen Penis.
Die Frau war vermutlich nicht beeindruckt. Ich schon, hätte mich fast bepisst vor Lachen. Ich musste daraus einen Song machen.
My Beautiful Friend erschien unter dem fiktiven Bandnamen The Billy Boys auf Levitenleser Records. Der Sound ist klassisches Country und Western, gezupfte Akustikgitarre, warme Steel-Guitar-Lines, Pedal-Steel-Slides im Refrain, federnde Rhythmussektion. Alles handwerklich sauber. Alles absolut ernsthaft produziert.
Und der Text handelt von einem wunderschönen Penis.
Das ist das Genie daran. Der Song nimmt sich selbst vollständig ernst. Keine Zwinkerei, kein Comedy-Timing, keine Pointe die man erklärt. Einfach ein aufrichtiges Country-Lied über Männlichkeit, Stolz und innere Stärke – und der Hörer merkt irgendwann selbst womit er es zu tun hat.
Hmmmmm penis. Hmmmmm penis. Hmmmmm my wonderful penis.
Läuft auf YouTube. Wurde für das was es ist lediglich mittelprächtig angenommen. Was es ist: eines der ehrlichsten Lieder über Selbstbewusstsein die je im Country-Genre entstanden sind.
Ob mein Kumpel die Dame damit letztendlich beeindruckt hat ist nicht überliefert. Aber der Song lebt weiter.
Playlists der Musik der Woche:

Brot & Spiele zur Ablenkung von der täglichen Verarschung, der Sinn des Lebens besteht nur darin, genügend reifes Obst/Früchte zu finden und das funktioniert nur in den Tropen! Alle anderen Klimazonen sind ernährungstechnisch suboptimal und fordern ihren Tribut/Krankheiten/sozialverträgliches Frühableben, lediglich die mit Geld kontaminierten Erdenwürmer können sich jeden Tag ihre frischen Paradiesfrüchte einfliegen lassen. Alle anderen zerstören mit den Pflanzen-Abwehrstoffen/u.a. Alkaloiden, die in allen Pflanzen-Teilen, außer den Vollreifen Früchten enthalten sind, ihre Gesundheit! Ganz zu schweigen von den Paleo-Diätlern—-schön dummm
Du bist tatsächlich breit aufgestellt, mit dem Deutschrock hab ich´s nicht so und auch hier gibt es zumindest einen Interpreten, den tatsächlich auch persönlich kenne, oder besser ihn mal erlebt habe, der halt gar nicht geht…aber trotzdem Respekt.
Und was den 123er oder 210er betrifft, bin ich voll bei Dir, auch, wenn ich meist einer anderen Marke den Vorzug gegeben habe.
Was die Verschnörkelung betrifft, kann man durchaus beim Schlagzeugpart im „Lucky Man“ davon reden, obwohl das Lied so einfach sein soll. Daran, den nachzuspielen haben sich Generationen von Schlagzeugern ausprobiert. Der Witz ist dabei, dass er nie aufdringlich wirkt. Einfach und trotzdem genial dagegen die drei Schläge auf 1,4,1 bei Baba O’ri1ey, die manches Auditorium zum Ausrasten brachten.