Der Mann der mit Pflanzen redet

Pflanzen

Ein Imker besucht Wolf-Dieter Storl – und erinnert uns daran, was wir vergessen haben

Irgendwo im westlichen Allgäu steht ein Bauernhaus mit Grundmauern aus dem 16. Jahrhundert. Die Balken stammen aus dem Dreißigjährigen Krieg, gezimmert von einem Schweizer namens Jakob Bessmer. Vor dem Haus wuchern Brennnesseln, Beinwell, Schöllkraut und Kamille. Im Gemäuer lebt seit vier Jahren ein wilder Bienenschwarm. Und mittendrin sitzt ein Mann, der über dreißig Bücher geschrieben hat, sich seit über vierzig Jahren mit Kräutern heilt und von einem Cheyenne-Medizinmann lernte, mit Pflanzen zu reden statt über sie.

Wolf-Dieter Storl ist Kulturanthropologe, Ethnobotaniker und so etwas wie ein wandelndes Lexikon der Pflanzenwelt. Aber das Wort Lexikon greift zu kurz. Lexika ordnen Wissen. Storl lebt es.

Ein Gespräch wie ein Waldspaziergang

Quentin Kupfer vom YouTube-Kanal BeesTeez hat Storl auf seinem Einödhof besucht. Was als lockeres Gespräch beginnt, wird schnell zu etwas anderem. Die beiden – ein junger Imker und der 83-jährige Pflanzenschamane – streifen durch den verwilderten Garten, probieren Kräuter, reden über Bienen und Holunder, über indianische Medizinmänner und die Frage, warum wir verlernt haben, die Pflanzen vor unserer Haustür zu kennen.

Storl erzählt, wie er als Kind in Ohio die Natur entdeckte, in der Schule aus dem Fenster starrte statt auf die Tafel und dafür Ärger kassierte. Wie er Botanik studieren wollte, es aber im Labor mit Reagenzgläsern und Petrischalen nicht aushielt. Wie er stattdessen in die Völkerkunde ging, bei den Cheyenne in Wyoming lebte und anderthalb Jahre lang fast jedes Wochenende mit einem alten Medizinmann namens Hirschschulter durch die Wildnis wanderte.

Pflanzen als Gesprächspartner

Was Storl bei den Cheyenne lernte, ist das Herzstück dieses Gesprächs. Die Indianer gehen an Pflanzen heran, indem sie leer werden, sich öffnen und die Pflanze auf sich wirken lassen. Sie analysieren keine Staubblätter und zählen keine Petalen. Sie gehen in Resonanz.

Storl beschreibt den Unterschied zwischen westlicher Botanik und dem Pflanzenwissen der Naturvölker mit einer Klarheit, die sitzt. Die eine Methode zerlegt die Pflanze von außen, zählt, wiegt, analysiert Wirkstoffe. Die andere lässt die Pflanze von innen sprechen. Beides hat seinen Wert. Aber wir kennen nur noch die eine Seite.

Das ist kein esoterisches Geschwurbel. Storl bleibt geerdet. Als der Imker fragt, ob eine Pflanze Schmerz empfindet, sagt Storl trocken: Nein, die haben keine Nerven. Und wenn das so wäre, wären die Kühe echte Mörder. Aber sie spüren Zuwendung. Italienische Avantgarde-Botaniker wie Stefano Mancuso hätten wissenschaftlich nachgewiesen, dass Pflanzen die Aufmerksamkeit des Gärtners wahrnehmen. Interesse – im lateinischen Wortsinn: mittendrin sein.

Das Wissen der Großmütter

Was dieses Gespräch so wertvoll macht: Storl redet über uraltes Wissen, das wir als Gesellschaft systematisch entsorgt haben. Die Nelkenwurz als Lebermittel. Die Karde gegen Borreliose. Den Frauenmantel für die weibliche Gesundheit. Das Schöllkraut für die Augen. Den Holunder als heiligen Hofbaum, den man nicht fällen darf.

Jede Pflanze trägt Geschichten. Die Kamille hieß bei den Angelsachsen Mädchenblume und gehörte zu den neun heiligen Kräutern. Der Beinwell heißt so, weil Bein das alte Wort für Knochen ist. Der Borretsch macht seit der Römerzeit fröhlich. Und die Brennnessel? Die erdet uns. Wer als verträumte Elfe über die Wiese schwebt und in eine Brennnessel tritt, ist sofort wieder im Hier und Jetzt.

Storl erzählt diese Dinge ohne missionarischen Eifer. Er berichtet von seiner eigenen Borreliose-Heilung mit der Karde und den hunderten Briefen von Menschen, denen es ebenso half. Er spricht über seinen gebrochenen Arm, den er mit Beinwell-Packungen schneller auskurierte als es die Schulmedizin geschafft hätte. Und er sagt einen Satz, der hängenbleibt: Die Pflanzen haben mich nie enttäuscht.

Verzaubert und entfremdet

Der tiefere Punkt, den Storl macht, geht weit über Kräuterkunde hinaus. Wir sind verzaubert, sagt er. Gefangen in einer Welt aus Bildschirmen, Konsum und Gedankenkarussell. Wir essen, ohne zu schmecken. Wir gehen durch die Natur, ohne sie wahrzunehmen. Wir denken an die Waschmaschine, während vor uns eine Pflanze blüht, die uns heilen könnte.

Bei den Cheyenne war das anders. Wenn die essen, essen sie. Wenn die reden, reden sie. Wenn die durch den Wald gehen, sind sie da. Vollkommen präsent. Hirschschulter legte einmal den Löffel weg und sagte: Wenn wir Indianer essen, essen wir.

Storl nennt das moderne Unterhaltungssystem eine Verzauberung, aus der wir ausbrechen müssen. Und sein Vorschlag ist bestechend einfach: Fang vor deiner Haustür an. Schau, welche Pflanze da wächst. Frag dich, wie sie heißt. Riech daran. Und dann merkst du, dass die Umwelt antwortet. Die Natur ist nicht stumm. Wir haben aufgehört zuzuhören.

Geistige Düngung

Am Ende fragt der Imker: Wie wird man glücklich? Storl antwortet ohne Zögern: Indem man macht, was man gerne macht. So einfach ist es.

Einer seiner Lehrer, der alte Bergbauer Arthur Hermes, nannte die Liebe „geistige Düngung“. Wo Liebe ist, gedeihen die Wesen. Wo Zwang ist, verkümmern sie. Das gilt für Pflanzen, für Tiere und für Menschen.

Zwei Stunden dauert das Gespräch bei BeesTeez. Es ist keine politische Analyse, kein Aufreger, keine Skandalgeschichte. Es ist das Gegenteil von allem, was uns täglich aus den Bildschirmen entgegenschreit. Und genau deshalb ist es so wertvoll. Weil es daran erinnert, dass es jenseits des politischen Lärmteppichs eine Welt gibt, die auf uns wartet. Sie steht vor der Haustür. Sie blüht gerade. Und sie riecht nach Kamille.


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Über Torben Botterberg 3446 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

8 Kommentare

  1. Ja, das ist schon toll, was es für interessante Menschen gibt die über spezielle Dinge Bescheid wissen. Doch meist sind es schon ältere Menschen, die nicht mehr lange leben werden und damit wäre ihr Wissen verloren. Wer schreibt von denen Wo ihr Wissen für die Nachwelt auf? Es ist kein Wunder, wenn immer weniger Menschen noch Sinnvolles wissen. Und das ist schade.

  2. Bei psychischen Erkrankungen werden Menschen sofort und dann jahrelang mit Psychopharmaka vollgedröhnt. Ich würde erst einmal mit Baldrian und Johanneskraut beginnen.

  3. Ein persönliches Erlebnis; habe in Kroatien am Meer ein Verlassenes Haus gekauft, im Garten stand ein kleines Feigenbäumchen. Rund herum Unkraut entfern und schön gegossen.
    Das Jahr darauf war das Bäumchen gewachsen aber keine Blüten. im Herbst stand ich davor und sagte dem Bäumchen, „wenn du auch nächstes Jahr kein Blüten hast wirst du entsorgt“!
    Im Frühjahr gab es Blüten und sogar Feigen. Heute ist ein großer Baum mit prächtigen Feigen…

  4. Die Kräuterhexen sind nicht unumstritten, denn die Pflanzenabwehrstoffe gegen Fressfeinde/Parasiten fehlen nur in den Früchten/Obst, weil die ja zur Samenverbreitung auch gefressen werden sollen, deshalb haben die Tropen einen ernährungstechnischen Vorteil, weil es dort bedeutend mehr reichhaltiges Obst/Mangos/Papaya/Jackfruit usw. gibt und man deshalb keine anderen Pflanzenteile essen muss—–soviel zur ultimativen veganen Rohkost der Frutaner die Mutter Natur nur für die Tropen-Bewohner vorgesehen hat, alle anderen Erdenwürmer leben zwangsläufig suboptimal oder haben so viel Geld,dass sie sich täglich Flugmangos leisten können, dummm gelaufen für die völkischen/abendländischen Weißlinge, ganz zu schweigen von den Paleo-Diätlern

  5. Nachtrag: Jetzt bekommt der Garden Eden eine ganz andere Bedeutung, siehe:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Garten_Eden

    Soviel zu dem wahrhaftigen Grund des Garten Eden, die Ernährung nur durch natürlich an der Pflanze/Baum gereiften Früchte/Obst alle andere Ernährungesformen sind der eigentliche Sündenfall/Todsünde und werden mit Krankheiten/sozialverträgliches Frühableben bestraft——schön dummmer Glauben an das Christentum, nur die Pfeffersäcke/Supereiche können sich jeden Tag die Paradiesfrüchte/Flugmangos der Tropen einfliegen lassen, Schande über das Komplott der Kirche mit den Wohlhabenden Ausbeutern, pfui Teufel

  6. Grandioser Beitrag! Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass im kommenden Mai in Brüssel das sogenannte „Neue Gentechnikgesetz“ (NGT) verabschiedet werden soll, bekomme ich die Krise! So ist auch noch geplant, sich nicht nur an den Kulturpflanzen zu vergehen, sondern sie haben bereits die Wildpflanzen im Visier! Wo bleibt der Widerstand?

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