Müssen wir die Sprache (mal wieder) neu erfinden?

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Es gab schon mal einen Versuch, die deutsche Sprache umzubauen. Nach 1945 erachtete man es als nötig. Zwölf Jahre Nationalsozialismus hatten Wörter vergiftet, Begriffe besetzt, Sprache zur Waffe gemacht. „Untermenschen“, „Endlösung“ – das war kein Zufall, das war System. Sprache als Instrument der Vernichtung, als Tarnkappe für Verbrechen, als Werkzeug zur Entmenschlichung.

Was heute passiert hat damit absolut nichts zu tun.

Das Sternchen als Kulturkampf

Das Gendersternchen ist kein Hilfszeichen. Es ist eine Unterbrechung. Mitten im Wort, mitten im Satz, mitten im Lesefluss. Wer „Mitarbeiter*innen“ schreibt zerhackt ein funktionierendes Wort und klebt es mit einem Asterisk zusammen der in der gesprochenen Sprache schlicht nicht existiert.

Wie spricht man das aus? Mit Glottisschlag sagen die Befürworter. Der Kehlkopf als politisches Statement. Wer das ernsthaft fordert hat noch nie einem älteren Menschen dabei zugehört wie er versucht „Bürger*innen“ mit korrekter Pause in der Kehle auszusprechen. Es klingt wie ein Schluckauf. Es fühlt sich an wie einer.

Das generische Maskulinum hat Jahrhunderte funktioniert. Nicht trotz seiner Ungenauigkeit sondern wegen seiner Klarheit. Alle wussten was gemeint war. Alle fühlten sich angesprochen. Kein Mensch dachte beim Wort „Bürger“ ernsthaft nur an Männer, kein Mensch fühlte sich beim Wort „Arzt“ unsichtbar. Die Sprache war klüger als ihre Kritiker. Sie hatte eine Lösung gefunden die niemanden ausschloss weil sie niemanden explizit einschließen musste.

Jetzt soll das anders sein. Wegen einer Minderheit die das so sieht. Und weil eine andere Minderheit das durchsetzen will.

Das Doppelstrich-Debakel

Dann gibt es noch die „Innen“-Variante. „LehrerInnen“. „PolitikerInnen“. „BürgermeisterInnen“. Das große I in der Mitte als stiller Protest gegen die Grammatik.

Auch hier die gleiche Frage: Wer hat das beschlossen? Der Duden? Der Duden ist ein Wörterbuch, kein Gesetzgeber. Öffentlich-rechtliche Sender haben angefangen zu gendern weil Redaktionsleiter es so wollten. Behörden haben Leitfäden herausgegeben weil Gleichstellungsbeauftragte es so wollten. Universitäten haben Studenten in Prüfungen schlechter bewertet weil sie nicht gegendert haben.

Das ist der Punkt wo Sprachpolitik zur Sprachpflicht wird. Und wo man aufhören sollte mitzumachen.

Geflüchtete statt Flüchtlinge

Ein Paradebeispiel für aufgezwungene Spracherneuerung ist nicht das Gendersternchen. Das Paradebeispiel ist das Wort „Geflüchtete“.

„Flüchtling“ klinge abwertend sagten Sprachpolitiker mit ernstem Gesicht. Das Suffix „-ling“ sei negativ besetzt.

Säugling. Frühling. Liebling. Lehrling. Schmetterling. Prüfling. Findling. Häuptling.

Alle abwertend? Alle zu ersetzen? Oder hat hier jemand ein Problem gesucht das keines war um eine Lösung zu verkaufen die niemand braucht?

Die deutsche Sprache kennt das Suffix „-ling“ seit über tausend Jahren. Es bezeichnet jemanden der sich in einem Zustand befindet oder von etwas geprägt ist. Es ist neutral. Es ist beschreibend. Es ist präzise. Ein Flüchtling ist jemand der flieht. Das ist keine Beleidigung, das ist eine Zustandsbeschreibung. Wer darin eine Abwertung sieht projiziert eine Absicht in die Sprache die sie nie hatte und nie haben wollte.

„Geflüchtete“ klingt besser sagen die Sprachreformer. Neutraler. Würdevoller.

Dabei ist „Geflüchtete“ grammatisch ein Partizip Perfekt das als Adjektiv verwendet wird. Es beschreibt einen abgeschlossenen Vorgang. Wer geflüchtet ist hat die Flucht hinter sich. Das stimmt in vielen Fällen schlicht nicht. Aber egal, es klingt besser. Und auf das Klingen kommt es ja an.

Sprache

Die Minderheit die entscheidet

Die entscheidende Frage bei all dem ist nicht ob man Sprache verändern darf. Natürlich darf man. Sprache lebt. Sprache wächst. Sprache nimmt auf was die Menschen brauchen.

Die entscheidende Frage ist wer entscheidet.

Kein Parlament hat das Gendern beschlossen. Keine Volksabstimmung hat ergeben dass 84 Millionen Menschen ihre Sprache umbauen wollen. Keine breite gesellschaftliche Debatte hat stattgefunden deren Ergebnis dann respektvoll umgesetzt wurde.

Eine kleine laute Gruppe hat entschieden. Redaktionskonferenzen haben mitgezogen. Behörden haben Formulare umgeschrieben. Schulen haben Empfehlungen herausgegeben. Und wer sich widersetzte galt als rückständig, als frauenfeindlich, als nicht auf der Höhe der Zeit.

Das ist der eigentliche Skandal. Nicht das Sternchen selbst. Sondern die Selbstverständlichkeit mit der eine Minderheit der Mehrheit vorschreibt wie sie zu sprechen hat. Und die Bereitwilligkeit mit der Institutionen die das eigentlich vertreten sollten mitgespielt haben.

Umfragen zeigen das Bild deutlich. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lehnt das Gendern ab. Über alle Altersgruppen. Über alle politischen Lager. Trotzdem gendern öffentlich-rechtliche Sender. Trotzdem gendern Bundesbehörden. Trotzdem gendern Universitäten.

Das nennt sich Demokratie. Nur umgekehrt.

Das mit den Geschlechtern

Am Rande, weil es nicht der Hauptpunkt ist aber auch nicht verschwiegen werden soll: Wer ernsthaft behauptet es gebe sechzig oder mehr Geschlechter braucht dafür natürlich auch sechzig oder mehr sprachliche Entsprechungen (und eine Überweisung zum Psychologen). Die Sprache soll dann mithalten. Sie soll sich anpassen. Sie soll jeden neuen Zustand abbilden, jede neue Selbstdefinition anerkennen, jeden neuen Begriff bereitstellen.

Und weil das nicht reicht bekommt auch der normale Mann einen neuen Namen. „Cis“ heißt er jetzt. Cisgender. Weil es offenbar nicht mehr ausreicht einfach ein Mann zu sein. Weil die eigene Existenz neuerdings eines Etiketts bedarf das man sich nie gewünscht hat und auch nicht braucht.

Ich bin ein Mann. Kein cisgender Mann. Kein biologischer Mann. Kein Mann mit Zusatz. Ein Mann. Das hat Jahrtausende funktioniert und es wird weiter funktionieren egal wie viele neue Kategorien jemand erfindet um sich selbst darin einzusortieren.

Am Ende entsteht eine Sprache die niemand mehr versteht außer denen die sie erfunden haben. Das ist nicht Inklusion. Das ist das Gegenteil davon.

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Was Sprache wirklich ist

Sprache ist kein politisches Werkzeug. Sie ist ein kollektives Gedächtnis. In ihr stecken Jahrhunderte von Erfahrung, Kultur, Präzision. Die Fähigkeit der deutschen Sprache Komposita zu bilden, Nuancen abzubilden, Gedanken in einer Genauigkeit auszudrücken die andere Sprachen nicht erreichen, das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis von Generationen die mit ihr gerungen haben.

Goethe hat in ihr geschrieben. Kant hat in ihr gedacht. Schiller hat in ihr gefeuert. Heine hat in ihr gespottet. Tucholsky hat in ihr gestichelt.

Und jetzt soll sie mit einem Sternchen bereichert werden das beim Vorlesen niemand aussprechen kann.

Was bleibt

Sprache verändert sich. Das war immer so und ist auch gut so. Neue Dinge brauchen neue Wörter. „Internet“, „Smartphone“, „Algorithmus“ – kein Mensch beschwert sich darüber. Diese Wörter sind entstanden weil es sie gebraucht hat. Weil die Wirklichkeit neue Begriffe verlangt hat und die Sprache sie geliefert hat.

Der Unterschied ist einfach. Wörter die aus dem Leben entstehen wachsen in die Sprache hinein weil sie gebraucht werden. Wörter die aus Ideologie entstehen werden in die Sprache hineingezwungen weil jemand es so will.

Das eine ist Entwicklung. Das andere ist Bevormundung.

Die Mehrheit der Menschen in diesem Land empfindet das Gendern als störend, als aufgesetzt, als Fremdkörper in einer Sprache die ohne es hervorragend funktioniert hat. Diese Mehrheit hat das Recht ihre Sprache zu sprechen wie sie gewachsen ist. Ohne Sternchen. Ohne erzwungene Pausen. Ohne politische Korrektheit die sich in die Kehle drängt.

Die deutsche Sprache hat Goethe überlebt. Die Nazis. Zwei Weltkriege. Die Teilung und die Wiedervereinigung. Den Anglizismus und das Denglisch.

Sie wird auch das Gendersternchen überleben.

Höchstwahrscheinlich als das was es ist: eine Modeerscheinung die in ein paar Jahren niemand mehr ernst nimmt. So wie Schlaghosen. Nur weniger elegant.


 

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Über Torben Botterberg 3446 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

12 Kommentare

  1. Bei uns – ich arbeite im Öffentlichen Dienst als Angestellter – herrscht auch der Zwang zum Gendern. Mitarbeitende, Studierende. Medienschaffende… und genau diese Partizipien Präsens stören mich am meisten. Ich bemerke bei meinen Kollegen, Freunden, dass sie die ursprünglichen Substantive nicht mehr benutzen. Mein Lieblingssatz seither: „ich weigere mich ein Partizip Präsens falsch anzuwenden, wenn es seit Äonen ein passendes Substantiv gibt.“

  2. Nicht nur die Verhunzung der deutschen Sprache durch gendern, sondern auch das ‚man‘ mir das Denglisch, und/ oder englisch vorsagt bzw. -schreibt.
    Ob in Titeln, egal woher die kommen, oder Worten, welche ich nicht verstehe (verstehen muss?) wird mir englisch vorgebetet – ist ja schliesslich Weltsprache ‚muss‘ jeder kennen – Hundsfutze! Gruß Karl

  3. Gendern ist nicht immer nur schlecht. Es macht bewußt, wie allzumeist servil Frauen sich in gesellschaftlichen Debatten verhalten: Sie schweigen, aber nicht vornehm. Offenkundig gilt immer noch die alte Untertanenhierarchie von Herr, Knecht, Hund, Vieh, Frau, Kinder und Katze.

    Davon abgesehen aber ist Gendern nervtötend untertänig.

  4. … und ein gewisser „Jean Paul“ (aus Wunsiedel) prägte vor 200 Jahren den Satz: – „Die deutsche Sprache ist die Orgel unter den Sprachen“ !?! – Kirchen-Orgeln werden auch als „Königinnen der Instrumente“ glorifiziert 😉

    • Was man nichT alles aus Begeisterung sagT. Ich weiss nichT, ob mir eine solch knattrige Orgel gefallen wuerde. 🙂 Bei der Hammond war der AnschlaGkliCK anfaenglich etwas Ungewolltes. Die deutsche Sprache klickT gerne auch mal am Ende, in diesem kurzen Beispiel immerhin 7 mal (ohne das b vom „ob“), wenn ich mich nichT verzaehlT habe… 🙂

  5. „Wer ernsthaft behauptet es gebe sechzig oder mehr Geschlechter braucht dafür natürlich auch sechzig oder mehr sprachliche Entsprechungen (und eine Überweisung zum Psychologen).“
    Das mit dem Psychologen wuerde ich mir nochmal ueberlegen. Nach der Therapie koennten aus 60 unter Umstaenden 120 Geschlechter geworden sein. Soll heissen: in den Kreisen ticken nicht gerade wenige sprachkompatibel zum heutigen Elend…
    Den Abschluss des Artikels in Gottes Ohr!

  6. Merkwürdig nur, dass meist nur die neutralen oder positiven Bezeichnungen gegendert werden.
    Wie wäre es denn mal mit Massenmörder*innen, Kinderschänder*innen oder Vergewaltiger*innen.
    Da weiß gleich jeder, dass beide Geschlechter nebst den vielen Diversen gemeint sind.

  7. Ach Torben, Du sprichst mir aus der Seele. Was für eine Verschandelung der deutschen Sprachkultur und respektlose Beleidigung jeder Intelligenz. Schlimmer noch erachte ich den fruchtbaren Nährboden der Mitläufer. Die aggressive Politik des Kapitals sucht nach allen Mitteln, die Gesellschaft von den eigentlichen Ursachen der Krisen abzulenken. Sie haben Angst und beißen um sich.

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