Harald Schmidt war’s – und keiner kam danach

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Warum Deutschlands einziger Late-Night-König heute als Hausmeister in Graz glücklicher ist als seine Erben im ZDF

Manche Sätze brennen sich ins Gedächtnis, weil sie einfach sitzen. Wie eine Ohrfeige mit Samthandschuh. Harald Schmidt hat solche Sätze am Fließband produziert. Jeden Abend. Über Jahre. Ohne Redaktionsteam mit investigativem Anspruch, ohne Grimme-Preis-Kalkül und ohne den dringenden Wunsch, die Nation zu erziehen.

Schmidt stand da, Helmut Zerlett spielte, Manuel Andrack lachte pflichtbewusst, und dann kamen Sätze wie dieser über Clinton am verhüllten Brandenburger Tor: Das sei der größte Reißverschluss seit Monica Lewinsky. Fertig. Die Pointe, der Applaus, weiter.

Der Mann, der Witze noch erzählen konnte

Was Schmidt von allem unterschied was nach ihm kam, war eine Fähigkeit die im deutschen Fernsehen inzwischen als verschollen gilt: Timing. Er konnte den witzigsten Witz der Welt, jenen Jägerwitz den eine britische Universität tatsächlich zum lustigsten Witz der Welt gekürt hatte, so erzählen dass er funktionierte. Inklusive Vorlacher, inklusive Pause, inklusive der Beobachtung dass Millionen Deutsche diesen Witz am Wochenende weitererzählen und dabei garantiert verkacken würden. Weil sie zu früh die Pointe verraten. Weil sie haspeln. Oder weil sie mit dem verhängnisvollen Satz beginnen: „Ich kann keine Witze erzählen“ – und dann trotzdem stundenlang weitermachen.

Das war Schmidt. Der Witz war nie der Witz. Die Beobachtung über den Witz war der Witz. Meta-Humor bevor irgendein Podcast-Moderator das Wort kannte. Und nebenbei eine Reiseberatung für die Dominikanische Republik inklusive Taschenrechner auf dem Schreibtisch, inklusive der Feststellung dass Importbiere extra kosten und die Bar nur bis zwei Uhr nachts geöffnet hat, was bei seiner Konstitution ein echtes Problem darstelle.

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Der Unterschied zu heute: Haltung statt Humor

Wer Schmidt mit dem vergleicht was heute als „Late Night“ oder „Satire“ durchs deutsche Fernsehen geistert, dem fällt vor allem auf was fehlt. Jan Böhmermann, Schmidts ehemaliger Zögling bei der ARD hat das Format geerbt und grundlegend umgebaut. Aus dem Stand-up wurde investigativer Journalismus. Aus dem Schreibtischwitz die Recherche-Redaktion. Aus der Pointe die Haltung. Böhmermann selbst erzählte Schmidt habe ihm eingebläut bloß nicht preiszugeben was man wirklich denke. Böhmermann fand: Damit komme man nicht sehr weit. Schmidt fand: Böhmermann werde es als Moderator nie schaffen, als Krawallschachtel allerdings schon. Beide hatten auf ihre Weise recht.

Oliver Welke wiederum macht seit Jahren das Gleiche, nur freitags statt spätabends und mit dem Gestus eines Oberstudienrats der sich über die Bundesregierung ärgert, aber trotzdem pünktlich nach Hause will. Funktioniert. Ist solide. Ist aber auch ungefähr so aufregend wie ein Elternabend an einer Gesamtschule in Niedersachsen.

Und dann die ganze Generation der Comedy-Influencer, TikTok-Satiriker und Podcast-Witzemacher die Schmidts Erbe angeblich weiterführen. Die Wahrheit: Sie führen gar nichts weiter. Sie machen etwas völlig anderes. Sie erklären, warum etwas lustig sein sollte. Schmidt hat es einfach gemacht.

Was bleibt

Harald Schmidt ist inzwischen 68, tourt mit Bernd Gnann durch schwäbische Stadthallen, analysiert den Spielplan des Schauspiels Stuttgart, spielt einen Hausmeister in einer Oper in Graz und macht mit Gregor Gysi den Jahresrückblick auf n-tv. Man könnte sagen: Er hat sich zur Ruhe gesetzt. Treffender wäre: Er hat das Format einfach überlebt. Das Fernsehen hat sich von ihm verabschiedet, nicht umgekehrt. Und das Letzte, was man über Harald Schmidt sagen muss ist vielleicht das Schönste: Er ist privat noch lustiger als in der Show. Was er selbst so formulierte: Eigentlich sei er überhaupt nur privat lustig. In der Show sei es ja oft so quälend gewesen. Dafür wollte er sich an dieser Stelle mal entschuldigen.

Ein Satz den kein Böhmermann, kein Welke und kein Comedy-Influencer jemals sagen würde. Weil er voraussetzt, dass man den eigenen Beruf ernst genug nimmt um ihn nicht ernst zu nehmen. Das ist Souveränität. Und das ist der Grund warum es nach Schmidt keinen mehr gab.


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Über Torben Botterberg 3446 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

2 Kommentare

  1. Wir leben in Zeiten großer Offenbarungen, ein großer Betrug nach dem anderen fliegt auf. 1974 zum Beispiel. Damals ist ein gerade eben 30 gewordener Nobody von den Bilderbergern zu sich eingeladen worden. Was es nicht alles gibt! Nein, doch nicht der Harald Schmidt. War ein Wessi-Sozi, den heute jeder kennt, wurde zuletzt guter Buddy mit Gysi. Faschos mögen sich alle.

    Alles Gute kommt von oben. (Beweis: Alles Schlechte wohnt unten.) Und nicht von ungefähr, kommt auch Urbi-et-orbi, der päpstliche Segen, vom Balkon im 1. Obergeschoß. Mehr noch zu denken geben aber sollte, daß Funk und Fernsehen zu den besten Zeiten der alten BRD von ganz hoch oben kamen, vom Dach. Siehe die Empfangsantennen. Und dann erst die Ausrichtung der Satellitenschüsseln: nach ganz-ganz oben! Damit war eigentlich schon alles klar.

    Da kann auch ein Harald Schmidt nicht gegen anstinken. Nein, das mit den Bilderbergern war der nicht! Aber schlimm genug, daß der Herr Schmidt nun mit dem Fascho Gysi kann. Gysi war Teil der faschistischen Nomenklatura. Ja, auch Linksfaschismus ist Faschismus, ist Herren-und-Sklaven-Betrieb.

    Nur einmal hypothetisch jetzt, bitte. Könnte es sein, daß der Gerhard Fritz Kurt der Enkel ist von dem Baron/Freiherrn Kurt von?

    Watt denn, den kennt ihr nicht!? Dann jetzt aber ganz schnell zu Wikipedia.

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