
Wann ist deutsche Comedy zu schlechtem Haltungsjournalismus verkommen? Am Beispiel Sarah Bosetti kann man erkennen, dass „gut gemeint und gut gemacht unüberbrückbare Gegensätze sind“ (Zitat: Harald Schmidt).
Das Format „Fun Facts“; Das klingt nach Humor. Es fühlt sich aber an wie ein Leitartikel der taz, der sich schämt, ein Leitartikel zu sein, und deshalb alle paar Sätze „HaHa!“ sagt – in der Hoffnung, dass das dann Comedy ist.
Die eigentliche Frage ist: An wen richtet sich das? Will man Leute, die anderer Meinung sind, überzeugen? Oder bestätigt man einfach den Leuten, die ohnehin einverstanden sind, dass sie richtig liegen? Ist es Provokation oder Selbstbweihräucherung? Die Antwort liegt auf der Hand. Es ist kollektive Selbstvergewisserung mit Bühnenlicht.
Wenn Preise zu Orden werden
Deutsche Comedy-Preise werden in diesem Land seit Jahren weniger nach Qualität vergeben als nach Haltung. Wer die richtigen Themen bedient, die richtigen Feindbilder pflegt und das richtige Publikum bestätigt, wird ausgezeichnet. Immer wieder.
Das ist nicht neu. In Systemen, in denen Konformität belohnt wird, gibt es immer Leute, die besonders konform sind. Die werden ausgezeichnet. Nicht weil sie besonders gut sind. Sondern weil sie besonders zuverlässig liefern, was das System von ihnen erwartet.
Währenddessen finden Kabarettistinnen wie Monika Gruber oder Lisa Fitz – gestandene Künstlerinnen mit jahrzehntelanger Bühnenarbeit – kaum noch statt. Nicht weil sie schlechter geworden sind. Sondern weil sie irgendwann etwas gesagt haben, das denen nicht passte, die an den Hebeln der Macht sitzen. Oder denen, die der Macht zuarbeiten.
Das sagt alles über den Zustand der deutschen Comedy-Branche.
Das vorhersehbare Rezept
Bei Minute zwei weiß man bereits, was bei Minute zwanzig kommt. Trump. AfD. Asyl. Feminismus. Merz. Alles im Paket, ordentlich verpackt, keine Überraschungen.
Das ist das Grundproblem: Echte Satire lebt von der Überraschung. Von dem Moment, in dem man etwas hört, das man nicht erwartet hat. Das wehtut, weil es stimmt. Das unbequem ist, weil es das eigene Lager trifft.
Bosetti schießt ausschließlich auf weiche Ziele. Ziele, bei denen ihr (eingespieltes) Publikum ohnehin schon applaudiert, bevor der Satz zu Ende ist. Das ist handwerklich bequem. Künstlerisch ist es eine Katastrophe.
Wenn man so arbeitet, kann es endlos weitergehen. Es gibt kein Scheitern. Es gibt nur Bestätigung.
Was fehlt
Wann hat deutsche Kunst im eigentlich ihren Anspruch verloren, kritisch zu sein? Wann hat Comedy aufgehört, Leuten auf den Schlips zu treten – auch dem eigenen Publikum?
Die besten Komiker der Welt – Carlin, Hicks, Pryor – haben ihr eigenes Publikum angegriffen. Die haben Leute zum Lachen gebracht über Dinge, die wehtaten. Auch über sich selbst. Das war Mut. Das war Kunst.
Was hier passiert ist das Gegenteil. Das Publikum nickt bei allem. Weil es nichts hört, womit es nicht einverstanden wäre. Weil der gesamte Inhalt eine verlängerte Bestätigung der eigenen Überzeugungen ist.
Das bestellte Publikum kichert, raunt, applaudiert. Und draußen merkt niemand etwas davon.
Der Kern der Kritik
Gutes Kabarett hat immer eine Funktion gehabt: Es hat gesagt, was nicht gesagt werden durfte. Es hat Mächtigen den Spiegel vorgehalten. Es hat unbequeme Wahrheiten verpackt in Humor transportiert.
Was hier stattfindet ist das Gegenteil davon. Die Mächtigen werden nicht kritisiert – es wird die Opposition kritisiert. Das Establishment wird nicht herausgefordert – es wird bestätigt. Die Unbequemen werden nicht zu Wort gelassen – sie werden weggespottet.
Das ist kein Kabarett. Das ist PR mit Mikrofon.
Und solange das mit Preisen überhäuft wird, während echte Künstler von den Bühnen verschwinden, sagt das mehr über den Zustand dieses Landes aus als jede Bosetti-Folge zusammen.

Der Pöbel muss unterhalten werden ist ja die Mehrheit in Deutschland und die Deutschen feiert den Einzug der Dummheit nach Deutschland. Als jemand der seit 2016 nicht mehr in Deutschland lebt betrachte ich die Deutschen als eine Selbstmord Sekte….
Bosetti, so nutzlos wie ein Böhmermann. (Nein, nicht wie ein Blinddarm – dieser Nazi-Sprech käme mir nie über die Lippen. Nachher müsste ich mich noch, aus Anstandsgründen dafür entschuldigen.)
Es gibt sie allerdings noch, die Veranstaltungen mit „guter Unterhaltung“, mit Gehalt. Gestern zB in Marburg, Gysi vs Sonneborn. Einziges Problem: die künftigen Haselnusskoalitionäre, also schwarze und braune Anhänger, findet man im Publikum leider nicht. Andererseits würde ich wohl auch zu keiner rechten Veranstaltung gehen. Da haben wir es wieder: die Feigheit, die uns in die Wiege gelegt ist – auch das Gefühl innerer Zufriedenheit, seinen Standpunkt mit Anderen zu teilen….?
Wann ist eigentlich die gute alte Komödie (Ohnsorg-Theater, Komödienstadel usw.) zur „Comedy“ mutiert? Schon die Sprache zeigt es an: sie schwappte zusammen mit der „political correctness“ wie vieles Andere über die Atlantik-Brücke und hat mit dieser eine erweiterte, hippe Art von „Re-education“ im Gepäck, die die frühere „Charakterwäsche“ (Caspar von Schrenck-Notzing) im Hinblick auf die jüngeren Generationen fortsetzt.
Ein jeder Mensch besitzt die Freiheit, ein lächerliches Geschöpf sein zu wollen. Dies schließt ein, sich an politischen Wahlen zu beteiligen bzw. Lächerliches als lustig zu befinden.
So dies geschieht, liegt „Umwertung aller Werte“ vor, laut Nietzsche Charakteristikum von Moderne. Ist, wenn Moral bzw. das Wahre, Gute und Schöne ganz lustlos betrieben werden.
Freut euch, vergnügt euch, AMUSEZ-VOUS !