Burnout-Nation spart an Therapeuten – na dann gute Nacht

therapeuten

Deutschland hat ein Problem mit der psychischen Gesundheit seiner Bevölkerung. Das ist keine Meinung, das sind Zahlen. Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind seit Jahren skandalös lang. Und die politische Antwort darauf? Ab dem 1. April werden die Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt. Passt.

Man muss sich das kurz vorstellen: Ein Land, das stolz darauf ist, eine der teuersten Sozialsysteme der Welt zu unterhalten, spart ausgerechnet dort, wo Menschen in echten Krisen landen. Nicht bei den Verwaltungsapparaten. Nicht bei den Gutachterkommissionen. Nicht bei den Doppelstrukturen, die sich das Gesundheitssystem im Laufe der Jahrzehnte zugelegt hat wie andere Leute Hüftgold. Nein – beim Therapeuten. Weil das natürlich Sinn ergibt.

Der „Kompromiss“, der keiner ist

Der GKV-Spitzenverband hatte ursprünglich gefordert, das Honorar ambulanter Psychotherapeuten um zehn Prozent zu senken. Die nun beschlossenen 4,5 Prozent seien ein „angemessener Kompromiss“, erklärte der Verband. Ach so. Ein Kompromiss. Als wäre „nur“ 4,5 Prozent weniger Geld für eine Berufsgruppe, die ohnehin am unteren Ende der Facharzt-Verdienstskala liegt, eine Art großzügige Geste.

Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten bildeten ohnehin das Schlusslicht in der Verdienstskala der Fachbehandler. Jetzt wird das Schlusslicht noch ein bisschen weiter nach hinten geschoben. Und wer zahlt den eigentlichen Preis? Nicht die Therapeuten allein. Sondern die Patienten, die schon heute monatelang auf einen Therapieplatz warten – und künftig noch länger warten werden.

0,7 Prozent – und genau da wird gespart

Man muss diese Zahl kennen, um das Ausmaß der Absurdität zu verstehen: Die Kosten für ambulante Psychotherapie machen lediglich 0,7 Prozent der Gesamtkosten der GKV aus. Gleichzeitig ergibt sich laut Studien für jeden in ambulante Psychotherapie investierten Euro ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von zwei bis vier Euro.

Mit anderen Worten: Das System spart an einer Stelle, die volkswirtschaftlich gesehen eine der rentabelsten Investitionen im gesamten Gesundheitswesen ist. Wer einen Menschen früh in Therapie bringt, verhindert teurere stationäre Behandlungen, kürzere Krankschreibungen und langfristige Erwerbsunfähigkeit. Das weiß jeder, der sich fünf Minuten mit dem Thema beschäftigt hat. Offenbar hat das beim GKV-Spitzenverband niemand getan – oder es war schlicht egal.

Die Petition: Mehr als 525.000 Menschen sagen bereits Nein

Nach dem Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses hat die KBV Klage gegen die Kürzungen angekündigt. Eine Petition dagegen hat bereits 525.000 Unterschriften gesammelt. Das ist keine kleine Randnotiz. Das ist ein klares Signal, dass die Bevölkerung sehr wohl versteht, was hier gerade passiert – auch wenn die Politik es nicht verstehen will oder nicht verstehen soll.

„Diese Kürzung ist kein Kompromiss, sondern eine Zumutung“, erklärte das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk. Und weiter: Die Versorgung psychisch erkrankter Menschen werde weiter ausgehöhlt. Das ist keine Übertreibung. Das ist die logische Konsequenz einer Entscheidung, die politisch bequem ist – weil Therapeuten keine Flughäfen lahmlegen und keine Züge aufhalten können.

Wer streikt, bekommt Gehör. Wer heilt, bekommt Kürzungen.

KBV-Chef Gassen brachte es auf den Punkt: „Wir erleben aktuell, dass der öffentliche Dienst streikt, bevor überhaupt die Tarifverhandlungen richtig begonnen haben. Das findet offensichtlich jeder völlig in Ordnung, dass Flughäfen bestreikt werden, Bahnen nicht fahren. Hier wird einer Berufsgruppe Geld weggenommen.“

Das System belohnt Lautstärke. Wer den Verkehr blockiert, bekommt Aufmerksamkeit und irgendwann auch mehr Geld. Wer still in seiner Praxis sitzt und Menschen durch Krisen begleitet, bekommt eine Honorarkürzung – und die Botschaft, dass seine Arbeit weniger wert ist als im Vorjahr. Obwohl der Bedarf gestiegen ist. Obwohl die Wartelisten länger sind. Obwohl die Gesellschaft psychisch kränker wird.

Was das über dieses Land aussagt

Der Anteil der Menschen mit unbehandelten psychischen Problemen in Deutschland stieg seit 2021 von 4 auf 10 Prozent. Zehn Prozent. Jeder Zehnte. Unbehandelt. Und die Antwort des Systems ist: weniger Geld für die, die behandeln könnten.

Man könnte jetzt sagen, das sei ein Versehen. Ein Systemfehler. Eine unglückliche Entscheidung in einem komplexen Vergütungsgeflecht. Aber es ist kein Versehen. Es ist eine Entscheidung. Bewusst getroffen, gegen alle Widerstände, gegen Kammern, Verbände und 525.000 Unterschriften. Jemand wollte das so.

Und genau das ist das Verstörendste daran.


freepik ein bild welches den niedergan deutschlands mit de 45086

Ø Bewertung = / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

a5171589ba7f40c594dbca59123893ba
Über Torben Botterberg 3378 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz. Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

7 Kommentare

  1. Das passt doch zur aktuellen Politik. Man bombardiert die Menschen mit medialem Schwachsinn um sie gefügig zu halten.
    Warum sollte man den Verwirrten dann noch helfen sollen ?
    Was mich nur etwas verwirrt : meist haben ja Mörder und Attentäter ein psychisches Problem während Einheimische Deutsche immer voll zurechnungsfähig sind. Im diesem Zusammenhang ist die Kürzung doch angemessen, oder ???

  2. Die gesellschaftlichen Verhältnisse erschaffen die Kranken.

    Weil es ein riesiges Geschäft ist!

    Die Bürger sollen krank sein. Wie sie auch nichts haben und damit glücklich gedacht werden sollen.

    Shock and Awe Schrecken (Schock) und Furcht“) bezeichnet eine Taktik, deren Ziel es ist, durch eine oder mehrere auf Schockwirkung ausgelegte (militärische) Maßnahme(n) den Gegner so zu verunsichern, dass es zu keinen nennenswerten Verteidigungsmaßnahmen kommt.

    Das ist die Strategie des Tavistock-Institut, die Psychoverdreher schlechthin. Das derzeitige Bombardement ist ungeheuer und steigert sich unermesslich.

    Psychisches Leiden zu erzeugen, bringt enormes Wirtschaftspotential.

    Die gesamte Gesundheitsindustrie basiert auf immer genügend Kranken. Und der Krieg findet im Kopf stand. Es fängt an wenn bereits das Neugeborene mit reichlich Impfseren gespickt wird. Das Geschäft auch.

    KBV+GKV mit Spitzengehältern der CEO et al. Abspecken findet woanders statt.

    Der Mensch dient als nichts anderes als eine Batterie. Energiefluss von den Tätigen und Schaffenden zu den Untätigen und Schwätzern. Sie saugen die Lebensenergie mit multiplen Steuern und Abgaben und nicht genug darf bis in den Tod geblecht werden.

    Es ist alles nur verlogen, verlogen, verlogen.

  3. Man hat sich mit der Corona Pandemie viel Mühe gegeben. Entwicklung, Maßnahmen und Ergebnisse wurden in fast jedem Land militärisch geführt.
    Warum sollte man dann Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen ?
    Man kennt die Studie aus Österreich.
    Die Lebenserwartung sinkt zwischen 10 und 20 Jahren.
    Den einzigen Konflikt, den es gibt, müssen sich,,Gesetzgeber,, und Hersteller von Pharma Produkten teilen.

  4. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmen das Wohlbefinden, die waren bis zum schröderschen Niedriglohnsektor/Hartz auch noch ok, aber dann ging die Umverteilung von unten nach oben los und die sozial Schwachen blieben auf der Strecke, da konnte das Bürgergeld auch nicht mehr viel retten, siehe das exorbitante Obdachlosenheer und jetzt will CDU/AfD alles besser machen mit strenger Hand/feste Zügel usw.usf genau die richtige Therapie für Traumatisierte, deshalb ist es nur folgerichtig, das die heutigen Arbeits-therapeuten/Arbeits-Psychologie für ihre unnötige Härte bestraft werden, lediglich die Naturheilpraktiker/-psychologen konnten es sich leisten gegen die Selbstausbeutung/-bestrafung zu therapieren, We shall overcome!Internationale Solidarität!

Kommentare sind deaktiviert.