Fahrtenbuch für die Sackkarre – Deutschland reguliert sich zu Tode

fahrtenbuch

 

Es gibt Momente, in denen ein einziges Objekt ein ganzes System entlarvt. Diesmal ist es kein Skandal, kein Milliardendesaster, kein Politikerversagen im großen Stil. Es ist eine Sackkarre. Eine ganz normale, zweirädrige, metallene Sackkarre. Und für diese Sackkarre muss Iris Tapphorn, Gänsehalterin aus dem niedersächsischen Lohne, ein Fahrtenbuch führen.

Nicht für einen Dienstwagen. Auch nicht für einen Traktor. Und schon gar nicht für irgendein motorisiertes Gerät. Für eine Sackkarre. Mit Rädern. Ohne Motor. Ohne Kennzeichen. Ohne jede Möglichkeit, damit die Autobahn zu befahren – oder irgendjemanden ernsthaft zu gefährden.

Deutschland hat gesprochen.

Was hinter dem Irrsinn steckt

Die Sackkarre transportiert auf dem Betriebsgelände Gänsefedern von der Schlachtung zur Weiterverarbeitung. Weil es sich dabei theoretisch um Schlachtabfall handelt, greifen entsprechende Hygienevorschriften – inklusive Dokumentationspflicht. Wer das Regelwerk buchstabengetreu anwendet, landet bei: Fahrtenbuch für die Sackkarre. Nicht als Satire. Nicht als Übertreibung. Als geltende Rechtslage.

Und das ist noch nicht alles. Für eine Motorsäge braucht Tapphorn einen Sachkundeschein. Für den Acker benötigt sie mehrere Kontroll-Apps auf dem Handy – jeden Handschlag muss sie mehrfach dokumentieren. Nicht für eine Behörde. Auch nicht für zwei. Und schon gar nicht für eine einzige zentrale Stelle – nein, sechs verschiedene Institutionen wollen denselben Düngenachweis sehen. Jede mit eigener App. Keine redet mit der anderen. Keine wertet aus, was die andere längst hat. „Ich glaube nicht, dass sie diese Datenflut auswerten können“, sagt Tapphorn. Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Diagnose.

20 Stunden Bürokratie – statt Gänse hüten

Der bürokratische Überbau kostet Iris Tapphorn mindestens 20 Stunden zusätzliche Arbeit pro Woche. Zwanzig Stunden. Eine halbe Vollzeitstelle. Nicht für die Tiere. Nicht für den Hof. Und schon gar nicht für das, wofür sie eigentlich angetreten ist: Gänse züchten, Federn verarbeiten, einen Betrieb führen.

Stattdessen: Formulare. Apps. Nachweise. Dokumentationen. Für Dinge, die schon dokumentiert sind. Bei anderen Behörden. In anderen Apps. Auf anderen Formularen. Das System frisst sich selbst – und rechnet die Rechnung dem Betrieb.

Der Minister verspricht. Wie immer.

In der SAT.1-Sendung, in der der Fall bundesweit Aufsehen erregte, konfrontierte Moderator Paul Ronzheimer den Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, Karsten Wildberger, mit den Forderungen der Menschen. Der Minister sprach. Von Digitalisierung. Von Entlastung. Von Prioritäten. Von Anpacken.

Das kennt man. Nicht von Wildberger. Auch nicht erst seit dieser Legislatur. Seit 2010 ist der Umfang aller Bundesgesetze um 60 Prozent gewachsen – trotz aller politischen Bekenntnisse zum Bürokratieabbau. Merz hat es versprochen. Scholz hat es versprochen. Schröder hat es versprochen. Der Amtsschimmel wiehert unbeeindruckt weiter.

Das eigentliche Problem

„Viele Regelungen werden am Schreibtisch entworfen, ohne die Praxis zu kennen“, sagt Tapphorn. Das ist der Kern. Nicht Böswilligkeit. Auch nicht Unfähigkeit im klassischen Sinne. Und schon gar nicht rest ein Problem einzelner Beamter – es ist Systemversagen. Regeln entstehen im Amt. Im Amt sitzt niemand, der Gänse hält. Also entstehen Regeln, die für Schlachthöfe gedacht sind und auf Höfe mit Sackkarren zutreffen. Die für Lastwagen gelten und für Schubkarren angewendet werden. Die sechs Behörden gleichzeitig befriedigen – und niemanden wirklich.

325.000 zusätzliche Arbeitskräfte waren seit 2022 nötig, um die ausufernde Bürokratie in Deutschland zu bewältigen. Nicht Lehrer. Auch nicht Pflegekräfte. Oder gar Ingenieure oder Fachkräfte, die irgendetwas Nützliches produzierten. Sondern Menschen, die Formulare bearbeiten, die andere Menschen ausgefüllt haben, weil noch andere Menschen Regeln gemacht haben, die niemand wirklich braucht.

Was bleibt

Iris Tapphorn führt das Fahrtenbuch übrigens nicht. Das Amt hat ihr stillschweigend zugestimmt – solange niemand auf die Idee einer Kontrolle kommt.

Das ist die deutsche Lösung: Regeln, die niemand befolgt. Regeln, die niemand abschafft. Und schon gar nicht Regeln, über die irgendjemand nochmal nachdenkt. Weil das Nachdenken wieder Ausschüsse bräuchte. Und Ausschüsse brauchen Protokolle. Und Protokolle brauchen Formulare. Wahrscheinlich in sechsfacher Ausfertigung.

Na denn Gute Nacht Deutschland.

freepik ein bild welches den niedergan deutschlands mit de 45086

Ø Bewertung = / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

3d3f19c2fe0441c1bded30df8480c77d
Über Torben Botterberg 3362 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

10 Kommentare

  1. Deutscher Behördenirrsinn kurz erklärt.
    Aber nicht vergessen :
    Hinter jeder dieser Behörden steht ein Bürojob für Leute die auf dem freien Arbeitsmarkt chancenlos wären

      • Schade eigentlich. Wohin das unweigerlich führen wird, …aber lassen wir das. Irgendwann in nicht mehr allzu ferner Zukunft spielt das ohnehin keine Rolle mehr. Spätestens dann nicht, wenn auch der letzte smartgephonte Humanoide von der globalen künstlichen Superintelligenz assimiliert worden ist und selbst seine Fotzenbuch- oder TwiXer-Kommentare von dieser generieren lässt.
        Einstweilen halt ich’s mit Karl Valentin: „Hoffentlich wird’s nicht so schlimm, wie’s schon ist.“
        PS: Danke trotzdem für deinen Beitrag! — Ein weiterer Grund, dem EUtschen Reich endlich Servus zu sagen und in Gefilde fern dieses ganzen Wahnsinns zu entschwinden.
        PPS: Für deinen aktuellen „Ftznfrtz“-Artikel leider zu spät, aber vielleicht für einen zukünftigen hätte ich noch eine passende Illustration, die ich schon vor einer ganzen Weile angefertigt habe. Falls du neugierig bist, wohin dürfte ich ihn schicken?

  2. Eine besonders hinterhältige Strategie, landwirtschaftliche Betriebe durch bürokratische Auflagen in den Ruin zu treiben. Damit stärkt man industrielle Interessen und treibt die Bevölkerung in Abhängigkeiten von Bill Gates & Co.

  3. Die gesamte Tierhaltung ist überflüssig und nicht nur die Bürokratie: „In Brandenburg mussten bis zur vierten März-Woche rund 2,1 Millionen Tiere getötet werden“,siehe:

    https://www.proplanta.de/agrar-nachrichten/agrarwirtschaft/lebensmittelversorgung-leere-regale-vor-ostern_article1774865612.html

    Soviel zur perversen weltweiten Überproduktion in allen Bereichen nur für den Profit, Mutter Natur spielt da offensichtlich nicht mit, als nächstes sind wir dran, die Zoonosen sitzen schon in den Startlöchern und warten nur auf eine leichte Beute durch die systemimmanente Schwächung der Immunabwehr aller Erdenwürmer, da hilft dann auch kein Ki/Stalinismus/Gottesglauben——dummmm gelaufen für die Freunde der Paleo-Ernährung, mit den linksgrünen Veganern wäre das nicht passiert, We shall overcome!Internationale Solidarität!

Kommentare sind deaktiviert.