Riester gescheitert. Depot beschlossen. Applaus bitte.

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Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen: Die Riester-Rente – benannt nach jenem Bundesarbeitsminister, der Menschen dabei helfen wollte, die Lücke zwischen gesetzlicher Rente und tatsächlichem Finanzbedarf im Alter zu schließen ist gescheitert. Nicht ein bisschen. Nicht aus Pech. Sondern strukturell, vorhersehbar und mit Ansage. Hohe Produktkosten von typischerweise 2 bis 3 Prozent pro Jahr, eine verpflichtende Beitragsgarantie, die kaum Spielraum für Aktienanlagen ließ, und ein Fördersystem, das so kompliziert war, dass viele Berechtigte ihre Zulagen nicht vollständig abgerufen haben. Und wer hat das System so gebaut? Richtig. Der Staat.

Mehr als jeder vierte der rund 15 Millionen verbliebenen Verträge wurde bereits gekündigt oder stillgelegt. Das Volk hat also längst mit den Füßen abgestimmt. Nur der Bundestag brauchte dafür noch ein Vierteljahrhundert.

Der große Neustart – mit Pauken, Trompeten und einem Kostendeckel

Am Freitag, dem 27. März 2026, hat der Deutsche Bundestag die Reform der privaten Altersvorsorge beschlossen. Damit soll das bisherige Riester-Sparen ersetzt werden. Das neue Zauberprodukt heißt: Altersvorsorgedepot. Klingt wie der Name eines Selbsthilfegruppen-Treffpunkts für überforderte Rentner, ist aber ernsthaft gemeint.

Das Herzstück: Ein staatlich gefördertes Wertpapierdepot, mit dem Sparer erstmals direkt und ohne Versicherungsmantel in ETFs und Fonds investieren können. Die verpflichtende Beitragsgarantie – die bisher dafür sorgte, dass das Geld hauptsächlich in renditefreien Kellern vor sich hindämmerte – fällt weg. Sparer können künftig bis zu 100 Prozent in Aktien-ETFs investieren. Das ist tatsächlich ein Fortschritt. Wer jetzt applaudiert, sei jedoch kurz darauf hingewiesen, dass genau das schon 2002 möglich gewesen wäre – wenn man gewollt hätte.

Die Förderung: Diesmal einfacher. Versprochen.

Bei einem Sparbetrag bis zu 360 Euro im Jahr gibt der Staat pro eingezahltem Euro 50 Cent dazu. Für Sparbeträge von 360 bis 1.800 Euro wird jeder privat eingezahlte Euro staatlich um 25 Cent aufgestockt. Damit ist eine maximale Grundzulage von 540 Euro jährlich möglich. Familien bekommen obendrauf einen Kinderzuschlag: Ab einem monatlichen Sparbeitrag von 25 Euro kann man den vollen Kinderzuschlag von 300 Euro pro Kind und Jahr erhalten.

Und weil man diesmal wirklich an alle gedacht hat: Auch alle Selbstständigen werden in den Kreis der Förderberechtigten aufgenommen – im ersten Entwurf waren sie noch ausgeschlossen. Man beachte das beiläufige „im ersten Entwurf“. Als wäre das Vergessen von Millionen Selbstständigen einfach so ein kleines redaktionelles Versehen gewesen.

Das Standardprodukt: Der Staat als Benchmark

Für alle, denen das zu viel Eigenverantwortung ist, gibt es das sogenannte Standarddepot. Beim Standardprodukt sind individuelle Entscheidungen nur dann erforderlich, wenn Altersvorsorgende von Standardeinstellungen abweichen wollen. Zudem wird bei Standardprodukt-Verträgen die durchschnittliche jährliche Renditeminderung durch Kosten auf 1,0 Prozent begrenzt. SPD-Mann Michael Thews jubelte im Bundestag, das sei ein „historischer Meilenstein“. Ein historischer Meilenstein. Für einen Kostendeckel. In einem Land, das sich für eine Wirtschaftsmacht hält.

Die Kritik: Wer hätte das gedacht

Natürlich gibt es Kritik. Zum einen die Verbraucherzentralen, die höflich darauf hinweisen, dass an den Fehlanreizen im Vertrieb der Produkte sich nichts ändern soll – weiterhin werden nur Verträge angeboten und verkauft, die den Vermittlern hohe Provisionen bieten. Mit anderen Worten: Die Verkäufer verkaufen weiterhin das, woran sie verdienen – nicht das, was dem Kunden nützt. Welch Überraschung.

Zum anderen warnen dieselben Verbraucherschützer vor einem steuerlichen Haken, der im Kleingedruckten lauert: Die gesamte Auszahlung wird zum vollen Grenzsteuersatz versteuert, während bei einem normalen ETF-Depot immerhin eine Teilfreistellung auf laufende Erträge und Kursgewinne greift. Manchmal, so die nüchterne Schlussfolgerung, ist ein ETF-Depot ohne Förderung schlicht die bessere Wahl.

Was passiert mit den alten Riester-Verträgen?

Es gibt keine automatische Kündigung oder Umwandlung. Ab 2027 können allerdings keine Verträge mehr nach altem Riester-Modell abgeschlossen werden. Bürgerinnen und Bürger können freiwillig in das neue Altersvorsorgedepot wechseln. Wer kündigt, macht sich selbst arm: Bei einer Kündigung werden sämtliche Zulagen und Steuervorteile zurückgefordert – das kostet schnell mehrere tausend Euro.

Besser als Riester. Das war allerdings auch nicht schwer.

Das Altersvorsorgedepot ist ein echter Fortschritt gegenüber dem, was es ablöst. Niedrigere Kosten, ETF-Zugang, einfachere Förderung – das kann man nicht kleinreden. Aber man darf auch nicht vergessen, womit man es vergleicht: einem System, das so schlecht war, dass ein Viertel aller Verträge bereits tot war, bevor das Gesetz gekippt wurde.

Der Staat repariert hier sein eigenes Versagen. Langsam. Mit 25 Jahren Verzögerung. Und nennt das dann Reform.

Walter Riester darf sich jedenfalls in Rente ausruhen – seine Schöpfung wird ihm nicht folgen.

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Über Torben Botterberg 3440 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

6 Kommentare

  1. BITTE PETITION UNTERZEICHNEN

    Finger weg vom Ehegattensplitting – Steuerhammer gegen Ehe und Familie stoppen!

    Weil die Linken die unentgeltliche und unbezahlbare Leistung der Mütter, die sich der Kindererziehung und dem Haushalt widmen, jedoch nicht besteuern können, ist ihnen dabei insbesondere das Ehegattensplitting seit Jahren ein besonderer Dorn im Auge.

    https://www.patriotpetition.org/2026/03/28/finger-weg-vom-ehegattensplitting-steuerhammer-gegen-ehe-und-familie-stoppen/

    Beim Ehegattensplitting wird das zu versteuernde gemeinsame Einkommen der Ehegatten zusammengerechnet und dann halbiert (auf beide Eheleute aufgesplittet).

  2. „Rürup“, „Riester“, „staatlich geförderte private Altersvorsorge“…

    Is‘ klar.

    Mit meinen knapp 59 Jahren kann ich auf einen gewissen Erfahrungswert zurückgreifen, was „Empfehlungen zur privaten Altersvorsorge“ betrifft und vor allem, wie schnell sich die Rahmenbedinungen einseitig verändern können, sobald man „so ein Angebot, das man nicht ablehnen kann“, mal rechtsverbindlich unterzeichnet hat.

    Glaubt jemand ernsthaft, dass die im Artikel beschriebenen Maßnahmen am Ende auch nur irgendeine/n Rentner/in, die im Vertrauen auf „Schließen der Rentenlücke durch private Vorsorge“ so einen ETF- oder was-auch-immer-Sparplan abgeschlossen hat, tatsächlich monetär profitieren wird?

    Irgendeinem Schnellmerker aus dem Politik-Betrieb wird einfallen, dass so eine private Altersvorsorge auf jeden Fall vor der Auszahlung versteuert werden muss und dann bleibt nur noch ein Bruchteil dessen übrig, was über Jahre reingesteckt wurde.
    Bei den davongaloppierenden Preisen möglicherweise umgerechnet ein Teller warme Suppe und ein Stück hartes Brot?

    „Immerhin“ werden vielleich einige denken?

    Ja, aber „Vater Staat“ profitiert in erster Linie davon und ich hab‘ absolut keine Lust mehr, diesen überversorgten und von der Lebensrealität der meisten Menschen meilenweit entfernt lebenden Polit-Darstellern auch nur noch einen Cent mehr als zwingend erforderlich in den weit aufgerissenen Rachen zu werfen.

  3. Was ein Schwachsinn ! Wir haben beide schon vor Jahren ein Riester geförderten Aktiendepot angelegt. Während ich es mir mit Eintritt in das Rentenleben verrenten ließ, hat meine Frau noch ordentlich auf der Kante. Unter dem Strich haben wir das „Vermögen“ zu rund 65 % mit staatlicher Förderung erreicht. So schlecht war Riester nicht. Man muss sein Geld nur richtig anlegen. Und das wird mit dem „neuen“ Modell noch wichtiger. Aber das öffnet auch Anlagebetrügern Tür und Tor

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