Hallervorden zielt auf Hofreiter – leider nur Satire

hallervorden

Dieter Hallervorden, 88 Jahre alt, seit Jahrzehnten das schärfste Skalpell im deutschen Kabarett, hat ein kurzes Video veröffentlicht. Darin lässt er den Grünen Spitzenpolitiker Hofreiter auftreten, der folgendes fordert: Die Asiatische Tigermücke soll unter Naturschutz gestellt, zum Tier des Jahres ernannt werden – und wer eine solche Mücke auf seiner Haut erschlägt, soll mit einem Bußgeld von mindestens 3.000 Euro zur Kasse gebeten werden. Pro Mücke. Paragraph 39 Bundesnaturschutzgesetz lässt grüßen.

Das ist Satire. Hallervorden hat es erfunden. Das muss man dazusagen – nicht, weil es so offensichtlich wäre, sondern weil es das Problem auf den Punkt bringt: Es ist nicht offensichtlich. Man schluckt es kurz. Man überlegt eine halbe Sekunde. Man denkt: Irgendwo hab ich sowas doch schon gelesen. Und genau in dieser halben Sekunde des Zögerns steckt die gesamte politische Hinterlassenschaft einer Partei, die es in rekordverdächtiger Zeit geschafft hat, sich selbst zur Karikatur zu machen – noch bevor der Kabarettist den Stift ansetzte.

Wenn die Pointe die Realität einholt

Das ist das eigentliche Kunststück, das Hallervorden hier vollbringt – und er weiß es. Ein guter Satiriker erfindet nichts. Er übertreibt das Vorhandene so weit, bis es sichtbar wird. Wenn das Publikum beim Zuschauen nicht sicher ist, ob es gerade Satire oder einen ZDF-Bericht sieht, dann hat der Satiriker gewonnen. Und die Partei, über die er spricht, hat verloren.

Die Grünen haben in ihrer Regierungszeit bewiesen, dass sie eine bemerkenswerte Begabung besitzen: Sie nehmen ernste Themen – Klimaschutz, Artensterben, Naturschutz – und verpacken sie in eine Kommunikation, die selbst wohlmeinende Menschen zur Weißglut treibt. Nicht weil die Themen falsch wären. Sondern weil der Ton, die Prioritätensetzung und die spürbare Herablassung gegenüber dem Normalbürger das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich erreicht werden sollte. Wer dem Bürger erklärt, er müsse jetzt das Heizungsgesetz verstehen, gleichzeitig aber nicht erklären kann, was es konkret kostet – der hat das Recht verwirkt, sich über mangelnde Akzeptanz zu wundern.

Hallervorden setzt den Schauplatz nicht zufällig

Didi hat sein Video im Unterspreewald angesiedelt – Deutschlands mückenreichstem Sumpfgebiet. Das ist kein Zufall. Das ist Handwerk. Ein Mann, der seit sechzig Jahren auf der Bühne steht, wählt seinen Schauplatz mit der Präzision eines Chirurgen. Der Unterspreewald als Symbol: feucht, verwachsen, unübersichtlich – und voller Plagegeister, gegen die man sich eigentlich wehren dürfte. Eigentlich.

Man könnte jetzt sagen: Es ist doch nur ein kurzes Video, ein Witz, nicht so ernst nehmen. Aber genau das ist der Punkt. Hallervorden macht kurze Videos, weil kurze Videos heute die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums treffen. Er ist 88 und versteht das Netz besser als manche Parteistrategen, die noch glauben, eine Instagram-Story über Fair-Trade-Kaffee würde die Jugend zurückgewinnen.

Das Schweigen der Ernsthaften

Was macht die politische Klasse, wenn ein Kabarettist sie so trifft? In der Regel: nichts. Man schweigt. Man hofft, es geht vorbei. Oder man erklärt – was noch schlimmer ist – in einem langen Statement, warum der Witz eigentlich falsch ist und welche realen Naturschutzmaßnahmen man stattdessen plant. Beides ist falsch. Das Schweigen wirkt schuldbewusst. Die Erklärung wirkt, als hätte man den Witz nicht verstanden – was beim Publikum den Eindruck bestätigt, dass man auch sonst nicht viel versteht.

Die einzig richtige Reaktion wäre Selbstironie. Die Fähigkeit zu sagen: Ja, wir haben uns angreifbar gemacht. Ja, wir klingen manchmal so. Das ändern wir. Aber Selbstironie setzt Selbstwahrnehmung voraus. Und die war in den letzten Regierungsjahren erkennbar nicht das stärkste Asset der Partei.

Was bleibt

Hallervorden macht weiter. Er ist 88, er hat Adenauer erlebt, die RAF, die Wiedervereinigung, vier Jahrzehnte wechselnde Koalitionen – und er findet immer noch Stoff. Das ist einerseits beruhigend, weil es bedeutet, dass das Kabarett lebt. Es ist andererseits ein vernichtendes Urteil über den Zustand der Politik, dass einem 88-Jährigen der Stoff so mühelos zufliegt.

Die Asiatische Tigermücke ist übrigens tatsächlich ein invasives Problem in Deutschland. Sie verbreitet sich. Sie sticht. Und sie steht nicht unter Naturschutz – noch nicht.

Man lacht. Und dann hört man auf zu lachen.


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Über Torben Botterberg 3362 Artikel
Torben Botterberg verbindet Gegensätze mit einem Augenzwinkern: schwarzer Humor trifft auf Perfektionismus, ein erklärter Hang zur Prokrastination auf Texte, die erst dann das Licht der Welt sehen, wenn jedes Detail sitzt. Freiberuflich in Vermittlung und Verleih unterwegs, bewegt er sich beruflich zwischen Menschen, Projekten und Möglichkeiten, und privat am liebsten zwischen Chrom, Stern und Benz.Torben schreibt, um zu verbinden: Erfahrungen mit Einsichten, Gegenwart mit Erinnerung, Technik mit Temperament. Wenn er lacht, dann tiefschwarz, wenn er zweifelt, dann gründlich und wenn er veröffentlicht, dann mit dem Anspruch, dass jedes Wort hält was es verspricht.

7 Kommentare

  1. Das Gesetz macht mir nichts aus,
    denn ich gehe straffrei aus,
    einfach, wenn ich mich ernähre,
    die lebende Mücke verzehre.

    Der grüne Brei

    Grünes Niveau geht kaum noch tiefer.
    essen sollst Du jetzt Ungeziefer.
    Dazu kann ich nur raten,
    gekocht oder gebraten,
    alles dann nur noch durchpüriert,
    durch ein Sieb hindurchgeschmiert,
    hinterher garnieren
    mit hübschen Krabbeltieren,
    fertig ist der grüne Brei
    vom ersten bis zum letzten Schrei.
    Wünsche für die Zwischenzeit:
    Everytime good appetite!

    • „ich gehe straffrei aus“…“mich ernähre, die lebende Mücke verzehre“
      Vorsicht! Diese Ausnahme im Gesetz (Vergleiche Mundraub) gilt nur für Obdachlose, Grundsicherungsempfänger und Lebenskünstler gemäß §123 MiSEG¹.

      ¹Menschen in Schubladen-EinordnungsGesetz

  2. Vom Klassiker ‚La Cucaracha‘ ~ Die Küchenschabe bzw. Kakelake ( https://de.wikipedia.org/wiki/La_Cucaracha „unzählige abweichende Textvarianten“) habe ich vor langer Zeit und vielen Erinnerungslücken eine Version (Deutsch-Punk !?) gehört, in der man für das streng verbotene Totschlagen einer Küchenschabe erst kastriert, dann totgeschlagen und zu guter Letzt gevierteilt wird (oder so ähnlich, war jedenfalls krass überzogen).

    An einem schwülen Sommertag im Jahre 2033: Ein siebenjähriger Junge, der sich angeblich am allerletzten Schmetterling vergriffen hat, wird von aufgebrachten Naturschützern, mit allem¹ was zur Hand ist, totgeschlagen.

    ¹Darunter große, leere Neo-Glyphosat-Kanister mit der Werbeaufschrift: Diesmal ist es wirklich harmlos!

    Auch in etlichen SF-Romanen¹ und Stories verschieben sich die Maßstäbe im Strafrecht gewaltig, z.B. Todesstrafe (+ zwangsweise Organspende) für Falschparken oder Öko-Frevel¹.

    ¹Unter anderem in ‚Alfred Bester, The Stars my Destination (auch Tiger, Tiger. Deutsch auch Die Rache des Kosmonauten)‘ gilt auf dem sauerstoffarmen Mars ein Vegetations-Lynch-Gesetz, wonach jemand, der auf Sauerstoff produzierende Pflanzen tritt, sofort getötet werden darf

  3. Die „Partei, die es in rekordverdächtiger Zeit geschafft hat, sich selbst zur Karikatur zu machen“ wird leider unabhängig von ihren kabarettreifen Leistungen von einem harten Fanclub, der ca. 12% der Wahlberechtigten in D ausmacht, unbeirrbar weitergewählt.

    • Die Grüne Partei ist das Sterbezimmer¹ der Umweltbewegung (in memoriam Friedensbewegung).
      Dass sie unverdrossen von „einem harten Fanclub“ gewählt wird, liegt daran, dass sie die Milieu-Partei² schlechthin ist, ähnlich wie die SPD als untote Partei schlechthin. Typisch für dieses Milieu ist der total ausgeleierte³ Spruch: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen!“, oft das Signal für den Gastgeber beim Kaminzimmerabend, vom Wein zum WhiskEy zu wechseln, meist nachdem das Geschäftliche im Beziehungsgeflecht abgesprochen wurde.

      ¹Verhüllt von Bürokratie-Vorhängen
      ²Weiß auch die taz: https://taz.de/Milieus-in-Deutschland/!6072555/ „Die Grünen blieben eine Milieupartei“.
      ²So wie 1+1=2 oder vielleicht besser 2+2=5 (Orwell)

  4. Es ist kein Wunder, dass unkritische Menschen erstmal denken, das könnte stimmen.
    Einer der Gründe dafür ist, dass massiv Falschinformationen in Umlauf gebracht wurden, von denen immer ein bisschen hängenbleibt.
    Stichworte: Illusory Truth Effect, Firehose of Falsehood, Brandolini’s Law.
    Es reicht da was ganz Subtiles, wie:
    „Wer dem Bürger erklärt, er müsse jetzt das Heizungsgesetz verstehen, gleichzeitig aber nicht erklären kann, was es konkret kostet…“ Bleibt hängen.

  5. „…Das ist Satire“

    Keine Satire aber ist:

    Bußgeldkatalog:
    Bis zu 65.000 Euro für das Töten einer Wespe

    Die Geldstrafen der Ordnungswidrigkeit sind dabei hoch: Laut dem Bußgeldkatalog liegen diese in den meisten Bundesländern bei 5.000 Euro.

    In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland zahlen Sie zwischen 10.000 und 20.000 Euro

    In Nordrhein-Westfalen und Thüringen sogar bis zu 50.000 Euro.

    Spitzenreiter bei den Bußgeldern ist Brandenburg. Dort kann die Strafe bei bis zu 65.000 Euro liegen.
    Das Töten einer besonders geschützten Wespenart kostet Sie fast überall bis zu 50.000 Euro, oder sogar noch mehr

    https://www.landundforst.de/niedersachsen/65000-eu-strafe-toeten-wespen-erlaubt-571978#:~:text=Bu%C3%9Fgeldkatalog%3A%20Bis%20zu%2065.000%20Euro,meisten%20Bundesl%C3%A4ndern%20bei%205.000%20Euro.&text=in%20Nordrhein%2DWestfalen%20und%20Th%C3%BCringen,bei%20den%20Bu%C3%9Fgeldern%20ist%20Brandenburg.

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