
Allgemeiner Hinweis: Der folgende Text ist die 1. Version des 13. Teils einer Reihe von Texten, die nach und nach im Vordruck auf QPress.de in eine »Einführung in die Kritik der Psychoanalyse im Kontext des alltäglichen Nahbereichs« eingehen sollen. Die Kritik insgesamt wird Ende 2027 in drei Bänden erscheinen. Die bisherigen Teile sind im Quellverzeichnis aufgeführt.
E13 Über Bösartigkeiten auf der Beziehungsebene und wie sie sich im Innenleben erst ausbilden und dann ausleben
Vernunft und Aufklärung und was es damit auf sich
Lässt man bisherige Teile zur »Einführung in die Kritik der Psychoanalyse im Kontext des alltäglichen Nahbereichs«, namentlich den 12. Teil (E12 Witsch 2026/02/16), Revue passieren, drängt sich der Eindruck auf, dass es in der Geschichte der Aufklärung eine solche bis heute nie oder nur dem Wort nach gegeben hat, gleichwohl spricht alle Welt von Aufklärung, als habe es sie tatsächlich oder eindeutig identifizierbar gegeben; denkt im »Modus psychischer Äquivalenz«[1] vielleicht auch Patrick Baab, wenn er von Ressentiments spricht, die sich vor die Vernunft geschoben hätten, sodass sie sich Geltung, und damit so etwas wie »Aufklärung«, nicht verschaffen könne. Dazu heißt es in einem Artikel von ihm:
»Ängste und Emotionen werden mobilisiert, um Ressentiments wie einen Vorhang vor die Vernunft zu schieben und so das Denken zu trüben: Ein Spiel, das auf der Erkenntnis basiert, dass hochintelligente Menschen sich wie Verrückte verhalten, wenn emotionale Widerstände ihren Verstand überwältigen« (Baab 2025/08/11).
Mit anderen Worten: sie reagieren sich ab. Für meine Begriffe transportiert Baab hier treffend eine analytische Denkfigur, die allerdings, wie später eingehender zu beschreiben, die Möglichkeit der Existenz von Vernunft unkritisch, mithin nicht in einem umfassenden sozial-ökonomischen Kontext voraussetzt; gleichwohl jene Denkfigur zumindest vorläufig einiges darüber aussagt, von welchen Menschen wir regiert werden, von Menschen, die sich vornehmlich an Verlierern der Gesellschaft abreagieren, um nach oben zu buckeln, so wie Merz, der vor Trump Männchen macht.
Und so deute ich Politiker in der Tat allesamt mental auf das Massivste gestört, allerdings im Kontext einer »Normalisierung der Störung« (Witsch 2009, S. 18, 76), ist es doch das Normalste in der Welt, sich abzureagieren, in dem Maße bösartig, wie dies unreflektiert im Projektionsmodus geschieht, sodass noch so massive Störungen nicht weiter auffallen, eben weil sie im Innenleben fast aller Menschen wirksam sind und sich allgemein moralisch gerechtfertigt dünken.
Wir haben es hier mit einem sozialen Sachverhalt zu tun, der in fast allen Printmedien und öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen, ganz besonders in Dokumentationen vor allem auf Phönix oder ZDFinfo zum Ukraine- oder Irankrieg eingelassen ist; still und leise in Gestalt scheinbar nebensächlicher Formulierungen mit dem Ziel, Bürgern eine Gehirnwäsche wie sie im Buche steht angedeihen zu lassen, die uns in den Abgrund führt, durch die hindurch gehirngewaschene Bürger sich ihr eigenes Grab schaufeln, wie es zum Ende des »Ersten Gesprächs vor der Kamera« heißt, das ich mit Wilfried Kahrs führte.
Indes wird mir nichts anderes übrigbleiben, in gewisser Weise weltfremd (idealistisch) davon auszugehen, es habe so etwas wie Aufklärung oder Vernunft gegeben, und zwar vor dem Hintergrund, dass ich an einer kommunikativen Verbindung zur herrschenden Sozialtheorie interessiert bin, von dorther ihre nur wenig aussagekräftigen Zeichen der Kommunikation verwenden muss, die freilich, um es anders frei nach Lacan (vgl. Kap. 1.1, S. 4f) zu sagen, zeichendefizitär nahelegen, es gebe so etwas wie Aufklärung.
Wenig aussagekräftig meint, Zeichen und Symbole werden verinnerlicht als defizitär nicht empfunden, so dass sie lediglich belanglos und unkritisch in uns herumgeistern; derart Menschen dazu neigen, die menschliche Existenz zu mythologisieren, wie es Freud macht (Witsch, 2009, S. 15); mit einer solchen Existenz es nicht weniger naheliegend ist, von einem grundsätzlich defizitären Innenleben zu sprechen.
So viel Unzurechnungsfähigkeit wollen die meisten Menschen in sich nicht wahrhaben und reagieren gleichsam beleidigt, wenn man sie auf dieser Basis kritisiert. So Klaus-Jürgen Bruder etwas verschnupft reagierte, als ich ihm in einer E-Mail zu verstehen gab, dass in der psychoanalytischen Therapie von Heilung grundsätzlich die Rede nicht sein kann, oder doch nur in einem behavioralen Sinne, so der Psychoanalytiker den Widerstandsbegriff für gewöhnlich gegen den Analysanden im Gut-Böse-Denken verwendet, nicht in der Lage ausreichend vor der eigenen Haustüre zu kehren. Warum auch? Schließlich ist er der Experte und nicht der Analysand.
Immerhin ist unter vielen Repräsentanten der Aufklärung als Ausgangspunkt einer Verbindung zu dieser unbestritten, dass der in sie eingelassene Vernunftbegriff immer wieder eine andere Bedeutung angenommen hat, zeitbedingt immer wieder neu geprägt wurde, etwa, folgt man Adornos und Horkheimers »Dialektik der Aufklärung«, von Nietzsche und Heidegger in ihr Gegenteil verkehrt, die nicht ganz zu Unrecht als Anti-Aufklärer oder Totengräber der Aufklärung gelten.
Den Verlierer in sich »zwangsneurotisch« verbergen oder verdrängen
Was Nietzsche, von Heidegger instrumentalisiert, betrifft, ein unscharfes Urteil, gilt seine Philosophie doch als durchaus anregend und inspirierend[2], wenn man davon absieht, dass sie für grausame Zwecke instrumentalisierbar war und von den Nazis, wie gesagt vom Nazi-Anhänger Heidegger, ausgesprochen grausam instrumentalisiert wurde – freilich sprach- oder zeichendefizitär im Gegenstandsbezug[3], in den die Beziehungsebene unbewusst eingelassen ist, sodass sie sich auflöst: einer Analyse nicht oder nur unzureichend – im Gut-Böse-Denken – zugänglich. Mit diesem Denken glaubt man wiederum zeichendefizitär, mit dem Wort »böse« sei sozusagen »alles« gesagt.
Ist es ganz und gar nicht. Auch wenn Strafermittler oder Strafgerichte durchaus exzessiv nach Motiven des Bösen fragen. Freilich lediglich zu ermittlungstechnischen Zwecken; und nicht, weil sie sich dafür interessieren würden, dass und auf welche Weise das Wort »böse« in einem umfassenderen Kontext bis hin zum gesellschaftlichen Ganzen (systemkritisch) gesprächig werden kann, und zwar in dem Sinne, dass das Subjekt jenes Ganze in sich ausbildet, um es in sich gegenstandsbezogen extrem fragwürdig, um nicht zu sagen bösartig auszuleben; es für gewöhnlich sich im Innenleben indes nicht plausibel ergibt, jedenfalls nicht so wie es richtig wäre im Kontext einer »logischen Entität des Ganzen«; beschrieben in (Kap. 5.2, S. 91: »Das gesellschaftliche Ganze als logische Entität«).[4]
Was Heidegger betrifft, so vermochte er, was er indes nur ahnungsvoll einräumte, dem verdinglichenden Denken nicht zu entrinnen. Das hatte zur Folge, dass die Beziehungsebene in seiner gleichwohl existentiell-solipsistisch angehauchten Philosophie keine Rolle spielen konnte[5]. Eben weil er dem Innenleben, vollkommen absurd getrennt von der immer intersubjektiv motivierten Beziehungsebene, alles aufbürdete: einsam erfühlte er im Innenleben das »wahre« Sein in Kontradiktion zu dem von ihm diskriminierten gegenständlich Seienden beheimatet, freilich dann später nach der Machtergreifung Hitlers tatsächlich gegenständlich wirksam aus dem Innenleben heraus, er es aber einer Analyse in Verbindung mit dem außersubjektiv-gegenständlich Seienden entzogen sehen wollte; es gleichwohl »wahrhaft« wirksam nach außen hin erachtete, so in der Art, der Führer induziere aus sich heraus – wie gesagt solipsistisch – die Einheit des Volkes, also das Ganze, das mit seiner Existenz stehe und falle; deshalb bürge der Führer zurecht für das Heil des Volksganzen, für Glückseligkeit der Volksangehörigen, sodass Legitimitätsfragen, was das Beziehungsverhalten der Angehörigen betrifft, sich bei Strafe vollständiger Ausgrenzung nicht stellen.
Und so begannen und endeten die Beziehungen der Menschen mit der Existenz des Führers, wie gesagt im Mythos, der im Innenleben der Menschen – so auch in Freud – herumspukte, und dem sich die Menschen noch heute zu unterwerfen haben. Bisweilen auf extremste Weise traumatisiert bis zum bitteren Ende, etwa in einem Krieg gegen Russland, gestern wie heute. Das sind Grausamkeiten, die sich in gewisser Weise bis heute im Umgang der Menschen miteinander ausleben, freilich während der Nazizeit kaum erkennbar, heute in anderer Ausprägung: nicht auf nämliche Weise wie unter den Nazis. Man glaubt nicht mehr so recht an Führer, schon gar nicht an einen solchen wie Hitler, gleichwohl nicht weniger an so etwas wie Führung, emotional verbunden mit Abstraktionen wie Volk, Nation, Vaterland, von denen unentwegt die Rede ist. Noch dazu versucht man, vor allem in der AfD, den Begriff der Rasse wiederzubeleben.
Wesentlich ist, all jenen Abstraktionen spricht man eine sozialintegrative Funktion, eine solche der Zusammengehörigkeit, zu. Mehr oder weniger uneingestanden. Das trifft, ich wiederhole es immer wieder, auf einen Philosophen wie den kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas zu (vgl. E12 Witsch 2026/02/16). Auch er transportiert wie die Sozialtheorie ganz allgemein eine mentale Disposition in sich, durch die hindurch er dazu beiträgt, dass soziale Strukturen erodieren bis hin zu ihrer vollkommenen Auflösung oder Zerstörung. Darauf werde ich später zu sprechen kommen im Kontext meiner zerrütteten Beziehung zu meinem Sohn Manuel Wieczorek, der eine hervorragende Masterarbeit geschrieben hat (Wieczorek 2009), gleichwohl ohne zu erkennen, dass und wie er mit seinem vor allem impulsiven, das heißt emotionsgetriebenen Beziehungsverhalten mir gegenüber an Zerstörungen mitwirkt, was er nicht zuletzt in einem herablassenden Ton mir gegenüber verbirgt.
Das tiefergehend impulsiv-gefühlsgetriebene Prinzip der Zerstörung[6] oder nicht hinreichender Beziehungskompetenz ist heute in der Tat das gleiche wie unter den Nazis, vielleicht sogar zeitübergreifend in allen Menschen präsent, und bürgt für die Ausbildung des Bösen, von Bösartigkeiten auf der Basis von Abreaktionen gegen äußere wie innere Feinde, mithin »den Verlierer in sich«[7], das Fremde in sich, das der Bürger dem eigenen (Innen-) Leben zu assimilieren oder zu verarbeiten nicht in der Lage ist. Dazu müsste er erst einmal in der Lage sein, so etwas wie den Verlierer – das Fremde – in sich zu entdecken.
Schafft er für gewöhnlich nicht. Das Fremde würde in ihm zu sehr schmerzen. Also muss es abreaktiv verdrängt, aus dem Innenleben herausgeschnitten, entsorgt, das Innenleben sauber ausgeschabt, von allem Unrat befreit werden, von oben herab in den äußeren Feind projiziert, dieser gleichsam zum Verlierer gestempelt werden, der man selbst nicht sein will, Freud zufolge zwanghaft oder »zwangsneurotisch«.
Das geht für gewöhnlich mit einem herablassenden oder autoritären Ton gegenüber den Verlieren der Gesellschaft einher, natürlich in Abgrenzung zu solchen, die Hilfe tatsächlich und nicht nur vorgeschoben brauchen, die man ihnen dann selbstverständlich zuteilwerden lässt, zuweilen mit einer Träne im Knopfloch, versteht sich. So abartig ich mich von meinem Schwager Wolfgang Detel behandelt fühlte (vgl. Kap. 12.h.1, S. 344f); und heute einmal mehr von meinem Sohn Manuel Wieczorek.
Den menschlichen Zusammenhalt im Wahn für real halten
In diesem Kontext allgemeiner Zerstörung sozialer Strukturen werden negative Gefühle, weil sie zu sehr schmerzen, nicht als »Ressourcen der Verständigung« (Witsch 2013a, Klappentext) und damit zum Aufbau oder Wiederbelebung zerstörter oder angegriffener sozialer Strukturen begriffen; das wäre nur möglich mit einer mentalen Disposition, in die Versöhnungsbereitschaft eingelassen ist, die insbesondere in der Politik des Westens (zurzeit gegenüber Russland) weit und breit nicht spürbar ist; das Gleiche gilt für den alltäglichen Nahbereich; auch dort erodieren soziale Beziehungen vor dem Hintergrund, dass Menschen immer empfindlicher, zuweilen wie beleidigt auf Kritik reagieren, mimosenhaft mit der Folge, sodass Menschen das legitime Bedürfnis nach Zusammenhalt und Gemeinsinn für gewöhnlich immer verlogener in sich transportieren. In diesem Fall verliert sich die Beziehungsebene rechthaberisch im Gegenstandsbezug, sodass sich Fragen im Hinblick auf das Beziehungsverhalten erübrigen. Einer der das verstanden hat, ist ausgerechnet Putin in seinem Verhältnis zu Donald Trump: er unterstützt den Iran in seinem Krieg gegen die USA und Israel, freilich nur moralisch, ohne ihm militärisch zur Seite zu stehen.
Muss er nicht, er weiß: die Zeit spielt nicht für die USA und Israel, zumal Israels Krieg gegen den Iran und weitere Länder auf Dauer einem Selbstmordkommando gleichkommt. Doch wie die Zerstörung Israels verhindern, ohne den Iran vollständig dem Erdboden gleichzumachen? Und wie es ohne den Einsatz von Kernwaffen bewerkstelligen? Präventiv, um sich zu verteidigen, wird man einmal mehr sagen, vergleichbar verlogen, wie Hitler den Zweiten Weltkrieg begann mit dem Angriff auf Polen (»Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen«). In der Erwartung, England und Frankreich würden Polen nicht beistehen.
Das kann sich Israel nun gar nicht vorstellen, dass die westliche Staatengemeinschaft dem Israelischen Staat irgendwann gar nicht mehr zurseite stehen könnte und tragen damit indirekt zur Vernichtung Israels bei. Da ist nämlich noch Pakistan, das Atomwaffen besitzt und eine gemeinsame Grenze zum Iran und China aufweist. Wie wird es reagieren? Es wird einen von Israel kernwaffentechnisch kontrollierten Iran kaum tolerieren können.
Und während all diese Fragen unbeantwortet in unseren Köpfen herumgeistern, tobt nebenan noch der Ukrainekrieg, in dem eine ganze Generation junger Männer verheizt wird, gegen Russland für »Freiheit« und »Demokratie«, versteht sich. Das sind Werte, die in krisengeschüttelten Zeiten immer weniger bis gar nicht mehr gelten. Sie erodieren wie unsere persönlichen Beziehungen seit zehn Jahren immer sichtbarer, geisterten allerdings schon zuvor lediglich als schöne Vorstellung im Kopf der Menschen herum, heute immer noch, selbst in einem so klugen und viel belesenen Kopf wie dem von Jürgen Habermas (vgl. E12 Witsch 2026/ 02/16). Gleichsam wie im Wahn: der Kapitalismus sei zivilisierbar.
Natürlich, es gibt es soziale Strukturen, in die wir real involviert sind; auch Projekte zur Erarbeitung alternativer Lebensformen, wer wollte das bestreiten, nur existieren sie getrennt vom gesellschaftlichen Ganzen, zumal dieses Ganze sich nur scheinhaft – dem Wort nach – an Werte gebunden fühlt, während diese zugleich – zuweilen sehnsüchtig – in unserer Vorstellung herumgeistern, sehnsüchtig deshalb, weil wir eine mentale Disposition der Zugehörigkeit brauchen, um uns beschützt zu fühlen. Deshalb neigen wir dazu, reale soziale Strukturen mit dem gesellschaftlichen Ganzen zu identifizieren, indes ohne zu gewahren, dass dieses nur in unserer Vorstellung, aber eben nicht real existiert; bzw. es existiert für uns real, weil wir das, was in unserer Vorstellung existiert, im »Modus psychischer Äquivalenz« für real halten (vgl. Kap.1.1, S. 2f), und weil (große) Gefühle anzeigen, das unsere Vorstellungen real wirksam sind. Nicht wie im Wahn, sondern im Wahn. Der Wahn ist in der Tat real, freilich psychotisch, die Wirklichkeit um uns herum vollkommen verkennend. Wir leben in ihr ganz real, gleichwohl vollkommen getrennt von derselben und müssen das exakt verdrängen, um uns beschützt fühlen zu können. Und das, noch während wir emsig am eigenen Untergang arbeiten, wie es im Ersten Gespräch vor der Kamera zum Ende hin heißt.
Wir sind nicht reif für alternative Lebensformen und sollten es vorerst gar nicht erst versuchen, bevor wir nicht wissen, wie wir innerlich ticken
Es kommt noch schlimmer: wer die Existenz eines solchen wahnhaften Schutzes leugnet, verdiene es, dass man ihn als Feind einer tatsächlich fiktiven Gemeinschaft ächte, sich ggf. an ihm abreagiere. Geradezu unheilbar, abartig zerstörerisch. Alternative Konzepte oder Projekte helfen da nicht weiter. Dafür agieren wir zu krank.
So wollen es die herrschenden Eliten nach dem »Teile und herrsche«-Prinzip, das für gewöhnlich überall dort präsent ist, wo Menschen miteinander verkehren, in intim-familiären wie in überfamiliär-politischen Beziehungen. In intimen Beziehungen üben wir ein, was wir in institutionell-überfamiliäre bis hin in internationale politische Beziehungen hineintragen (projizieren), sodass diese sich bequem grausam und zerstörerisch ausleben können. Die Eliten profitieren davon, dass wir Abreaktionen unreflektiert, also hinter unserem Rücken ausleben, wir nicht merken, dass wir es tun, nicht einmal dort, wo es ins Auge springt.
Wir merken es überall dort nicht, wo wir tagtäglich mit einer sozial-ökonomischen Umgebung konfrontiert sind, die »schmerzt«, etwa wenn wir uns von ihr kritisiert oder zurückgesetzt fühlen, und wir es dann nicht fertigbringen, diesen Schmerz, das Fremde in uns, zu verarbeiten, um stattdessen diesen Schmerz im Anderen zu entsorgen oder abzureagieren.
Ferner nehmen wir nicht wahr, dass wir auf diese Weise (unsere) Beziehungen oder ganz generell soziale Strukturen zerstören, zumal nachhaltig ohne hinreichende Versöhnungsbereitschaft, um uns nicht selbst zum Verräter unseres eigenen Selbst zu machen, das wir in die äußere Welt projizieren, als sei unser Selbst, und wie wir es gestalten, identisch mit jener zu gestaltenden äußeren Welt; als gebe es nur die eine Welt, die in uns selbst. Ich habe es mehrmals erwähnt: im »Modus psychischer Äquivalenz« (vgl. Kap. 1.1, S. 2f sowie Kap. 5.1, S. 84f).
Wir haben es hier mit einer mentalen Disposition zu tun, wie gesagt: einem Wahn, der sich hinter unserem Rücken in uns, also unbewusst, ausbildet, wiewohl es den Begriff der Perspektive oder Sichtweise – also eine mehrpolare Welt – gibt, dies in Kontradiktion zu unserem realen Beziehungs- oder Konfliktverhalten, mit dem wir regelmäßig zum Ausdruck bringen, dass wir überfordert sind, über andere als die verinnerlichte eigene Welt und damit über die »Ursachen der Zerstörung unserer Beziehungen« tiefergehend mit dem Ziel nachzudenken (vgl. E12 Witsch 2026/02/16), Beziehungen zu bewahren; das heißt, sie zusammen mit unserem Innenleben sozialverträglich zu gestalten und in unserem Innenleben durchaus auch mal in schönen Vorstellungen zu schwelgen, als wären sie tatsächlich real. So ist es zu verstehen, wenn es in (Witsch 2009, S. 20) heißt:
»Der Bürger, das unbekannte Wesen? In der Tat – den Bürger gibt es nicht. Er ist eine Abstraktion, eine schöne Vorstellung der französischen Revolution von 1789, nach der sich die soziale Realität ausrichten sollte. In der Gesellschaft sollten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit herrschen, ein Anliegen, das in praxi bis heute nicht eingelöst worden ist. Dennoch, so problematisch schöne Vorstellungen sind – wir können ohne sie, genauer: ohne die Fähigkeit zur Abstraktion, die Welt im Großen wie im Kleinen nicht gestalten«.
Nur müssen wir gleichwohl damit zurechtkommen, dass schöne Vorstellungen, für gewöhnlich fiktiv, sich an der Realität brechen, also nicht viel, möglicherweise gar nichts mit ihr zu tun haben. Und nur in der Weise, dass es eine Verbindung zwischen Innen und Außen gibt, die allerdings aus dem eben genannten Grund einer immer nur fiktiven Vorstellungswelt zu schaffen macht.
Das schließt ein, wir dürfen es nicht beleidigt gegen andere Menschen auslegen, wenn sie unsere Vorstellungen nicht teilen. Tun wir, indem wir uns in die innere Welt anderer Menschen einmischen. Einen irrealen Gleichklang fordern. Funktioniert nicht. Russland und China haben das vielleicht begriffen (vgl. RtDe 2026/03/08). Der Westen ist davon weit entfernt, von Donald Trump gar nicht zu reden. Weil er weit entfernt ist, es wahrhaben zu wollen, dass wir in der Tat in der einer Realität leben, in der die Regeln der Kapitalverwertung mittlerweile weltweit gelten, die sich sozialverträglich in den sozialen Strukturen nicht ausleben können, »zivilisiert«, wie Habermas sagt. Er ist überzeugt – Gott habe ihn selig -, der Kapitalismus sei zivilisierbar. Nichts als eine schöne Vorstellung, die Habermas transportiert, die mit der Realität nichts zu tun hat, ausführlicher diskutiert in (Witsch 2012, S. 45 – 109).
Und weil ich an schöne Vorstellungen nicht glaube, und schon gar nicht weiß, wie ein zukünftiges Leben aussehen kann, bin ich weit davon entfernt, alternative Lebenskonzepte zu entwickeln[8], auch nicht solche für eine sogenannte nachkapitalistische Zeit. Man würde Menschen in etwas hineintreiben, wofür sind sie bei Weitem nicht reif sind. Sie müssten erst einmal in der Lage sind, tiefergehend über sich und ihr Verhalten auf der Beziehungsebene nachzudenken, und zwar, ganz wichtig, im Kontext des (ihren) alltäglichen Nahbereichs, sowie natürlich auch darüber, dass dieser sich nur selbstzerstörerisch im Kapitalismus auszuleben in der Lage ist. Wenn sie das für möglich oder wenigstens für wahrscheinlich halten, sind sie vielleicht motiviert, den Kapitalismus zu überwinden; übrigens ein Anliegen, das China und Russland möglicherweise immer noch – und zwar weltweit – verfolgen (vgl. RtDe 2026/03/08). Im Artikel heißt es einführend:
»China werde niemals den Weg einer ’starken Nation, die unweigerlich nach Hegemonie strebt‘, beschreiten, erklärte Außenminister Wang Yi. Peking hingegen schlägt den Aufbau einer gleichberechtigten, multipolaren Welt vor, in der jedes Land seine eigene Rolle hat«.
Das bedeutet, die chinesische Politik möchte international explizit auf der Beziehungsebene arbeiten. Dazu muss sie diese selbstkritisch reflektieren (vor der eigenen Haustür kehren) können, indes ohne sich, so ihr offizieller Sprachgebrauch, in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Das schließt ökonomische Kooperationen ausdrücklich ein. Genau das müssen wir in intim-familiären Beziehungen einüben, nicht zuletzt um die internationalen Beziehungen kritisch begleiten zu können.
Noch einmal: Aufklärung und Vernunft in Zeiten kapitalverwertender Produktion
Die Beziehungsebene, also das Nachdenken über mich selbst und andere, spielte bei mir schon immer eine Rolle; seit meiner Schulzeit eine Sucht, vermutlich dadurch befördert, dass ich seit meiner Kindheit geradezu traumatisch unter dem Beziehungsverhalten meiner Umgebung, dem alltäglichen Nahbereich, gelitten habe, und das bis auf den heutigen Tag; deshalb schreibe ich. Eine Sucht. Ich schreibe, um im Leid zu überleben, ich andernfalls wohl überfordert wäre, Beziehungen aufrechtzuerhalten oder (immer wieder neu) zu beleben. Das zu schaffen, kommt in der heutigen Zeit, in der die Regeln der Kapitalverwertung sich in den sozialen Strukturen geradezu bestialisch ausleben, einer Quadratur des Kreises gleich: wir wurden und werden immer noch von klein auf dressiert, im Gegenstandsbezug zu mentalisieren (vgl. Kap. 1.1, S. 2f), sodass der Positivismus uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dazu heißt es in (Kap. 5.1, S. 89f) unter der Überschrift »Verdinglichen im ’Modus psychischer Äquivalenz‘«, dass das Subjekt von klein auf beim Lernen dazu neigt,
»Begriffe wie Worte in verdinglichender Form zu verwenden, als gäbe es keine Differenz zwischen Innen und Außen, zwischen Zeichen und Gegenstand. So denken wir im Sinne einer gleichsam wirklichkeitsfremden Konstruktion, ohne die das Lernen (z.B. einer Sprache) nicht möglich wäre (…) Wir wollen in einem Menschen etwas auf eine Weise erkennen, als gäbe es einen sozialverträglichen Kurzschluss zwischen Vorstellung (von einem Menschen) und Realität (wie dieser Mensch wirklich ist) (…), ein Unterfangen, dessen Vergeblichkeit wir zu oft sozialunverträglich nicht wahrhaben wollen« (zitiert nach Witsch 2013a, S. 79).
Adorno würde vielleicht sagen, wir müssen lernen, in Negationen zu fühlen, denken und sprechen. Dazu sind Menschen, das macht ihre Verblödung heutzutage aus, nicht in der Lage, sie müssen es aber, um ihre Beziehungen sozialverträglich zu gestalten. Das zu können, ist ihnen leider nicht in die Wiege gelegt, erst recht nicht im Kapitalismus. In ihm zum ersten Mal erkennbar nicht, weil der nur eine Welt kennt, nämlich eine solche, in der die Regeln der Kapitalverwertung gelten, und zwar mit dem Anspruch, dass sie unsere sozialen Beziehungen regulieren. Das zu ignorieren, nenne ich »realitätsphobisch« (vgl. E3 Witsch 2025/08/10): die Überzeugung als könne, ja dürfe es nur diese eine verwertungsgetriebene Welt geben.
Die elementare Bedeutung der Beziehungsebene akzentuiere ich erstmals zum Ende des Ersten Teils zur »Politisierung des Bürgers« in einer Art von Epilog. Dort heißt es etwas ausführlicher zitiert:
»Wir mögen es wollen oder nicht: die Auseinandersetzung um eine Sache bringt notwendig eine Metaebene ins Spiel, die wiederum zu einer Sache der Auseinandersetzung wird noch dort, wo wir es gar nicht merken, dann nämlich, wenn wir uns streiten, ohne zu wissen, warum. Der Streit verselbständigt sich; er löst sich von der Sache; dann droht Gewalt. Es sei denn, wir machen die Beziehungsebene ganz bewusst zur Sache der Auseinandersetzung, wenn wir in der eigentlichen Sache nicht vorankommen. Dann steht das Wie im Vordergrund, das (formale, nichtgegenständliche) Wie wird zum (gegenständlichen) Was, zur Sache, während die eigentlichen Sachen in den Hintergrund treten. Das ist schwierig, solange die Beteiligten glauben, und das ist der tiefere Hintergrund von Verdinglichung und Entfremdung, es gebe in Auseinandersetzungen für sie etwas zu verlieren; die Sachen um uns herum dominieren das Geschehen (Eigentum, Politik als Geschäft); das Bestandsinteresse, das Zu-Kurz-Gekommene in uns, scheißt alles zu und die Beziehung als solche gerät bestenfalls rührselig in den Blick, nicht als Sachverhalt, der sich einer gefühlsverdrängenden Analyse öffnete. Dann wird’s auch mal gewalttätig; das alles, weil wir um die Beziehungsebene nicht herumkommen; sie ist allgegenwärtig, so oder auch anders. Besser, man bringt sie – und damit sich selbst – ganz bewusst ein« (Witsch 2009, S. 197).
Und sich selbst einbringen heißt, beim Schreiben das eigene Innenleben thematisieren, das insbesondere – nicht ausschließlich – in der Familiengeschichte unglücklich oder grausam begraben liegt und zum Sprechen gebracht werden muss; nicht erst postum in veröffentlichten Tagebüchern, sondern im Hier und Jetzt, verbunden mit der Analyse sozialer und ökonomischer Strukturen. Dann kämen wir möglicherweise zu einem ganz anderen Vernunftbegriff, der mit allen bisherigen Vernunftbegriffen nicht mehr viel oder nur noch dem Wort nach etwas zu tun hat; vermutlich deshalb, weil – frei nach Marx – alle bisherige Geschichte bislang immer eine Geschichte von Klassenkämpfe gewesen sei: heute ein Kampf Arm gegen Reich, ohne dass die Fronten immer klar voneinander abgegrenzt waren, sodass sich Aufklärung und eine mit ihr verbundene Vernunft im Sinne aller Menschen nicht ausbilden können. Horkheimer spricht von subjektiver oder instrumenteller Vernunft, freilich ohne zu sagen, wie sich eine solche »objektive« (sozialverträgliche) Vernunft im Sinne aller Menschen ausbilden oder durchsetzen kann, das heißt innerhalb von sozialen Strukturen, in denen im Kontext von »Teilen und herrschen« der eine Arme dem anderen auch schon mal den Schädel einschlägt. Wie soll da so etwas wie »Vernunft« oder, wie es gebetsmühlenhaft heißt, Demokratie und Freiheit herauskommen, die, so in (E12 Witsch 2026/02/16) thematisiert, auf allen Ebenen des sozialen und ökonomischen Kontextes Beziehungen auf Augenhöhe voraussetzt, wenn man so will, eine ganz andere Art von »idealer Kommunikationsgemeinschaft« als wie Habermas sie vorschwebte, die bei ihm allerdings nur im Kopf herumspukte (ebd), und er sich für die materiellen Voraussetzung sozialverträglicher sozialer Strukturen noch nie interessierte[9]: sie kann in Klassengesellschaften nicht existieren, eine Erkenntnis, die die 1968er-Bewegung schon umtrieb, aber im Innenleben von Habermas und den meisten Linken nicht nachhaltig haftete, heute wohl, schaut man sich Grüne oder Linke an, gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Da hilft es wenig, die revolutionssüchtigen Namen oder Autoren der Vergangenheit (Marx, Engels, Adorno, Brückner, Marcuse etc.) zu beschwören, wie es Günter Rexilius in einem Beitrag für den Offenen Verteiler (OVn) macht. Dort spricht er von einer »emanzipatorischen Praxis«, die es längst nicht mehr gibt im Sinne aller Bürger oder eines beliebigen (abstrakten) Subjekts. Dafür stünde eine Reihe illustrer Namen:
»Was Peter Brückner, Alfred Krovoza und andere in Hannover, Alfred Lorenzer, Klaus Horn und MitstreiterInnen in Frankfurt und andere in Berlin – Klaus-Jürgen und Almuth waren Kristallisationskerne – schufen, hat das gesellschaftliche Verständnis von Psychoanalyse und auch die Praxis vieler Kolleginnen und Kollegen verändert«.
All diese Namen haben bis heute nachhaltig nichts, aber auch gar nichts ausrichten können, um die sozial-infrastrukturellen Voraussetzungen für eine sozialverträgliche Gesellschaft zu verbessern; im Gegenteil: sie verschlechtern sich fortlaufend, und die herrschenden Eliten zusammen mit den alt-68er Knochen wollen das auch nicht in Übereinstimmung mit der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, die der Meinung ist, jemand, der eine vom Staat angebotene Arbeit nicht machen möchte, gehöre sanktioniert bis zu einem Punkt, wo er überhaupt keine Hilfe mehr in Anspruch nehmen dürfe und damit aus allen sozialen Bezügen herausfallen würde, eine Teilhabe damit ausgeschlossen wäre.
Richtig, meint der Volksmund; schließlich gehöre es sich nicht, ein Gebot der Solidarität, dass der eine auf Kosten des anderen lebe; also soll er auch nichts essen dürfen (Franz Müntefering). Ein sozialunverträglicher Begriff von Solidarität, der auch unter Linken unreflektiert transportiert wird, man denke auch an Frau Wagenknecht und ihren Mann Oskar. Unerträglich: Hier wird Moral einmal mehr instrumentalisiert im Sinne der Kapitalverwertung.
Das trifft in kleinerer Münze auch auf Klaus-Jürgen Bruder im Gespräch mit dem Internet-Forum »Transition News« zu, das unter der Überschrift »Freiheit muss jeden Tag neu erobert werden« stattfand. Dort sagte er unter anderem:
»Als ersten und wichtigsten Schritt müssen wir miteinander diskutieren. Damit meine ich keine Fernseh- oder Showdiskussionen, sondern tatsächliche Auseinandersetzungen in den Wohnblöcken, in den Häusern, in den Familien, in den Schulen, in den Betrieben und Unternehmen, einfach überall« (vgl. TrNews 2026/03/02).
Darauf antwortete ich in einer E-Mail, dass er hier lediglich einen leerlaufenden Appell transportiere, mit dem er voraussetzt, dass die Menschen in der Lage seien, zu diskutieren. Das seien sie – ich meine »nachweislich« – nicht. Und zwar vor allem aus dem genannten Grund, weil sie »ihre« Moral für gewöhnlich im Sinne eigener Bestandsinteressen oder Bestandsregungen instrumentalisieren. Das führt, um es mit Habermas zu sagen, zu die Realität verzerrenden Diskussionen, denen Habermas selbst aufsitzt, ohne es zu ahnen (vgl. E12 Witsch 2026/02/16); er familiäre oder subjektiv motivierte moralische Grundsätze verabsolutiert, um zu erreichen, dass sie in einem verobjektivierenden Sinne für alle gelten, als würden sie das gesellschaftliche Ganze repräsentieren können. Damit gibt er zu erkennen, dass das gesellschaftliche Ganze (Lebenswelt) wie ein große Familie aufgefasst werden kann, noch ohne, dass er davon überzeugt ist, dass dem so ist. In diesem Fall ahnt er nicht, dass sein Moralbegriff das nahelegt.
Habermas unterschlägt wie die meisten Menschen ferner, dass Kritik an den sozialen und ökonomischen Verhältnissen für einen Ausgegrenzten oder von Arbeit befreiten Menschen nur möglich ist, wenn er sich genau diesen Verhältnissen zu entziehen vermag. Er muss sich ihnen verweigern können, weil sie wirksam nur außerhalb derselben kritisiert werden können, Kritik innerhalb der Verhältnisse nur affirmativ denselben gegenüber möglich ist, das heißt, ohne diese in ihrem Bestand wirksam – nicht leerlaufend – zu berühren. Das hätte Habermas übrigens von Niklas Luhmann lernen können, den er vollkommen verständnislos kritisierte – ohne ihn recht zu verstehen wie es im »Ersten Gespräch vor der Kamera« heißt.
Das schließt ein: Diskussionen, die affirmativ den Bestand einer zu kritisierenden Struktur nicht berühren, führen zu nichts, schlimmer: sie bewirken das Gegenteil von dem, was man vorgibt zu wollen: für den Bürger etwas zu tun. In diesem Sinne liegt es nahe zu sagen: Menschen, die mental so disponiert sind, dass sie Strukturen lediglich affirmativ kritisieren, weil sie existentiell in selbige Strukturen involviert sind, auch weil sie sich zur Solidarität genötigt fühlen, können es nicht: eine Diskussion führen, die ihren Namen verdient.
Vergleichbar sieht es wie gesagt Niklas Luhmann. Seinem systemtheoretischen Verständnis zufolge kann ein Mensch (als System betrachtet) sich von innen heraus nicht oder doch nur affirmativ (ohne sich ändern zu wollen) kritisieren, sodass seine soziale Existenz, und damit die Struktur, in die er involviert, in ihrem Bestand nicht berührt wird.[10] Das heißt, die Analyse eines sozialen Sachverhalts (Luhmann spricht von »Beobachtung«)
»schließt die beobachtende Reflexion der Beobachtung ein, das heißt die Notwendigkeit der Metaebene einer differenziellen Differenz, die sich ergibt, wenn der Beobachter beobachtet wird. Denn das Beobachten selbst ist ein sozialer Sachverhalt und, wie alle sozialen Sachverhalte, der Beobachtung (Interpretation) zugänglich (…) und setzt seinerseits einen sprachgestützten interaktiven Kontext voraus, den der Beobachter freilich unterschlägt, da er laut Luhmann sich selbst beim Beobachten nicht beobachten kann. Er ist beim Beobachten das ausgeschlossene Dritte, das wie gesagt wiederum der Beobachtung durch einen weiteren Beobachter zugänglich ist« (zitiert nach Kap. 1.1, S. 5).
Dass Luhmann sich mit dieser Aussage im Regress verliert, sei hier dahingestellt. Wesentlich ist ihm, dass ein soziales System oder ein sozialer Sachverhalt, und das Subjekt kann als sozialer Sachverhalt aufgefasst werden, nur von außen kritisiert werden kann, das heißt kritisiert im Hinblick auf seinen Bestand: Sein oder Nichtsein. So fühlen es die meisten Menschen, wenn sie kritisiert werden: um Existenz oder Ehre gebracht, weil sie zu wenig Distanz haben zu dem, was sie machen.
Mit anderen Worten wird Kritik innerhalb des Systems an demselben nur geduldet, wenn jene Kritik das System (seine Repräsentanten) in seinem Bestand unversehrt lässt. Wir sehen das besonders gut in einer Zeit, in der der Kapitalismus seinen Zenit überschritten hat (Überproduktion, bzw. hoffnungslos übersättigte Märkte), sodass er sich selbst – seine Überproduktion – zerstören muss, um sich weiter reproduzieren zu können. Das gilt es mit allen Mitteln zu verdrängen, jedenfalls solange die Repräsentanten sich von »ihrem« System gut ernährt fühlen
Überfordert, den Verlierer in sich zu verarbeiten (nicht zu verdrängen oder zu verbergen)
Vorgänge der Selbstzerstörung gilt es natürlich zu verbergen oder zu verdrängen. So wie Habermas als analysierbarer Sachverhalt bestrebt ist, vor sich selbst zu verbergen, dass er lediglich zu einer die Realität verzerrenden Diskussion in der Lage ist.
Man kann auch sagen: Menschen zerstören für gewöhnlich ihre Strukturen – »ihre« Realität –, indem sie die Ursachen der Zerstörung selbst herbeiführen oder inszenieren. Dafür suchen und finden sie – krankhaft projizierend – regelmäßig bösartige Länder wie Russland, Iran, Venezuela, Nordkorea, die sich oft tatsächlich als böse zu erkennen geben; sodass es ein Leichtes ist, Kriege gegen sie zu begründen oder sie in Kriege zu verwickeln, indem man sie über Jahre in Konflikte (Stichwort: Nato-Osterweiterung) treibt, um jene Zerstörungen zu erklären – etwa in der Art: »Putin wars«.
Ja, und wer dem widerspricht, gilt als Gefährder und muss heute immer wahrscheinlicher mit massivsten Sanktionen rechnen. Wir nähern uns hier dem tieferen Grund, warum es Meinungsfreiheit nie »wirklich« gegeben hat. Weil Menschen krankhaft projizieren, schon immer: anderen verlogen vorwerfen, was und wie sie selbst sind, nämlich Gefährder, bzw. Zerstörer sozialer Strukturen. Seit der Coronakrise wird das in der Tat immer unverkennbarer. Indem Maße ertragen die Repräsentanten des Systems keine Kritik, etwa EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen mittlerweile vollkommen unverblümt. Sie will
»die totale Zensur. Zensur als notwendige Impfung gegen »falsche Meinungen« (KrNw 2026/02/21).
Geht’s noch verrückter? Menschen reagieren auf solche Verrücktheiten merkwürdig ruhig. Doch nicht etwa, weil sie spüren, dass sie mental gar nicht so anders disponiert sind als Ursula, zum Beispiel unser Widerständler Uli Gellermann? Oder Werner Rügemer, ein ehemaliger DKP-Knochen? Das bedeutete ich ihm in einem Beitrag für den Offenen Verteiler (OVn), den ich an Klaus-Jürgen Bruder richtete, der einen für mich fragwürdigen Beitrag von Werner Rügemer unkommentiert an die »Liebe Freunde der Neuen Gesellschaft für Psychologie« (NGfP) wie folgt weiterleitete.
»Ich leite Euch/Ihnen einen neuen Beitrag von Werner Rügemer zur Geschichte des Krieges gegen Russland mit bestem Dank an ihn weiter. Es ist eine beeindruckende Zusammenfassung von Rügemers bisherigen Forschungen zum Thema, die in ihrer komprimierten Form die große Linie der Entwicklung überzeugend nachzeichnen. Herzlichen Grüßen Klaus-Jürgen Bruder«.
Im Beitrag von Rügemer geht es zusammengefasst in deutscher Übersetzung um folgendes:
»Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion: Auch ein Stellvertreterkrieg für die USA:
Dieser Artikel argumentiert, dass die Vereinigten Staaten Adolf Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion als Stellvertreterkrieg zur Bekämpfung des Sozialismus nutzten. Während sie öffentlich Neutralität bewahrten und später zu Verbündeten wurden, unterstützten US-Kapitalisten ab den 1920er Jahren systematisch faschistische Regime in Europa – insbesondere Nazi-Deutschland – politisch, wirtschaftlich und technologisch. Große amerikanische Unternehmen wie Ford, General Motors, IBM und Standard Oil lieferten der Wehrmacht wichtige militärische Güter, Technologie und Finanzdienstleistungen und ermöglichten so Hitlers Blitzkriege und Vernichtungskrieg gegen die UdSSR. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die von der Wall Street dominiert wurde und als Hitlers Kriegsbank diente, erleichterte den Transfer von geraubtem Gold und Ressourcen und behielt während des gesamten Zweiten Weltkriegs ihre extraterritorialen Operationen bei. Die USA leisteten der Sowjetunion nach Stalingrad nur begrenzte Lend-Lease-Hilfe, wodurch sich die Eröffnung einer zweiten Front bis 1944 verzögerte. Nach dem Krieg schützten die USA Nazi-Kollaborateure und nutzten die BIZ weiterhin für die antikommunistische wirtschaftliche Umstrukturierung durch den Marshall-Plan, was zeigt, dass das primäre Ziel der USA nicht die Niederlage des Faschismus war, sondern die Zerstörung der Sowjetunion als Hauptfeind des Kapitalismus«.
Dazu fiel mir an Klaus-Jürgen Bruder sowie in Kopie an den OVn gerichtet das Folgende ein:
»Dazu möchte ich, lieber Klaus-Jürgen, vorläufig (kurz und bündig) das Folgende zu deiner weitergeleiteten E-Mail unten sagen:
Auf der Ebene der internationalen Beziehungen gibt es ganz gewiss extrem bösartige Stellvertreterkriege, fast alle Kriege lassen sich mehr oder wenig so einordnen. Ich nenne so etwas Missbrauch. Hier sind die USA ganz vorn dabei. Menschen neigen generell mehr oder weniger im Umgang miteinander dazu, sich zu missbrauchen; die einen mehr, die anderen weniger in Abhängigkeit davon, wie mächtig sie sind oder wie abhängig sie sich fühlen. Die einen gewinnen dabei, die andere verlieren (zur Ohnmacht verurteilt). Das ist bislang der Lauf des Weltgeschehens, allgegenwärtig auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens, im Großen wie im Kleinen. Ohne dass Menschen es für sich selbst erkennen oder wahrhaben wollen, dass sie mental so disponiert sind. Das hat strukturelle Gründe, das heißt, Menschen missbrauchen einander nicht von Natur aus. Denn die Zeit im Kapitalismus bringt es heute mehr denn je mit sich, dass wir erkennen können, dass wir missbrauchen dort, wo wir es erfolgreich vor anderen und vor uns selbst verbergen. Solange wir das – vollkommen verblödet – nicht erkennen, bleiben wir gefangen im Gut-Böse-Denken, in einer Analyse (sozialer und mentaler Strukturen), die ihren Namen nicht verdient.
Ich möchte mal behaupten, Herr Rügemer ist in dieser Zeit nicht angekommen. Für ihn gibt es den bösen Ami, der missbraucht, und das arme Opfer (Deutschland), das missbraucht wird (siehe Anhang). So schlimm das auch ist. Das einfach nur festzustellen, reicht nicht.
Um es mal etwas ungeschützt am aktuellen Beispiel zu benennen: wir müssen heute den Massenmord des israelischen Staates an den Palästinensern oder ihren Angriffskrieg gegen den Iran erklären können. Zu sagen, sie verteidigen sich, reicht bei weitem nicht. Ich meine, es spielt eine wesentliche Rolle, dass sie durch den Holocaust unvorstellbar grausam traumatisiert worden sind. Und heute den Palästinensern das antun, was ihnen damals durch die Nazis im Holocaust angetan worden ist.
Wir alle schleppen traumatisierende Erinnerungen mit uns herum, die, unverarbeitet, dazu führen, dass wir einander mehr oder weniger missbrauchen. Das bedeutet: Missbrauch zu beschreiben im Gegenstandsbezug, ist sehr wichtig, selbstverständlich auch zu verurteilen, nur fängt dann die eigentliche Forschungsarbeit (Analyse) erst an, zu der Werner Rügemer, seine Bücher und Texte lassen es für mich erkennen, weder geschult ist, noch ist er mental so disponiert, an dieser Stelle dazulernen zu wollen. Die Beweislast, das er will, liegt ausschließlich bei ihm selbst«.
Auf meine Kritik an Werner Rügemer entgegnete Klaus-Jürgen Bruder das Folgende:
»Lieber Franz, ich kann nicht feststellen, dass Werner Rügemer im Gut-Böse-Schema argumentiert. Er zeigt einfach auf, welche Akteure, Politiker usw. wie gehandelt haben. Er fragt nicht nach den psychologischen Gründen ihres Handelns, das ist wahrscheinlich die Analyse, die Du vermisst. Aber Rügemer beansprucht ja gar nicht, dass er diese von Dir vermisste Analyse liefern würde. Ich glaube, ich muss die Arbeit von Rügemer nicht verteidigen. Mich beeindruckt sie, weil er die Geschichte der Abhängigkeit der deutschen Politik von der Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus in beeindruckender Weise zeigt, wie sie bisher in diese Prägnanz noch nicht, jedenfalls meines Wissens, vorgelegt worden ist. Ich würde auch die psychologischen Mechanismen und Antworten auf diese Geschichte nicht zu deren Ursache verkehren. Mit herzlichen Grüßen Klaus-Jürgen«.
Darauf erwiderte ich das Folgende:
»Danke, lieber Klaus-Jürgen, für deinen Einwand. Habe das Problem mit Hannelore beim Frühstück etwas ausführlicher besprochen. Und möchte das Gespräch wie folgt zusammenfassen:
Missbrauch auf der politischen (internationalen) Beziehungsebene und privaten Ebene unterscheiden sich grundlegend. Auf der politischen Ebene ist er durchsichtiger und wird trotzdem kollektiv (vom angeblichen Opfer EU/Deutschland) gewünscht und erlitten aufgrund von Abhängigkeiten, die es auf der privaten Ebene viel dramatischer und unmittelbarer und für das Opfer oftmals viel weniger durchsichtig gibt, indes im intim-individuellen Kontext und nicht wie auf der internationalen Ebene im kollektiven Kontext. Ein entscheidender Unterschied.
Deutschland und die EU akzeptieren zurzeit kollektiv wie paralysiert die extrem missbräuchliche Abhängigkeit von den USA, noch ohne dabei irgendwelche ökonomischen Vorteile (von den USA) erwarten zu können. Mehr noch: Seit über 15 Jahren missbrauchen die USA die EU und Deutschland gegen die Russen aus einem einzigen Grund: die ökonomischen Beziehungen zu Russland und später, wenn Russland durch ist, zu China, zu zerstören[11], um ihre weltweite Dominanz zu wahren gegen den Rest der Welt, noch während sie so tun, als würden sie den Ukraine-Krieg (für die EU) beenden wollen.
Um es kurz zu sagen: Deutschland und die EU lassen sich missbrauchen ohne schein-seelische Entlastungen (Vorteile), wie sie im intimen Missbrauch erfühlt und gewünscht werden können: die geprügelte Frau, absurd, aber wahr, kehrt immer wieder zurück zu ihrem prügelnden Mann, der dafür auch unentwegt Besserung verspricht, so wie der verhaltensgestörte Trump verspricht, unter seiner Führung werde für die EU alles besser.
Außerdem missverstehst Du, wenn psychologische Mechanismen ins Spiel kommen, ich diese zugleich zur Ursache machen würde. Das Gegenteil ist der Fall, und seit Jahren wird das auch von Dir, lieber Klaus-Jürgen, nicht begriffen:
Psychologische Mechanismen bringe ich ins Spiel, um den Widerstand gegen die da oben stärker und nachhaltiger zu machen. Der leidet immer wieder; erodiert regelmäßig im Gegenstandsbezug: Ist eine Forderung durchgesetzt, wird das als Erfolg gefeiert und der Bürger kann dann einmal mehr aufatmen und das weitermachen, was er am liebsten tut: weiter schlafwandeln. Dass er das tut, erkläre ich nun weiß Gott nicht zur Ursache. Denn ich sage keineswegs, dass ein noch so nachhaltiger Widerstand gegen das herrschende System etwas bringt, zumal wenn die Menschen nicht begreifen, wie das System der Kapitalverwertung in sich – im Kern – funktioniert, nämlich sich selbst zerstört.
Und dann gibt es bei Rügemer nichts zu verteidigen: er ist halt Experte einer Analyse, die sich selbst kompromittiert, indem sie im Gegenstandsbezug verbleibt und deshalb sich zur Belanglosigkeit verurteilt. Dabei werte ich den Gegenstandsbezug – das heißt, Rügemers Beitrag – durchaus nicht gering. Die Analyse braucht ihn schließlich, damit es in ihr überhaupt um etwas geht«.
So gesehen ist eine Friedensbewegung wie zu Beginn der 1980er Jahren weit und breit nicht in Sicht. Menschen reagieren wie paralysiert: Sie denken, und das macht sie zu Mitläufern, wenn sie sich bewegen oder etwas sagen, was nicht passt, würden sie das Schlimmste herausbeschwören. Tatsächlich wollen sie – das flüstern ihnen ihre Bestandsregungen unentwegt, Schutz brauchend und suchend, zu – nur nicht zu den Ausgegrenzten gehören oder anders herum: sie wollen zu einer Gemeinschaft gehören, die es tatsächlich nicht gibt, dafür aber wie besessen in ihrem Kopf herumspukt. Deshalb sehen, hören und sagen sie lieber nichts. Sie möchten bis zum bitteren Ende, von dem sie irgendwann doch eingeholt werden, in Ruhe gelassen werden, allenfalls etwas hinter vorgehaltener Hand flüstern, tratschen. So wollen es die herrschenden Eliten. Nicht nur der Arme oder Arbeitslose soll sein Stimme nicht erheben, indem er sich einer Gemeinschaft – die nur als Wunsch in unseren Köpfen herumspukt – entzieht. Es ist schlimmer: schon der Leidende wird diskriminiert, wenn er sein Leidensdruck nicht wortlos in sich hineinschluckt, wenn er sich nicht zum Stillschweigen nötigen lässt, wenn er es nicht schafft, sich nach etwas zu sehnen, nach einer Gemeinschaft, die tatsächlich oder »real« unmöglich existieren kann in einer Welt wachsender sozialer und ökonomischer Unterschiede (Disparitäten). Das ist etwas, was die Herrschenden wollen. Mit Erfolg. Auch weil Menschen – unter anderem Philosophen wie Habermas, ich möchte ihn mal »bedeutend« nennen – mental so disponiert sind, dass sie sich nach etwas sehnen, Habermas hartnäckig nach Einheit (der EU) selbst dann, wenn um ihn herum alles zerfällt, die EU sich vereint zu einem Krieg gegen Russland positioniert. Vor diesem Hintergrund spuken Sehnsüchte nur noch sinnlos in uns herum, ja auch in meinem. Krank. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Indes könnte die Zeit nicht mehr fern sein, dass der Staat das, was ich hier schreibe, zu einem Straftatbestand erklärt. Daran arbeitet wie oben gesagt Ursula von der Leyen (KrNw 2026/02/21). Dann kommen Aufrufe wie auf der diesjährigen Berlinale (2026) gegen den Völkermord in Gaza auf den Zensur-Index. Allerdings wird schon im Vorfeld zu solchen Gesetzen dafür gesorgt, dass regelrechte Pogrom-Stimmungen gegen abweichende Meinungen aufgebaut werden[12], vornehmlich, wenn sie sich gegen den Staat Israel richten. Zurzeit gegen den Krieg, den Israel gerade zusammen mit den USA gegen den Iran führen.
Gegen solche Stimmungen wird irgendwann niemand mehr etwas ausrichten können, weder AfDler noch »Die Linke« noch sonstige Widerständler. Zumal die Zeiten, mit Aufrufen, Petitionen, Demonstrationen etwas zu bewirken, vorhersehbar vorbei sind. Nicht zuletzt, weil die Menschen in wachsendem Maße mental überfordert sind, widerständig, das heißt konflikt- oder beziehungsfähig, zu agieren.
Ähnlich sieht es Klaus-Jürgen Bruder: »Wir müssen einsehen, dass wir verloren haben«. Das wollen Widerständler wie Uli Gellermann oder Werner Rügemer nicht wahrhaben. Davon leben sie: dass sie den Verlierer in sich vor anderen wie vor sich selbst verbergen; überfordert ihn offen zu diskutieren, aus Gründen, die zu diskutieren die meisten Menschen mental überfordert sind, so es in (E12 Witsch 2026/02/16) heißt: überfordert, das Innenleben oder die Beziehungsebene in die Analyse sozialer und ökonomischer Strukturen einzubeziehen, und zwar nicht nur politisch-überfamiliäre, sondern auch intim-familiäre Strukturen. Exakt das wollen die meisten Menschen nicht.
Im Volksmund: sie schämen sich, wenn alles, mithin zu viel »Abgrund« oder Abgründiges auf den Tisch kommt, allerlei Dreck, der in uns herumspukt; zumal, wenn er dazu führt, dass es einem schlecht geht, ggf. Traumatisierungen zum Vorschein kommen in Begleitung negativer Gefühle, die zu verarbeiten oder zu ertragen wir nicht gelernt haben, sodass wir damit rechnen müssen, dass sie gegen den, der sich offenbart, zum Beispiel vor langer Zeit noch seine Homosexualität, ausgelegt werden.
Wie wir Traumatisierungen bannen oder verdrängen
Was musste Freud nicht alles verschweigen, um nicht ins Abseits zu geraten. Vielleicht ja die nicht so unwahrscheinliche sexuelle Beziehung zu seiner Schwägerin. Heute steht er und mit ihm die Psychoanalyse im Abseits, wie das Camilla Hildebrandt in einem Beitrag überzeugend beschreibt (Hildebrandt 2026/02/06). Dass hier gravierende mentale Störungen sich auftun können, habe ich (Witsch 2009, S. 20f) angedeutet in einem für meine Begriffe leicht zu übersehenden zentralen Satz, der da lautet:
»mir geht es schlecht, ich fühle mich verletzt; hier stimmt was nicht; hier muss was geschehen. Doch was und wie? Fragen über Fragen«.
Wie kommt es, dass die Bedeutung einfacher Sätze überlesen, nicht wahrgenommen oder nicht recht gewürdigt werden. Ich glaube, es ist die Folge einer überaus erfolgreichen Gehirnwäsche in Verbindung mit einer nie gekannten Verblödung sowie einer mit ihr verbundenen De-Sensibilisierung. Sie ist struktureller Natur und deshalb schichtübergreifend. Selbst so belesene Philosophen wie Habermas sind von ihr betroffen – schlimmer noch als einfache Bürger. Die sind ggf. lernfähig. Habermas nicht oder er tut so, wenn er sich betulich unterwürfig mit einfachen Studenten an einen Tisch setzt und sich herablässt, ihnen zuzuhören.
Mit seiner schwer verdaulichen (lesbaren) Philosophie sieht es nicht besser aus. Sie ist nicht reduzierbar auf einfach verstehbare Sätze wie dem oben zitierten (Witsch 2009, S. 20f); die mehr an Bedeutung enthalten können, als man ihnen auf der ersten Blick ansieht und die deshalb schnell weggelesen werden können, um am nächsten Tag wie eine beliebige Weisheit vergessen zu werden.
Ich möchte behaupten, Habermas und seinesgleichen würden das nicht verstehen. Einfachste soziale Sachverhalte werden grundsätzlich kompliziert formuliert, und abstrakt-komplex beschriebene Sachverhalte entziehen sich einer vereinfachenden Konkretion. Nicht unbedingt im Titel der Werke von Habermas. So repräsentieren Titel wie »Erkenntnis und Interesse« oder »Faktizität und Geltung« durchaus einfach verstehbare Gehalte, etwa dass Faktizitäten nicht unbedingt Geltung beanspruchen können oder Erkenntnisse das Interesse brauchen, um ausgelebt zu werden. Schaut man dann mühsam genug genauer in seine Werke hinein, dann stellt sich heraus: seine Philosophie ist schließlich und endlich auf Apelle reduzierbar: Schaffen wir Gemeinschaften, in der das bessere Argumente gewinnt und nicht Macht darüber entscheidet, was am Ende für richtig oder falsch gilt. Schön und gut, nur interessiert sich Habermas, ich sagte es schon in (E12 Witsch 2026/02/16), nicht für die materiellen Voraussetzungen, die notwendig sind, damit sich Menschen auf Augenhöhe begegnen können und damit nicht zuletzt ganz entscheidend sich auch die Verlierer (Arbeitslose) in Diskurse einbringen können. Das können sie solange nicht wie sie, und dazu äußert sich Habermas in 60 Jahren nicht, in eine extrem fragwürdige Solidarität hineingenötigt, etwa gezwungen werden, eine vom Staat angebotene Arbeit anzunehmen, andernfalls sie um ihre materielle Existenz fürchten müssten.
Wie gesagt, der oben zitierte Satz ist einfach, aber seine Bedeutung auch kaum hoch genug einzuschätzen in dem Augenblick, wo Fragen nach inneren Befindlichkeiten in die Analyse sozialer Strukturen sich einbezogen sehen. Sie geben Auskunft darüber, warum wir uns einbringen, sozial engagieren, denken, reden, schreiben, Kunstwerke etc. schaffen, indes mit einem Wehrmutstropfen versehen: für gewöhnlich zu schaffen aus einem falsch verstandenen oder unzureichenden Gesellschaftsbegriff heraus; weil wir zu etwas gehören wollen, muss Zusammengehörigkeit real existieren, darf so etwas wie Gemeinschaft, die Zugehörigkeit und Schutz gewährt, nicht nur in unserer Einbildung existieren, während wir gleichzeitig immer wieder erfahren, dass und wie unsere Beziehungen zerrinnen, sofern sie nicht streng institutionalisiert sind[13], so Habermas im Wissenschaftsbetrieb sich geborgen fühlen kann, um mögliche Traumatisierungen in sich zu bannen, die immer dann drohen, wiederbelebt zu werden, wenn Beziehungen erodieren oder sich ganz auflösen. Das müssen Menschen, die fest an Institutionen gebunden sind, nicht fühlen. So auch mein Sohn Manuel Wieczorek, der sich, wohl wahr, durch die Beziehung zu mir bedroht fühlen könnte. Dass dem so ist, muss er allerdings vor mir herablassend verdrängen oder entsorgen, aber auch vor anderen wie vor sich selbst verbergen; so wie wir es für gewöhnlich alle praktizieren, auch indem wir uns, ich sage es immer wieder, zu oft unreflektiert und wie auch immer moralisch motiviert abreagieren, die Moral für subjektive Zwecke instrumentalisierend.
Das in sich zu erkennen (fühlen) hat Habermas nicht nötig. Das zeigt er anders als mein Sohn, der sich offen an mir abreagiert, indem er sich betulich demütig im Gespräch mit Studenten gibt. Er, der doch nur wenig Zeit hat, nimmt sich Zeit, heißt es in einer Dokumentation über »Habermas«. Was mag er wohl denken, wenn andere ihn mit solchen Verlogenheiten konfrontieren. Zu befürchten steht: er denkt nicht viel darüber nach.
Natürlich – Menschen verwenden den Begriff der Traumatisierung, und weil sie ihn verwenden, glauben sie zu verstehen, wovon sie reden. Schließlich gibt es auffällige Verhaltensstörungen (Denkmuster), die den Begriff einer posttraumatischen Belastungsstörung als Folge traumatisierender Erfahrungen aus der Vergangenheit nahelegen, mit denen Menschen ihre soziale Umgebung auch schon mal in Angst und Schrecken versetzen. Das reflektieren Menschen, um Menschen mit solchen mentalen Störungen helfen zu können, freilich, um im gleichen Atemzug ihre eigenen, weniger auffälligen mentalen Störungen zu verdrängen oder, wenn’s hochkommt, kleinzureden, die auf Dauer nicht weniger geeignet sind, Beziehungen in die Auflösung zu treiben, wenn, wie es so schön heißt, den »Anfängen nicht gewehrt« wird.[14] Indem wir gewahren, dass wir – wie die Tiere – dazu neigen, unsere Beziehungen instinktiv und damit unreflektiert auszuleben, als seien sie uns in die Wiege gelegt. So dauerhaft oder ausschließlich leben zu wollen, ist der unscheinbare Anfang vom Ende, durch den hindurch wir in den Untergang rutschen, eben weil wir nicht gelernt haben, ein solches Fühlen und Denken als mental gestört einzuordnen, so in der Art: Instinkte auszuleben ist doch menschlich. Natürlich, alles ist irgendwie menschlich, freilich möglicherweise auch mental gestört im Kontext einer »Normalisierung der Störung«, die es erlaubt über Störungen hinwegzusehen, zum Beispiel wenn man Verlierer eines angeblichen Gemeinwesens bis aufs Blut sanktioniert, so etwas als gestört sich nicht zu erkennen gibt, weil die meisten Menschen das für richtig halten. Menschen können sich an jeden noch so abscheulichen Dreck gewöhnen; sie sind überfordert, ihre Störungen zu erkennen; sodass man sagen kann: die meisten zerstören Beziehungen, auch ihre eigenen, nicht vorsätzlich, wie im Halbkoma gedankenlos.
Was uns mit Massenmörder Adolf Eichmann verbindet: es ist die »Banalität des Bösen« (Hannah Arendt)
Viele zerstören soziale Beziehungen schon vorsätzlich, indem sie Konflikte auf eine Weise inszenieren oder zum Beispiel Kriege so deuten, dass sie sich einer Verarbeitung entziehen. In diesem Falle kann man, indem man sich verlogen dummstellt, von vorsätzlichen Bösartigkeiten sprechen, die es nahelegen, dass Menschen nicht als Menschen (selbst-) kritisch denken und handeln, sondern sich wie Tiere verhalten, und das tun sie exakt dann, wenn sie es nachdrücklich oder unverrückbar machen, sodass es bald kein Zurück mehr gibt, sie dann immer unmenschlicher werden ohne die geringste Versöhnungsbereitschaft, die uns auch mal innehalten lässt, um zu fragen: was mache ich hier eigentlich? Doch nicht irgendwann das, was die Nazis mit den Juden extrem grausam gemacht haben? Und wie es heute Juden, die den israelischen Staat regieren, mit den Palästinensern machen; und wie sie es heute zusammen mit den USA mit den iranischen Menschen machen, wenn sie den Iran mit Krieg überziehen. Der wird unentwegt schöngeredet, sodass wir ihn irgendwann gutheißen. Indirekt beschönigt mit Hilfe von Demonstrationen gegen das Mullah-Regime. Das tun viele, während sie zugleich beunruhigt tun. Etwa unsere Mainstreampresse und Bundesregierung, die es bis heute unterlassen, die offensichtliche Verlogenheit der US- und israelischen Politik als Verbrechen zu thematisieren. Das ist vorsätzlich bösartig.
Und es gibt Bösartigkeiten nicht zuletzt auch unter uns: im sozial-politischen Engagement wie in unseren intim-privaten Beziehungen. In privaten Beziehungen allerdings für gewöhnlich weit weniger durchsichtig, also weniger vorsätzlich; weil sie sich dort viel weniger zu erkennen geben als in überfamiliär-sozialen und politischen Auseinandersetzungen, wie gesagt im Modus einer »Normalisierung der Störung«.
Es ist schon lange nichts Besonderes mehr, wenn Menschen ihre Beziehungen beenden. Lebensabschnittspartner ist dafür ein geflügeltes Wort. Beziehungen werden beendet, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich erlebte es im Laufe meiner Lebensgeschichte immer wieder; heute nicht weniger grausam, abartig, wie oben angedeutet am Beispiel meines Schwagers Wolfgang Detel oder meines Sohnes Manuel Wieczorek. Das macht mich heute immer noch fassungslos. Menschen lieben sich über längere Zeit und lassen einander dann fallen wie eine heiße Kartoffel. Gedankenlos, als sei man nie etwas »wert« gewesen, moralisch also irgendwie motiviert. Schluss aus; »Unterhaltung beendet«, heißt es in der Masterarbeit meines Sohnes Manuel (Wieczorek 2009, S. 66).
Das, was er auf der Ebene der politischen Auseinandersetzung zurecht scharf kritisiert, macht er selbst im Hinblick auf seine Beziehung zu mir über bald sieben Jahre: kein Wort mehr mit mir reden wollen. Das wiederbelebt in mir Traumatisierungen aus der Vergangenheit, die ich seit meiner Kindheit immer wieder erlebt habe, frei nach Alice Millers Bücher »Drama des Begabten Kindes« oder »Du sollst nicht merken«, alles noch bevor ich eingeschult wurde.
Es ist in der Tat schwer, Traumatisierungen einzusehen, in sich selbst zu erkennen und später als Erwachsener nicht zu verbergen, geschweige denn mit anderen – kollektiv – kommunizieren zu können. Ich versuche es immer wieder, systematisch erst seit über 20 Jahren mit Hilfe meiner Frau Hannelore, und indem ich schreibe, damit es etwas Feststehendes gibt, was ich mit ihr und vielleicht auch mit anderen kommunizieren kann. Die meisten verweigern einen diesbezüglichen Diskurs mehr oder weniger, jedoch nie vollständig, sie oft nicht wissen, dass sie ihn hinter ihrem Rücken, also unbewusst, führen.
Ohne solche für gewöhnlich mehr oder weniger ziellose Unterhaltungen könnte ich das hier nicht schreiben, mehr noch: wären meine Bücher zur »Politisierung des Bürgers« nicht zustande gekommen, wäre ich nicht zu der Erkenntnis gekommen, dass wir das, was in der hohen Politik extrem sozialunverträglich läuft, in unseren intimen Beziehungen einüben. Darauf können sich die herrschenden Eliten verlassen.
Mittlerweile gerinnt es zu einem Gemeinplatz: wir transportieren mehr oder weniger vorsätzlich Bösartigkeiten, ausgelöst durch negative Gefühle in uns, die wir wegschlucken, das heißt zu wenig reflektiert abreagieren, bzw. im Sündenbock entsorgen, frei nach Hannah Arendt »gedankenlos«. Ich erwähne sie an dieser Stelle bewusst, weil sie den Begriff der Gedankenlosigkeit, namentlich den der »Banalität des Bösen« geprägt hat, nachdem sie den Massenmörder Adolf Eichmann im Prozess in Israel erlebt hat. Das heißt, sie verwendete einen Begriff (Gedankenlosigkeit), der uns in gewisser Weise mit dem Massenmörder Eichmann verbindet.
Doch was verbindet uns mit Eichmann konkret? Ich meine vor allem methodisch die folgende Denkfigur: er kann keine Reue zeigen, weil er Grausamkeiten gegen Juden gedankenlos begleitet, und zwar moralisch motiviert: er habe einen Eid auf Hitler geleistet. Mit diesem Eid schulde er ihm Gehorsam. Zuvor wurde ihm zwanzig Jahre lang beigebracht, dass Juden keine Menschen, dass sie unser Unglück seien; also dürfen und müssen sie wie Menschen nicht behandelt werden. Man müsse die hochwertigen Rassen vor ihnen schützen und das gehe nur, indem man sie umbringe. Abgesehen davon habe er eigentlich nichts gegen Juden.
Eine derartige Argumentation ist nicht mehr verstehbar vor dem Hintergrund des Holocausts. Ich schaue mir unentwegt Dokumentation über die Nazizeit an, lasse ihre Grausamkeit immer wieder über mich ergehen, und verstehe sie nicht, bin und bleibe einfach nur fassungslos und schaue in mich und ins Innenleben der Menschen hinein wie in ein dunkles Loch, ich nehme an, vollkommen traumatisiert, als würde ich massiv unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, die aus vergangenen Erlebnisschichten herrühren; es sind Störungen, die ich vor anderen verberge, indes vor mir selbst immer weniger verbergen kann. Und wenn ich sie nicht verberge, würde ich damit wahrscheinlich Menschen meiner Umgebung belasten. Also muss ich ganz vorsichtig vorgehen, bei einigen mehr, bei anderen, zum Beispiel bei Klaus-Jürgen Bruder weniger. Gegenüber meinem Sohn war ich vielleicht nicht vorsichtig genug.
Doch noch einmal: was verbindet uns mit Eichmann? Es ist die Art der Argumentation, die gestört ist, sozusagen argumentationstheoretisch gestört: Wir behandeln andere Menschen nicht als Mensch und begründen das moralisch. Wir hauen andere in die Pfanne und begründet das moralisch. Wir lassen in der Ukraine eine ganze Generation junger Soldaten über die Klinge springen und begründen das moralisch: für »Freiheit und Demokratie«, mithin für eine Gemeinschaft, die real nicht existiert, dafür aber umso ungebremster in unseren Köpfen herumspukt.
Und wir denken uns nichts dabei. Exakt das ist in der Nazi-Zeit – bei Eichmann – extrem grausam passiert. Dabei ist die Rede von der einzigartigen Schuld der Nazis im Gegenstandsbezug ja legitim, aber eben nicht mehr in dem Augenblick, wo die Beziehungsebene einbezogen wird, das heißt, wo die eigentliche Analyse, die Einbeziehung des Innenlebens, erst beginnt.
Um es ganz deutlich zu sagen: Kommt es nicht zu dieser eigentlichen Analyse, kann man, was die Entwicklung der Menschen betrifft, für nichts mehr garantieren. Sie rutschen unter bestimmten ungünstigen Umständen immer tiefer in unsägliche Grausamkeiten hinein und rechtfertigen sie auch vor allem – wie Eichmann – vor sich selbst bis zu einem Punkt, wo kein Mensch mehr sie versteht.
Ja, und bevor es dazu kommt, dass man grausame Menschen nicht mehr versteht, gilt es den »Anfängen zu wehren«, wie es im Untertitel zum Zweiten Teil zur »Kritik der Psychoanalyse im Kontext einer Psychoanalyse des alltäglichen Nahbereichs« heißt.
Protokoll der Erosion einer Beziehung
Und nun noch ein drittes Mal die Frage etwas anders gestellt: wie kann es angehen, dass ich in mir eine Verbindung zum Massenmörder Eichmann sehe? Ich glaube der Grund könnte darin liegen, dass ich es in Differenz zu ihm immer weniger schaffe, mich unreflektiert abzureagieren an Menschen, selbst wenn ich mich von ihnen tiefergehed verletzt fühle. Das hat mich in jungen Jahren, noch während ich zur Schule ging, in eine schwere Psychose getrieben, die ich heute nicht mehr befürchten muss, wenn man mich heute verletzt; zutiefst verletzt wie von meinem Sohn Manuel Wieczorek, für mich unfassbar, nicht zu verstehen, warum er absolut keinen Kontakt mehr zu mir will. Das letzte Lebenszeichen, eine E-Mail, die ich von ihm erhielt, die er sich nicht verkneifen konnte, lautete wie folgt (am 28.02.2026 19:03):
»Hallo Franz, ich fordere dich unmissverständlich auf, mich nicht mehr anzuschreiben oder in einer anderen Form zu kontaktieren, egal aus welchen Gründen. Ebenso fordere ich dich auf, mich aus Verteilern zu nehmen, sollte ich dort noch gespeichert sein. Ich habe deine Mailadresse nun gesperrt und bekomme weitere Mitteilungen nicht mehr mit. Die Geburtsurkunde kannst du dir selbst von der zuständigen Behörde in Hamburg zuschicken lassen; ich kann mir kaum vorstellen, dass du wirklich geglaubt hast, meine Kooperation dafür zu benötigen. Manuel«.
Eine bewusst bösartige Abreaktion, vollkommen überzogen. Warum dieser unbändige Hass? Ich verstehe ihn nicht. Es gibt Gründe, die er mir vor Jahren hat zukommen lassen, die allerdings aus meiner Sicht ein Ende der Beziehung in dieser Bösartigkeit nicht erwarten ließen. Als er sie vor acht Jahren abbrach, wollte ich Genaueres von ihm wissen. Abgelehnt. Ende der Unterhaltung. Für mich unerklärlich.
Es gibt vielleicht einen wesentlichen Grund, warum Erklärungen generell problematisch sind. Und zwar, weil sie in dem, was einer (im Gegenstandsbezug) sagt, nicht aufgehen: Menschen sagen etwas, weil sie sich auf der Beziehungsebene verunsichert fühlen, denken und sprechen und deshalb dazu neigen, eigentliche Gründe ihres Fühlens, Denkens und Sprechens, nämlich ihre Verunsicherung, zu verbergen, gewissermaßen zu überschreiben, bzw. zu verdecken, zu verdrängen, ohne zu ahnen, dass sie es tun; in etwa vergleichbar wie Klaus-Jürgen Bruder es gemeint haben könnte, als er im Vorwort von (Witsch 2013a, S. 8) auf die von Bourdieu geprägte Formel »Verstecken durch Zeigen« aufmerksam machte.[15]
Abgesehen davon können Erklärungen bestenfalls nur annäherungsweise erfolgen. Versuche muss es dennoch geben, indem ich, so gut es eben geht, im Gegenstandsbezug Erinnerungen festhalte oder protokolliere, auf die man sich in der Analyse beziehen kann, auch wenn sie über die Beziehung zu meinem Sohn zunächst kaum Tiefergehendes aussagen können, etwa warum es zum Ende der Beziehung gekommen ist. Hierzu kann ich folgende Aussagen zu Protokoll geben:
Am 23.12.2017 16:53 schrieb Manuel Wieczorek: »Hallo Franz, nach dem Telefonat eben ist mir noch klarer geworden, was ich eigentlich schon die ganze Zeit ahnte: seit ich selbst Vater bin, weiß ich, was das bedeutet: die Beziehung zu seinem Kind, die Rolle und die Gefühle die dabei eine Rolle spielen. Dazu hast du – da bist du sehr krank – keinen Zugang. Auch hier geht es nicht um Schuld; du wirst deine Geschichte haben, dass du so (geworden) bist. Allerdings habe ich nicht die Kraft in meinem Leben für einen Vater, der keiner ist. Deswegen möchte ich keinen Kontakt mehr mit dir – endgültig! Bitte berücksichtige das. Ich werde dir nicht mehr antworten und bitte dich, mich nicht mehr zu kontaktieren. Alles Gute für deinen Lebensabend. Ich hoffe wirklich, dass es dir einigermaßen gut gehen wird. Manuel«.
Ich antwortete auf die E-Mail wie folgt am 23.12.2017 18:30:
»Ganz schön kalt und blasiert, (…) Deine wenigen Zeilen. Zumal wie Du über psychisch Kranke (Katharina) redest (’beschissene Prognose‘) (…) Deine Reaktion wirkt mechanisch und angelernt. Ich finde das unmenschlich. Du hast nicht den blassesten Schimmer, wie es um mich, Hannelore und Katharina bestellt ist. Du interessierst Dich auch nicht sonderlich dafür, nachzuforschen, weil Du ja schon alles weißt und entsprechende Konsequenzen ziehst. Vielleicht denkst Du darüber nach. Nichts für ungut und einen letzten herzlichen Gruß. Franz«.
Kaum eine Stunde später ergänzte ich diese E-Mail um die folgenden Zeilen:
»Ich möchte mich einbeziehen und deshalb hinzufügen: Du redest und schreibst brutal verletzend auf eine Weise, als sei das ganz natürlich, dazu naiv, als könntest Du kein Wässerchen trüben (will mich doch nur schützen), eine Naivität, eines Erwachsenen unwürdig«.
Dazu sei weiter ergänzt, dass es, bevor es zu diesen E-Mails gekommen ist, zwei Telefongespräche gegeben hat. Im ersten Gespräch beschwerte sich Manuel darüber, dass ich zu einem Familientreffen am Gardasee nicht gekommen bin, obwohl er aufgrund dessen, dass ich ihn darüber informierte, zu diesem Treffen eingeladen war. Mir ging es einfach nicht gut genug, um rund tausend km zu fahren und über mehrere Tage diesem Treffen ausgesetzt zu sein, auf denen es immer nur um Laufstegpräsentationen ging. Das habe ihn verletzt. Ich versicherte ihm, dass es mir sehr leidgetan habe, ihn darüber nicht im Vorfeld informiert zu haben.
In diesem Zusammenhang erwähnte ich noch, das Hannelore und ich uns große Sorgen über die massive Drogensucht von Hannelores Tochter Katharina machten. Darauf fragte er sichtlich erregt, warum wir den Kontakt zu ihr immer noch nicht abgebrochen haben (Stichworte: Ko-Abhängigkeit, beschissene Prognose). Ich antwortete, dass uns das sehr schwerfalle, worauf er das Gespräch ungehalten beendete.
Kurz danach rief er mich noch einmal kurz an, um mir mitzuteilen, dass er keinen Kontakt mehr zu mir wolle, was er in der obigen E-Mail etwas ausführlicher begründete.
Rund drei Jahre später, am 26. Dez. 2020 17:33 bemühte ich mich um eine Wiederbelebung der Beziehung:
»Hallo, lieber Manu, habe versucht, Dich eben anzurufen in der Hoffnung, dass Du nicht gleich auflegst. Ich hoffe, dass Du es eines Tages schaffst, mich anzurufen oder anzumailen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum das eines Tages nicht doch wieder gehen soll. Ich finde es extrem hart, kein Wort mehr miteinander reden zu wollen. Kenne diese Einstellung noch von Deinem Onkel. Das war in der Zeit, bevor ich mit Dagmar, während sie mit Dir schwanger war, nach Hamburg zog, als er ähnlich hart mir gegenüber reagierte. Bleibt noch, Dir alle Gute zu wünschen. Liebe Grüße, immer noch Dein Franz«.
Manuel hat meinen Anruf nicht angenommen (gleich wieder aufgelegt) und auch auf die E-Mail nicht reagiert. Ich versuchte es vier Jahre später erneut am 10.02.25 10:28:
»Lieber Manu, ich glaube, es ist angemessen, wenn ich nach fünf Jahren wieder einen Versuch mache, dich anzuschreiben mit dem Ziel einer Versöhnung. Es ist ein Jammer, wenn das nicht möglich ist. Es gibt so viel zu reflektieren, was uns sehr wahrscheinlich beide weiterbringen könnte (…). Nun, mittlerweile kann ich meine Internet-Seite nicht mehr verändern, weil das Web-Design-Programm auf Windows 11 nicht mehr läuft. Es ist in der Zwischenzeit viel passiert, zum Beispiel die Entstehung eines neuen Verteilers, in dem es zuweilen lebendig und auch mal inspirierend zugeht. In der Hoffnung, dass das dein Interesse weckt, leite ich den letzten Beitrag[16] an dich weiter. Sowie eine Dokumentation der Beiträge im Anhang als PDF-Datei sowie Online bis zu dem Zeitpunkt, wo ich die Seite zuletzt ändern konnte. Du musst wissen, dass Du in mir immer präsent bleibst. Für mich ein Jammer, wenn wir nie wieder zueinanderfinden würden. Sagen auch einige Angehörige, zum Beispiel (meine Nichte) Claudia, die dich sehr mag und auch mal gern wiedersehen würde. Ganz liebe Grüße. Dein Franz«.
Auf diese E-Mail reagierte Manuel ein paar Tage später:
»Hallo Franz, danke für deine Anfrage. Mir geht es sehr gut; ich bin glücklich verheiratet, habe eine erfüllende Stelle als Berater und kümmere mich um meine Tochter. Ich bin nicht an einer Wiederbelebung unseres Kontaktes interessiert. Ich bitte dich, dies zu respektieren und mich auch wieder aus dem Verteiler zu nehmen. Ich wünsche dir alles Gute. LG Manuel«.
Vorgänge im Innenleben, die zu Bösartigkeiten bewegen können
Ich meine, die E-Mails von Manuel legen nahe, dass er mit mir extrem gedankenlos umgeht, und es dies, auch eine naheliegende Vermutung, nicht weniger mit anderen Menschen tun würde, so wenn er mir zu verstehen gibt, dass er ein rundum glückliches Leben führe. Das konnte der Nazi Rudolf Höß, Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, auf seinem Anwesen, gelegen neben dem Vernichtungslager, auch zusammen mit seiner Familie: Glück empfinden, noch während Geräusche der Verzweiflung der Lagerinsassen über die Mauer zum Familienanwesen hinüberhalten. Das brachte der Film »The Zone of Interest« mit Christian Friedel (Rudolf Höß) und Sandra Hüller (Hedwig Höß) auf bewegende Weise zum Ausdruck.
Ich höre schon den üblichen Einwand, ich würde unzulässige Vergleiche anstellen, welche die Nazi-Zeit verharmlosen würden. Er zieht nicht vor dem Hintergrund, dass das Innenleben normaler Bürger, so auch von Manuel und mir, mit dem eines Massenmörders durchaus vergleichbar ist.
Die Unvergleichbarkeit trifft uneingeschränkt lediglich im Gegenstandsbezug zu: Manuel ist kein Massenmörder, freilich ausgestattet mit einem Innenleben, das in seiner Substanz – auf der Beziehungsebene – vergleichbar »funktioniert« wie das des Massenmörders Eichmann. Dieser ist als ein solcher nicht geboren, aber eben doch über verschlungene Wege seiner Sozialisation das auf der Beziehungsebene geworden, was er ist. Ein Massenmörder. Das kann ihn aus heutiger Sicht nicht entlasten, etwa der Massenmord des israelischen Staates in Gaza. Einer solchen Verantwortung konnten Menschen während der Nazi-Zeit allerdings nur ungleich schwerer gerecht werden, zumal nach der Machtergreifung Hitlers, nachdem man das Kind hat in den Brunnen fallen lassen.
Exakt das kann uns heute auch blühen, wenn das Kind mittlerweile nicht schon im Brunnen liegt; wir also in Verhältnissen leben, aus denen heraus Widerstand gegen eine wachsende Rechtsradikalisierung sozialer Strukturen und damit gegen eine Entwicklung hin zu einem totalitären System vielleicht nicht mehr möglich ist. Dieser Widerstand hätte viel früher einsetzen müssen, und zwar nachhaltig und nicht nur während bestimmter Momente widerständiger Gesinnung, die von Gefühlen getragen werden wollen, die sich nicht halten, weil Gefühle frei nach Luhmann flüchtig (vgl. Kap. 1.1, S. 2 – 6) sind und genau deshalb immer wieder ausdünnen und damit auch der Gegenstand (Widerstand), auf den sie zeigen, sich auflöst. Und damit auch kritische Texte, Filme und Parolen verblassen, mit denen der Widerstand früher aufgewachsen war, sodass sich dieser beim besten Willen mit den üblichen Texten und Filmen nicht wiederbeleben lässt. Das könnte der Grund sein, warum wir den Kampf verloren haben, wie Klaus-Jürgen Bruder ganz richtig sagt: weil wir uns weigern, den Anfängen zu wehren zu einem Zeitpunkt, wo es noch nicht zu spät war. Weil Habermas, Manuel Wieczorek, Werner Rügemer, Uli Gellermann sich weigern, den Anfängen auf der Beziehungsebene zu wehren; sie nicht wissen, womit alles beginnt, um irgendwann ganz unvermeidlich bitter zu enden.
Nun, es beginnt damit, dass Menschen nur eingeschränkt – für ihr Familienglück – beziehungsfähig sind. So wie es Rudolf Höß zusammen mit seiner Frau für ihre Familie waren. Höß und seine Frau führten ein glückliches Familienleben, fanden es aber auch ganz normal, wenn jüdische Menschen nicht als Menschen galten, vielmehr als solche, die vergast und verbrannt gehörten, sowie Hexen und Ketzer ab dem späten Mittelalter auf den Scheiterhaufen gehörten. Für die damalige Zeit viel weniger als unmenschlich identifizierbar als heute, zumindest solange wir noch nicht in einer totalitären Diktatur leben, die sich allerdings anschickt, mehr und mehr sich auszubilden und damit spiegelbildlich auch in uns. Möglicherweise jetzt schon unumkehrbar. Es fängt damit an, dass ich für Manuel nur im Gegenstandsbezug als Mensch gelte (sozusagen der Form halber, so wie man der Form halber »guten Tag« sagt), – nicht auf der Beziehungsebene. Eine Entwicklung, die auch Massenmörder Höß in sich durchgemacht hat, bevor er dann zur Überzeugung gelangte, man müsse sich vor den Juden retten, indem man sie vergast. So weit sind wir noch nicht. Doch gelten schon jetzt junge Menschen aus der Ukraine als solche, die man gewissenlos als Kanonenfutter im Krieg gegen Russland verheizen kann – für eine Idee (Freiheit und Demokratie), die lediglich irreal in unserem Kopf herumspukt, die es geben muss, weil sie sich in Worte einkleiden lässt. Eine Katastrophe und Umkehr im Hinblick auf eine grausame Instrumentalisierung des Menschen möglicherweise jetzt schon ausgeschlossen ist, nicht zuletzt, weil es so furchtbare Journalisten wie Heribert Prantl von der SZ gibt, die ihre Zähne nicht auseinanderkriegen. Obwohl er es als Mitglied im Offenen Verteiler besser wissen könnte. Wie sagte Heiner Geißler frei nach Bert Brecht. Ach ja:
»Wer die Wahrheit nicht kennt, ist nur ein Dummkopf. Wer sie aber kennt, und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher«.
Ersetzt man »Lüge« durch »nicht ausspricht«, könnte man auf den Gedanken kommen, dass derjenige ein »Verbrecher« ist, der die Wahrheit nicht ausspricht, also von ihr nichts wissen will, namentlich von dem, was im eigenen Innenleben mit welchen Folgen auch für andere vor sich geht.
Ich möchte vorläufig noch in kleinerer Münze von »Bösartigkeit« sprechen, so etwa in der Art: man will die Wahrheit nicht kennen, indem man Beziehungen abbricht, anstatt sie zu kommunizieren. Das hat uns der Film »Wundkanal« von Thomas Harlan wunderbar gezeigt mit dem Ergebnis, dass er auf den Filmfestspielen zu Venedig (1985) einen Skandal auslöste, weil man es, ich meine bösartig, nicht ertrug, dass in der heutigen Gegenwart (und damit auch in uns) das Grausame der Vergangenheit begraben liegt (Witsch 2013a, S. 208), das nur der Pflege bedarf, um sich wieder brutalstmöglich zu entfalten.
Manuel hat nun alle vier Teile zur »Politisierung des Bürgers« gelesen, sogar für inspirierend befunden (siehe Nachwort zu seiner Masterarbeit), aber eben auch Wichtiges viel zu wenig, eigentlich gar nicht, verinnerlicht oder wieder verdrängt, um heute davon im Hinblick auf seine Beziehungs- und Konfliktfähigkeit (nicht nur für den damaligen Augenblick) profitieren zu können. In dieser Hinsicht hat er sich zum Kind zurückentwickelt, um sich gleichursprünglich in seiner Vaterfunktion zu gefallen.
Anmerkungen
[1] Zum Begriff eines Fühlens oder Denkens im »Modus psychischer Äquivalenz« vgl. Kap. 1.1, S. 2f: »Störfall oder das Zeichen will nichts mehr bedeuten«.
[2] So sieht es zum Beispiel Gerhard Mersmann in (KrNw 2026/03/07).
[3] In (Witsch 2012, Kap. 1.4.1, S. 81) heißt es: »Die Sprache klebt am Gegenstand«, ein Gedanke, den ich positivismuskritisch in (Kap. 5.1, S. 81 – 91: »Verdinglichung im »Modus psychischer Äquivalenz«) eingehender spezifiziere.
[4] Hanna Thiele glaubt (in OV244.6, S. 178), dass es so etwas wie das gesellschaftliche Ganze nicht gebe und hat, ohne das Geringste zu begreifen, in gewisser Weise Recht: es existiert als körperlich oder gegenständlich beschreibbare Entität tatsächlich nicht oder spukt nur als schöne, zuweilen sehnsüchtige Vorstellung (bisweilen nach sogenannten alternativen Lebensformen) in unserem Innenleben herum – in der fiktiven Überzeugung, die Gesellschaft könne so etwas wie eine große Familie sein. Dennoch kommen wir nicht drum herum, mit dem Ganzheitsbegriff zu arbeiten, freilich im Sinne eines beliebigen (abstrakten) Subjekts, das sich einem fiktiv-vorgestellten gesellschaftlichen Ganzen entziehen können muss, eben weil es nur als Phantom in den Köpfen der Menschen herumspukt; sogar in so klugen Köpfen wie dem von Jürgen Habermas (vgl. E12 Witsch 2026/02/16).
[5] Zur Kritik an Heideggers »Sein und Zeit« vgl. Witsch 2013a, S. 126 – 136.
[6] Das US-Präsident Donald Trump geradezu vorbildlich auslebt.
[7] Vgl. Witsch 2013, Kap. 1.7.2, S. 92: »Den Verlierer in sich entdecken (The King’s Speech)«.
[8] So sage ich es zum Ende des »Ersten Gesprächs vor der Kamera«, das ich mit Wilfried Kahrs führte.
[9] Gerhard Mersmann spricht von einem »Denkmodell unter Laborbedingungen«, das in Werk und Kopf von Habermas lediglich herumspukt, und das mit der Realität, wie sie viele Menschen heute immer mehr schmerzt, nichts zu tun hat (KrNw 2026/03/16). Davon, dass Menschen immer mehr leiden, scheint er so gut wie nichts mitbekommen zu haben. Warum auch die Hand schlagen, die ihn füttert? Schließlich hat er es sich im Wissenschaftsbetrieb gutgehen lassen können. Zu viel, um über so etwas – über sich selbst – nachzudenken?
[10] Was sich tatsächlich nicht vermeiden lässt: um die sozialen und ökonomischen Strukturen ist es tatsächlich immer weniger gut bestellt auf einer nach oben offenen Richterskala.
[11] Vgl. Stratfor 2015/02/03: In dem Video-Beitrag von George Friedman heißt es unter der Überschrift »US-Hauptziel war es immer, [ein] Bündnis Deutschland + Russland zu verhindern« einführend, O-Ton Friedman: »Das primäre Interesse der USA, wofür wir seit einem Jahrhundert die Kriege führen – Erster und Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg – waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Weil vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann, und unser Interesse war es immer, sicherzustellen, dass das nicht eintritt«.
[12] Etwa eine solche gegen Tilda Swinton, von der FAZ inszeniert (FAZ 2026/02/23).
[13] Zum Begriff einer »Institutionalisierung des menschlichen Gemüts« vgl. Kap. 13, S. 2 – 67.
[14] So der Untertitel (»Den Anfängen wehren«) des zweiten Bandes zur »Einführung der Kritik der Psychoanalyse …«.
[15] Im »Vierten Gespräch vor der Kamera« (ab Min. 20), das ich mit Wilfried Kahrs führte, gehe ich auf die Formel in gewisser Weise ein. Dort kritisiere ich, wie sie von Klaus-Jürgen in einer etwas veränderten Formulierung verwendet wurde. Er spricht von dem psychoanalytischen Prinzip »Verstecken durch Reden«, das für sich genommen, das heißt in verabsolutierter Form, in sich stimmig nicht verwendbar ist – Bullshit sei, so ich mich im Gespräch mit Wilfried ausdrückte. Man mag ja reden und damit etwas verbergen, wird indes von dem, was man verbirgt, also von der Realität, dem konfliktträchtig Realen, immer wieder eingeholt. Einfach weil das Reden ein sozialer Vorgang ist, der wie alle sozialen Sachverhalte mit sich selbst nicht identisch ist, es sei denn in einer verdinglichenden Verabsolutierung im »Modus psychischer Äquivalenz«, wie es in (Kap. 5.1, S. 8f) heißt; und damit als Motto eines Kongresses zur Überhöhung desselben prächtig geeignet, zumal wenn es sich einer Spezifizierung in einem umfassenderen Kontext nicht öffnet.
[16] Der Beitrag steht unter der Überschrift: »Was bedeuten Adorno und Habermas heute?« Re: Franz Witsch geht ausführlich auf den Beitrag (OV244.6) von Hanna Thiele ein, in dem sie die Existenz des gesellschaftlichen Ganzen leugnet.
Quellen
Baab, Patrick (2025/08/11). Der Frieden bleibt aus.
FAZ (2026/02/23). Politisierung der Berlinale: Der Preis der Scheinheiligkeit.
Hildebrandt, Camilla (2026/02/06). Autoritäre Gehorsamsbereitschaft.
KrNw (2026/02/21). Ursula von der Leyen will die totale Zensur. Zensur als notwendige Impfung gegen »falsche Meinungen«.
KrNw (2026/03/07). Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
KrNw (2026/03/16). Andenken an Jürgen Habermas. Eine öffentliche, intellektuelle Persönlichkeit. Quasi über Nacht waren alle Habermas.
RtDe (2026/03/08). Außenminister Wang Yi: China lehnt gemeinsame Weltherrschaft der Groß-mächte ab.
Stratfor (2015/02/03): US-Hauptziel seit einem Jahrhundert war Bündnis Russ-land und Deutschland zu verhindern. Von George Friedman.
TrNews (2026/03/02). Freiheit muss jeden Tag neu erobert werden.
Wieczorek, Manuel (2009). Die Ökonomisierung des Sozialen.
Witsch, Franz (2009). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Erster Teil: Begriff der Teilhabe. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2012). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013a). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Vierter Teil: Theorie der Gefühle. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2025/07/13). E1 Leerbegriffs-Psychoanalyse ohne Realitätsbezug. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/07/29). E2 Zirkelschluss-Analyse oder wie es die Psychoanalyse (Freud) schafft, den Realitätsbezug aufzulösen. QPress.de.
Witsch, Franz (2025/08/10). E3 Realitätsphobien, eingelassen in die Psychoanalyse sowie Sozialtheorien (Detel, Habermas, Bruder, etc.) generell. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/08/24). E4 Konfliktpositionen regressiv (realitätsphobisch) verarbeiten. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/09/11). E5 Mit Abreaktionen Zugehörigkeitsbedürfnisse ausleben. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/09/27). E6 Zum Begriff der Empathie in scharfer Abgrenzung zum Begriff des Mitleidens. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/10/06). E7 »Skotomisation« (Freud 1926, S. 86) oder wie Menschen ihre Existenz dystopisch verdunkeln. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/10/20). E8 Sozialtheorien als Totengräber des Sozialen. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/11/07). E9 Neigung zum strukturellen Desinteresse im Kontext einer »Institutionalisierung des menschlichen Gemüts«. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2025/12/01). E10 Menschen erzeugen in sich eine Verbindung zur Gesellschaft, die gestört ist. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz (2026/01/22). E11 Bürger transportieren in sich einen Gesellschaftsbegriff, durch den hindurch sie ihr eigenes Grab schaufeln.
Witsch, Franz (2026/02/16). E12 Zerstörung und Chaotisierung sozialer Strukturen. Verlag: QPress.de.
Witsch, Franz; Kahrs, Wilfried (2022/04/30). Erstes Gespräch vor der Kamera.
Witsch, Franz; Kahrs, Wilfried (2022/07/30). Viertes Gespräch vor der Kamera.

Worauf das hinaus läuft, was diese Leute predigen, sehen wir heute überall.
„Und so deute ich Politiker in der Tat allesamt mental auf das Massivste gestört“
Medien,Juristen wie Brosius-Gersdorf….. ebenso.
Europaweit:
England legalisiert Abtreibung bis zur Geburt.
Die Verknüpfung von Bauchspeicheldrüse und dem Gemütszustand stellt die gesamte Psychologie/Psychiatrie in Frage, siehe:
https://www.nature.com/articles/s41593-025-02040-y
Soviel zur trumpschen Aufhebung der Säkularisierung, denn dann können solche Gehirnforschungen per Gesetz unterbunden werden,d.h. wer Trump/AfD wählt darf sich zu Tode fressen und diejenigen Ungläubigen die das nicht mitmachen landen wie im Feudalismus auf dem Scheiterhaufen/Gaskammer