Dem Heinerhofbauern sein Knecht: Wie der Nowak Beni christlich geworden ist

Es ist sehr lange her, daß ich dem Heinerhofbauern seinem Knecht auf dem Berg oben einen Besuch abgestattet habe. Vor ein paar Tagen war es aber wieder so weit. Ich machte mich auf den beschwerlichen Weg in die Garage, um mit dem Automobil die anstrengende Bergstrecke hinauf zum Knecht zu bewältigen. Dort traf ich ihn unangemeldet in alter Frische an. Wo sonst hätte er auch sein sollen, wenn nicht auf dem Heinerhof?

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Dem Heinerhofbauern sein Knecht – Foto qpress

Dem Heinerhofbauern sein Knecht hat sich gefreut, als er mich erkannte. „Ja servus, alte Wursthaut, hast dich verlaufen?„, fragte er grinsend. „Was verschafft mir die Ehre?“ – Ich griff links und rechts in meine Jackentaschen und zückte aus jeder eine Flasche „Erdinger Weißbier“ wie John Wayne seine Colts.  Daß ich mir gedacht habe, es wär‘ einmal wieder an der Zeit, zusammen ein Bier zu trinken, antwortete ich mit freundlicher Miene. Der Knecht lächelte. „Setz‘ dich her, Erdinger, ich bringe die Weißbiergläser.“ Er schlurfte ins Haus. Ich setzte mich derweilen auf die Bank neben der Haustür. Herrliche Sicht bei klarer Bergluft.

Ich ließ meinen Blick schweifen. Es war alles wie immer. Dort die gackernden Hühner und der Misthaufen. Von drüben das gewohnte Gemecker der Bergziegen. Über den Berggipfeln jenseits des Tals der majestätisch durch die Lüfte gleitende Adler. Kosmisches Kuhglockengeläut. Nichts hatte sich verändert. Ich liebte es.

Der Knecht kam mit den Gläsern aus der Küche zurück und pflanzte sich neben mich auf die Sonnenbank. „Hat viel Aufregung gegeben im Dorf unten„, fing er unvermittelt zu erzählen an, während er die Flaschen öffnete. „Der Nowak Beni wollte putschen„. Das bernsteinfarbige Weißbier floß schaumig und verführerisch in die Gläser. Der Adler schwebte noch immer majestätisch über den Gipfeln. „Ums Haar wäre es ihm gelungen„, fuhr der Knecht fort. „Der Nowak-Putsch.“ – Das klang interessant. „Ein gescheiterter Putsch im Dorf unten?„, fragte ich zurück. „Und dem Nowak sein Beni ein Putschist?“ – “ Ja, und knapp ist es ausgegangen, aber gut„, erwiderte der Knecht mit erleichterter Stimme. Was denn genau passiert sei, wollte ich wissen.

Da müsse er ein wenig weiter ausholen, war die Antwort des Knechts, weil er nicht glaubt, daß ich die Geschichte des Nowakhofes kenne. In der Tat, die kannte ich nicht. „Nowakhof“ hatte ich aber schon immer für einen eigenartigen Hofnamen gehalten. Die anderen Höfe hießen entweder Oberhinterlechnerhof, Untervorderlechnerhof, Forelleneimerhof oder Forstjägerhof. Ganz normale Hofnamen.

„Nowakhof“ hingegen  hatte schon immer einen etwas polnischen Klang für mich. Ich sollte recht behalten. Der Vater vom Nowak Beni, dem Putschisten, erzählte der Knecht, war erst nach dem Krieg ins Dorf gekommen. Total abgemagert. Jude. Ursprünglich aus Polen. Den haben sie im Dorf unten mit Semmelknödeln, Schweinsbraten und drei Litern Doppelbock am Tag gesundgepflegt – und als er wieder auf der Höhe gewesen ist, war er ein stattliches Mannsbild geworden. Die grausliche Tochter vom Höhenrainerbauern, die Walburga, hat sich unsterblich in ihn verliebt – und weil sie eine gute Partie gewesen ist, hat ihr der Nowak auch ein Kompliment gemacht und in den Höhenrainerhof eingeheiratet. Der alte Höhenrainerbauer war außer sich. Kurz danach ist er bei einem tragischen Unglück ums Leben gekommen. Im Dorf unten erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand, daß der Nowak und seine grausliche Walburga den alten Höhenrainer in der Scheune vom dritten Heuboden aus in die Tiefe gestossen hätten, damit sie den Hof erbt und der Nowak der neue Höhenrainerhofbauer wird.

Keine Taufe

So kam es dann auch. Weil aber dem Nowak der Hofname nicht gefallen hat, änderte er ihn von Höhenrainerhof um in Nowakhof. Kurz danach ist der Beni zur Welt gekommen und alle haben sich gewundert, warum er nie getauft worden ist. Bald wusste das ganze Dorf, weshalb nicht. Weil der Beni ein Jude gewesen ist wie sein in der Scheune verblichener Vater. Damit war das geklärt und keiner verschwendete mehr einen Gedanken daran. Der Beni wuchs im Dorf unten auf wie die anderen Kinder auch.

Es war alles gar kein Problem, erzählte der Knecht, bis das mit dem Gemetzel im Gazastreifen angefangen hat. Weil dem Beni – und keiner weiß, warum – plötzlich eingefallen ist, daß er im Unterschied zu den anderen Dörflern ein Jude ist, der kein Mitleid zu haben braucht. Das ganze Dorf grämte sich aber angesichts des unbeschreiblichen Leids der Palästinenser. Besonders wegen der armen, unschuldigen Kinder. So viele Unschuldige dort.

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„Gaza“ – KI – Screenshot Facebook

Auf einmal hatte der Nowak Beni eine israelische Flagge vor dem ehemaligen Höhenrainerhof, dem heutigen Nowakhof. Tagsüber hatte er die Hoffenster und die Haustür offen und beschallte das Dorf in voller Lautstärke mit zionistischer Marschmusik. Seinen Hof hat er darüber vernachlässigt. Der Nowak Beni stolzierte stattdessen durchs Dorf und erklärte heute, daß ihm der Steinlechnerhof gehört, morgen, daß ihm der Stegbauernhof auch noch gehört – und zwar schon immer – und daß sich der Steinlechnerhofbauer und der Stegbauernhofbauer von seinem Grund und Boden verzupfen sollen, wenn ihnen ihr Leben lieb sei. Die Dörfler fragten sich, ob der Nowak Beni den Verstand verloren hat. Der fing auch noch zu randalieren an, warf dem Stegbauernhofbauern die Fensterscheiben ein und setzte dem Steinlechnerhofbauern einen Haufen vor die Haustür. Es dauerte nicht lange, bis sich die Dörfler am Stammtisch beim Unterwirt überlegten, ob sie dem Nowak Beni einmal eine „saubere Fotzn“ – eine heftige Abreibung also – verpassen sollten, damit er wieder in der Spur läuft. Eine Methode, die seit Generationen einwandfrei funktioniert hat.

Die Staatsmacht im Dorf

Davon hat dann die Pfarrerin Wind bekommen, so der Knecht, und schlug am Sonntag in der Kirche Alarm. Gewissenlose Dörfler beabsichtigten wohl, dem Nowak Beni, dem „Verwirrtesten unter unseren Brüdern„, eine „saubere Fotzn“ zu verpassen. Das jedoch sei Antidingsbumsismus und wer den Nowak Beni eine „saubere Fotzn“ verpasst, der sei kein anständiger Christenmensch. Weil der Nowak Beni ein Jude ist. Und einem Juden dürfe man grundsätzlich kein Härchen krümmen. Aus den allseits bekannten Gründen. Ob die Stammtischbrüder gar kein Gewissen hätten.

Und dann war guter Rat teuer„, seufzte der Knecht. Sogar im Kreisboten sei die Predigt der Pfarrerin abgedruckt worden. Das sei das Verheerendste gewesen. Wegen der Folgen. Der Staatsschutz sei ins Dorf eingerückt, gepanzerte Fahrzeuge, Hubschrauber, Megaphone, Maschinengewehre, Kampfstiefel, Schußwesten, Helme, Feldwegsperren, Dorfstraßenkontrollen, Ausgehbeschränkung, das ganze Programm. Alles, um den Nowak Beni vor einer „sauberen Fotzn“ zu schützen. Weil er ein Jude ist. Die Stammtischbrüder hatten Versammlungs- und Wirtshausverbot. Der Unterwirt wurde verhört. In den Nachrichten seien die Dörfler als die gräßlichsten Antidingsbumsiten von ganz Deutschland bezeichnet worden. Von einem Experten.

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„Die Staatsmacht im Dorf“ – Foto: Pixabay

Ich war baff. Solche Geschichten trugen sich also im Dorf unten zu, wenn ich nicht auf dem Heinerhof war? – Unglaublich.  Aber das bäuerliche Judendrama war natürlich noch nicht zu Ende, fuhr der Knecht fort. Die Stammtischler hatten sich nämlich etwas anderes überlegt. Weil sie dem Nowak Beni eine „saubere Fotzn“ verpassen wollten, und zwar unbedingt. Wenn jetzt der Putschist kein Jude wäre, überlegten sie, sondern ein Christ, dann könnte er ja auch eine „saubere Fotzn“ einstecken, ohne daß die Pfarrerin etwas zu kritisieren hat. Heimat, Tradition & Brauchtumspflege hätten schließlich auch ihre Berechtigung.

Die Lösung: Der Nowak-Beni musste zwangsgetauft werden. Überhaupt hätte sich viel Unheil verhindern lassen, sei man sich einig gewesen unter den Stammtischlern, so der Knecht, wenn man ihn bald nach der Geburt getauft hätte. Und seine „saubere Fotzn“ hätte er auch schon längst einkassiert, weil der Taufschein zugleich ein christlicher Fotznbezugsschein sei.

Jedenfalls haben sie den Nowak Beni unter dem Vorwand, mehrere Bauern hätten ihm ihre Höfe überschrieben und daß er nur den Empfang noch schriftlich bestätigen müsse, aus dem ehemaligen Höhenrainerhof herausgelockt. Die Empfangsbestätigungen seien auf den jeweiligen Höfen zu unterschreiben. Der Nowak Beni habe dann  seiner Schutzarmee durch Handzeichen zu verstehen gegeben, daß alles seine beste Ordnung habe, fuhr der Knecht fort,  und sei dann losgezogen, um seinen vermeintlichen Besitz in Empfang zu nehmen. Auf dem Weg haben ihn die Stammtischler dann abgefangen und höflich in einem Zuchtbecken des Forelleneimerhofes getauft, wo schon der Pfarrer aus dem benachbarten St. Tupfing wartete. Richtig eingetunkt hätten sie ihn im Forellenzuchtbecken. Dann sei er getauft gewesen. Der Nowak Beni war ab sofort ein Christ.

Und wie ihn die Stammtischler dann am Schopf wieder aus dem Becken herausgezogen hatten, haben sie ihm auch sofort eine „saubere Fotzn“ verpasst. Und was für eine. Damit es auch wirkt. Seither laufe der Nowak Beni wieder in der Spur. Seine Schutzarmee sei daraufhin auch wieder abgezogen. Kein Jude, keine Schutzarmee. Knapp sei es gewesen beim Nowak-Putsch unten im Dorf, aber gerade noch einmal gut ausgegangen.

Ende gut alles gut

Wir nahmen beide den letzten Schluck aus unseren Weißbiergläsern und seufzten simultan: „Daß es sowas gibt, das glaubt man nicht.“ Dann schauten wir schweigend auf die Berggipfel jenseits des Tals. Sie glühten in der Abendsonne. Noch immer schwebte majestätisch der Adler über ihnen. Ein Bild, das man nicht erfinden kann. So schön.

Dem Heinerhofbauern sein Knecht musste nun die gackernden Hühner und die meckernden Bergziegen füttern. Ich wollte ihn nicht länger von der Arbeit abhalten, wir verabschiedeten uns und ich fuhr die steile Bergstrecke vom Heinerhof wieder hinunter ins Tal. Friedlich lag unter mir das Dorf. Nicht auszudenken, es würde dem Nowak Beni ganz allein gehören. Wie gut, daß er christlich geworden ist.

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Über Max Erdinger 173 Artikel
Max Erdinger schrieb seit 2016 als freier Autor und Kolumnist täglich für "Journalistenwatch" und "Ansage". Er begreift sich als einen konservativen Freigeist, der sich nicht auf bestimmte "Narrative" festlegen läßt. Wichtig ist nicht, wer etwas sagt, sondern was jemand sagt.

9 Kommentare

  1. Die/das 10. Gebote/Begehrensverbot 2./5 Buch Moses:“ und nicht die Frau deines Nächsten begehren und du sollst nicht das Haus deines Nächsten verlangen, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.“——soviel zur christlichen Pflicht Trumps, Nethanyahu an seine Tora zu erinnern

  2. Der Europäische Gerichtshof hat die Regeln für sichere Herkunftsstaaten drastisch verschärft. Und Merz eine Nachricht an Palästina geschickt: kommt alle her.

    Europa finis.

    • Da die Bundesrepublik Deutschland kein Staat, also kein sicherer Staat, ebenso kein sicherer Herkunftstaat, ist, sondern ein besetztes Land, mit Wirtschaftsgebieten, verwaltet durch den Bund, müssen die Wirtschaftsflüchtlinge das Bundesgebiet SOFORT verlassen.
      Jawoll. Gruß Karl

  3. Hat der Autor beim Schreiben eventuell irgendetwas im Hinterkopf gehabt. Von wegen Zwangstaufe, meine ich. Zwangskonversion soll ja tatsächlich üblich sein bei einer gewissen Religion… .

  4. Die SPD will Palästina als Staat anerkennen damit sie nicht alle in Deutschland/EU Asyl beantragen—–soviel zur Kompatibilität der SPD mit der AfD oder etwa doch nicht, weil Trump das letzte Wort hat

    • … da Vota isch ned verblichn, des wor da Höhenrainerhofbauer und Grossvota. Aba wer woass? Vielleicht ischs doch an Unterländer gwesn.

  5. Wenn ich Fotznbezugsschein lese, dann weiß ich, Deutsch ist tatsächlich die Orgel unter den Sprachen. Danke.

  6. Die Propheten Gottes waren wirklich kluge Volkswirte, denn sie wussten, dass die Erdenwürmer ständig irgendwelchen Herausforderungen/Prüfungen ihrer Liebe zu Gott/Jesus/Glauben unterliegen und um ein Verzagen/Vermeiden/Selbstschutz zu verhindern, haben sie einfach eine „ertragbare“ Prüfung Gottes in Aussicht gestellt, siehe:

    „…Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, das ihr’s ertragen könnten.“1. Korinther 10,13

    Soviel zu den weltweit wohl dosierten Kriegen, damit die Gläubigen in ihrem Glauben nicht vorzeitig verzagen und zu den aufgeklärten Attheisten abwandern/überlaufen

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