Vom Tod des Subjekts
Im heutigen Lebenskontext wie im herrschenden sozialwissenschaftlichen Diskurs kommt dem Gefühl (des Subjekts) ein autonomer Status nicht zu in dem Sinne, dass es als eine verhandelbare Ressource zwischenmenschlicher Verständigung aufgefasst würde, um sich selbst tragende soziale Strukturen zu ermöglichen, so als sei die Autonomie des Gefühls mit dem Objektbezug des Gefühls nicht vereinbar. Man darf autonom eben nicht so verstehen, als seien Gefühle aus sich selbst heraus verstehbar. Das sind sie nicht; das trifft auch auf Befindlichkeiten und Stimmungslagen (feeling) zu; auch sie verweisen auf Gegenstände außerhalb ihrer selbst; dagegen offenbaren Schleiermachers Reden über die Religion eine Geisteshaltung (Mentalität), die als Gefühlsdisposition im Innen angesiedelt ist und, absurd, aber wahr, ausschließlich nach innen gerichtet sein will; als seien Gefühle aus sich selbst heraus verstehbar. Natürlich, sie lassen sich einordnen: sie sind mehr oder weniger gut. Selbst schlechte Stimmungen sind in sich selbst verliebt. Auch sie wollen um ihrer selbst willen geliebt werden. Vergeblich. Liebe, als Stimmungslage aufgefasst, erfordert Außenbezug, auch wenn sie, wie ich mit Proust meine, zuallererst narzisstisch – Selbstliebe – sein mag (Witsch 2009, S. 193f), was freilich den Objektbezug einschließt (aaO, S. 25f), das heißt, zu einem Gegenstand, der vom Gefühl (der Liebe) besetzt wird. Auch Stimmungen sind von Absichten kontaminiert; sie möchten mitteilen und überzeugen, dazugehören. Sie brauchen das Objekt der Liebe, ob sie wollen oder nicht. Insofern verstummt das Subjekt nie vollständig in sich selbst.
Selbst die selbstzerstörerisch nach innen gerichtete Melancholie kennt Impulse (Absichten), die sich in soziale Strukturen ergießen, um diese allerdings melancholisch zu befärben, als könne es ein verallgemeinerbares Lebensziel sein, sich dem Leben zu verweigern. Diese Stimmungslage einer latenten Verweigerungshaltung dem Leben gegenüber demonstriert die Melancholikerin Justine (Kirsten Dunst) im Film Melancholia auf eindrucksvolle Weise; sie kann ihrer opulent-berauschenden Hochzeit innerlich nur wenig abgewinnen, viel weniger als es ihr innig sie liebender Ehemann Michael (Alexander Skarsagard) vermag, und entzieht sich dem Fest, wenn sich die Gelegenheit ergibt; so bringt sie ihren Neffen ins Bett, liest ihm eine Gutenachtgeschichte vor und schläft zusammen mit ihm ein, selbstvergessen, die Hochzeitsgäste ignorierend, ohne bösartige Absicht. Auch wenn auf diesem Fest Gefühle sich noch unvereinbar begegnen sollen, vor allem bei dem sich liebenden Brautpaar. Doch vorerst machen sich alle aufrichtig Sorgen. Bräutigam Michael und Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) bemühen sich liebevoll um Justine; sie suchen sie; beide wissen um ihre Melancholie und wollen helfen, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Doch wie ein Gefühl verhandeln, das vornehmlich nach Innen gekehrt ist? Justine versucht einen konstruktiven Bezug zu einem Außen immer wieder zu finden; es gelingt ihr aber nicht wirklich. Der Melancholiker will vielleicht doch nicht immer nur nach innen gekehrt agieren; er sucht den Kontakt nur eben nicht auf die gleiche Weise wie der realitätstüchtige Nicht-Melancholiker, der sich mit der äußeren Welt im Reinen fühlt, so wie Michael, der von Justines Stimmung zwar nicht unberührt bleibt, aber sich nicht anstecken lässt; er erträgt es nur schwer, dass seine geliebte Justine mit der Welt: seiner Welt, nicht im Reinen ist. Also neigt er dazu, wenn’s schwierig wird, sie wie eine Kranke zu behandeln, ohne zu gewahren, dass die Kranke mit ihrer sogenannten Krankheit vielleicht nur auf eine krank danieder liegende und vollständig bedrohte Welt reagiert, denn siehe da, der Planet Melancholia, zehnmal größer als die Erde, rast auf die Erde zu und keiner will es wahr haben; Claire hat davon gehört, aber ihr Mann John (Kiefer Sutherland) versichert ihr, es gäbe Berechnungen, denen man vertrauen könne; sie beweisen, dass Melancholia die Erde unmöglich treffen könne. Er wird die Wahrheit so lange es irgend geht vor der Realität verbergen. Vergeblich. Die Unruhe der Pferde in den Stallungen sprechen eine andere Sprache, wie Justine, die vom heranrasenden Planeten nichts weiß, – aber vielleicht doch schon reagiert?, angemessener als es der realitätstüchtige Rationalist vermag?
Wie dem auch sei; Michael glaubt die geeigneten Mittel zu kennen, um seine zukünftige Frau Justine aus ihrer Melancholie zu erlösen, während Claire, ihre Schwester, Justine zwar auch für krank und hilfebedürftig hält, aber anders als Michael weiß, dass sie mit ihrer Krankheit leben muss, um nicht zu sagen: Claire weiß, dass sie Justine zusammen mit ihrer Melancholie lieben können muss, wenn sie sie überhaupt lieben will; anders als ihr zukünftiger Ehemann Michael; er liebt sie, nimmt sie aber nicht ernst; er möchte sie erlösen, unbedingt, zwanghaft. Er sieht die Erlösung, de facto ein feindlicher Angriff gegen die Stimmung, in seiner Person verborgen, in seiner Liebe, die Berge versetzt, wie er glaubt, die er, wie Schleiermacher das religiöse Gefühl, ganz tief in seinem Inneren verspürt, als tief empfundenes Gefühl der Liebe zu Justine, das er ihrer Liebe freilich appliziert, ohne zu ahnen, was er mit dieser Geisteshaltung (einen Menschen zu programmieren) anrichtet: er verurteilt seine Liebe, weil unverhandelbar wie die Melancholie, dazu, Phantasie zu bleiben, also dem Innen nicht zu entrinnen, wiewohl seine Liebe auf einen Gegenstand verweist, den er aber mit seiner Liebe identifiziert (Identität von Innen und Außen =>Außen als bloße Phantasie), sodass der Gegenstand der Liebe sich der Eigenschaft, verhandelbar zu sein, entzieht.
Weil das so ist, darf Justines Art zu lieben keine Rolle spielen; denn sie gefährdet mit ihrer Art zu lieben Michaels Art zu lieben; es begegnen sich unverhandelbare Gefühle, die einander ausschließen, aufeinander zurasen, wie der Planet Melancholia auf die Erde, um sie zu verschlingen.
Die andere Art zu lieben wird als Bedrohung empfunden. Vor allem Michael sieht das ganz klar, auch wenn er sich von der anziehenden Justine bezaubern lässt und die Annäherung sucht, mit der er freilich, anders als Justine, zugleich erlösen will – eine Form von Abwehr des Anders- und Fremdartigen. Justine soll sein wie er. Der Unterschied zwischen den beiden Arten zu lieben besteht darin, wie sie den Außenbezug generieren. Die Melancholie fühlt sich, weil weltverneinend, gegenüber dem Nicht-Melancholiker, der sich mit der Welt im Reinen fühlt, in der Defensive (dies nicht, jenes nicht, am liebsten nichts), ist aber weit entfernt, den Nicht-Melancholiker von seiner Welt, die er liebt, zu erlösen. Das wäre zu viel Realitätsbezug. Das ist gegen unsere Welt gerichtet, zwanglos, einem Außenbezug nicht grundsätzlich abgeneigt, und deshalb zutiefst human, weil immerzu versöhnungsbereit.
Die Melancholie will zwar nicht erlösen, aber doch befärben, einen Ton hineinbringen, der sich, natürlich, mit dem des Nicht-Melancholikers vermischen würde, ohne dass die Melancholie es bewusst beabsichtigt. Die Melancholie hat Ansichten, aber beabsichtigt nichts. Sie hat Kontakt, aber sie sucht ihn nicht zwanghaft. Während der Nicht-Melancholiker nicht davon lassen will, den Melancholiker zu erlösen, indem er überfärbt, überschreibt, appliziert, programmiert, abrichtet. Eine Erlösung, die er in seiner Person ansiedelt; die Person erlöst, weil sie sich überlegen: mit der Realität im Reinen, fühlt; das Reine soll der geliebten Person appliziert werden; sie soll realitätstüchtig umprogrammiert werden, kurzschlüssig. Die eine Person soll werden, bzw. fühlen wie die andere, als gäbe es tatsächlich einen unmittelbaren Ich-Du-Bezug (Witsch 2013, S. 25f, 51), so etwas wie einen Verschmelzungsvorgang zwischen zwei Menschen in der Liebe.
Die Kurzschluss-Methode wird aus der Bestandsregung heraus generiert; sie liegt, verbunden mit stark und authentisch empfundenen Liebesgefühlen, tief in Michaels Person vergraben; diese Gefühle gräbt er aus und verwandelt sie mithilfe seiner Liebesfähigkeit in liebevolle Blicke und Gesten, die er auf seine Geliebte richtet, um sie in einen siebten Himmel zu versetzen; er, der Realitätstüchtige, setzt ganz auf das Gefühl, freilich indem er es zugleich verleugnet oder abspaltet, weit entfernt, es als verhandelbar zu begreifen. Dadurch vermag Michael seine zukünftige Frau Justine wahrhaftig und authentisch anzuschauen.
Hier zeigt sich, dass der Rationalisierungswahn liebesfähig ist. Ein Objektbezug, der sich indes an der Realität nicht bricht. Jedenfalls kann Michael seine Justine zunächst beruhigen und, mehr noch, dazu bringen, dass ihre Melancholie so etwas wie einen Bezug zur äußeren Welt sucht: Justine lässt sich auf die äußere Welt, auf Michael, ein. Aber nur bis zu dem Zeitpunkt, wo sich sein Liebesgefühl in einen durch körperliche Berührungen angestachelten lüstern-euphorischen Blick verwandelt. Er wähnt seine Sexualität, pure Körperlichkeit, als die Erlösung. Sie verlässt den Innenraum unmittelbar praxiswirksam, um Realitätsbezüge zu programmieren; der lüsterne Blick verselbständigt sich dabei; er fordert Ergebnisse: Sex ohne Verzug, weil er sich als die Erlösung weiß. Doch wird die Verbindung der Realität zum Innenleben der Liebe überdehnt und zerreißt; der Kontakt zum Innenleben des Gegenüber geht verloren. Der Gegenstand (der Liebe): der lüstern-fordernde Blick, entzieht sich der Kommunikation. Er ist nicht verhandlungsfähig, wiewohl er sich (im Sex) gegenständlich präsentiert.
Nicht nur dass Michael, welch eine Anmaßung, nicht nur nicht zu erlösen vermag, im Gegenteil, er (und nicht Justine) führt den Bruch zwischen Justines Melancholie und seiner Art, realitätstüchtig zu lieben, herbei. Solche Brüche, treten sie nur oft genug auf, sind vermutlich dazu angetan, psychotische Symptome zu befördern, vielleicht auszulösen, so dass der Melancholiker in eine Welt versinkt, die der liebeskranke Michael nun nicht mehr versteht, wenn man überhaupt von verstehen sprechen kann; man muss wohl eher von akzeptieren sprechen, was nicht bedeutet, dass man etwas, was in der Welt der Fall ist, tatsächlich und erschöpfend verstehen würde; im Sinne von erklären können. Gar nichts ist erklärbar; nur akzeptierbar; der Liebe zugänglich, gerade weil man akzeptiert, ohne erschöpfend zu erklären. Nunmehr kann Michael nicht mehr verstehen, was für ihn freilich bedeutet: er kann nicht akzeptieren. Dann darf das liebeskranke Realitätsprinzip, das immer schon alles weiß, bevor es auf etwas stößt, auch mal traurig sein und sagen: tragisch, aber er, Michael, habe es immer schon gewusst und nie wahrhaben wollen, dass Justine nicht zu ihm passe. Das sagt er jetzt noch nicht; aber er wird es bald sagen, ohne jetzt schon zu wissen, dass er es sagen wird.
So lange Justines Verhaltensauffälligkeiten sich im gewohnten Rahmen bewegen, mag sich der anpassungstüchtige Michael nur fragen und, weil weder erklärbar noch verstehbar, nicht akzeptieren, wieso seine geliebte Justine sich gegen seine sexuellen Bedürfnisse wehre, wo er es doch gut meine und das mache, was jeder normale Mensch mache. Liebe in der Hochzeitsnacht. Nur dass er nicht versteht, dass die Melancholie durch Sex nicht erlöst werden, sich mit der normalen Welt nicht gemein machen möchte: noch dazu durch einen Sex, der sich der melancholischen Stimmung gegenüber verselbständigt, während der Sex zur Allerwelts-Stimmung des Nicht-Melancholikers völlig unproblematisch dazu gehört. Der Realitätstüchtige kann sich nicht vorstellen, dass man jemanden lieben kann, ohne Sex haben zu wollen. Dabei müssen Sex und Liebe gar nichts miteinander zu tun haben. Der eine giert; der andere will nicht. Na und? Geht nicht, sagt die Regel: Liebende machen Sex; etwas anderes versteht oder besser: akzeptiert die Regel nicht; so spricht der Machtbesessene; der bis hin zum Missbrauch instrumentalisiert, sexuell nötigt und es noch gut meint, sich ggf. ungerecht behandelt fühlt, wenn man ihm Missbrauch vorwirft.
In dieser Perspektive ist es falsch zu sagen, dem, der nötigt, ginge es nur um Macht und nicht um wirkliche Gefühle; sie vermögen sich nur zu verwandeln in der Verschiebung des Gefühls im Objektbezug. Das bedeutet, auch der Machtbesessene vermag zu lieben, zu fühlen, zu verführen, feinfühlig zu sein, nur dass er eben den Außenbezug der Liebe, den verhandelbaren Gegenstand, verwandelt in einen Gegenstand der Verheißung (im siebten Himmel), und ihn dergestalt für vollkommen unproblematisch hält, weit entfernt, den Gegenstand seines Gefühls für einen wirklichen Gegenstand zu halten, den man verhandelt im Interesse einer strukturbildenden und daher sozialverträglichen Liebe.
Und weil es nichts zu verhandeln gibt im siebten Himmel, der alles unproblematisch so sieht, wie es sein muss: nämlich regelgerecht, ist der Bruch unausweichlich. Er wird von der Regel – nicht von der Störung: der Abweichung von der Regel – sozial-unverträglich in die Welt gesetzt, regelrecht inszeniert (Putin, zum ewigen Feind des Westens), möglichst hinterm Rücken der Beteiligten, damit diese sich am Ende alle einig sind gegen die Störung, auf dass sie möglichst geräuschlos entsorgt werde.
Zuweilen lassen sich Geräusche nicht vermeiden. Dann nimmt man sie in Kauf. Schlimmer: der machtbesessene Politiker möchte, so steht zu befürchten, dass Autos und Banken brennen, Kriege geführt werden, um sich als Feuerwehr aufzuspielen. Er ist es, der den Brand legt, um ihn mit martialischen Gesten zu löschen.
Ausgangspunkt der Misere ist die Art zu lieben oder mit Gefühlen im Projektionsmodus umzugehen; zu sagen, ich will heißt nie, dass der andere in gleicher Weise will oder überhaupt will. Und verstehen heißt nicht übereinstimmen. Das macht Verhandlungen oder Verständigung zwingend – immer wieder über gleiche Gegenstände. Was heute wahr ist, ist am nächsten Tag anders, vielleicht gar nicht mehr wahr. So hat man früher nicht gedacht, vielleicht nicht denken können, verbunden mit einer bestimmten Lebensweise, orientiert an universalen Wahrheiten, die das Regulative verbürgten. Das ist heute nicht mehr möglich. Universale Wahrheiten helfen nicht mehr weiter, um soziale Strukturen ausbilden zu können, die sich selber zu tragen vermögen, vorausgesetzt, Kommunikation wird nicht verweigert, zum Beispiel, indem man einen Bruch in der eben beschriebenen Weise inszeniert.
Ein Gefühl verhandeln? Niemals. Das wäre ein Sakrileg gegenüber dem Gefühl, das Schleiermacher in seinen Reden über die Religion mit einem religiösen Gefühl – dem Gefühl der Gefühle – identifiziert, mit dem Glauben nicht an Gott, sondern dem Glauben an das Religiöse schlechthin. Damit macht er das Gefühl unangreifbar, unverhandelbar. Verhandelt zu werden lässt sich ein Gefühl nicht gern bieten. In diesem Sinne hat Michael sich für Justine nicht interessiert und daher ihre Gesten und ihr Abwehrverhalten nicht zu verstehen (zu akzeptieren) vermocht, weil er ihre Welt, sich der herrschenden Welt zu verweigern, nicht akzeptiert. Er liebt ihre sexuelle Ausstrahlung, was legitim wäre, wenn er die Liebe nicht auf Ausstrahlung, mithin Gesten, die für pure Gefühle stehen, reduzieren würde, was er macht, wenn er glaubt, mit seinem Sex: seiner sexuellen Ausstrahlung und Praxis, von Störungen – falschen Gefühlen – zu erlösen, bzw. Justine dazu zu bringen, über (seinen) Sex in die Welt zurückzufinden, nur um nicht mit ihrer Störung leben zu müssen; gar sich von ihr befärben zu lassen; das bedrohte seine Realitätstüchtigkeit, seine Leistungsfähigkeit; dabei wäre eine kleine Geste der Zugehörigkeit, eine bloße Umarmung, vermutlich angemessen; aber schon diese Zurückhaltung wird als Bedrohung empfunden. Nicht der Sex ist das Problem, sondern dass er, und damit Erlösung, abverlangt wird, erträgt Justines Grundstimmung nicht, die sich gar nicht gegen Personen als solche, ja noch nicht einmal gegen ihre Hochzeit richtet, sondern nur gegen Menschen, die sie aus ihrer Grundstimmung herausreißen wollen, ob nun mit Sex oder anders, ist gleichgültig. Die Grundstimmung möchte vor allem eines nicht: erlöst werden.
Befreiung von der Melancholie? Unmöglich. Zumal die Welt um sie herum sie nicht erträgt, nicht erträgt, dass Verweigerungshaltungen (aus)gelebt werden. Dennoch hätte eine kleine (körperliche) Geste vermutlich gereicht, nicht um von der Störung zu erlösen, aber um den vollständigen Bruch der Störung mit der Welt zu verhindern, Justine in der Realität mit ihren anmaßenden Regeln und Konventionen zu halten, die den Einzelnen, selbst den angepasstesten Nicht-Melancholiker, überfordern; in einer Welt, in der die Störung, sprich: Weltverweigerung, zum Leidwesen der Störung nicht gut gelitten ist.
Es mag absurd klingen, aber die Regelwidrigkeit möchte von der Regel anerkannt werden, dafür lässt sich die Regelwidrigkeit auf die Regel ein, aber nicht umgekehrt: die Regel lässt sich nicht auf die Regelwidrigkeit ein. Die Regel denkt kurzschlüssig, anti-strukturell, strukturell desinteressiert (Witsch 2013, S. 160f) Sie begreift nicht, dass es den vollständigen Weltentzug, die einsame Existenz, nicht gibt, und führt ihn, den Bruch, herbei, um am Ende Recht zu behalten. Also werden Autos, Banken, ja ganze Städte brennen, Kriege inszeniert, weil die Regel es will: eine Welt-Verneinung der schlimmsten Sorte.
Vertun wir uns nicht. Die Melancholie (die Störung, das Unwägbare, das Regelwidrige) ist in die Welt durchschaubarer, regelgerechter Intentionalitäten und Zwecke eingelassen, allerdings zum Leidwesen der Regel. Das bedeutet, Intentionalitäten und Zwecke mögen, noch viel mehr als Sinn oder (Grund-) Stimmungen, über den Regelbegriff eindeutig identifizierbar sein, aber diese Eindeutigkeiten gehören ins Reich der Vorstellung, die sich an der Praxis brechen, spätestens dann, wenn es zum Bruch (Krieg) kommt, der von der Regel selbst herbeigeführt wird, weil sie es nicht erträgt, nur eine Vorstellung zu sein, über die wir immer nur Vermutungen anstellen können (ist die Regel tatsächlich richtig, obwohl sie anerkannt ist?), wie gesagt nicht deshalb, weil Vorstellungen (Absichten) nicht identifizierbar wären; sie gehören aber dem Innenleben an, aus dem heraus sie Zeichen absondern, die erst dann, nachdem sie den Innenraum verlassen haben, identifizierbar werden, freilich im Sinne einer gleichsam wirklichkeitsfremden Konstruktion (Witsch 2013, S. 138), da wir, auch wenn wir es im Interesse unserer Realitätstüchtigkeit ständig tun, von einer Identität zwischen Innen und Außen nicht ausgehen können, im übertragenen Sinne zwischen dem, was ein Autor sagt (an Zeichen absondert), und dem, was er innerlich meint und dem Gesagten (noch) nicht zugeschlagen hat; jetzt, im Augenblick, wo etwas gesagt ist, bleibt etwas zurück, das Ungesagte, das meint; welches dem Gesagten schnell noch etwas hinzufügen möchte, unverzüglich, am Rederecht vorbei.
Doch muss das Ungesagte zuweilen warten. Warum auch nicht? Es gibt ja noch ein Morgen oder Übermorgen; im Hinblick darauf sind Innen und Außen immer wieder auf vermeintliche Identitäten oder Differenzen zu überprüfen, was grundsätzlich eine Differenz zwischen Innen (Vorstellung) und Außen (Gegenstand der Vorstellung) einschließt, die, uneinholbar, für allerhand Spannung – auch negative Gefühle – im Leben sorgt, die es gleichwohl zu verhandeln gilt.
Spannung, soll sie sich nicht krankhaft nach Innen richten, wie das Schleiermacher und die u. a. von ihm vorbereitete spätere Romantik mit ihrer Leerbegriffs-Strategie (Nation, Volk, Rasse etc.), aber auch wir noch praktizieren (Witsch 2013, S. 150, 156f), macht Kommunikation in Rede und Gegenrede notwendig, vorausgesetzt, die Diskursteilnehmer sind nicht konfliktscheu und halten Spannungen aus, verbunden mit negativen Gefühlen, die als verhandelbare Ressource der Verständigung entscheidend dazu gehören und deshalb ausdrücklich akzeptiert werden müssen; andernfalls würde der kommunikative Prozess ausdünnen, banal und trivial werden, kurzum sterben, bis es zum Bruch kommt; er geht, wie eben beschrieben, von der Regel aus, ist und wird von ihr inszeniert. Wiewohl es den Anschein hat, als würde die Melancholikerin Justine den Bruch herbeiführen. Von den Tatsachen her ist das nicht zu bestreiten. Sie nimmt sich einen ihrer Hochzeitsgäste, ihren zukünftigen jüngeren Arbeitskollegen, den sie auf ihrer Hochzeit kennen gelernt hat, zieht ihn auf den anliegenden Golfplatz, um ihn dort, hell erleuchtet, zum Entsetzen des liebeskranken Bräutigams abzureiten; eine Fehlfunktion, wie Wolfgang Detel in Geist und Verstehen (2011) in einem vergleichbaren Zusammenhang vielleicht sagen würde: er bringt indes, konfliktscheu, immer nur Beispiele, die in sein triviales Weltbild passen. Fehlfunktionen zerstören alles, sie verschließen Türen für ein zukünftiges Leben. Völlig unverständlich, Justines Verhalten, nicht nachvollziehbar, nicht kommunizierbar, nicht verhandelbar. Die Melancholie sieht sich vollständig zurückgeworfen auf sich selbst, ohne die Spur eines verstehbaren Außenbezuges, ohne freilich zu beabsichtigen, Unverstehbares zu erzeugen, mit bösen Folgen, etwas, was die Melancholie nur scheinbar will, bzw. sie weiß nicht, dass sie Böses: den vollständigen Bruch, will, wenn sie überhaupt etwas will; auf jeden Fall liefert sie dem Bräutigam einen wohlfeilen Grund, eine Fehlfunktion, um den Bruch zu exekutieren. Schließlich verlässt nicht sie den Bräutigam, sondern der Bräutigam, um Orientierung bemüht, maschinell, aber regelkonform reagierend, verlässt sie – ausdrücklich, ausgelöst durch regelwidrigen Sex, der das Sozialgefüge zerstört. Eine versöhnende Umarmung wäre vielleicht angemessen, um die Regelwidrigkeit einmal mehr zurückzuholen ins Reich der Regeln und Konventionen, einer sogenannten regulativen Macht, die angeblich nicht repressiv ist (Detel 2011, S. 224f).
Fest steht, dass die Macht in Gestalt eines Regelsystems ohne Einbeziehung der Unwägbarkeit der Störung nicht in der Lage ist, sich auszuleben; deshalb führt ggf. sie und nicht die Störung, angesiedelt ohnehin auf der erdabgewandten Seite des Mondes, den Bruch herbei, weshalb die Regel weit davon entfernt ist, einen Beitrag für sich selbst tragende soziale Strukturen zu leisten; das gelingt nur, wenn der Regelwidrigkeit zum Trotz der kommunikative Prozess nicht (nachhaltig) unterbrochen wird, sondern ggf., und sei es nur sprachlos in Form einer Geste, weitergeführt oder offen gehalten wird, vielleicht mit einer Geste, die (ganz wichtig für die schlechte Stimmung) das negative Gefühl als verhandelbare Ressource der Verständigung sprachlos einschließt, resp. problematisierend denkt, und damit über die unproblematische Feststellung von Banalitäten und Trivialitäten (wir brauchen Regeln!) hinausgeht; ich meine Banalitäten im Geiste von Detels Geist und Verstehen (2011) als da sind: die soziale Realität ist als Regelsystem beschreibbar; Regeln machen Leben möglich, etc.; ja, und dann kann das Leben so schön sein, wenn alle es nur wollen und regelgeleitet mitmachen, am besten im Gleichschritt, weil wir uns so gut verstehen, besser als es Tiere vermögen; lasst uns, anders als die Tiere, die Welt verstehend genießen, was möglich ist, wenn wir ihre Regeln verstehen und befolgen; wir haben nur die eine Welt; dafür müsse es Regeln geben, denen wir uns unterordnen, um diese eine Welt für uns alle zu bewahren; wir haben es uns verdient.
Doch auf der Basis welcher sozialen Strukturen, die sich heute immer mehr auflösen? Nicht weil keiner mehr Regeln befolgt, sondern weil wir das Regelwidrige, die Störung, nicht als verhandelbare Ressource zu verhandeln, bzw. zu kommunizieren in der Lage sind. Das Regulative zu betonen ist trivial, v.a. nicht strukturbildend, sondern setzt Strukturen als gegeben voraus, die nur noch verbraucht und abgelebt werden, sofern es sie noch gibt, und ihr Fehlen das Subjekt nicht in die innere Emigration oder in die Melancholie treibt, gezwungenermaßen, weil mittlerweile alles abgetrieben worden ist, mithin Autoritäten, die für einen Status-Quo sozialer Strukturen stehen, nicht mehr ernst genommen werden können. Man schaue nur, wie unsere Elite mit der Finanzkrise umgeht. Den Vogel schießt zurzeit Steinbrück, zukünftiger Kanzlerkandidat der SPD, ab. Das, was ein völlig verängstigter Bürger aus der Finanzkrise gelernt haben könnte, entwickelt er nicht weiter, sondern lässt es laut Welt Online in einem Satz in sich zusammenfallen: Aufgabe der Politik sei es, so gibt Welt Online Steinbrück wieder,
»den Menschen zu erklären, dass Deutschland von der weiteren Integration Europas profitiere«. Das bedeute, dass die Deutschen zahlen müssen. Aber das Geld sei gut investiert »in unsere und die Zukunft Europas, in Frieden und Wohlstand« (Welt Online 2011/09/11).
Steinbrück plädiert für einen Länderfinanzausgleich auf EU-Ebene. Schön und gut. Dieser ist freilich auf der Basis völliger Überschuldung aller europäischen Staaten nicht praktikabel. Er funktionierte für Deutschland bis in die 1970er Jahre hinein, weil es keine Überschuldung gab und man nicht wusste, wohin mit dem Geld. Mit der Rentenreform 1957 lief das ähnlich. Adenauer führte die bruttolohnbezogene Rente ein. Das musste er, weil er nicht wusste, wohin mit der aufgelaufenen Kohle.
Was lernen wir aus der Geschicht? Der Spießer im Bürger (das Kapital) kann nur zerstören, nichts erhalten, weil der Bürger die Regel fetischisiert und vermoralisiert, so dass man meinen könnte, die Regeln (der Kapitalverwertung) seien mit Gefühlen und Leben begabt. Steinbrück fetischisiert eine Regel: den deutschen Länderfinanzausgleich, bis zum Abwinken. Wobei der Fetisch die Passivität des Subjekts fordert, wenn man so will, sein Tod, der dem Subjekt von der Regel aufgedrängt wird.
Der (politische) Tod ist von der (Werte-) Regel gewollt, hat man doch nicht das Subjekt und seinen Status als Einzelwesen im Auge, das sich eben nicht vornehmlich über die Fähigkeit definiert, eine Regel zu befolgen, also ein braves Subjekt zu sein, um die Welt zu retten.
Hinweis: der Text ist leicht verändert (Witsch 2013a, S. 102 – 110) entnommen.
Quellen
Detel, Wolfgang (2011). Geist und Verstehen. Historische Grundlagen einer modernen Hermeneutik. Frankfurt/Main. Verlag: Vittorio Klostermann.
Welt Online (2011/09/11). Euro-Zone: Steinbrück gesteht Fehler bei der Währungsunion ein.
Witsch, Franz (2009). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Erster Teil: Begriff der Teilhabe. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2015).
Witsch, Franz (2013). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Witsch, Franz (2013a). Die Politisierung des Bürgers. Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen. Vierter Teil: Theorie der Gefühle. Norderstedt. Verlag: BoD (zitiert nach der Ausgabe von 2017).
Kann Verstand nicht verstehen:
https://youtube.com/shorts/WOts4t_eTj8
Macht nix, musst Du auch nicht.
Dieser Jacob Collier hat übrigens gerade ein klimabewegtes Vid auf seinen Kanal gestellt, richtig schöner Greenpeace-Kitsch. Hat wohl noch nichts von Gletscherschmelzen mit HAARP und technisch gezielt geschwächten Ozonschichten gehört (Solar Radiation Management). Oder hat sich vom großen Reiz der großen Verführung der großen Masse verführen lassen. Scheint da ein magisches Talent zu besitzen, beeindruckend.
Gefühle/Stimmungen werden oftmals von Verdauungsstörungen ausgelöst, ganz zu schweigen von muskulösen Verspannungen, d.h. das Gleichgewicht im Körper=Harmonie im Denken; die Osteopathie/Naturheilkunde versucht diesen Zusammenhang als Therapie von u.a. div. psychosomatischen Schmerzpatienten einzusetzen, das gleiche Prinzip wirkt auch bei einseitigen Belastungen der Muskulatur, dabei entstehen ungleichmäßige Muskelkräfte die wiederum zu Verspannungen/Schmerzen führen, deshalb sind die Traditionen des sogenannten Wertewestens/Profitsystem/Kontinuität/Disziplin usw. zutiefst menschenfeindlich/krankmachend, lediglich die finanziell unabhängigen haben eine Chance sich den Nachteilen des Systems zu entziehen und sich mit gesunder/teurer Nahrung und Yoga gesund zu erhalten—–soviel zu der unnatürlichen Liebe/Ehe im perversen Profitsystem, wo das Verlangen nach Zuneigung/Geborgenheit/bedingungsloser Unterstützung in allen Lebenslagen verunmöglicht wird/ist
Die Erdenwürmer sind nicht alle mit der gleichen Reizverarbeitung ausgestattet, da könnte eine Melancholie, lediglich eine Reizvermeidung sein, denn wer sich ständig allen möglichen Reizen aussetzt, verbraucht sich auch schneller/stärker, d.h. wer wenig Reize benötigt um halbwegs glücklich und zufrieden zu sein schont sein genetischen Potential—-soviel zum Kapitalismus/Credo der CDU/AfD der am besten funktioniert wenn alle Erdenwürmer maximal abhängig von Reizen sind und es nicht einmal merken wie sie sich selbst unnötigerweise vorzeitig zum Wohl der Gemeinschaft/Profit verbrauchen/Verschleißen—-schön dumm
Um auf den Artikel zurückzukommen:
Er ist zwar einerseits Filmbesprechung, setzt sich allerdings auch mit der Melancholie oder neudeutsch Depression auseinander, was m. E. jedoch nicht das gleiche ist.
Lange Rede, kurzer Sinn, Heinz Rudolf Kunze hatte sich dem Thema auch mal angenommen:
Der Schwere Mut
Wäre ich ein Dichter, dann wählte ich das Schweigen.
Wäre ich ein Heiliger, dann wählte ich die Welt.
Wie die Dinge liegen Mache ich mir sanft zu eigen,
was hinter unsern Augen langsam in die Asche fällt
Wäre ich ein Tänzer, dann wählte ich die Lähmung.
Wäre ich ein Sänger, dann wählte ich den Schrei.
Bleiben von der Gegenwart wird nichts als die Beschämung.
So ist es gewesen, ich war hemmungsvoll dabei.
Ich denke, also bin ich, also gut.
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut.
Bin ein Besserwisser, habe Tricks, Tabus, Termine.
Aufgehobenes Opfer auf der Schwelle zum Schaffot.
Irre durch die Wüsten als Beziehungs-Beduine.
Geh an meinem Wechsel auf die Ewigkeit bankrott.
Hoffe jeden Glaubenssatz beizeiten zu verraten.
Suche und behaupte noch die Möglichkeit von Glück.
Stopfe Schokoladenherzen in die Automaten.
Gebe, was ich geben kann, und nehme nichts zurück.
Ich pflanze einen Baum in meine Wut.
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut.
Wäre ich ein Liebender dann suchte ich die Eine,
die sich an die eigne große Endlichkeit verhurt.
Wäre ich ein Embryo, dann wählte ich totz allem
jetzt und auch in Zukunft immer wieder die Geburt.
Ich pflanze einen Baum in meine Wut.
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut.
Der Depressive hat also durchaus rationale Gründe für seine Sinn- und Antriebslosigkeit. Oft resultieren diese aus tiefer Enttäuschung oder Misserfolg. Verinnerlichen sich jedoch, weil deren Ursachen nicht aufgearbeitet werden, der Betroffene zu einem nicht geringen Anteil mit dem Versagen Anderer im Stich gelassen ist. Wer solcherlei Erfahrungen nicht wiederholen will, schützt sich dann eben durch Rückzug und Abwesenheit, wobei seine Unterforderung Raum für diverse Gefühle schafft.
Aus dieser Derangiertheit heraus, kann der Depressive schnell überschwänglich werden oder einem Wahn verfallen, was dann oft als bipolare Störung eingeordnet wird.
Melancholie ist hingegen Traurigkeit, die zwar Euphorie unterbindet und auch eine gewisse Fatique verursachen kann, aber nicht zwangsläufig depressiv wirken muss. Hier ist m. E. der Bezug zum eigentlichen Thema des Films, dem Untergang der Erde, herzustellen, was durchaus depressiv machen kann, aber eben vor allem traurig ist.
Wie würde im Film der Untergang der Menschheit verlaufen, wenn von Anfang an festgestanden hätte, dass Melancholia mit der Erde kollidiert? Man hätte noch einige Zeit gehabt, trotz aller Traurigkeit den Untergang ausgiebig zu feiern oder Versäumtes nachzuholen. Die von den Physikern und Astronomen verbreitete Hoffnung, dass es zu keiner Kollision kommt, hat die Menschen jedoch unter der Schwere des Restrisikos in ihrem Trott gehalten und aus Traurigkeit Depression gemacht. Man hat sich mit seiner Situation also mal wieder nicht kreativ auseinander gesetzt, um das Beste daraus zu machen, sondern verdrängt und verhöhnt, wie man auch die Ursachen von Depressionen gern verdrängt und verhöhnt, und sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, so dass Alle verlieren, weil sie sich gegenseitig ihren Gefühlsausbrüchen überlassen haben.
Schade finde ich, dass Lars von Trier Melancholie und Depression einmal mehr vermengt und dieses mit dem doch sehr utopischen Filmthema quasi verewigt hat. Dabei wäre es höchst hilfreich, die Unterschiede herauszustellen und entsprechend vielschichtig zu handeln.
Vom Artikel hätte ich mir gewünscht, dass er Fühlen und Gefühle differenziert. Fühlen ist nämlich eine echte menschliche Stärke und kann, falls man ihm nicht reinredet, sehr effektiv sein, wogegen Gefühle oft nur irgendwelche Teilinterpretationen des inneren Befindens sind.
Wie wäre es mit Erschöpftheit wegen nervlicher Überforderung aufgrund von Gefangenschaft in sich zu schnell drehenden Hamsterrädern — Steigerung des Werts des Quotienten Stückzahl pro Zeiteinheit deren Bewegungsprinzip. Kann nicht funktionieren auf die Dauer, Depression dann das quasi Normalste überhaupt beim modernen Menschen.
Wäre zivilisatorischer Lernprozeß, nicht immer weiter vor die selben Wände zu rennen. Vielleicht Flugmaschinen bauen anstatt Hamsterräder, Willen zu Leichtigkeit statt zu Schwerenot.
Sehet die Blumen am Wegesrand und die Vögel über den Feldern…
Sicherlich ist der Depressive mit seiner Verlorenheit überfordert. Meist wartet sein unbeholfenes Umfeld darauf, dass er von allein wiederkommt, wenn er nicht gleich aufgegeben wird. Bestenfalls versucht man ihn anfänglich noch etwas aufzubauen, allerdings auch nur mittels Verdrängung und Verharmlosung. Wenn sich die Hamsterräder zu schnell drehen, dann weil sich für die wahren menschlichen Bedürfnisse keiner Zeit nimmt und statt dessen Alles mit Masse erschlagen wird.
Eine Flugmaschine bestünde möglicherweise in der Selbstüberwindung, sich von Leuten abzuwenden, von denen nichts zu erwarten ist, bspw. so:
Metamorphose
Vater unser, der du bist in deinem Turm,
schau auf mich herab, den kleinen Wurm!
Siehst mich winden und biegen.
Dabei träum‘ ich vom fliegen
und irgendwann holt mich der Sturm.
In der Höhe wird mir derzeit noch bang,
deshalb kriech‘ ich ganz unten entlang.
Du brauchst deine Hand nicht nach mir strecken!
Habe schmerzhaft gelernt, mich zu verstecken.
Kaum gelingt mir noch der aufrechte Gang.
Den habe ich ausprobiert,
kann dir sagen wohin dieser führt.
Von Freunden wurde ich hinterrücks ausgestellt.
Über mich lachten du und die Welt.
Voll Vogelkot war ich geschmiert.
Mit Gier und Lügen hat man mich beschmissen,
mit Ignoranz danach zugeschissen.
Glaub‘ mir, das hat keiner verdient.
Darum hier mal ein wenig verblümt:
Wenn dir nicht mehr zu helfen ist, dann bist du berühmt.
Will für andere man etwas wagen,
zeigt das nebenher deren Versagen.
Sind ihre Wünsche dann auch noch erzielt,
wird argwöhnisch zu dir geschielt.
Weil Feigheit im Dunkel mit Puppen spielt.
Doch hab‘ ich mir meine Dummheit vergeben.
Nur Parasiten nützt all das Streben.
Deren Dank ist nichts wert,
ihr Interesse verkehrt.
Es gilt, frei von allem zu leben.
Von heute an, du wirst es seh’n,
bin ich entschlossen, einfach zu mir zu steh’n.
Bleibt selbst die Welt mir gestohlen,
ich lass‘ mich nicht mehr verkohlen.
Wo’s mir zu blöd wird, dort werde ich geh’n.
Ich führe weder Kämpfe noch Streit.
Von aller Last hab‘ ich mich bald befreit.
Erscheint manchen mein Leben schon leer,
ich mach‘ es mir selbst nicht mehr schwer.
Zum Glück gibt’s die Leichtigkeit.
Die Bettler sind zwar weit in der Überzahl,
doch verwöhnte Heulsusen können mich mal.
Zu Egoisten bin ich kalt wie ein Stein.
Bleib‘ ich damit auch häufig allein,
lass‘ nur noch Liebe in mein Herz hinein.
So werde ich dein Schmetterling sein.
Fliegen ist ein machtvolles mythologisches Urbild. Daedalos und Ikaros; oder das von Perseus aus dem Bauch der Medusa befreite geflügelte Roß Pegasus, das mit seinen Hufen den „Quell der Dichtkunst“ aus einem Felsen schlägt, um dann loszugaloppieren, sich in die Lüfte zu erheben und in die Welt hinauszufliegen. Oder das Nestküken, das mit einem Male eine ganz magisch-seltsame Anwandlung bekommt… . MAGIE!!!
Es gibt nicht nur den permanenten „Angst-Stress-Sucht-Modus“ man kann auch in der kreativen Muße/ Selbstreflextion/Selbstbestimmung länger verweilen und herausfinden, was ich in dem Moment gerade wirklich möchte und nicht worauf/welchen äußeren Reiz ich gerade reagiere, diese innere Versunkenheit wird dann oftmals als Grübeln/Depression abgewertet, weil es genügend überflüssige Arbeit gibt, die erledigt werden muss um Profit/Mehrwert zu generieren——soviel zum scheinbaren „Nichtstun“ wo oftmals die größten Erfindungen/Kunstwerke/Erkenntnisse/Entscheidungen gefunden werden, deshalb ist die 4 Tage Woche eher der Sinn des Lebens/biologischen Erfordernisse/genetische Anpassung/Evolution, weil es die Erdenwürmer schon exorbitant länger gibt als die 10 Gebote Moses
Ja, geht auch, insofern man von Anderen nichts erwartet.
Jedoch plädiere ich für die 7-Tage-Woche, die allerdings nicht als Tauschhandel betrieben, sondern vollumfänglich im Eigeninteresse gelebt werden sollte, so dass es nichts zu bereuen gibt, wenn eine Rechnung mal nicht aufgeht.
Frage wäre dann, ob Geldgewinnwirtschaft (= Steigerung des Quotienten Stückzahl pro Zeiteinheit). Oder ob Produktion zum Zwecke von Bedürfnisbefriedigung — also: sich und anderen das Leben unnötig leicht machen (im Rahmen von assoziativ kooperierenden freien Unternehmern; siehe bei Rudolf Steiner zur „Dreigliederung des sozialen Organismusses“.)
Es wird wohl zwangsläufig Geldgewinn. Wenn Menschen aus Lebensfreude für andere Leistungen erbringen, können sie nicht gleichzeitig Gegenleistungen annehmen. Geben und Nehmen können sich nur zeitlich versetzt ausgleichen und dafür wurde Geld als Wertspeicher erfunden.
Man muss nur immer Einen finden, der für Geld die gewünschten Gegenleistungen liefert. Hier kommen die Händler mit ihren Machenschaften ins Spiel und entscheiden, wie viel das Geld und somit die voraus erbrachten Leistungen sowie die geforderten Gegenleistungen wert sind.
Man braucht daher nicht Geldgewinnwirtschaft gegen Bedarfsproduktion abwägen. Beides ist Voraussetzung, damit der Handel den Wert bestimmen kann. Allerdings sollte man sich dem nicht ausliefern.
Die Produktionskosten, genauer: die Fertigungskosten definieren mithilfe der gesamtmarktlichen Profitrate den mindestens zu erlösenden Warenverkaufspreis — ist erstes Semester in ordentlicher(!) BWL, der von Max und Moritz.
Was aber nun ist mit der marktlichen Nachfrage im Hinblick auf Zahlungsfähigkeit!? Genau da fängt es immer an zu stinken in einer „entwickelten“ kapitalistischen (bzw. der industriellen) Produktionsweise, wenn die vorherrschende Profittaktik die des „relativen“ Mehrwerts ist. Es verortet sich die Achillesferse von Geldgewinnwirtschaft dann wie folgt. Ansteigende Produktivität = betriebswirtschaftlich sinkende Profitrate = sinkende Lohnsumme = sinkende Kaufkraft(!!!) = zum Ausgleich anwachsen müssende Verschuldung = weiter sinkende Profitrate aufgrund vermehrter Zinsaufwendungen usw., kurz: Die Katze namens Geldgewinnwirtschaft beißt sich in den Schwanz namens ausufernde Verschuldung. (Siehe hierzu am Ende den kurzen geschichtlichen Abriß.)
Als Lösung dieses Dilemmas nun bietet sich assoziatives Wirtschaften im Rahmen von Rudolf Steiners „sozialer Dreigliederung“ an. Grundaufbau: Über allem nicht mehr so, wie derzeit noch, eine von oben zentralistisch in alles hineinregierende quasi klerikale oder politische Ober- bzw. Übergewalt. Stattdessen drei sich in eigener Machtvollkommenheit selbstverwaltende, aber sich sachimmanent miteinander koordinieren müssende Lebensbereiche. Hier nun 1.) ein sich in eigener Machtvollkommenheit selbstverwaltendes Rechtsleben, welches u.a. soziale Mindeststandards definiert; 2.) ein sich in eigener Machtvollkommenheit selbstverwaltendes Geistesleben, welches Erziehung und Bildung bietet, welche Menschen NICHT zu paranoischen und psychotischen bzw. zu „dekadenten“ Staatsuntertanen heranzüchtet, und sie im Gegenteil kooperations- und handlungsfähig macht; 3.) ein sich in eigener Machtvollkommenheit selbstverwaltendes Wirtschaftsleben, in welchem die Unternehmen, der Handel und die Konsumenten jeweils Assoziationen bilden, die unter Berücksichtigung der sachgegebenen Belange jeder der drei Assoziationen deren Bedarfe bzw. deren Befriedigung organisieren und sicherstellen.
(Es geht also nicht so, wie in meinem Vorkommentar ungeschickt formuliert, um Befriedigung von „Bedürfnissen“. Sondern von Bedarfen, wie dies im Wirtschaftlichen richtig zu heißen hat.)
Geschichtlich gesehen, nahm die von privaten Unternehmen betriebene industrielle Produktionsweise etwa zur Mitte des 18. Jhdts. hin ihren Anlauf in einem HOCHGRADIG zahlungsfähigen GLOBALEN Nachfragemarkt — also nichts da mit jenem blödsinnigen Kitsch mit Namen „Volks“wirtschaft; die KANN nicht funktionieren im Rahmen von Geldgewinnwirtschaft!!!
Kurz, gab es das Problem namens tendentieller Fall der Profitrate zwar auch, theoretisch, aber nicht praktisch, da die Zahlungsfähigkeit der Nachfrage faktisch riesig bis nahezu unbegrenzt war — Erwirtschaftung „absoluten“ Mehrwerts war Trumpf! Die hauptsächlich asiatischen (und teils auch amerikanischen) Nachfrager stanken damals geradezu vor Zahlungsfähigkeit bzw. Zahlungsmitteln in Form von Edelmetallen, Edelsteinen und höchstwertigen Kunstgegenständen. Insbesondere Asien ging shoppen wie ein Michael Jackson, Kapitalismus war eine paradiesische Angelegenheit für Kapitalisten bzw. für westliche Unternehmen. Welche schnell stinkreich wurden!
Diese goldenen Zeiten währten über etwa 100 Jahre, bis etwa zur Mitte des 19. Jhdts. hin. Bis dahin hatte sich die Zahlungsfähigkeit der globalmarktlichen Nachfage nach und nach so weit reduziert, daß Anbieterwettbewerb entstand, weswegen die Profittaktik des „relativen“ Mehrwerts die des „absoluten“ abzulösen begann; zugleich Beginn der Herausbildung weltumspannender Anbietermonopole, des sog. Monopolismusses! Mehr dazu in den Imperialismusschriften von Lenin (1917) und von John Atkinson Hobson (1900).
Anders gesagt, begann zur Mitte des 19. Jhdts. hin erstmals das Elend jenes Phantasmas mit Namen „Volks“wirtschaft in Gärung zu treten. Und gegen Ende jenes Jahrhunderts begann „das höchste Stadium“ jenes Elends, der Imperialismus. An dessen Ende wir nun angelangt sind mit der aktuell auf Hochtouren laufenden Einrichtung einer BIZ-zentralistisch geführten GLOBALEN Plan- und Zwangswirtschaft.
Sorry, war jetzt vielleicht etwas viel auf einmal und hoffentlich einigermaßen verständlich. Eine Nacht drüber schlafen oder auch zwei reicht manchmal schon.
Hab das jetzt 5 oder 6 mal gelesen, weil ich befürchtete, irgendwas falsch verstanden zu haben. Denkste, ich hab’s schon beim ersten mal kapiert. Nur ist mir vor Selbstverwaltungsorgien jedesmal die Lust vergangen, es zu akzeptieren. Bin allerdings auch kein Wirtschaftsgelehriger, weshalb bei mir jeder Zettel mittlerweile einem Totenschein gleicht.
Ich tendiere eh dazu, das Finanzwesen als Massenvernichtungswaffe einzuordnen, weil es alles Lebendige in Geld verwandelt. Wenn hingegen jeder genug Geld hätte, sich alles kaufen zu können. würde er Besitz wesentlich häufiger auch als Last oder Verantwortung einordnen und sich daher nur tatsächlichen Bedarf aneignen. Das würde logischerweise zu Kostenoptimierung führen, weil man sich nicht mehr aufhalst, als zur Bedarfsdeckung erforderlich ist, womit wir wieder beim leichten Gepäck sind. Kostenoptimierung würde wiederum den Energie- und Rohstoffmarkt entlasten, so dass der Wohlstand gleichmäßiger zu verteilen ginge.
Fraglich ist allerdings, wie man Anreize schafft, Engpässen vorzubeugen, wobei ich der Meinung bin, dass es genügt, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen, so dass man mit Freude ans Werk geht, nicht weil man Andere beneidet.
Das mag zwar nach Kommunismus und vielleicht auch infantil klingen. Wenn man allerdings resümiert, was man so anschafft, nur weil es Andere irgendwie verkaufen müssen, um zu Geld zu kommen, kann von bedarfsgerechter Produktion nicht die Rede sein, eher von Bedarfsnötigung oder eben Zwangswirtschaft, die Alles mit Masse erschlägt, nur um es anschließend zu beleihen, damit man es auch bezahlen kann. Diese Monetarisierung schafft Inventar statt Nutzen und anstatt sich an Wesentlichem zu erfreuen, zählt man Geld, um all den Unfug überhaupt einen Wert zusprechen zu können.