Ein Pfand-Ring sie zu knechten, mein Müll hilft den Armen

Ein Pfand-Ring sie zu knechten, mein Müll hilft den Armen Deutsch-Absurdistan: Auf den ersten Blick könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, da habe jemand die perfekte Synthese zwischen Geschäft und Wohlfahrt neu erfunden. Bei näherem Hinsehen und Nachdenken über die Begleitumstände, beschleichen den Betrachter allerdings bösartige Gedanken, denn die Geschichte birgt mehr Sprengstoff als sozialrevolutionäres Gedankengut. Bösartig könnte man vermuten, das Geschäft mit der Armut wurde neu entdeckt. Tatsächlich ist das aber eher bittere Tradition, die jetzt womöglich nur ihre Fortsetzung mit einem neuen Produkt feiert.

Die gut gemeinte Idee ist schnell erklärt, ergibt sich schon aus der beigefügten Illustration. Öffentliche Müllbehältnisse sollen mit dem sogenannten „Pfandring“ aufgerüstet werden, in dem die Passanten ihre Pfandflaschen abstellen können. Pfandsammler sind dann nicht mehr gezwungen das gesamte Müllbehältnis nach verwertbaren Pfandflaschen zu durchwühlen. Ein Anblick, den viele Menschen gar nicht schätzen, weil es der deutlichste Beweis für die Gegenwart von Armut ist. Die will keiner sehen. Nun, ob das Umkrempeln der Mülltonnen damit dann ein Ende hat, müsste durch empirische Studien noch belegt werden. Bislang kursiert noch die Vermutung, dass die Betroffenen darin auch nach Essensresten suchen und nicht nur Non-Food-Artikel aus der pfandhaltigen Kategorie. Aber lesen wir einfach dir Kurzbeschreibung der Erfinder höchstselbst:

Der Pfandring ergänzt öffentliche Mülleimer um eine clevere Abstellmöglichkeit für Pfandflaschen und -dosen. Er wird außen am Mülleimer angebracht: Flaschen und Dosen können leicht abgestellt und von Pfandsammlern genau so leicht und hygienisch wieder eingesammelt werden. Das Pfandgut landet nicht mehr im Müll und gelangt wieder in den Handel, der Wertstoffkreislauf schließt sich, Handel und Städte zeigen soziales Engagement.
Material: Edelstahl (V2A) – zu 100% recyclebar.

Ob und inwieweit derlei Zierden an den öffentlichen Müllbehältnissen nun eine Augenweide sind, darüber mag man füglich streiten. Vielleicht sind sie sogar als Mahnmal der Armut zu begreifen, welche durch Manifestation dieser Errungenschaften in den betreffenden Städten wie ein Offenbarungseid an allen belebten Plätzen zu sehen sein wird. „Seht her, hier lohnt sich die Armut wieder!“

Der ungewollte psychologische Nebeneffekt

Sicher vereinfacht und erleichtert diese Vorrichtung den Pfandsammlern das Einsammeln von Pfandflaschen. Auf der anderen Seite ist es eine Einladung an die „Dauer-Partygesellschaft“ Wohltätigkeit neu zu zelebrieren. „Mein Müll hilft den Armen”, ergo kann ich Müll machen, wenn ich ihn nur korrekt und wohltätig abstelle. Damit wird auch die Armut wieder einen Deut normaler, deren Anblick weiter zivilisiert und wir können uns Stück für Stück an deren Zunahme gewöhnen, als ob das nicht der Plan wäre. Auch versprechen die Erfinder den Städten sozialen Ruhm, das sollte doch ziehen?

Unser bisheriges verantwortungsloses Verhalten können wir sogar noch in Wohltat ummünzen, statt Müll generell zu vermeiden und selber den produzierten Müll zu verwerten oder gar am Mann zu behalten, bis sich die Gelegenheit einer Rückgabe etwaiger Pfandgüter beim nächsten Einkauf ergibt. Da öffnen sich jetzt zwei Seelen in der Brust. Auf unkomplizierte Art und Weise helfen zu wollen und eben die Erkenntnis, dass wir damit die Armut einen Schritt weiter normalisieren und unseren Schlunz gar noch weiter auf die Spitze treiben können. Vom generell falschen Ansatz zur Mildtätigkeit wollen wir besser gar nicht erst reden. Die kaputte Gesellschaft, nebst ihren verreckenden Sozialsystemen, kommt damit geradewegs in den Fokus. Genau da wäre gedanklich anzusetzen.

Nächste Eskalationsstufe der Dekadenz

Jetzt sind wir schon bei der Wohlfahrt und bei Wertstoffen angelangt, da müssen wir unbedingt zur Verdeutlichung ein weiteres Geschäftsmodell entwickeln, das mit dem „Geschäft“. Auch auf die Gefahr hin, dass dabei die Hemmschwelle bei den Lesern noch etwas höher hängt und dem einen oder anderen dabei der Ekel überkommen möchte. Dazu gibt es aber gar keinen Grund, denn wir können mal wieder ganz sachlich, sauber und unaufgeregt vorrechnen.

Das Stichwort dazu war übrigens die obige Beschreibung der Erfinder, die die Hygiene dabei nicht außen vor ließen. Also fangen wir mal ganz harmlos mit den Wohltaten an. Zum Einstieg erinnern wir an die Diskussion um das Pferdefleisch in der Lasagne, wo doch auch ernstliche Vorschläge seitens einiger Politiker kamen, dass man die unverdorbene Ware doch gut an Bedürftige verteilen könne, statt sie zu vernichten. Ok, auch dass war schon einigen Leuten eine Nummer zu viel.

Weiter im Text: Wertstoffe! Wenn wir jetzt die ärmsten der Armen anhalten, Hundehaufen steaming-turd-smiley-emoticon zu sammeln, um damit ihr karges Auskommen aufzubessern, dann hat das ebenso wenig etwas verwerfliches wie der besagte Pfandring, denn in der (Trocken)Masse ergibt das einen feinen Brennstoff. Auch hier ist also das Angenehme mit dem Nützlichen zu kombinieren. Wer Probleme mit diesen Überlegungen hat, der kann sich hier schon mal über Mist-Pellets informieren, die aus Pferdemist, Kuhmist, Hühnerkacke und Schweinedreck bestehen können, die man energetisch hervorragend verwerten kann. Stroh und sonstige Biomasse sind dabei nicht hinderlich, sondern eher hilfreich.

Kurz nachgerechnet: Eine Tonne Trockenmasse der zuvor gelisteten edlen Stoffe hat grob einen Energiegehalt von 4.000 kWh. Bei einer thermischen Verwertung einschließlich Verstromung sind davon rund 90 Prozent nutzbar zu machen. Das bedeutet: man kann daraus rund 1.440 kWh Strom (25 Cent/kWh) und rund 2160 kWh Wärme (10 Cent/kWh) bei einem 40/60 Verhältnis gewinnen. Macht zusammen dann einen Erlös von 360 plus 216 Euro pro Tonne – also 576 Euro, was noch moderat gerechnet ist. Aber natürlich muss davon noch die Technik und Logistik abgezogen werden. Aber 200-250 Euro die Tonne sollten dann schon wohlwollend für die Sammler drin sein. Wollte man damit in den eigenen vier Wänden das Heizöl durch reine Verfeuerung dieser noblen Hinterlassenschaften substituieren, ersetzt es gut 400 Liter Heizöl. An anderer Stelle hatten wir schon mal auf die Wirtschaftlichkeit des Verbrennens von Getreide hingewiesen.

Wenn wir jetzt in jeder Stadt noch eine zentrale Sammelstelle für Hundehäufchen und Biomasse einrichten (die Supermärkte kommen da aus hygienischen Gründen wohl eher weniger in Frage), dann können wir noch viel mehr bedürftige Menschen zum Hundehäufchensammeln animieren, da es lohnt sich. Und wenn wir unser soziales Verhalten dann weiter an die dekadenten Zustände anpassen möchten, beachte man noch die folgende Empfehlung: Beim morgendlichen Gassi gehen mit dem besten Freund und Vierbeiner könnte man aus echter Solidarität mit den Armen es seinem Liebling doch gleich nachmachen und selbst noch ein Häufchen für die Sammler auf öffentlichen Flächen danebensetzen. Dem kann sich ja auch jeder Nicht-Hundebesitzer aus Solidarität anschließen. Ist doch viel sozialer als sein Geschäftchen achtlos und unter weiterer Verschwendung von bestem Trinkwasser einfach im Orkus verschwinden zu sehen. Auch wäre es erheblich sportlicher! An den öffentlichen Anblick von Hundchen und Herrchen beim gemeinsamen Koten kann sich bestimmt jeder schnell gewöhnen, dient es doch dem oben erwähnten guten Zweck. Wir spenden den armen der Ärmsten unsere intimsten Wertstoffe. Noch sozialer geht nicht!

Finale Duftnote

Wie es aussieht, müssen wir uns langsam mal entscheiden, was uns wieviel wert und vor allem wichtig ist. Den Sozialstaat vor die Hunde (Anm: ich hab nichts gegen Hunde!) gehen zu lassen und es mit dieser neuen Form der Mildtätigkeit ein wenig abzufedern, oder doch besser grundlegende Reformen anzustellen, um es erst gar nicht soweit kommen zu lassen. Zwar gehört die Scham seit Reality-TV, Container und Dschungelcamp ohnehin ziemlich in die Mottenkiste, aber möglicherweise sind wir gerade dabei diese Nummer ein wenig zu übertreiben. Die an sich gut gemeinte Geschäftsidee hat den jungen Erfindern gar schon den Dekadenzpreis Bundespreis ecodesign Nachwuchs 2012 eingebracht. Vielleicht ist ja die hier vorgestellte Häufchensammel-Idee für eine solche Prämierung im Jahr 2014 reif. Ob schon mal jemand daran gedacht hat, hier auch einen „Armutspreis“ zu verleihen? Manche wollten den nicht einmal geschenkt haben. Welche Errungenschaften braucht die Welt noch, insbesondere Deutschland? Warum wird diese Idee in Richtung Afrika neben all dem zu recycelndem Elektroschrott kein Exportschlager?

Ein Pfand-Ring sie zu knechten, mein Müll hilft den Armen
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Wir experimentieren. Man kann sich diesen Artikel auch vorlesen lassen. Leider klingt die Dame in Deutsch etwas holperig und unbeholfen. Wer damit klarkommen kann, der mag sich gerne eine Vorlesung geben lassen!
Über WiKa 2005 Artikel
Die verkommene Wahrheit unserer Zeit ist so relativ und dehnbar wie das Geschrei der Konzern-Massen-Medien daselbst. Erst der schräge Blick durch die Blindenbrille, in stockfinsterer Vollmondnacht, eröffnet darüber hinaus völlig ungeahnte Perspektiven für den Betrachter. Überzeichnung ist dabei nicht zwangsläufig eine Technik der Vertuschung, vielmehr ist es die Provokation gezielter Schmerzen, die stets dazu geeignet sind die trügerische Ruhe zugunsten eigener oder andersartiger Gedanken zu stören. Motto: „Lässt Du noch denken oder denkst Du schon selbst?“

10 Kommentare

  1. Dem Sozialstaat vor die Hunde gehen zu lassen,das kann man dann wirklich Wort-Wörtlich nehmen.Das Beispiel mit dem Kot als Brennstoff und als Sammelmaterial für Arme,welche dann grob gerechnet per Tonne rund 250 Schweinerei Euro bekommen paßt wirklich zu den Plutokraten.Trotz Ernsthaftigkeit des Elends und Armut in Deutschland,habe ich doch herzlich gelacht,verzeiht mir bitte.

  2. Das gibt sicher bald Prügeleien am Flaschenring. Schon heute haben die Sammler ja „ihr Revier“..

    Aber es ist immerhin eine Möglichkeit, sein mageres H4 aufzubessern auf ehrliche Weise.
    Die Richtungist ja klar – immer mehr Arme und immer reichere Reiche und in der Mitte gähnende Leere.
    Das könnte nur ein vereinigter „Pöbel“ ändern, aber dazu kommts nicht.
    Also muss man das Beste draus machen, paar Euronen duch Pfandflaschen gehört eben dazu bei manchen, die sich lieber bewegen, als mit Toast und Marmelade vor der Glotze zu mumifizieren.

    Hier in Italien stehen die Bettler (alle schwarz) vor jedem Supermarkt.
    Sehr lästig, denn wenn man sie fragt, ob sie auf dem Feld helfen wollen für Geld oder Essen – NEIN, warum?
    Sie tragen auch die Einkaufstüten nicht etwa zum Auto, sie wollen nur den Euro vom Einkaufswagen haben und da stehen oder sitzen bleiben wo sie sind.

    Gäbe es ein Pfandsystem, man könnte sie sich mit einer leeren Flasche vom Halse halten.

  3. Ich möchte hier einmal auf die rechtliche Situation hinweisen.
    Was die Flaschensammler machen ist schlicht und ergreifend Diebstahl.
    Sobald jemand seinen Müll im Papierkorb versenkt wird dieser Eigentum der Kommune.
    Wir erinnern uns an die Dame, die das zur Entsorgung vorgesehene Käsebrötchen mit nach Hause nahm, und deshalb entlassen wurde. Müll ist nicht herrenlos.
    Aber auch einfach so abgestellte Bierflaschen dürfen nicht so einfach eingesammelt werden.
    Sie gehören ins Fundbüro, um es seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.
    Oder aber, es muss gegen den Flaschenabsteller wegen illegaler Müllentsorgung ermittelt werden. Hier böte sich eine bundesweite Gen-Datei geradezu an, denn jeder hinterlässt an so einer Flasche persönlicher Genmaterial. Die Kosten von 500 bis 1000 Euro trägt natürlich der böse Umweltverschmutzer. Also liebe Brüssel, Bonn, Berlin-Bürokraten es gibt noch viel zu tun, damit Deutschland die EU ja die ganze Welt blitz-blank sauber wird.

    • Wie geil ist das denn würde mich ja tot lachen, aber es ist die Bittere Warheit. Genauso wie auf Schrottplätzen… das Zeug wird NIEMALS irgendwo hin verschickt, es wird eher verbrannt.
      Ich bin aber eher für Funkchips (GPS) an den Flaschen, so kann man am PC nachverfolgen welchen Weg die Flasche nahm, bis sie dann 12 Meter unter der Meeresoberfläche landet…

  4. Mit dem Flaschenpfand wird immer völlig zu Unrecht der Herr Trittin in Zusammenhang gebracht. Die Gesetzesvorlage stammt jedoch aus den rhombischen Händen von Mutti Merkel, als sie noch das uckermärkische Umweltministeriumsmädchen eines gewissen Herrn Kohl war.

    Bei solchen Gesetzen ist es aber immer von Vorteil, den Beginn der Wirksamkeit erst in eine Legislaturperiode zu legen, in der eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass die ehemalige Opposition eine Regierungsverantwortung übernimmt.

    Trittins „Verschulden“ besteht eigentlich nur darin, dass er hämisch grinsend keinen weiteren Aufschub erlaubte, obwohl Industrie und Handel fest mit einem solchen rechnete. Die CDU (zu diesem Zeitpunkt Opposition) wagte nicht, dagegen zu opponieren. Die Diskussion dazu im Bundestag wäre zu unangenehm.

    • Gewöhnt euch doch ab zu Merkel immer Mutti zu sagen. Sie hat niemals ein Kind geboren und möglicherweise ist sie auch noch Jungfrau.

      Trittin hat 4Jahre jede Woche eine Schlagzeile in der Propagandapresse geliefert, darum ist er der Dosenpfandkönig. Egal wer es angefangen hat.

  5. Soziales Feigenblatt

    oder: die Vortäuschung einer solidarischen Gesellschaft

    Es verhält sich nicht nur so, daß die uns beherrschenden und regierenden Eliten uns eine heile Welt vorspiegeln wollen, nein – sie schämen sich auch nicht, die Armen durch Ignoranz zu verspotten und aus ihrer Notlage noch ein Geschäft zu machen. Wilfried Kahrs hat in seinem galligen Artikel „Das Geschäft mit den Armen im neuen Gewand“ diesen Zynismus hervorragend herausgearbeitet. Zyniker sind bekanntlich Menschen, die von allem den Preis kennen, aber von nichts den Wert. Insofern werden wir von einer Clique von Zynikern bevormundet, die menschliche Werte in den Dreck treten und uns dies als Wohltat verkaufen. Sie haben sich quasi ein soziales Feigenblatt angelegt, das als Alibifunktion dient und uns die Fata Morgana eines sozialen und demokratischen Staates vortäuscht.

    Ich habe erst gestern in einem anderen Kommentar mit dem Titel

    „Sozialstaat oder sozialer Staat?“ das Thema des berechnenden und instrumentalisierten Sozialstaates behandelt. Geschäfte machen mit der Armut hat Hochkonjunktur. Schließlich gibt es in einer von der Marktreligion dirigierten Gesellschaft keine Tabus, wenn es um Profit oder Selbstdarstellung geht. Ich nenne einmal ein paar praktische Beispiele aus meiner Sicht, die den Trend in unserer ethisch geleerten Welt anzeigen:

    • In Talk- und „Realityshows“, die Solidarität und Mitgefühl vorspielen wollen, wird vor allem auf den Tussi-Werbesendern Quote auf dem Rücken von Betroffenen gemacht.
    • Neue Geschäftsgründungsmodelle, die von der Bundesagentur für Arbeit propagiert werden, basieren meist auf Möglichkeiten in einem übersättigten Dienstleistungssektor, um dort noch mehr hungerleidende Konkurrenz zu schaffen.
    • Die Tafeln für Sozialhilfe- und Hartz IV-Empfänger stellen das beste Beispiel dar für geheuchelte soziale Hilfe, denn die Spenderfirmen können sich im Glanze von Wohltätern sonnen, obwohl ihre Wohltaten im Grunde genommen nur das Einsparen von Entsorgungskosten sind. Die (noch) nicht betroffenen Zeitgenossen verschafffen sich so ein „gutes“ Gewissen und können sich in ihrem Sessel beruhigt zurücklehnen. Die Welt ist für sie vollkommen in Ordnung, niemand braucht zu hungern, denn die soziale Hängematte ist ja so komfortabel gestaltet. Nur darin schlafen will von den Wohlstandsbürger niemand.
    • Insofern wird Hartz IV von der Politik, der Wirtschaft und der Bourgoisie als Beweismittel für das Vorhandensein eines human gefestigten Sozialstaates angeführt, und folgerichtig (jedenfalls nach deren Logik) verlangt man von den Betroffenen noch unterwürfigen Dank für all die erwiesenen Großzügigkeiten.
    • Dabei ist alleine die Tatsache, daß Staat und Wirtschaft sich eine Reservearmee Millionen von Arbeitslosen und Niedriglöhnern als Erpressungspotenzial halten, ein Milliardengeschäft, mit dem man Arbeitnehmer in Schach halten kann. Lohnkosten sparen durch Repression und Angsteinflößung ist die Devise, damit sich nur keine Aufmüpfigen die Frechheit erlauben, Lohnerhöhungen zu fordern.
    • Armut muß aus dem Gesichtskreis verschwinden, damit überhebliche Politiker und blasierte Spießbürger ignorant behaupten können, in Deutschland existiere keine Armut. Sie verweisen dann auf den Standard in Entwicklungsländern und vergleichen, was nicht vergleichbar ist, nämlich hiesige Sozialhilfe oder Hartz IV mit dem dortigen Einkommenslevel mit völlig andersartigen Lebensbedingungen. Außerdem wird aufgrund von gefälschten Statistiken eine erbärmliche Diskussion über die Definition von Armut geführt, die dann per Federstrich vom Tisch gewischt wird – nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf!
    • Eine Armee von unterbezahlten privaten Security-Rambos, die selbst zur Unterschicht gehören und nicht in der Lage sind, sich gegen die ihnen aufgedrückten Dumpinglöhne zu wehren, geben ihren Frust an noch Ärmere weiter: Obdachlose, die in Einkaufstempeln ein warmes Plätzchen suchen und die schäbig gekleideten Schaukonsumenten, die mangels Masse nur mal auf einen Blick auf die ausgelegten Verlockungen werfen wollen. Sie werden des Platzes verwiesen – eine Umkehrung der Geschichte der Tempelreinigung in den Evangelien, in der Jesus die Händler aus dem Tempel jagte.

    Die armen Menschen passen ideal in dieses verkommene System, denn sie dürfen den Dreck der übersättigten Wohlstandsgesellschaft aus dem Gesichtskreis wegschaffen, damit diese nicht an ihren abstoßenden Lebensstil erinnert wird, der geradeswegs in den kulturellen Niedergang führt. Ein bedenken- und besinnungsloses Weitermachen muß mit aller Gewalt gewährleistet sein – bis das Kartenhaus zusammenbricht.

    Als Ergänzung zum kreativen Vorschlag von Wilfried Kahrs, die Armen den Hundekot entfernen zu lassen, schlage ich als noch lukrativere sinnvolle Beschäftigung das Einsammeln von Pferdeäpfeln in Pferdesport-Hochburgen vor, in denen betuchte Bürger hoch zu Ross ihren Zossen nicht zumuten können, in ihre eigene Kacke zu treten. Hinter jedes Pferd gehört ein Lakai mit Schubkarre, der den Pferdedreck entsorgt. Damit hätten wir fast auf einen Schlag das Arbeitslosenproblem beseitigt.

    Wenn das noch nicht reicht, dann sollten wir darüber nachdenken, nach asiatischem Vorbild Arme als Rikschafahrer, oder Schuhputzer einzusetzen. Jubelperser und Fähnchenschwenker bei Staatsbesuchen sowie Claqueure in Fernsehshows und Sportstudios sind ständig gefragt. Wenn ich mich im TV umschaue, dann sehe ich, daß sie dort bereits ihren festen Platz abonniert haben.

    Armut ist für die Reichen die beste Gelegenheit, sich als selbstlose Menschenfreunde zu profilieren, um damit von ihrem Reichtum abzulenken, der die wahre Ursache von Armut ist. Bekannt ist das Paradoxon, daß Armut nicht trotz, sondern durch Reichtum entsteht. Bertolt Brecht hat diesen Zusammenhang folgendermaßen ausgedrückt: „Armer Mann und reicher Mann / standen da und sah’n sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

    Wilfried Kahrs hat vollkommen recht, wenn er unseren gesellschaftlichen Zustand als Dekadenz bezeichnet. Eine wahrhaft typische Dekadenz, die mich unvermittelt an die Geschichte des Imperium Romanum erinnert. Das Alte Rom, das nur mit Hilfe der Millionen von Sklaven (man spricht von 6 Millionen) seinen Lebensstandard aufrecht erhalten konnte, ist das Paradebespiel für den Niedergang einer Gesellschaft. Das Christentum hatte ursprünglich seine Basis in unterprivilegierten und versklavten Volksschichten, die im Laufe der Zeit gegen ihre Herren aufbegehrten. Die herrschende Oberschicht versuchte, den Niedergang durch die Institutionalisierung des Christentums als Staatsreligion aufzuhalten. Im Zusammenwirkung mit der Völkerwanderung (vielleicht vergleichbar mit der heutigen Völkervermischung aufgrund der Globalisierung) und der Degenerierung der saturierten römischen Mittel- und Oberschicht brach das Römische Reich aber dann doch rasch in sich zusammen.

    Unter der Lufthoheit der Römischen Kirche, die die Nachfolge des Römischen Reiches angetreten hat, verfiel der Okzident ins finstere Mittelalter, das auf den meisten Gebieten im Vergleich zur Antike nicht nur Stillstand sondern verheerenden kulturellen und wissenschaftlichen Rückschritt erbracht hat. Wir sollten uns dies als abschreckendes Exempel vor Augen führen und darauf achten, daß wir den Fehler nicht wiederholen, Rattenfängern ins Netz zu gehen, die uns das Paradies auf Erden versprechen, die aber nur ihre eigenen Vorteile im Sinn haben.

    MfG Peter A. Weber
    Bildnachweise:
    Foto 1: Wie das Feigenblatt zu Ehren kam von Dieter Schütz / pixelio.de
    Foto 2: Schubkarre von M. Großmann / pixelio.de

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