Ein Pfand-Ring sie zu knechten, mein Müll hilft den Armen

Ein Pfand-Ring sie zu knechten, mein Müll hilft den Armen Deutsch-Absur­dis­tan: Auf den ersten Blick kön­nte man tat­säch­lich auf die Idee kom­men, da habe jemand die per­fek­te Syn­these zwis­chen Geschäft und Wohlfahrt neu erfun­den. Bei näherem Hin­se­hen und Nach­denken über die Beglei­tum­stände, beschle­ichen den Betra­chter allerd­ings bösar­tige Gedanken, denn die Geschichte birgt mehr Sprengstoff als sozial­rev­o­lu­tionäres Gedankengut. Bösar­tig kön­nte man ver­muten, das Geschäft mit der Armut wurde neu ent­deckt. Tat­säch­lich ist das aber eher bit­tere Tra­di­tion, die jet­zt wom­öglich nur ihre Fort­set­zung mit einem neuen Pro­dukt feiert.

Der Pfandring

Die gut gemeinte Idee ist schnell erk­lärt, ergibt sich schon aus der beige­fügten Illus­tra­tion. Öffentliche Müll­be­hält­nisse sollen mit dem soge­nan­nten „Pfan­dring“ aufgerüstet wer­den, in dem die Pas­san­ten ihre Pfand­flaschen abstellen kön­nen. Pfand­samm­ler sind dann nicht mehr gezwun­gen das gesamte Müll­be­hält­nis nach ver­w­ert­baren Pfand­flaschen zu durch­wühlen. Ein Anblick, den viele Men­schen gar nicht schätzen, weil es der deut­lich­ste Beweis für die Gegen­wart von Armut ist. Die will kein­er sehen. Nun, ob das Umkrem­peln der Müll­ton­nen damit dann ein Ende hat, müsste durch empirische Stu­di­en noch belegt wer­den. Bis­lang kur­siert noch die Ver­mu­tung, dass die Betrof­fe­nen darin auch nach Essen­sresten suchen und nicht nur Non-Food-Artikel aus der pfand­halti­gen Kat­e­gorie. Aber lesen wir ein­fach dir Kurzbeschrei­bung der Erfind­er höch­st­selb­st:

Der Pfan­dring ergänzt öffentliche Mülleimer um eine cle­vere Abstellmöglichkeit für Pfand­flaschen und ‑dosen. Er wird außen am Mülleimer ange­bracht: Flaschen und Dosen kön­nen leicht abgestellt und von Pfand­samm­lern genau so leicht und hygien­isch wieder einge­sam­melt wer­den. Das Pfandgut lan­det nicht mehr im Müll und gelangt wieder in den Han­del, der Wert­stof­fkreis­lauf schließt sich, Han­del und Städte zeigen soziales Engage­ment.
Mate­r­i­al: Edel­stahl (V2A) — zu 100% recy­cle­bar.

Ob und inwieweit der­lei Zier­den an den öffentlichen Müll­be­hält­nis­sen nun eine Augen­wei­de sind, darüber mag man füglich stre­it­en. Vielle­icht sind sie sog­ar als Mah­n­mal der Armut zu begreifen, welche durch Man­i­fes­ta­tion dieser Errun­gen­schaften in den betr­e­f­fend­en Städten wie ein Offen­barung­seid an allen belebten Plätzen zu sehen sein wird. „Seht her, hier lohnt sich die Armut wieder!“

Der ungewollte psychologische Nebeneffekt

Sich­er vere­in­facht und erle­ichtert diese Vor­rich­tung den Pfand­samm­lern das Ein­sam­meln von Pfand­flaschen. Auf der anderen Seite ist es eine Ein­ladung an die „Dauer-Par­tyge­sellschaft“ Wohltätigkeit neu zu zele­bri­eren. „Mein Müll hil­ft den Armen”, ergo kann ich Müll machen, wenn ich ihn nur kor­rekt und wohltätig abstelle. Damit wird auch die Armut wieder einen Deut nor­maler, deren Anblick weit­er zivil­isiert und wir kön­nen uns Stück für Stück an deren Zunahme gewöh­nen, als ob das nicht der Plan wäre. Auch ver­sprechen die Erfind­er den Städten sozialen Ruhm, das sollte doch ziehen?

Unser bish­eriges ver­ant­wor­tungslos­es Ver­hal­ten kön­nen wir sog­ar noch in Wohltat ummünzen, statt Müll generell zu ver­mei­den und sel­ber den pro­duzierten Müll zu ver­w­erten oder gar am Mann zu behal­ten, bis sich die Gele­gen­heit ein­er Rück­gabe etwaiger Pfandgüter beim näch­sten Einkauf ergibt. Da öff­nen sich jet­zt zwei See­len in der Brust. Auf unkom­plizierte Art und Weise helfen zu wollen und eben die Erken­nt­nis, dass wir damit die Armut einen Schritt weit­er nor­mal­isieren und unseren Schlunz gar noch weit­er auf die Spitze treiben kön­nen. Vom generell falschen Ansatz zur Mildtätigkeit wollen wir bess­er gar nicht erst reden. Die kaputte Gesellschaft, neb­st ihren ver­reck­enden Sozial­sys­te­men, kommt damit ger­adewegs in den Fokus. Genau da wäre gedanklich anzuset­zen.

Nächste Eskalationsstufe der Dekadenz

Jet­zt sind wir schon bei der Wohlfahrt und bei Wert­stof­fen ange­langt, da müssen wir unbe­d­ingt zur Verdeut­lichung ein weit­eres Geschäftsmod­ell entwick­eln, das mit dem „Geschäft“. Auch auf die Gefahr hin, dass dabei die Hemm­schwelle bei den Lesern noch etwas höher hängt und dem einen oder anderen dabei der Ekel überkom­men möchte. Dazu gibt es aber gar keinen Grund, denn wir kön­nen mal wieder ganz sach­lich, sauber und unaufgeregt vor­rech­nen.

Das Stich­wort dazu war übri­gens die obige Beschrei­bung der Erfind­er, die die Hygiene dabei nicht außen vor ließen. Also fan­gen wir mal ganz harm­los mit den Wohltat­en an. Zum Ein­stieg erin­nern wir an die Diskus­sion um das Pfer­de­fleisch in der Lasagne, wo doch auch ern­stliche Vorschläge seit­ens einiger Poli­tik­er kamen, dass man die unver­dor­bene Ware doch gut an Bedürftige verteilen könne, statt sie zu ver­nicht­en. Ok, auch dass war schon eini­gen Leuten eine Num­mer zu viel.

Weit­er im Text: Wert­stoffe! Wenn wir jet­zt die ärm­sten der Armen anhal­ten, Hun­de­haufen steaming-turd-smiley-emoticon zu sam­meln, um damit ihr karges Auskom­men aufzubessern, dann hat das eben­so wenig etwas ver­w­er­flich­es wie der besagte Pfan­dring, denn in der (Trocken)Masse ergibt das einen feinen Brennstoff. Auch hier ist also das Angenehme mit dem Nüt­zlichen zu kom­binieren. Wer Prob­leme mit diesen Über­legun­gen hat, der kann sich hier schon mal über Pel­lets aller Art … [YouTube] informieren, die aus Pfer­demist, Kuh­mist, Hüh­n­erkacke und Schweine­dreck beste­hen kön­nen, die man ener­getisch her­vor­ra­gend ver­w­erten kann. Stroh und son­stige Bio­masse sind dabei nicht hin­der­lich, son­dern eher hil­fre­ich.

Kurz nachgerechnet:

Eine Tonne Trock­en­masse der zuvor gelis­teten edlen Stoffe hat grob einen Energiege­halt von 4.000 kWh. Bei ein­er ther­mis­chen Ver­w­er­tung ein­schließlich Ver­stro­mung sind davon rund 90 Prozent nutzbar zu machen. Das bedeutet: man kann daraus rund 1.440 kWh Strom (25 Cent/kWh) und rund 2160 kWh Wärme (10 Cent/kWh) bei einem 40/60 Ver­hält­nis gewin­nen. Macht zusam­men dann einen Erlös von 360 plus 216 Euro pro Tonne — also 576 Euro, was noch mod­er­at gerech­net ist. Aber natür­lich muss davon noch die Tech­nik und Logis­tik abge­zo­gen wer­den. Aber 200–250 Euro die Tonne soll­ten dann schon wohlwol­lend für die Samm­ler drin sein. Wollte man damit in den eige­nen vier Wän­den das Heizöl durch reine Ver­feuerung dieser noblen Hin­ter­lassen­schaften sub­sti­tu­ieren, erset­zt es gut 400 Liter Heizöl. An ander­er Stelle hat­ten wir schon mal auf die Wirtschaftlichkeit des Ver­bren­nens von Getrei­de hingewiesen.

Und so kann es gehen

Wenn wir jet­zt in jed­er Stadt noch eine zen­trale Sam­mel­stelle für Hun­de­häufchen und Bio­masse ein­richt­en (die Super­märk­te kom­men da aus hygien­is­chen Grün­den wohl eher weniger in Frage), dann kön­nen wir noch viel mehr bedürftige Men­schen zum Hun­de­häufchen­sam­meln ani­mieren, da es lohnt sich. Und wenn wir unser soziales Ver­hal­ten dann weit­er an die dekaden­ten Zustände anpassen möcht­en, beachte man noch die fol­gende Empfehlung: Beim mor­gendlichen Gas­si gehen mit dem besten Fre­und und Vier­bein­er kön­nte man aus echter Sol­i­dar­ität mit den Armen es seinem Liebling doch gle­ich nach­machen und selb­st noch ein Häufchen für die Samm­ler auf öffentlichen Flächen danebenset­zen.

Dem kann sich ja auch jed­er Nicht-Hun­debe­sitzer aus Sol­i­dar­ität anschließen. Ist doch viel sozialer als sein Geschäftchen acht­los und unter weit­er­er Ver­schwen­dung von bestem Trinkwass­er ein­fach im Orkus ver­schwinden zu sehen. Auch wäre es erhe­blich sportlich­er! An den öffentlichen Anblick von Hund­chen und Her­rchen beim gemein­samen Koten kann sich bes­timmt jed­er schnell gewöh­nen, dient es doch dem oben erwäh­n­ten guten Zweck. Wir spenden den armen der Ärm­sten unsere intim­sten Wert­stoffe. Noch sozialer geht nicht!

Finale Duftnote

Wie es aussieht, müssen wir uns langsam mal entschei­den, was uns wieviel wert und vor allem wichtig ist. Den Sozial­staat vor die Hunde (Anm: ich hab nichts gegen Hunde!) gehen lassen? Oder es mit dieser neuen Form der Mildtätigkeit ein wenig abzufed­ern? Naja, vielle­icht doch bess­er grundle­gende Refor­men anzustellen, um es erst gar nicht soweit kom­men zu lassen. Zwar gehört die Scham seit Real­i­ty-TV, Con­tain­er und Dschun­gel­camp ohne­hin ziem­lich in die Mot­tenkiste, aber möglicher­weise sind wir ger­ade dabei diese Num­mer ein wenig zu übertreiben.

Die an sich gut gemeinte Geschäft­sidee hat den jun­gen Erfind­ern gar schon den Dekaden­zpreis Bun­de­spreis ecode­sign Nach­wuchs 2012 einge­bracht. Vielle­icht ist ja die hier vorgestellte Häufchen­sam­mel-Idee für eine solche Prämierung im Jahr 2014 reif. Ob schon mal jemand daran gedacht hat, hier auch einen „Armut­spreis“ zu ver­lei­hen? Manche woll­ten den nicht ein­mal geschenkt haben. Welche Errun­gen­schaften braucht die Welt noch, ins­beson­dere Deutsch­land? Warum wird diese Idee in Rich­tung Afri­ka neben all dem zu recycel­n­dem Elek­troschrott kein Exportschlager?

Ein Pfand-Ring sie zu knecht­en, mein Müll hil­ft den Armen
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Die verkommene Wahrheit unserer Zeit ist so relativ und dehnbar wie das Geschrei der Konzern-Massen-Medien daselbst. Erst der schräge Blick durch die Blindenbrille, in stockfinsterer Vollmondnacht, eröffnet darüber hinaus völlig ungeahnte Perspektiven für den Betrachter. Überzeichnung ist dabei nicht zwangsläufig eine Technik der Vertuschung, vielmehr ist es die Provokation gezielter Schmerzen, die stets dazu geeignet sind die trügerische Ruhe zugunsten eigener oder andersartiger Gedanken zu stören. Motto: „Lässt Du denken, oder denkst Du schon?“

10 Kommentare

  1. Dem Sozial­staat vor die Hunde gehen zu lassen,das kann man dann wirk­lich Wort-Wörtlich nehmen.Das Beispiel mit dem Kot als Brennstoff und als Sam­mel­ma­te­r­i­al für Arme,welche dann grob gerech­net per Tonne rund 250 Schweinerei Euro bekom­men paßt wirk­lich zu den Plutokraten.Trotz Ern­sthaftigkeit des Elends und Armut in Deutschland,habe ich doch her­zlich gelacht,verzeiht mir bitte.

  2. Das gibt sich­er bald Prügeleien am Flaschen­ring. Schon heute haben die Samm­ler ja “ihr Revi­er”..

    Aber es ist immer­hin eine Möglichkeit, sein mageres H4 aufzubessern auf ehrliche Weise.
    Die Rich­tungist ja klar — immer mehr Arme und immer reichere Reiche und in der Mitte gäh­nende Leere.
    Das kön­nte nur ein vere­inigter “Pöbel” ändern, aber dazu kommts nicht.
    Also muss man das Beste draus machen, paar Euro­nen duch Pfand­flaschen gehört eben dazu bei manchen, die sich lieber bewe­gen, als mit Toast und Marme­lade vor der Glotze zu mumi­fizieren.

    Hier in Ital­ien ste­hen die Bet­tler (alle schwarz) vor jedem Super­markt.
    Sehr lästig, denn wenn man sie fragt, ob sie auf dem Feld helfen wollen für Geld oder Essen — NEIN, warum?
    Sie tra­gen auch die Einkauf­stüten nicht etwa zum Auto, sie wollen nur den Euro vom Einkauf­swa­gen haben und da ste­hen oder sitzen bleiben wo sie sind.

    Gäbe es ein Pfandsys­tem, man kön­nte sie sich mit ein­er leeren Flasche vom Halse hal­ten.

  3. Ich möchte hier ein­mal auf die rechtliche Sit­u­a­tion hin­weisen.
    Was die Flaschen­samm­ler machen ist schlicht und ergreifend Dieb­stahl.
    Sobald jemand seinen Müll im Papierko­rb versenkt wird dieser Eigen­tum der Kom­mune.
    Wir erin­nern uns an die Dame, die das zur Entsorgung vorge­se­hene Käse­brötchen mit nach Hause nahm, und deshalb ent­lassen wurde. Müll ist nicht her­ren­los.
    Aber auch ein­fach so abgestellte Bier­flaschen dür­fen nicht so ein­fach einge­sam­melt wer­den.
    Sie gehören ins Fund­büro, um es seinem recht­mäßi­gen Besitzer zurück­zugeben.
    Oder aber, es muss gegen den Flaschen­ab­steller wegen ille­galer Mül­lentsorgung ermit­telt wer­den. Hier böte sich eine bun­desweite Gen-Datei ger­adezu an, denn jed­er hin­ter­lässt an so ein­er Flasche per­sön­lich­er Gen­ma­te­r­i­al. Die Kosten von 500 bis 1000 Euro trägt natür­lich der böse Umweltver­schmutzer. Also liebe Brüs­sel, Bonn, Berlin-Bürokrat­en es gibt noch viel zu tun, damit Deutsch­land die EU ja die ganze Welt blitz-blank sauber wird.

    • Wie geil ist das denn würde mich ja tot lachen, aber es ist die Bit­tere Warheit. Genau­so wie auf Schrottplätzen… das Zeug wird NIEMALS irgend­wo hin ver­schickt, es wird eher ver­bran­nt.
      Ich bin aber eher für Funkchips (GPS) an den Flaschen, so kann man am PC nachver­fol­gen welchen Weg die Flasche nahm, bis sie dann 12 Meter unter der Meere­sober­fläche lan­det…

  4. Mit dem Flaschenpfand wird immer völ­lig zu Unrecht der Herr Trit­tin in Zusam­men­hang gebracht. Die Geset­zesvor­lage stammt jedoch aus den rhom­bis­chen Hän­den von Mut­ti Merkel, als sie noch das uck­er­märkische Umwelt­min­is­teri­umsmäd­chen eines gewis­sen Her­rn Kohl war.

    Bei solchen Geset­zen ist es aber immer von Vorteil, den Beginn der Wirk­samkeit erst in eine Leg­is­laturpe­ri­ode zu leg­en, in der eine hohe Wahrschein­lichkeit dafür beste­ht, dass die ehe­ma­lige Oppo­si­tion eine Regierungsver­ant­wor­tung übern­immt.

    Trit­tins “Ver­schulden” beste­ht eigentlich nur darin, dass er hämisch grin­send keinen weit­eren Auf­schub erlaubte, obwohl Indus­trie und Han­del fest mit einem solchen rech­nete. Die CDU (zu diesem Zeit­punkt Oppo­si­tion) wagte nicht, dage­gen zu opponieren. Die Diskus­sion dazu im Bun­destag wäre zu unan­genehm.

    • Gewöh­nt euch doch ab zu Merkel immer Mut­ti zu sagen. Sie hat niemals ein Kind geboren und möglicher­weise ist sie auch noch Jungfrau.

      Trit­tin hat 4Jahre jede Woche eine Schlagzeile in der Pro­pa­gan­da­presse geliefert, darum ist er der Dosenpfand­könig. Egal wer es ange­fan­gen hat.

  5. Soziales Feigen­blatt

    oder: die Vortäuschung ein­er sol­i­darischen Gesellschaft

    Es ver­hält sich nicht nur so, daß die uns beherrschen­den und regieren­den Eliten uns eine heile Welt vor­spiegeln wollen, nein – sie schä­men sich auch nicht, die Armen durch Igno­ranz zu verspot­ten und aus ihrer Not­lage noch ein Geschäft zu machen. Wil­fried Kahrs hat in seinem gal­li­gen Artikel „Das Geschäft mit den Armen im neuen Gewand“ diesen Zynis­mus her­vor­ra­gend her­aus­gear­beit­et. Zyniker sind bekan­ntlich Men­schen, die von allem den Preis ken­nen, aber von nichts den Wert. Insofern wer­den wir von ein­er Clique von Zynikern bevor­mundet, die men­schliche Werte in den Dreck treten und uns dies als Wohltat verkaufen. Sie haben sich qua­si ein soziales Feigen­blatt angelegt, das als Ali­b­i­funk­tion dient und uns die Fata Mor­gana eines sozialen und demokratis­chen Staates vortäuscht.

    Ich habe erst gestern in einem anderen Kom­men­tar mit dem Titel

    „Sozial­staat oder sozialer Staat?“ das The­ma des berech­nen­den und instru­men­tal­isierten Sozial­staates behan­delt. Geschäfte machen mit der Armut hat Hochkon­junk­tur. Schließlich gibt es in ein­er von der Mark­tre­li­gion dirigierten Gesellschaft keine Tabus, wenn es um Prof­it oder Selb­st­darstel­lung geht. Ich nenne ein­mal ein paar prak­tis­che Beispiele aus mein­er Sicht, die den Trend in unser­er ethisch geleerten Welt anzeigen:

    • In Talk- und „Real­i­tyshows“, die Sol­i­dar­ität und Mit­ge­fühl vor­spie­len wollen, wird vor allem auf den Tus­si-Werbe­sendern Quote auf dem Rück­en von Betrof­fe­nen gemacht.
    • Neue Geschäfts­grün­dungsmod­elle, die von der Bun­de­sagen­tur für Arbeit propagiert wer­den, basieren meist auf Möglichkeit­en in einem über­sät­tigten Dien­stleis­tungssek­tor, um dort noch mehr hunger­lei­dende Konkur­renz zu schaf­fen.
    • Die Tafeln für Sozial­hil­fe- und Hartz IV-Empfänger stellen das beste Beispiel dar für geheuchelte soziale Hil­fe, denn die Spender­fir­men kön­nen sich im Glanze von Wohltätern son­nen, obwohl ihre Wohltat­en im Grunde genom­men nur das Eins­paren von Entsorgungskosten sind. Die (noch) nicht betrof­fe­nen Zeitgenossen ver­schafffen sich so ein „gutes“ Gewis­sen und kön­nen sich in ihrem Ses­sel beruhigt zurück­lehnen. Die Welt ist für sie vol­lkom­men in Ord­nung, nie­mand braucht zu hungern, denn die soziale Hänge­mat­te ist ja so kom­fort­a­bel gestal­tet. Nur darin schlafen will von den Wohl­stands­bürg­er nie­mand.
    • Insofern wird Hartz IV von der Poli­tik, der Wirtschaft und der Bour­go­isie als Beweis­mit­tel für das Vorhan­den­sein eines human gefes­tigten Sozial­staates ange­führt, und fol­gerichtig (jeden­falls nach deren Logik) ver­langt man von den Betrof­fe­nen noch unter­wür­fi­gen Dank für all die erwiese­nen Großzügigkeit­en.
    • Dabei ist alleine die Tat­sache, daß Staat und Wirtschaft sich eine Reservearmee Mil­lio­nen von Arbeit­slosen und Niedriglöh­n­ern als Erpres­sungspoten­zial hal­ten, ein Mil­liar­dengeschäft, mit dem man Arbeit­nehmer in Schach hal­ten kann. Lohnkosten sparen durch Repres­sion und Ang­ste­in­flößung ist die Devise, damit sich nur keine Aufmüp­fi­gen die Frech­heit erlauben, Lohn­er­höhun­gen zu fordern.
    • Armut muß aus dem Gesicht­skreis ver­schwinden, damit über­he­bliche Poli­tik­er und blasierte Spießbürg­er igno­rant behaupten kön­nen, in Deutsch­land existiere keine Armut. Sie ver­weisen dann auf den Stan­dard in Entwick­lungslän­dern und ver­gle­ichen, was nicht ver­gle­ich­bar ist, näm­lich hiesige Sozial­hil­fe oder Hartz IV mit dem dor­ti­gen Einkom­menslev­el mit völ­lig ander­sar­ti­gen Lebens­be­din­gun­gen. Außer­dem wird auf­grund von gefälscht­en Sta­tis­tiken eine erbärm­liche Diskus­sion über die Def­i­n­i­tion von Armut geführt, die dann per Fed­er­strich vom Tisch gewis­cht wird – nach dem Mot­to: Es kann nicht sein, was nicht sein darf!
    • Eine Armee von unter­bezahlten pri­vat­en Secu­ri­ty-Ram­bos, die selb­st zur Unter­schicht gehören und nicht in der Lage sind, sich gegen die ihnen aufge­drück­ten Dump­inglöhne zu wehren, geben ihren Frust an noch Ärmere weit­er: Obdachlose, die in Einkauf­stem­peln ein warmes Plätzchen suchen und die schäbig gek­lei­de­ten Schaukon­sumenten, die man­gels Masse nur mal auf einen Blick auf die aus­gelegten Ver­lock­un­gen wer­fen wollen. Sie wer­den des Platzes ver­wiesen – eine Umkehrung der Geschichte der Tem­pel­reini­gung in den Evan­gelien, in der Jesus die Händler aus dem Tem­pel jagte.

    Die armen Men­schen passen ide­al in dieses verkommene Sys­tem, denn sie dür­fen den Dreck der über­sät­tigten Wohl­stands­ge­sellschaft aus dem Gesicht­skreis wegschaf­fen, damit diese nicht an ihren abstoßen­den Lebensstil erin­nert wird, der ger­adeswegs in den kul­turellen Nieder­gang führt. Ein bedenken- und besin­nungslos­es Weit­er­ma­chen muß mit aller Gewalt gewährleis­tet sein – bis das Karten­haus zusam­men­bricht.

    Als Ergänzung zum kreativ­en Vorschlag von Wil­fried Kahrs, die Armen den Hun­dekot ent­fer­nen zu lassen, schlage ich als noch lukra­ti­vere sin­nvolle Beschäf­ti­gung das Ein­sam­meln von Pfer­deäpfeln in Pfer­de­sport-Hochbur­gen vor, in denen betuchte Bürg­er hoch zu Ross ihren Zossen nicht zumuten kön­nen, in ihre eigene Kacke zu treten. Hin­ter jedes Pferd gehört ein Lakai mit Schubkarre, der den Pferd­e­dreck entsorgt. Damit hät­ten wir fast auf einen Schlag das Arbeit­slosen­prob­lem beseit­igt.

    Wenn das noch nicht reicht, dann soll­ten wir darüber nach­denken, nach asi­atis­chem Vor­bild Arme als Rikschafahrer, oder Schuh­putzer einzuset­zen. Jubelpers­er und Fäh­nchen­schwenker bei Staats­be­suchen sowie Claque­ure in Fernsehshows und Sport­stu­dios sind ständig gefragt. Wenn ich mich im TV umschaue, dann sehe ich, daß sie dort bere­its ihren fes­ten Platz abon­niert haben.

    Armut ist für die Reichen die beste Gele­gen­heit, sich als selb­st­lose Men­schen­fre­unde zu pro­fil­ieren, um damit von ihrem Reich­tum abzu­lenken, der die wahre Ursache von Armut ist. Bekan­nt ist das Para­dox­on, daß Armut nicht trotz, son­dern durch Reich­tum entste­ht. Bertolt Brecht hat diesen Zusam­men­hang fol­gen­der­maßen aus­ge­drückt: „Armer Mann und reich­er Mann / standen da und sah’n sich an. / Und der Arme sagte ble­ich: / Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

    Wil­fried Kahrs hat vol­lkom­men recht, wenn er unseren gesellschaftlichen Zus­tand als Dekadenz beze­ich­net. Eine wahrhaft typ­is­che Dekadenz, die mich unver­mit­telt an die Geschichte des Imperi­um Romanum erin­nert. Das Alte Rom, das nur mit Hil­fe der Mil­lio­nen von Sklaven (man spricht von 6 Mil­lio­nen) seinen Lebens­stan­dard aufrecht erhal­ten kon­nte, ist das Paradebe­spiel für den Nieder­gang ein­er Gesellschaft. Das Chris­ten­tum hat­te ursprünglich seine Basis in unter­priv­i­legierten und ver­sklavten Volkss­chicht­en, die im Laufe der Zeit gegen ihre Her­ren auf­begehrten. Die herrschende Ober­schicht ver­suchte, den Nieder­gang durch die Insti­tu­tion­al­isierung des Chris­ten­tums als Staat­sre­li­gion aufzuhal­ten. Im Zusam­men­wirkung mit der Völk­er­wan­derung (vielle­icht ver­gle­ich­bar mit der heuti­gen Völk­erver­mis­chung auf­grund der Glob­al­isierung) und der Degener­ierung der sat­uri­erten römis­chen Mit­tel- und Ober­schicht brach das Römis­che Reich aber dann doch rasch in sich zusam­men.

    Unter der Luftho­heit der Römis­chen Kirche, die die Nach­folge des Römis­chen Reich­es ange­treten hat, ver­fiel der Okzi­dent ins fin­stere Mit­te­lal­ter, das auf den meis­ten Gebi­eten im Ver­gle­ich zur Antike nicht nur Still­stand son­dern ver­heeren­den kul­turellen und wis­senschaftlichen Rückschritt erbracht hat. Wir soll­ten uns dies als abschreck­endes Exem­pel vor Augen führen und darauf acht­en, daß wir den Fehler nicht wieder­holen, Rat­ten­fängern ins Netz zu gehen, die uns das Paradies auf Erden ver­sprechen, die aber nur ihre eige­nen Vorteile im Sinn haben.

    MfG Peter A. Weber
    Bild­nach­weise:
    Foto 1: Wie das Feigen­blatt zu Ehren kam von Dieter Schütz / pixelio.de
    Foto 2: Schubkarre von M. Groß­mann / pixelio.de

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