Georg Schramm im Interview: “Gegen Jauch würde ich zur Wahl antreten”

Im Zuge eines Tourstopps sein­er aktuellen Solo­tour mit dem Pro­gramm “Meis­ter Yodas Ende” hat sich Georg Schramm eine ganze Stunde Zeit genom­men, um sich mit NEO­Presse aus­führlich über seine Kar­riere, seine Pläne für die Zukun­ft, als auch über die Krise in Europa, die Qual­ität der Bun­desregierung, seine per­sön­lichen poli­tis­chen Ambi­tio­nen und die poli­tis­che Land­schaft in Deutsch­land unter­hal­ten. Das Gespräch führte Ste­fan Hof­bauer.

Georg Schramm im Interview: “Gegen Jauch würde ich zur Wahl antreten” georg_schramm_als_dombrowskiZur Per­son Georg Schramm: Georg Schramm ist vie­len bekan­nt aus den poli­tisch-satirischen Fernsehsendun­gen „Scheibenwischer“(ARD) und vor allem „Neues aus der Anstalt“ (ZDF). Er wurde mit nahezu allen namhaften Kabarettpreisen des deutschsprachi­gen Raums aus­geze­ich­net, darunter der Deutsche Kleinkun­st­preis, der Salzburg­er Sti­er und der Schweiz­er Kabarettpreis Cor­ni­chon. Mehr zur Per­son und Biogra­phie auf www.georg-schramm.de.

NEOPresse.com: Vie­len Men­schen sind Sie bekan­nt aus „Neues aus der Anstalt“ (ZDF) sowie vom „Scheiben­wis­ch­er“ in der ARD. Bei bei­den For­mat­en sind Sie nach einiger Zeit wieder aus­geschieden. War das Fernse­hen nicht Ihr Meti­er oder woran ist es gescheit­ert?

Georg Schramm: „Neues aus der Anstalt“ ist gar nicht gescheit­ert. Ich habe bei­des zusam­men fast 10 Jahre gemacht. Eine Livesendung im Abstand von 4 bis 6 Wochen, da ist man einem natür­lichen Ver­schleiß unter­wor­fen. Es gibt nur wenige, die das auf gle­ich­bleibend hohem Niveau durch­ste­hen. Beim „Scheiben­wis­ch­er“ kon­nte ich mich mit den Kol­le­gen nach dem Abgang von Dieter Hilde­brandt über die Konzep­tion der Sendung nicht mehr eini­gen. Ich bin dann aus­geschieden, weil ich die Sendung gerne anders gestal­tet hätte, alle anderen aber zufrieden waren.

„Neues aus der Anstalt“ war für mich eine große Anstren­gung, aber auch ein großes Vergnü­gen. Ich habe aufge­hört bei „Neues aus der Anstalt“, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr bei­des schaffe: Bühne und eine sehr zeitaufwändi­ge Fernsehsendung. Ich musste eine Entschei­dung tre­f­fen. Ein Jahr vor dem Abschied hat­te ich mich noch für die Fernsehsendung entsch­ieden und keine Tournee gemacht, ein Jahr später war dann eben die Bühne dran. Ich hat­te ein neues Pro­gramm und habe mich dann für die Bühne und gegen die Sendung entsch­ieden. Das habe ich auch nicht bereut. Eine zen­trale Rolle in ein­er Fernsehsendung und eine Tournee neben­bei wäre nicht zu schaf­fen gewe­sen. Ich habe mit dem Urban (Pri­ol Anm. d. Red.) 36 Sendun­gen gemacht und bin erhobe­nen Hauptes und zufrieden gegan­gen, dass ich nicht erst gegan­gen bin, weil das ZDF mir den Rat gegeben hat.

NEOPresse.com: Ein kurz­er Exkurs zu den „öffentlich Rechtlichen“: Es gab ja in Deutsch­land große Diskus­sio­nen um die „Zwangs­ge­bühr“. Diese wiederum ver­weisen auf die Notwendigkeit der Gebühren, um die Unab­hängigkeit zu wahren. Wie unab­hängig sind die „öffentlich Rechtlichen“ tat­säch­lich? Wären Ihre deut­lichen Aus­sagen gegenüber deutschen Poli­tik­ern auch in ein­er Sendung möglich gewe­sen, die keinen satirischen Charak­ter hat?

Schramm: Gute Frage, ich ver­mute eher nicht. Die Sendung war zurecht im Unter­hal­tungs­bere­ich ange­siedelt. Thomas Bel­lut, damals noch nicht Inten­dant, son­dern Pro­gram­mdi­rek­tor, hat sich vor uns gestellt und an unsere Ver­nun­ft appel­liert, die Freiräume so zu nutzen, dass wir erhal­ten bleiben, aber nicht als Dro­hung son­dern als Hin­weis.

Wenn man bedenkt, wie übel die Poli­tik, und hier ins­beson­dere die CDU natür­lich, dem Chefredak­teur im poli­tis­chen Teil des ZDF rein­gere­det hat, damals hat die CDU ver­hin­dert, dass der Ver­trag des anerkan­nten und geschätzten poli­tis­chen Kopfes des ZDF, Niko­laus Bren­der, ver­längert wurde, da kann man dann nicht generell sagen, die Unab­hängigkeit ist gegeben. Über den Beirat regiert die Poli­tik mas­siv in ZDF und ARD rein, also haarsträubend und eigentlich nicht ver­fas­sungs­gerecht, um es höflich zu for­mulieren. Das Aus­maß der Ein­mis­chung ist eigentlich ein Ver­stoß gegen den Ver­trag der öffentlich Rechtlichen. Die Gebühren wären eigentlich nur gerecht­fer­tigt, wenn das Pro­gramm tat­säch­lich eine Alter­na­tive zu den Pri­vat­sendern wäre, aber ein erschüt­ternd großer Teil des Pro­gramms ist keinen Deut bess­er als das der Pri­vat­en und diesen Vor­wurf muss man auch als (Zwangs)Gebührenzahler sehr deut­lich erheben. Ich bin ges­pan­nt, wann es die ersten Kla­gen gibt.

NEOPresse.com: Trotz­dem find­en sich Aus­sagen, wie Sie sie in der Sendung gemacht haben, nicht im Pri­vat­fernse­hen. Auch die poli­tisch noch etwas explizitere Sendung „heute-show“ mit Oliv­er Welke läuft ja auch beim ZDF.

Schramm: Also Sie haben ja jet­zt den Satire Gipfel in der ARD nicht erwäh­nt, ich ver­mute mit Absicht. Das ZDF hat­te ja über viele Jahre den Ruf, Satire und poli­tis­ches Kabarett nicht mehr zu wollen. 27 Jahre lang Mora­to­ri­um waren das, nach­dem sie Dieter Hilde­brandt mal den Hahn abge­dreht hat­ten, weil er ihnen zu deut­lich wurde. Nach 27 Jahren Pause, haben sie uns dann aber ziem­lich frei arbeit­en lassen, das muss ich sagen.

Wir hat­ten ein­mal eine Ermah­nung bekom­men, weil wir uns zu hart­näck­ig und in jed­er Sendung mit dem dama­li­gen Bun­de­spräsi­den­ten Köh­ler angelegt haben.

NEOPresse.com: Das Bild an der Wand …

Schramm: Ja, das wir dann langsam ver­rot­ten ließen und anschließend mit ein­er Sack­karre über­fahren haben. Dafür sind wir dann ein­mal ermah­nt wor­den. Also haben wir in der näch­sten Sendung nur noch Loben­des über Köh­ler gesagt und Urban Pri­ol hat das Bild geküsst. Daraufhin hat der Pro­gram­mdi­rek­tor dann gesagt, „macht ein­fach so weit­er, ich habs kapiert; Es wird nur schlim­mer, wenn man etwas sagt“. Aber das waren ja Auseinan­der­set­zun­gen, die eher Spaß gemacht haben. Von Zen­sur kann man nicht reden.

NEOPresse.com: Zur deutschen Poli­tik: Sie haben ja die Poli­tik ein­er Angela Merkel immer scharf kri­tisiert.

Schramm: Nein, ich kri­tisiere die Poli­tik des selb­st ernan­nten „bürg­er­lichen Lagers“, da lege ich großen Wert darauf! Ich hab nie dez­i­tiert die Poli­tik von Angela Merkel kri­tisiert, weil die ja fast nicht erkennbar ist. Ich kri­tisiere die Poli­tik dieser Regierung. Es ist die schlecht­este Regierung, die die Bun­desre­pub­lik je gehabt hat. Merkel ist für die Richtlin­ien ver­ant­wortlich, aber meine Kri­tik richtet sich nicht auss­chließlich gegen Angela Merkel. Das muss man bre­it­er fassen. Die FDP hat großes Unheil angerichtet in den let­zten Jahren.

NEOPresse.com: Es formieren sich in Deutsch­land laufend, mehr oder weniger erfol­gre­ich, neue Parteien. Aktuell ger­ade die „Alter­na­tive für Deutsch­land“. Wie schätzen Sie die poli­tis­che Land­schaft ein? Gibt es für den Wäh­ler tat­säch­lich Alter­na­tiv­en?

Schramm: Also ich begeg­ne zunehmend, vor allem jün­geren Leuten, die dieser Auf­fas­sung sind, dass es let­ztlich schon „wurscht“ ist. Das sehe ich aber nicht so.

In einem Punkt stimme ich übere­in und das ist die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise der Europäis­chen Union. Da gibt es tat­säch­lich keine Alter­na­tive außer den Linken im Prinzip und jet­zt eben diese AfD. Da ist es tat­säch­lich so, dass es einen Main­stream gibt und die Leute zunehmend der Überzeu­gung sind, dass ihnen die Wahrheit voren­thal­ten wird. Jean Claude Junck­er hat ja in einem Inter­view mit dem „Spiegel“ wortwörtlich gesagt, dass man in solch bedeu­ten­den Fra­gen lügen muss und den Leuten nicht die Wahrheit sagen kann und wenn man etwas will, was der Wäh­ler nicht will, dann muss man eine Poli­tik der kleinen Schritte betreiben, bis es kein Zurück mehr gibt. Und das ist exakt was passiert. Von daher ist es nicht ein­mal Täuschung, es wird ein­fach nicht zur Ken­nt­nis genom­men. Da habe ich das Gefühl, dass die Wahl klein ist. Die SPD und die Grü­nen kön­nten sich nicht entschei­den, hier eine ganz klare Lin­ie zu fahren, vielle­icht ergibt sich das noch im Laufe des Wahlkampfes, dass Peer Stein­brück den Mut find­et.

Die Alter­na­tive zeich­net sich nur sehr langsam ab. Das ist übri­gends ein Prob­lem, das nicht nur in Deutsch­land existiert, son­dern in vie­len Län­dern. Die „Alter­na­tive für Deutsch­land“ wäre für mich sich­er keine poli­tis­che Alter­na­tive weil sie sehr eng gefasst ist. Sie wird in den näch­sten Monat­en beweisen müssen, ob sie sich gegen den recht­en Rand abgren­zt oder ob sie das nicht macht. Unter­lässt sie das, ist die AfD sowieso gle­ich wieder weg vom Fen­ster. Wenn die AfD das macht, disku­tiert man ja in Deutsch­land, dass sie der einzige Fak­tor sein kön­nte, der Angela Merkel vom Thron stößt. Alleine dafür müsste man diese Partei eigentlich schon mögen.

NEOPresse.com: Peer Stein­brück scheint ja als Wahlkampfhelfer für Angela Merkel aufzutreten.

Schramm: Unfrei­willig.

NEOPresse.com: So dilet­tan­tisch kann doch ein Team der SPD nicht agieren, zumal Peer Stein­brück kein Polit­neul­ing ist?

Schramm: Sie haben fast den Ver­dacht, dass da Sab­o­tage betrieben wird. Manch­mal kön­nte man den Ein­druck gewin­nen. Man denkt, es kann nicht sein, dass man so viele Fehler immer wieder von Neuem macht.

Das Andere ist, dass die Medi­en­land­schaft in Deutsch­land vom Ber­tels­mann Konz­ern und vom Springer Konz­ern sehr stark geprägt ist. Die Chefinnen von Ber­tels­mann und Springer, Liz Mohn und Friede Springer, sind bei­de enge Fre­undin­nen von Angela Merkel. Dieses Hoch von Angela Merkel wird auch getra­gen von ein­er Medi­en­macht in Deutsch­land, die ganz eng an ihrer Seite ste­ht, wobei das natür­lich keine Entschuldigung dafür sein darf, dass Peer Stein­brück und sein Wahlkampfteam solche Fehler macht. Dass die Anderen sich darauf stürzen ist nor­mal, das würde jed­er machen. Als Prob­lem steckt auch dahin­ter, dass es an Angela Merkel schw­er zu ertra­gen ist, dass sie zu nichts ein­deutig Stel­lung bezieht. Sie bezieht wortre­ich keine Stel­lung.

NEOPresse.com: Ist aber im poli­tis­chen Geschäft eine geschick­te Tak­tik?

Schramm: Sie hält sich aus poli­tis­chen Fra­gen her­aus, verkauft das aber als Poli­tik. Das Bild, dass die Kan­z­lerin den Fin­ger reckt, aber nicht um zu zeigen wo es lang geht, son­dern um zu prüfen woher der Wind weht, das ist lei­der richtig. In dieser kri­tis­chen Phase der gesam­teu­ropäis­chen schw­eren Krise kann sich das noch als fatal erweisen. Das dauert noch ein wenig, aber ich fürchte, das wird sich als schw­er­er Fehler erweisen was sie uns da als Poli­tik verkauft. Peer Stein­brück gibt zu wenig zu erken­nen, was die Alter­na­tive sein kön­nte und ein Großteil der Presse hat kein Inter­esse zu zeigen, dass es eine Alter­na­tive gibt.

NEOPresse.com: Wobei Peer Stein­brück ja zu sein­er Zeit in der Regierung die Banken­ret­tung, in Zusam­me­nar­beit mit Jörg Asmussen, ja entschei­dend ver­an­lasst hat!?

Schramm: Die bei­den haben eifrig daran gear­beit­et, den Tur­bo-Finanzkap­i­tal­is­mus in Deutsch­land hof­fähig zu machen. Da beste­ht kein Zweifel daran und Asmussen hat dabei keine kleine Rolle gespielt.

Er ist jedoch der einzige, der sagt, er hat in diesem Zusam­men­hang Fehler gemacht. Er macht jedoch nicht deut­lich, was er jet­zt grundle­gend anders machen würde.

NEOPresse.com: Ist das (europäis­che) Mod­ell der repräsen­ta­tiv­en Demokratie eine Fehlkon­struk­tion und als gescheit­ert zu betra­cht­en, Stich­wort: Direk­te Demokratie? Poli­tik­er ist ja zum reinen Kar­ri­ere­beruf gewor­den.

Schramm: Also ich lebe ja nahe der Schweiz­er Gren­ze schon seit vie­len Jahren und ich beobachte mit großer Neugierde schon seit langer Zeit wie poli­tisiert die Stim­mung im All­t­ags­ge­spräch durch die Volksab­stim­mungen zu ganz grund­sät­zlichen Fra­gen immer wieder ist. Das ist ein inter­es­san­ter Kon­trast. Die Regierung in der Schweiz ist ja eine All­parteien­regierung. In der Schweiz sind sämtliche Parteien in der Regierung. Das ist unvorstell­bar eigentlich, aber sie haben ihre regelmäßi­gen Volksab­stim­mungen und davon wün­sche ich mir bei uns mehr.

Die Gefahr von der Sie reden sehe ich auch. In Griechen­land hat der Papan­dreou ja vorgeschla­gen, dass er das Volk befragt zum Sparkurs. Dafür ist er inner­halb von zwei Tagen von Merkel, Sarkozy und anderen Regierungschefs zu Sau gemacht wor­den, nach Strich und Faden. In Ital­ien sind sie entset­zt darüber, dass der Lieblingskan­di­dat aller Europäer bei den Wäh­lern kom­plett durchge­fall­en ist. Manche sagen, er wäre durchge­fall­en, weil er ja gar kein ital­ienis­ch­er Kan­di­dat war, son­dern der Kan­di­dat von Merkel, Junck­er und Sarkozy. Ich glaube, dass der Grund, warum jet­zt auf diese „Off­shore-Leaks“ so reagiert wird, in der zunehmenden Angst der etablierten Parteien vor dem näch­sten Wahlter­min liegt. Da erwarten uns in den näch­sten Jahren einige Über­raschun­gen. Als Beispiel in Griechen­land, da kön­nte es passieren, dass die Recht­sradikalen zweit­stärk­ste Partei wer­den. Dann ist das Land kom­plett unregier­bar.

NEOPresse.com: Ein Artikel auf NEO­Presse vor einiger Zeit hat auf satirische Weise vorgeschla­gen, dass Sie, Kol­lege Pelzig und Kol­lege Pis­pers zur deutschen Bun­destagswahl antreten und den Gril­lo-Effekt nutzen. Wie wahrschein­lich ist Georg Schramm als deutsch­er Gril­lo?

Schramm: Also erstens möchte ich nicht zum Gril­lo wer­den, weil der auch ein paar Zungeschläge drauf hat, die mich sehr beun­ruhi­gen, auch wenn Dario Fo ihn für fehleingeschätzt hält. Der Gril­lo-Effekt wäre ja großar­tig, aber der wird bei uns nicht ein­treten, weil das poli­tis­che Sys­tem in Deutsch­land in den Augen der Wäh­ler­masse nicht so ver­rot­tet ist wie in Ital­ien. Ich bin ein ener­gis­ch­er Kri­tik­er unseres Poli­tik­be­triebs, aber in Ital­ien hat die Selb­st­be­di­enungs­men­tal­ität der Poli­tik­er ein Aus­maß angenom­men wie es bei uns unvorstell­bar wäre. Dazu kommt, dass wir ja, warum auch immer, ein Nutznießer der gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nisse sind. Wir sparen jedes Jahr große Mil­liar­den­be­träge.

NEOPresse.com: Aber das gilt nicht für die bre­ite Bevölkerung.
Schramm: Nein.
NEOPresse.com: Aber das sind die Wäh­ler.

Schramm: Es ist ja ein Phänomen, das bei uns noch schwäch­er aus­geprägt ist als in den USA. Dort wählen die Men­schen ja ger­adlin­ig gegen ihre eige­nen Inter­essen. Bei uns tun sie das von einem bes­timmten Punkt aus betra­chtet auch. Aber das ist nicht die Stim­mung im Land.

Trotz­dem haben wir in Deutsch­land eine rel­a­tiv geringe Arbeit­slosen­rate und eine gott­sei­dank noch rel­a­tiv niedrige Jugen­dar­beit­slosigkeit im Ver­gle­ich zu anderen Län­dern, war beson­ders wichtig für unsere Zukun­ft ist. Wir haben im Ver­gle­ich ein rel­a­tiv gut funk­tion­ieren­des soziales Absicherungssys­tem, auch wenn ich dieses im Detail heftig kri­tisiere. Es gibt keine Wech­sel­stim­mung in Deutsch­land. Noch nicht mal zu Rot-Grün hin, geschweige denn zu einem Gril­lo-Effekt.

Ich habe mich ja leichtsin­niger­weise der Auf­fas­sung ver­schrieben, dass ich auf die Frage ob ich Bun­de­spräsi­dent, der in Deutsch­land gar nicht vom Volk gewählt wird, wer­den möchte zu sagen, an dem Tag, an dem er vom Volk gewählt würde, müsste ich wahrschein­lich gegen Franz Beck­en­bauer und die Bild Zeitung antreten, oder eher Gün­ther Jauch. Franz Beck­en­bauer ist zu alt. Gün­ther Jauch würde dann als Präsi­dentschaft­skan­di­dat von Friede Springer auf das Schild gehoben wer­den. Gegen Gün­ther Jauch, da würde ich dann unter Umstän­den zu mein­er Frau sagen:

„Gut, hier­mit ist unser Fam­i­lien­leben zer­stört, ich kan­di­diere“.

Sich in der Poli­tik stark zu engagieren ist ein völ­lig anderes Pferd als poli­tis­ches Kabarett zu machen. Aber auch in Island hat ein gediegen­er Komik­er (Jon Gnarr, Region­al­wahl in Reyk­javik Anm. d. Red.) einen beachtlichen Wahler­folg gefeiert und den etablierten Parteien gehöri­gen Schreck­en einge­jagt.

Mein per­sön­lich­er Ehrgeiz ist sehr klein, man müsste mich an mein­er preußis­chen Ehre pack­en.

Man weiß ja nicht, was die Zeit­en noch brin­gen. Ich bin überzeugt, wir wer­den in Zukun­ft in Europa noch einige Über­raschun­gen erleben.

NEOPresse.com: Apro­pos Über­raschun­gen: In jüng­ster Ver­gan­gen­heit sind einige Dinge passiert, welche noch vor eini­gen Monat­en oder Jahren für unmöglich gehal­ten wur­den und als pure Ver­schwörungs­the­o­rie abge­tan wur­den. Dazu gehören, Banken­pleit­en, Staat­spleit­en und jüngst die Enteig­nung von Spar­er direkt vom Bankkon­to. Worauf muss sich die Bevölkerung im Zuge der Krise noch gefasst machen?

Schramm: Die Men­schen müssen damit rech­nen, dass das deutsche Erfol­gsmod­ell, das ja auf dem Mis­ser­folg der wirtschaftlichen Konkur­renten beruht, an seine Gren­zen stößt oder schon gestoßen ist. Da bin ich mir rel­a­tiv sich­er. Ob wir das in Deutsch­land als san­fte Lan­dung hin­bekom­men oder als Absturz, das weiß ich nicht. Wir müssen uns darauf ein­richt­en, dass das deutsche Erfol­gsmod­ell nicht für andere funk­tion­iert. Zu anderen zu sagen, ihr müsst agieren wie wir, dann geht es euch genau­so gut, KANN nicht funk­tion­ieren.

Das ist eine der größten Lügen der Gegen­wart.

Das deutsche Wach­s­tum und der Han­del­süber­schuss basiert auf dem Han­dels­de­fiz­it der anderen. Das eine geht nicht ohne das andere. Wir bleiben nicht die Insel der Seli­gen. Die Krise in Griechen­land, Spanien und Ital­ien wird auf uns zurückschla­gen. Selb­st Frankre­ich ist in ein­er schwieri­gen Sit­u­a­tion. Die europäis­che Idee, die ich für sehr wertvoll halte, wird allein unter wirtschaftlichen Aspek­ten unter schw­er­sten Druck ger­at­en. Das befürchte ich kurz und mit­tel­fristig.

Langfristig ver­lieren wir ja vor lauter „uns in die Hosen scheis­sen“ um einen Absturz des Euro, dass wir ger­adewegs in eine Kli­makatas­tro­phe laufen. Das Tem­po wird sich beschle­u­ni­gen, da die wirtschaftlichen Schwierigkeit­en dazu genutzt wer­den, die Nach­haltigkeit des Wach­s­tums wieder auszubrem­sen. Es ist ja kaum noch The­ma. Die Emis­sion­sz­er­ti­fikate zu reduzieren und über teur­eren Energie­ver­brauch die Wirtschaft in eine andere Rich­tung zu lenken, ist maßge­blich am deutschen Wider­stand gescheit­ert. Das sehe ich mit­tel­fristig als großes Prob­lem.

Was mich darüber hin­aus beschäftigt ist der zunehmende Ver­fall von Staat­en und die Zunahme von mil­itärischen Kon­flik­ten die keinen Regeln mehr gehorchen und asym­metrisch geführt wer­den. Die zunehmende Pri­vatisierung von Gewalt, also der Markt ausser­halb der reg­ulären Armeen, hat glaube ich ein Vol­u­men von 200 Mil­liar­den Dol­lar pro Jahr erre­icht. Das sind Dinge, die mich sehr beun­ruhi­gen.

NEOPresse.com: Ist die europäis­che Mit­telschicht so stark unter Druck wie befürchtet oder propagiert?

Schramm: Ich denke, dass das eine sehr het­ero­gene Gesellschaftss­chicht ist. Es gibt ja das Phänomen, dass sich in Umfra­gen 80% der Men­schen zur Mit­telschicht zählen. Es gibt ern­sthafte Stu­di­en, die besagen, dass in den let­zten 10 Jahren 5 Mil­lio­nen Men­schen, rein materiell, von der unteren Mit­telschicht in die Unter­schicht abgestürzt sind, das aber nicht zugeben. Es gibt Län­der, in denen die Mit­telschicht wie bei uns nie existiert hat, aber ich glaube, dass die Mit­telschicht gesam­teu­ropäisch gese­hen tat­säch­lich unter Druck gerät. Wie sie darauf reagiert weiß ich nicht, keine Ahnung.

Das Fatale aus deutsch­er Sicht zumin­d­est ist, dass poli­tis­che Inno­va­tion aus der Unter­schicht, die eigentlich am stärk­sten unter Druck ste­ht, gar nicht kommt. Das sind die Leute, die sich am ehesten den Wahlen ver­weigern. Die inno­v­a­tiv­en Kräfte tauchen aus dem aufgek­lärten Bürg­er­tum auf, was ich vor 10 Jahren noch nicht frei­willig geäußert hätte. Welche Inno­va­tio­nen kom­men noch aus der SPD? Aus der Unter­schicht kommt gar nichts, es sei denn eine Revolte gegen Dieter Bohlen vielle­icht. Die Linke ist ja in der Unter­schicht über­haupt nicht ver­ankert, was poli­tisch gese­hen ja eigentlich das Sprachrohr sein müsste.

Georg Schramm im Interview: “Gegen Jauch würde ich zur Wahl antreten” vorfahrt_fuer_georg_schramm_als_bundespraesidentNEOPresse.com: War die Krise ein unvorherse­hbar­er, chao­tisch ablaufend­er Zufall, liegt die Schuld bei den ange­blich kok­senden Bankern oder wird die Krise ges­teuert und benutzt?

Schramm: Nein es war wed­er unvorherse­hbar noch ist es chao­tisch. Es ist eigentlich ziem­lich ziel­stre­big abge­laufen. Die Macht des Finanzkap­i­tal­is­mus kon­nte sich ja nur so explo­sion­sar­tig aus­bre­it­en, weil die Staat­en in ihrer absoluten Mehrheit sich von den Finanzkap­i­tal­is­ten abhängig gemacht haben, in dem sie eine lustige Schulden­poli­tik betrieben haben. Mit dieser Schulden­poli­tik kon­nten sie den Wäh­lern ein Wach­s­tum vor­gaukeln, das durch­wegs auf Pump finanziert war. Der Zuwachs der Schulden der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land in den let­zten 10 bis 15 Jahren sind fast deck­ungs­gle­ich mit der Zuwachs des Volksver­mö­gens.

Ein­er der Hak­en an der Sache ist, dass die Schulden von allen bedi­ent wer­den müssen, während die Ver­mehrung des Volksver­mö­gens zu 95% in die ober­sten 1–2% der Wohlhaben­den gegan­gen ist. Die bre­ite Masse hat­te keinen Zuwachs.

NEOPresse.com: Was man mit­tler­weile an realen Dat­en able­sen kann.

Schramm: Vor kurzem kam ja die Studie der EZB her­aus, in der erst­mals, ich hat­te die Hoff­nung schon aufgegeben, als Gradmess­er der Ver­mö­gensverteilung der Einkom­mens­me­di­an und nicht der Durch­schnitt herange­zo­gen wurde. Ich hab den Unter­schied zwis­chen Durch­schnitt und Medi­an über Jahre ver­sucht in mein Pro­gramm einzubauen und habe die Leute tötlich gelang­weilt damit.

NEOPresse.com: Diese Studie ist die erste von qua­si höch­ster Stelle, welche trans­par­ent macht, was viele schon gespürt haben.

Schramm: Ja, und was machen sie jet­zt damit? Sie rel­a­tivieren es. Jeden Tag gibt es fünf Mel­dun­gen, dass das alles nicht so ernst genom­men wer­den darf.

NEOPresse.com: Das war zu erwarten.

Schramm: Ja, es war auch zu erwarten, dass sie funk­tion­iert, die Beschwich­ti­gung.

NEOPresse.com: Bei seinem Auftritt in der Har­ald Schmidth Show halt Rolf Hochhut zu ein­er gewalt­samen Rev­o­lu­tion aufgerufen. Sein­er Mei­n­ung nach sind gut­ge­meinte Par­la­ments­beschlüsse nicht wirk­sam im Kampf, um den Stel­len­wert der sozialen Aspek­te der Poli­tik und die Änderung dieser zugun­sten ein­er sozialen Mark­twirtschaft. Wür­den Sie dem zus­tim­men?

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Schramm: Hier hat Herr Hochhut leicht reden, da er sich ja mit­tler­weile in einem Alter befind­et, wo er selb­st nicht mehr direkt beteiligt wäre und die Fol­gen von der Gen­er­a­tion sein­er Enkel aus­ge­badet wer­den müssen.

Generell haben wir noch viel zu ver­lieren. Das ist ein Aspekt und der zweite ist, bei solchen Unruhen ist der Aus­gang immer offen, das muss nicht automa­tisch zum Besseren führen. Also ich bin mis­strauisch und sehr ängstlich in der Beziehung.

NEOPresse.com: Sie sehen also noch Chan­cen, über das gegen­wär­tige Poli­tis­che Sys­tem einen Wan­del her­beizuführen?

Schramm: Ich hoffe es, ich hoffe es ausseror­dentlich. Ein Auseinan­der­brechen der Europäis­chen Union, nicht des Euro, das ist für mich nicht das Prob­lem, würde die Gefahr bergen, dass das bei einem Teil des Bürg­er­tums müh­sam erkämpfte europäis­che Gefühl auf der Strecke bleiben würde. Dann kön­nten Leute wie Berlus­coni die Gewin­ner sein. Wenn es zu sozialen Unruhen kommt, dann nation­al­isiert sich der Kon­flikt jew­eils wieder, obwohl es eigentlich ein inter­na­tionaler Kon­flikt ist. Dann wäre meine Sorge, dass recht­sradikale und recht­spop­ulis­tis­che Fig­uren wie Berlus­coni oder Le Pen davon prof­i­tieren wür­den. Das steckt hin­ter mein­er Angst vor sozialen Unruhen. Ich glaube näm­lich, dass die Linke davon gar nicht prof­i­tieren würde.

Gle­ichzeit­ig darf man das nicht zu schwarz sehen. Ich habe ja in Inter­views immer wieder gesagt, dass die Protes­tak­tio­nen rund um Stuttgart21, die ja in Deutsch­land für das Bürg­er­tum eine bedeu­tende Rolle gespielt haben, ihre Wirkung in den Hin­terköpfen sehr viel­er Poli­tik­er nicht ver­fehlt haben. Viele Aktivis­ten glauben ja, sie wären gescheit­ert. Ich sage jedoch immer, dass sie über­haupt nicht gescheit­ert sind. Die Botschaft ist bei vie­len Poli­tik­ern sehr genau angekom­men. Wozu die Leute in Stuttgart fähig waren. Wozu die Leute fähig sind, wenn sie wirk­lich unzufrieden sind. Die Demon­stran­ten in Stuttgart waren ja Men­schen aus der bürg­er­lichen Mitte, aus dem kon­ser­v­a­tiv­en Bürg­er­tum und die SPD war prak­tisch nicht vertreten. Die SPD ist ja bis heute für den Bahn­hof.

NEOPresse.com: Die Proteste haben viele Poli­tik­er aufgeschreckt, wozu auch der zufriedene und san­ft­mütige deutsche Bürg­er fähig ist?

Schramm: Ja, ich glaube auch, ein Teil der momen­ta­nen Bere­itschaft den sehr wohlhaben­den Steuer­flüchtlinge genauer auf die Fin­ger zu schauen, ist eine Mis­chung aus völ­lig leeren Staatskassen und ein­er Angst vor dem Wäh­ler. Die Debat­te, welche auf­grund der „Off­shore-Leaks“ ent­standen ist, ist ja schon ein­mal ein schön­er Anfang. Wenn man sieht, welchen Wirbel das verur­sacht hat, in der Hoff­nung, dass dieser Wirbel sich nicht bin­nen Wochen­frist wieder legt.

NEOPresse.com: Wird sich leg­en! Auss­er Friede Springer ver­stärkt den Druck.

Schramm: Aach, Sie rauben einem jede Hoff­nung! Ich hoffe Sie haben unrecht!

NEOPresse.com: Den Leuten ist nicht bewusst, welch drastis­chen Ein­fluss ähn­liche Steuer­erle­ichterun­gen für ihren eige­nen Lebens­stan­dard hät­ten.

Schramm: Die Leute kapieren nicht, was es heißt, dass jährlich eine Bil­lion Euro aus den Hän­den des Staates ver­schwindet bzw. erst gar nicht in die Hände des Staates kommt.

NEOPresse.com: Apro­pos Hoff­nung: Ein Leser bzw. Autor von NEO­Presse hätte fol­gende Frage an Sie: „Wie hil­fre­ich bzw. hil­f­los fühlt sich ein poli­tis­ch­er Kabaret­tist in der heuti­gen Zeit?“

Schramm: Auf ein­er Skala von 0 bis 10? Neun! Wenn zehn völ­lig hil­f­los ist, ist der poli­tis­che Kabaret­tist Georg Schramm bei neun. Und dem Leser kön­nen Sie noch ein Zitat mit­geben, auf die Frage, „Warum machen Sie es dann über­haupt?“.

Zwei Gründe:

Meine tiefe Res­ig­na­tion wird merk­würdi­ger­weise zunehmend von jun­gen Leuten aufge­fasst die hin­ter­her zu mir kom­men uns sagen, ich finde es toll, dass sie es machen. Das gibt mir was. Ich sel­ber spüre es schon gar nicht mehr. Aber es gibt Leute, denen es etwas gibt. Das ist schön.

Der zweite Satz, das ist der ulti­ma­tive Satz über die Wirkungsweise des poli­tis­chen Kabaretts und zwar von einem ganz Großen, von Matthias Beltz, der sich lei­der mit 57 Jahren vom Ack­er gemacht hat. Der Matthias Beltz hat auf die Frage, was er mit seinem poli­tis­chen Kabarett erre­ichen möchte mal geant­wortet, und da gibt es dann auch nichts hinzuzufü­gen:

„Ich möchte die Men­schen auf ihrem Weg von der Hoff­nungslosigkeit über die Trost­losigkeit in die Aus­sicht­slosigkeit begleit­en.“

Er hat dann hin­ter­her immer eine Flasche Chardon­nay aufgemacht und diese auch getrunk­en.

NEOPresse.com: Und die Hoff­nungslosigkeit herun­terge­spült?

Schramm: Ja! Den Satz habe ich von ihm ein­mal gehört und er ist seit­dem in meinem geisti­gen Gepäck. Man kön­nte noch eine dritte Antwort anführen. Ich glaube, wenn ich mich nicht mehr über das Ganze aufre­gen würde, ich glaube dann würde ich platzen. Ich würde erstick­en oder platzen. Wahrschein­lich erstick­en.

NEOPresse.com: Bezüglich Hoff­nungslosigkeit: Sie sind ja Vater von drei Kindern. Was rat­en Sie Ihren Kindern bzw. generell jun­gen Men­schen? Sich anzu­passen oder Wider­stand zu leis­ten?

Schramm: Meine Kinder sind keine poli­tis­chen Queru­lanten. Meine Töchter haben ein klares poli­tis­ches Bewusst­sein, sind jedoch weit davon ent­fer­nt, sich poli­tisch zu engagieren. Mein Sohn ist poli­tisch mäßig inter­essiert und ich ver­suche ihm beizubrin­gen, seinen Weg zu find­en, für den er sich nicht zu schä­men braucht und in den Spiegel schauen kann. Das ist schon eine ganze Menge.

NEOPresse.com: Wäre es bess­er für junge Men­schen, sich der Hoff­nungslosigkeit gar nicht bewusst zu wer­den?

Georg Schramm im Interview: “Gegen Jauch würde ich zur Wahl antreten” GeorgSchrammSanftleben Schramm: Genau das wäre ihnen zu wün­schen, dass sie sich der Aus­sicht­slosigkeit nicht bewusst sind, son­dern das Auflehnen gegen die Dinge, die Ihnen die ältere Gen­er­a­tion vorset­zt, als Teil des Erwach­sen­wer­dens begreifen. Wie sie das dann aus­gestal­ten, das weiss man im Einzelfall dann nicht, aber die Ent­poli­tisierung des All­t­ags hat bei jun­gen Men­schen schon unglaubliche Aus­maße angenom­men. Obwohl das jede Gen­er­a­tion immer über die fol­gende Gen­er­a­tion gesagt hat.

NEOPresse.com: Viele meinen, es macht keinen Unter­schied welche „Farbe“ sie wählen!

Schramm: Ich weiss es nicht. Ich will es nicht wahrhaben, dass es keinen Unter­schied macht. Ich sehe die Alter­na­tiv­en eher, dass sie sich in Bürg­er­be­we­gun­gen und regionalen Aktions­bünd­nis­sen zusam­men­tun für einen bes­timmten Zweck und anschließend evtl. wieder auseinan­der­laufen. Das ist natür­lich eine ganz andere Form des gesellschaft­spoli­tis­chen Engage­ments, als in eine Partei einzutreten.

Ich habe noch keinem mein­er Kinder vorgeschla­gen, in eine Partei einzutreten und das für mich sel­ber auch immer aus­geschlossen. Aber ein gesellschaftlich­es Engage­ment, das erwarte ich schon von meinen Kindern. Ob das dann erst auf den zweit­en Blick poli­tisch ist, das ist mir völ­lig egal. In der Region, in der ich lebe, die im Ver­gle­ich zu anderen deutschen Regio­nen eine sehr niedrige Arbeit­slosen­rate hat, erlebe ich das gesellschaftliche Engage­ment in Grup­pen oder gemein­nützi­gen Vere­inen als großen Sta­bil­itäts­fak­tor.

NEOPresse.com: Aber der Ein­tritt in das poli­tis­che Sys­tem ist aus­sicht­s­los für junge Men­schen?

Schramm: Nicht aus­sicht­s­los, aber da muss man schon ganz beson­ders gestrickt sein, um das auf sich zu nehmen.

Man darf auch den Spaß­fak­tor nicht ger­ingschätzen und von oben herab als alter Sack behaupten: „Ihr wollt ja nur Spaß haben!“. Es ist auch ein gewiss­es Recht, dass das Engage­ment Spaß machen sollte und das ist beim poli­tis­chen Engage­ment nicht wirk­lich zu erken­nen.

Es gab ja mal eine Zeit bei der 68 Bewe­gung, da waren die besten Mädels zufrieden, wenn man in linken Grup­pen agiert hat. Das war für nicht wenige die Triebfed­er. Meine Mut­ter z.B. hat gesagt, sie hat mit den Kom­mu­nis­ten geliebäugelt, weil die am besten aus­sa­hen und die besten Red­ner waren (lacht).

NEOPresse.com: Wahlen brin­gen also keine echt­en Alter­na­tiv­en und sich in poli­tis­chen Parteien zum Entschei­dungsträger befördern zu lassen ist auch keine ver­lock­ende Option. Was tun?

Schramm: Wahrschein­lich muss man den Oppor­tunis­mus der etablierten Parteien benutzen. Angela Merkel hat ja aus Angst vor dem Wahlbevölkerung ihre Atom­poli­tik rück­gängig gemacht. Nicht aus Angst vor einem GAU. Sie hat aus Angst davor, dass die Angst der Bevölkerung sich gegen sie wen­det aus rein oppor­tunis­tis­chen Grün­den ihre Entschei­dung rück­gängig gemacht. Sie hat also aus Angst vor dem Wahlvolk das Richtige getan. Nicht aus eigen­er Überzeu­gung.

NEOPresse.com: Ist das Ihre Vorstel­lung von gesellschaft­spoli­tis­chem Engage­ment, den Druck aufzubauen?

Schramm: Ja. Ich weiss, dass ohne Fukushi­ma auch der Kretschmann auch nicht Min­is­ter­präsi­dent in BW hätte wer­den kön­nen. Das ist ein bit­ter­er Beleg dafür, dass es schwere Katas­tro­phen braucht damit die Leute zu Ver­stand kom­men. Die Energiewende der Kan­z­lerin war ja die Wende von der Wende, das wis­sen wir alle, aber es war Angst vorm Wahlvolk.

Wenn sie jet­zt auch noch als Angst vor dem Wahlvolk offen gesagt hätte, ich bin für einen Min­dest­lohn und wenn das mit der FDP nicht zu machen ist, dann machen wir es mit jeman­den anderen, dann hätte sie aus Angst vor dem Wahlvolk das Richtige getan. Aber da ist der Druck nicht stark genug. Fukushi­ma taugt nicht dafür und ein Aster­oidenein­schlag ist etwas unspez­i­fisch (lacht).

NEOPresse.com: Zum Abschluss etwas per­sön­lich­es: Die Fig­ur in Ihrem aktuellen Pro­gramm Lothar Dom­brows­ki find­et sich in der Welt der Senioren bzw. der Welt der Aus­ge­musterten nicht richtig zurecht. Der Men­sch Georg Schramm tritt bald kürz­er, wie ist der Aus­blick auf das Alter?

Schramm: Von den poli­tis­chen Entwick­lun­gen habe ich ja eine Vorstel­lung, düster. Wenn ich in diesen düsteren Rah­menbe­din­gun­gen halb­wegs gesund bleibe, dann hätte ich noch eine Weile Spaß mitzu­mis­chen, zu Essen, zu Trinken und zu Stre­it­en. Dafür etwas mehr Zeit zu haben als in den let­zten zehn Jahren.

NEOPresse.com: Mehr Zeit wobei mitzu­mis­chen?

Schramm: Zum Beispiel jun­gen Leuten aus­ladende, über­lange Inter­views zu geben und nicht sagen zu müssen, ich habe 10 Minuten Zeit und danach muss ich einen Text für „Neues aus der Anstalt“ schreiben. Ich bleibe poli­tisch engagiert und gehe zu wohltäti­gen Ver­anstal­tun­gen, für die ich son­st gar keine Zeit gehabt hätte.

NEOPresse.com: Wie sehen die Pläne für die Zukun­ft aus? Jet­zt ste­ht ja der Abschied von der Bühne an.

Schramm: Das ist kein Abschied von der Bühne, son­dern von der Solo­tournee, aus diesem engen Rah­men eines Tour­pro­gramms das zwei Jahre im voraus fest­gelegt ist. Andern­falls müsste ich jet­zt schon wieder an einem neuen Solo­pro­gramm sitzen. Ich habe Pläne, noch ein paar Sachen zu machen mit Kol­le­gen, die ich sehr schätze, aber das sind dann keine Soloun­ternehmungen mehr. Vielle­icht mache ich auch mal einen The­menabend oder eine Lesung zu einem The­ma, aber nichts, was dann für zwei Jahre einen bun­desweit­en Tourneecharak­ter haben soll. Das gibt auch die Frei­heit, Anfra­gen von Aktions­bünd­nis­sen oder Organ­i­sa­tio­nen anzunehmen und dort z.B. eine halbe Stunde aufzutreten. Ich hat­te in den let­zten Jahren viele Anfra­gen von Aktion­skreisen, zu denen ich nur sagen kon­nte, es ist eine tolle Sache die ihr macht, aber es tut mir leid ich habe lei­der keine Zeit.

NEOPresse.com: Gibt es schon konkrete Pläne mit Kol­le­gen? Darf man eine, zumin­d­est spo­radis­che, Rück­kehr ins Fernse­hen erwarten? Wird es einen Georg Schramm bei Mais­chberg­er zu sehen geben?

Schramm: Also bei Frau Mais­chberg­er sich­er nicht. Da geh ich aus Überzeu­gung nicht hin! Mit­tler­weile haben die Redak­tio­nen gott­sei­dank gemerkt, dass ich es ernst meine und fra­gen auch gar nicht mehr danach. Eine Zeit­lang musste ich immer wieder von neuem erk­lären, dass ich nicht komme. Das ist aber seit ein, zwei Jahren kein Prob­lem mehr. Ich habe meine Ruhe, das ist sehr angenehm.

Zu ein­er satirischen Sendung etwas beizus­teuern zu einem The­ma, bei der es sich lohnt mitzu­machen, wäre ich, wenn man mich fragt, nicht grund­sät­zlich abgeneigt. Hängt immer davon ab, zu welchem The­ma.

Herr Schramm, vie­len Dank für das Inter­view und Ihre Zeit!

Sehr gerne, jet­zt muss ich mich aber schle­u­nigst auf meinen Auftritt vor­bere­it­en gehen.

Anmerkung von qpress: Wir haben in Absprache mit NEO­Presse und im Wege ein­er gegen­seit­iger Koop­er­a­tion (viele qpress Artikel erscheinen auch dort) dieses Inter­view über­nom­men. Georg Schramm ist uns wichtig, weil er in sein­er kün­st­lerischen Arbeit unser poli­tis­ches Sys­tem mustergültig aufs Korn nimmt. Besten Dank an NEO­Presse für dieses her­vor­ra­gende Inter­view »> hier geht es zum Orig­i­nal.

Georg Schramm im Inter­view: “Gegen Jauch würde ich zur Wahl antreten”
14 Stim­men, 4.76 durch­schnit­tliche Bew­er­tung (95% Ergeb­nis)
Wir exper­i­men­tieren. Man kann sich diesen Artikel auch vor­lesen lassen. Lei­der klingt die Dame in Deutsch etwas holperig und unbe­holfen. Wer damit klarkom­men kann, der mag sich gerne eine Vor­lesung geben lassen!
Immer noch und auf alle Zeit total kosten­los … unsere Mail-Benachrich­ti­gung, sobald neue Artikel hier erscheinen. Es geht ganz ein­fach: ein­tra­gen, Bestä­ti­gungs­mail kommt post­wen­dend (bei großen Mail­providern auch den SPAM-Ord­ner prüfen), dort Bestä­ti­gungslink klick­en und alles ist schon erledigt. Kann jed­erzeit genau­so unkom­pliziert abbestellt wer­den. Jede Mail enthält enst­prechende Links dazu. Also? Worauf noch warten?

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Die verkommene Wahrheit unserer Zeit ist so relativ und dehnbar wie das Geschrei der Konzern-Massen-Medien daselbst. Erst der schräge Blick durch die Blindenbrille, in stockfinsterer Vollmondnacht, eröffnet darüber hinaus völlig ungeahnte Perspektiven für den Betrachter. Überzeichnung ist dabei nicht zwangsläufig eine Technik der Vertuschung, vielmehr ist es die Provokation gezielter Schmerzen, die stets dazu geeignet sind die trügerische Ruhe zugunsten eigener oder andersartiger Gedanken zu stören. Motto: „Lässt Du denken, oder denkst Du schon?“

9 Kommentare

  1. Ich finde das Inter­view mit Her­rn Schramm ent­täuschend.
    Er sollte Kabaret­tist bleiben und auf keinen Fall in die Poli­tik gehen.
    Uns Deutsch­land als Erfol­gsmod­ell zu verkaufen ist Naiv.
    Deutsch­land ist das Land der Bil­liglöh­n­er und unbezahlten Über­stun­den.
    40 Mil­lio­nen Deutsche besitzen kein­er­lei Ver­mö­gen.
    Damit sind die BRD-Unter­ta­nen die Ärm­sten in Wes­teu­ropa.

    • Nun, er wird ja auch nicht in die Poli­tik gehen, es sei denn er kann gegen Jauch antreten. Ich denke man muss ihn mehr im Kon­text ver­ste­hen. Bis zu einem gewis­sen Grade ist ja Deutsch­land dur­chaus ein Erfol­gsmod­ell und die Punk­te wo es klemmt und hapert, die nimmt er ja auch pro­gram­ma­tisch ins Visi­er.

      Das Inter­view belegt eben nur, dass er kein Gril­lo ist (dafür ist er im nor­malen Leben wohl doch zu mod­er­at), Gril­lo würde wohl etwas radikaler range­hen … 😉

      • “Bis zu einem gewis­sen Grade ist ja Deutsch­land dur­chaus ein Erfol­gsmod­ell …”

        Dass Du über eine außeror­dentliche Phan­tasie ver­fügst, weiß und schätze ich.
        Erhob sich bei der For­mulierung “Erfol­gsmod­ell” diese Phan­tasie über Deinen Real­itätssinn?

        Ein Erfol­gsmod­ell wird Deutsch­land erst als einge­tra­gen­er Klein­garten­vere­in. So sehe ich das.
        Bei vorheriger, das ver­ste­ht sich, Aus­bürgerung bes­timmter destruk­tiv­er Elele­mente in die Sahara — zur Begrü­nung der­sel­ben, ver­ste­ht sich.

        Gruß
        Wolf­gang

  2. @ Augus­tus

    Sie gehen davon aus, dass Sie von Her­rn Schramm getäuscht wur­den? Ein­er Ent­täuschung geht immer eine Täuschung voraus! Über­legen Sie sichs nochmal. Da ich ein Fan von Her­rn Schramm bin, werde ich Ihn gle­ich informieren und entsprechende Maß­nah­men in die Wege leit­en. Not­falls muß ich einen Beschw­erde­brief schreiben.

  3. …und noch was. Der Wieder­auf­bau des Nachkriegs­deutsch­lands und das damit ein­herge­hende Wun­der wäre ja ohne Mith­il­fe des Heili­gen Stuhl Petri gar nicht möglich gewe­sen.

    „Auss­chlaggebend für das VW-Werk, sich auf Ital­ien zu konzen­tri­eren, waren schließlich die Verbindun­gen des Katho­liken Nord­hoff zum Vatikan in Rom und die dort sig­nal­isierte Koop­er­a­tions­bere­itschaft zur Ver­mit­tlung der ange­forderten Arbeit­skräfte.“

    http://www.dhm.de/ausstellungen/aufbau_west_ost/katlg21.htm

    Insofern ist es richtig und gerecht, dass Deutsch­land den Men­schen in Südeu­ropa hil­ft – die Men­schen dort warten auf ein Wun­der.

    Ihr

    HuR­rA-DeUtScH

  4. … hier noch ein biss­chen

    Mit Hil­fe des Vatikans verkürzte sich die Wartezeit für das Volk­swa­gen­werk jedoch auf ein Min­i­mum: Es schick­te für mehr als zwei Jahre einen Anwerbe­mann nach Ital­ien, dem von Seit­en der Kirche ein katholis­ch­er, für die Über­set­zun­gen zuständi­ger Wür­den­träger zur Seite gestellt wurde. Gemein­sam bereis­ten sie Dör­fer der dama­li­gen “wirtschaftlichen Pas­sivräume” — die Abbruzzen und die südlich davon gele­ge­nen Land­striche -, die zuvor vom Vatikan aus­ge­sucht und informiert wor­den waren. Die Kirchenge­mein­den soll­ten für die Ankun­ft des VW-Anwerbe­mannes die männlichen Arbeitssuchen­den der Umge­bung zusam­men­trom­meln, die dieser dann für die Pro­duk­tion­san­forderun­gen im Wolfs­burg­er Werk auswählte und namentlich auflis­tete. Da eine direk­te Anwer­bung seit­ens eines Unternehmens aus­drück­lich unter­sagt war, mußten die jun­gen Män­ner anschließend zur deutschen Anwer­bekom­mis­sion nach Verona geschickt wer­den. Von dort ging es, nach der ärztlichen Tauglichkeit­sprü­fung, über die soge­nan­nte “namentliche Anforderung” direkt nach Wolfs­burg. (8) Es han­delte sich um eine “kosten­lose Wer­bekam­pagne” des Vatikans, “alles andere” wäre “zu teuer” gewor­den. “Wir haben für eine Ver­mit­tlung nur 100 DM bezahlt — bei der Deutschen Kom­mis­sion. Das war ein Spott-Geld mit Verpfle­gung, mit Über­nach­tung, mit Bahn-Fahrt, mit allem, was dazu gehört.” Diese in Ital­ien ein­ma­lige Arbeitsver­mit­tlung mit Unter­stützung des Vatikans kön­nte erk­lären, weshalb ein Großun­ternehmen mit hohem Bedarf an aus­ländis­chen Arbeit­skräften es mehr als zehn Jahre lang schaf­fen kon­nte, nur eine bes­timmte Gruppe von Arbeitsmi­granten aus einem einzi­gen Anwer­be­land einzustellen. Eine — aus Unternehmer­sicht der­ar­tige Erspar­nis an Kosten und Arbeit­saufwand ist bei anderen deutschen Anwer­bung­sun­ternehmen nicht zu beobacht­en. In der Regel waren die Unternehmen zur Deck­ung des wach­senden Arbeit­skräftebe­darfs auf die Ver­mit­tlung aus ver­schiede­nen Län­dern des Mit­telmeer­raumes angewiesen.

    http://www.dhm.de/ausstellungen/aufbau_west_ost/katlg21.htm

  5. Schramm:

    Langfristig ver­lieren wir ja vor lauter „uns in die Hosen scheißen“ um einen Absturz des Euro, dass wir ger­adewegs in eine Kli­makatas­tro­phe laufen. Das Tem­po wird sich beschle­u­ni­gen, da die wirtschaftlichen Schwierigkeit­en dazu genutzt wer­den, die Nach­haltigkeit des Wach­s­tums wieder auszubrem­sen. Es ist ja kaum noch The­ma. Die Emis­sion­sz­er­ti­fikate zu reduzieren und über teur­eren Energie­ver­brauch die Wirtschaft in eine andere Rich­tung zu lenken, ist maßge­blich am deutschen Wider­stand gescheit­ert. Das sehe ich mit­tel­fristig als großes Prob­lem.

    HuR­rA-DeUtScH:

    Der zunehmende Ver­fall von Staat­en ist ein ein­deutiges Zeichen, dass die Men­schheit, das Wirtschafts- und Klimaprob­lem nicht in den Griff bekom­men wird. Hier heißt es nur noch „den Let­zten beißen die Hunde“. Somit wird es wieder zu ein­er Art „Kle­in­staaterei“ kom­men mit dem dazuge­hören­den Hof­s­taat (Her­ren­men­schen, Vasallen, Sklaven, Inhaftierte).

  6. Tja, viel kam da nicht. Allerd­ings sei zu beacht­en, daß jedes Indi­vidu­um eine ganz eigene Ansicht über Dinge und Welt entwick­elt, je nach Lebenser­fahrung.

    Im Grunde ist auch die Satire lediglich Ablenkung von freiem Denken und Han­deln; ein Zeitvertreib, in dem andere das Denken und Reden übernehmen.

    Es ändert sich nichts, ob mit oder ohne Satire und Com­e­dy — bis auch jene erfol­gre­ichen Men­schen gemein­sam mit dem Volk die Straßen besiedeln.

    Hilde­brandt ent­täuschte mich per­sön­lich sehr mit dem Bet­teln auf hohem Niveau um seinen Störsender. Die Domains und Web­seit­en soll­ten eigentlich per­sön­lich bezahlt wer­den — zumin­destens nicht öffentlich bet­tel­nd.

    Dieses ist auch nur eine Ansicht und Mei­n­ung.

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