Schloss Schönblick: Wie sehr hat doch das ehrwürdige Amt gelitten und auch der schöne Ausblick fürs Volk ist dabei fast gänzlich flöten gegangen. Jetzt aber, mit Gauck, kehrt endlich wieder ein würdiger Vertreter der „Schein Heiligen“ nach Bellevue zurück, um Amt und Vuvuzela-verseuchte Gegend genesen zu lassen. Das Volk, des letzten nicht selbst erwählten Präsidenten gerade quitt geworden, darf sich jetzt mit dem Nächsten Frömmling im Amt bescheiden, den es ebenso demokratisch auserwählt bekommt wie besagten Vorgänger. Das Amt selbst hingegen gilt als sch(m)erzfrei, selbst wenn unsere Politiker große Gedichte und Gewichte darauf halten. Für die Reduktion desselben, innerhalb der letzten Monate, auf eine reine Grüß-August-Funktion und grundgesetzlich bedingter Gesetzes-Unterschreibmaschine, können sich Politiker und Medien gleichermaßen die Hände schütteln. Was dürfen wir vom neuen Schlossherren erwarten und wie könnte er diese Herkules-Aufgabe der unzähligen jetzt anstehenden Reparaturen von Amtswegen bewältigen.

Ok, nun soll alles besser werden. Nach der letzten, inzwischen im Kloster verschwundenen Fehlbesetzung des Amtes mit einem Schwerst-Katholiker sind jetzt insbesondere die liturgischen Fähigkeiten des Neuen gefragt und die sprechen für eine allgemeine Gesundbetung des Volkes und des Amtes. Weiterer Vorzug: das Volk kann sich künftige Proteste ersparen, denn der Neue ist gewerbsmäßiger Protestant und soll diesen Part vollständig fürs Volk richten, so der einhellige Wunsch seiner fünf Wähler, den Fraktionsführern im Bundestag. Die Menschen sollten nicht befürchten dass man es in diesem Falle abermals mit einer großen Gauck’elei zu tun hätte, selbst wenn der Name es nahelegen könnte, dafür ist und bleibt Wulff das Synonym und der Schuldige. Aus völlig unerfindlichen Gründen sprechen einige Unkundige davon, dass Bellevue zu einer Loge für Theo’s verkommen könnte. Keine Angst Theologen und noch geringwertigere Absteigen gibt es woanders reichlich und der neue präsidiale Messias heißt übrigens Joachim mit Vornamen.

Kommen wir aber zum zentralen Element seiner Inthronisierung. Vermutlich hat er die Gunst des heimischen Geld-Adels auf sich gezogen als er in weiser Voraussicht Kapitalismuskritik als unsäglich albern deklassierte. Was ihn deshalb für seine wenigen Wähler zur einzigen „Alternativlosigkeit“ hochstilisierte, macht ihn für viele die ihn ohnehin nicht wählen können, zum roten Tuch. Auch wenn man versucht den Relativierungen bezüglich seiner einstigen Aussagen zu folgen, die angeblich aus dem Kontext gerissen sein sollen, weil beispielsweise die Besetzung der EZB nach seiner Ansicht eine plan- und sinnlose Aktion ist, kommt nichts weiter als ein schlimmer Verdacht auf. In der Begründung hieß es später, er habe noch kein besseres System als den Kapitalismus erlebt. Auch wenn man ihm bis dahin zweifelsfrei folgen kann, so markiert gerade dies einen unverrückbaren Fixpunkt der ihn für das Amt schlicht disqualifiziert. Denn auch diese Aussage lässt nur darauf schließen, dass er gar nicht weiter denken kann. Damit hat er sich in jedem Falle schon als potenzieller Visionär selbst aus dem Rennen geschossen. Er wird schlicht zum Drehhansel einer abgeleierten Gebetsmühle die keine weiteren Erkenntnisse bringt und auch Lösungen rein durch Glauben und Hoffnung ersetzt.

Genau dieser Punkt ist es auch der die Bürge® erschaudern lässt. Hatten seine Vorgänger noch zaghafte Kritik an der jetzt praktizierten Form des Kapitalismus geübt und drohten möglicherweise unter der Hand bei einigen Gesetzen nicht als Unterschriftsmaschine funktionieren zu wollen, so dürfte mit Gauck sichergestellt sein, dass es bezüglich ESM, Rettungsschirm und alles was Banken rettet, keinerlei Bremsen in Bellevue geben wird. Offenbar fehlen ihm für tiefergehende Erkenntnisse zum Kapitalismus Jahrzehnte des Studiums desselben, woher also soll er die Schattenseiten kennen? Eher wird er Gesetze blockieren die aus seiner Sicht den Hartz IV Beziehern einen Euro zuviel zubilligen könnten, denn auch hier hat er sich zur „Hängemattenmentalität“ deutlich positioniert. Könnten wir uns also jetzt einen würdigeren Prediger des Mammon in den geheiligten Hallen von Bellevue vorstellen, einer der uns salbungsvoll vom kleinen bis zum großen Schein alles durch die Bank heiligt, einfach weil er in seinem Leben noch nichts besseres erlebt hat? Nun gut, dies kann ihm letztlich völlig egal sein, denn mit Aufsagen des Amtseides ist auch seine kleine Zusatzrente von 199.000 Euro pro Jahr gesichert … was nun wirklich das Beste ist was ihm in diesem Leben und diesem Lande noch passieren konnte. Und so behält er am Ende auf tragische Weise und auf Kosten der Steuerzahler Recht mit seiner Aussage. Für ihn und aus seiner neuen Position heraus verbietet sich damit tatsächlich jegliche Kapitalismuskritik als wirklich „unsäglich albern“ … was für eine Posse und wir wissen endlich was es wirklich mit dem Heiligenschein auf sich hat. Fühlt sich jetzt möglicherweise jemand ver-Gauck-elt?
Bildnachweis: • Quelle: Wikimedia • Foto von Gauck: Michael Lucan / Pixeldost • CC-BY-3.0 unportet, bearbeitet, verändert, ergänzt durch qpress und Gebetsmühle von Klaus Petreit

Gauck’ler bringt Heiligen Schein nach Bellevue zurück
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